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Fussball und Doping


"Fussballer der WM in Brasilien werden kontrolliert"




Im Schweizer Labor für Doping-Analysen von Direktor Martial Saugy (im Bild), arbeiten über 25 Personen. (Keystone)

Im Schweizer Labor für Doping-Analysen von Direktor Martial Saugy (im Bild), arbeiten über 25 Personen.

(Keystone)

Seit dem 3. März laufen bereits die Doping-Kontrollen bei Fussballern, die an der Weltmeisterschaft in Brasilien teilnehmen. Im Auftrag der FIFA werden die Urin- und Blutproben im Schweizer Labor für Doping-Analysen (LAD) im Auftrag der Anti-Doping-Weltagentur analysiert. swissinfo.ch hat LAD-Direktor Martial Saugy zum Interview getroffen.

Das Schweizer Labor für Doping-Analysen (LAD) ist das einzige seiner Art in der Schweiz. Es hat seinen Sitz in einem schmucklosen Gebäude in Epalinges, einer Vorortsgemeinde von Lausanne mit 8000 Einwohnern im Kanton Waadt.

Das Labor LAD ist vom internationalen Fussballverband (FIFA) und von der Anti-Doping-Weltagentur (WADA) ausgewählt worden, alle Dopingproben der Fussball-WM in Brasilien zu analysieren. Dieser Entscheid erfolgte, nachdem im August 2013 dem Labor Ladatec in Rio de Janeiro die Akkreditierung durch die Weltagentur WADA entzogen worden war, weil sie die international gesetzten Standards nicht erfüllte.

Martial Saugy ist Direktor des Labors LAD. Und der Biochemiker stellt sofort klar: "Alle 736 Spieler, die an der Gruppenspielen der ersten Runde der WM teilnehmen, werden grösstenteils noch vor Beginn des Turniers einem Doping-Test unterzogen."

swissinfo.ch: Das Labor LAC arbeitet seit 1998 mit der FIFA zusammen. Stimmt es, dass Doping im Fussball keine so grosse Rolle spielt?

Martial Saugy: Es gibt sicherlich Sportarten, die mehr mit Doping zu kämpfen haben, weil die physische Leistung absolut ausschlaggebend ist. Denken wir beispielsweise ans Radfahren oder an die Leichtathletik.

Ganz generell lässt sich sagen, dass das Doping-Risiko in Individualsportarten höher ist als in Mannschaftssportarten. Angesichts des Informationsflusses ist es schwierig, dass eine ganze Mannschaft gedopt wird. Aber ein einzelner Fussballer kann sich schon dopen.

Abgesehen von dieser Vorbemerkung kann ich feststellen, dass die FIFA das Doping-Problem sehr ernst nimmt. Die nationalen Fussballvereinigungen, aber auch die europäische Vereinigung wie die UEFA haben immer sehr viele Kontrollen durchgeführt. Der Fussball nimmt in den Statistiken der Anti-Doping-Weltagentur in Bezug auf die Anzahl der Proben sogar den Spitzenplatz ein.

Die FIFA passt momentan ihre Strategie an. Sie möchte Langzeitkontrollen durchführen, auch den so genannten biologischen Pass einführen und Dopingproben ausserhalb der eigentlichen Wettkampf-Phase durchführen.

Fussballer am häufigsten kontrolliert

Im Jahr 2012 haben mehr als 30 von der Anti-Doping-Weltagentur akkreditierte Laboratorien 267‘645  Dopingproben analysiert (+10 Prozent gegenüber dem Vorjahr).

In 4723 Proben wurden atypische Werte oder gar verbotene Substanzen festgestellt (was noch nicht unbedingt eine Verletzung der Anti-Doping-Normen bedeutet).

In den meisten Fällen (2279 Proben) ginge es um Anabolika.

Mit 28‘008 Proben steht der Fussball an erster Stelle, gefolgt von der Leichtathletik (27‘836) und dem Radsport (20‘624).

Im Fussball wurden in 315 Fällen atypische Werte oder verbotene Substanzen festgestellt. In der Leichtathletik waren es 451 Fälle, im Radsport 502.

(Quelle: Anti-Doping-Weltagentur WADA)

swissinfo.ch: Im Fussball sind sehr wenig Dopingfälle bekannt geworden. Liegt das daran, dass die Kontrollen zu lasch sind?

M.S.: Es gibt, wie gesagt, eine aktuelle Entwicklung in diesen Fragen. Sicherlich hätte man früher mehr tun und früher eine intelligentere Strategie ausarbeiten können. Doch insbesondere seit der Fussball-WM in Südafrika hat die FIFA gegenüber den nationalen Fussballverbänden ihren Willen unterstrichen, die Kontrollen auf die Zeit der Trainingsphase auszuweiten.

Andererseits haben meiner Meinung nach diejenigen nicht ganz Unrecht, die meinen, dass die Stichprobenkontrolle bisher schon ganz gut funktioniert hat, auch wenn Spieler nur während eines Spieles oder direkt danach kontrolliert wurden. Das Risiko für die Spieler, unerlaubte Substanzen einzunehmen, war gleichwohl sehr hoch. Die Kontrollen – und ich spreche hier von Europa, das ich gut kenne – sind sehr seriös.

swissinfo.ch: Das von Ihnen geleitete Labor war schon mit der Analyse der Dopingproben beim FIFA-Konföderationen-Pokal im Juli 2013 beauftragt. Gab es einen Doping-Fall?

M.S.: Keinen einzigen. Dabei gab es schon Kontrollen vor dem Turnier. Die Spieler wissen, dass sie an einem grossen Sportevent teilnehmen, bei dem  das Risiko der Kontrolle besteht. Und sie wissen vor allem, dass ein positiver Test einen grossen Skandal auslösen würde.

Ich habe den Eindruck, dass bei den Spielern das Bewusstsein gewachsen ist, anlässlich eines ganz wichtigen Turniers nicht mit dem Feuer zu spielen. Die Kontrollen und die Drohungen entfalten eine abschreckende Wirkung. Das ist vielleicht nicht schön zu sagen, aber es ist die Wahrheit.

swissinfo.ch: Bei der ersten Gruppenphase der WM werden 736 Spieler im Einsatz sein – 32 Mannschaften mit je 23 Spielern. Werden diese alle kontrolliert werden?

M.S.: Es werden sogar noch mehr als 736 Spieler sein, denn in einigen Fällen weisen die Länder-Vorauswahlen mehr als 23 Spieler auf. Einige dieser Kontrollen werden in Europa durchgeführt, bevor die Spieler nach Brasilien reisen. In diesem Fall wird die FIFA mit den für die Kontrolle verantwortlichen UEFA-Experten zusammenarbeiten. Es handelt sich ausschliesslich um Ärzte.

Auch die FIFA verfügt über Spezialisten für Dopingkontrollen. Diese Experten werden die Kontrollen in Brasilien durchführen und ihr gesamtes Material zu uns schicken. Wir werden dann die Analysen durchführen.

swissinfo.ch: Dafür braucht es wohl eine ausgeklügelte Logistik…

M.S.: Für uns ist es Routinearbeit. Wenn das Laboratorium Ladatec von Rio de Janeiro die Akkreditierung nicht verloren hätte, hätten wir mit ihm zusammengearbeitet. Nun ist es ein wenig komplizierter, weil alle Proben nach Lausanne geschickt werden müssen.

Aus politischen Gründen wäre es wohl schwierig gewesen, die Proben in andere Labors in Südamerika zu schicken, etwa nach Kolumbien, Kuba oder Mexiko. So hat sich die FIFA für uns entschieden, zumal wir schon seit geraumer Zeit zusammenarbeiten. Es bedeutet letztlich einen Zeitverlust von 12 Stunden, weil das Material auf dem Luftweg nach Lausanne geschickt werden muss.

swissinfo.ch: Auf welche Substanzen werden Sie bei den Analysen während der Fussballweltmeisterschaft besonderes Augenmerk legen?

M.S.: Wir suchen nach allem, was im Einklang mit dem Auftrag der FIFA steht. Unter den Sportlern, die sich dopen, sind Steroide besonders verbreitet. Im Fussball findet man diese aber eher selten. Dann gibt es Wachstumshormone, EPO  und Aufbaumittel wie Amphetamine.

Wichtig ist vor allem die Suche nach Produkten, von denen wir wissen, dass sie während eines ganzen Turniers Wirkung entfalten können, das heisst insbesondere Steroiden wie Testosteron. Dieses Mittel erlaubt es besonders gut, die Physis wiederaufzubauen, vor allem während eines Turniers, das fast fünf Wochen dauert.

swissinfo.ch: Nehmen wir an, ein berühmter Spieler würde in den Fängen der Doping-Kontrolle hängen bleiben. Könnte es sein, dass von Seiten der FIFA, eines Landesverbandes oder Vereins Druck ausgeübt würde, damit der Fall nicht an die Öffentlichkeit gelangt?

M.S.: Alle Proben, die wir erhalten, haben eine Nummer und keinen Namen. Daher ist die Anonymität vollständig gewährleistet. Das ist eine eiserne Regel. Wenn wir einen positiven Dopingtest haben, teilen wir dies nicht nur der FIFA mit, sondern auch der WADA. Wenn wir es nicht der WADA melden würden, könnten wir unsere Akkreditierung verlieren und von den Analysen der Proben ausgeschlossen werden. Durch dieses Vorgehen werden jegliche Druckversuche auf unser Labor ausgeschlossen.

Andererseits kann unser Labor nicht die Augen schliessen und so tun, als ob alle Proben negativ seien. Die WADA kann zu jedem Zeitpunkt positive Proben zur Analyse schicken, um zu prüfen, ob unser Labor auch zuverlässig arbeitet. Anders gesagt: Auch unser Labor wird überwacht, um Interessenkonflikte zu vermeiden.

swissinfo.ch: Nehmen wir nochmals an, ein Spieler würde positiv getestet. Wer trägt die Verantwortung dafür? Einzig der Athlet oder auch der betreuende Arzt?

M.S.: Zuerst ist der Spieler verantwortlich. Er hat aber Anrecht auf eine B-Probe. Sollte der positive Test bestätigt werden, wird der Spieler disqualifiziert und dann von der FIFA sanktioniert.  Im Rahmen der Untersuchungen räumt die FIFA dem Spieler das Recht zu einer Stellungnahme ein. Sollte sich herausstellen, dass ihm die Substanz vom Arzt verabreicht wurde, können die FIFA und die Anti-Doping-Weltagentur Massnahmen gegen den Arzt einleiten.

Zuerst wird jedoch immer der Sportler sanktioniert, der aber Rekurs bei einem Schiedsgericht einreichen kann. Sollte die Verantwortung eines behandelnden Arztes nachgewiesen werden, kann auch dieser bestraft werden. Dieses Vorgehen entspricht dem weltweiten Verhaltenskodex Anti-Doping, der auch von der FIFA angewandt wird.

swissinfo.ch: Erstmals werden die Daten der Spieler auch genutzt, um einen so genannten biologischen Pass zu erstellen. Was bringt dieses Instrument?

M.S.: Vor der Weltmeisterschaft wird von allen Spielern eine Blut- und eine Urinprobe genommen. Wir sammeln alles Material, das nötig ist, um ein Gerüst an Basisdaten über einen Spieler zu erstellen. Der biologische Pass beschränkt sich nicht auf Daten wie die Zahl der roten Blutkörperchen oder den Hämatokrit-Wert, sondern beinhaltet auch weitere Informationen, die dem Urin entnommen werden können, um eine Art von digital-biologischem Fingerabdruck eines jeden Spielers zu eruieren. Wenn sich einige Parameter stark verändern sollten, könnte dann ein möglicher Dopingfall vorliegen.

Es ist das erste Mal, dass das Prinzip des biologischen Passes so systematisch im Fussballsport zur Anwendung kommt. Wir sind aber gewohnt, damit umzugehen, weil der biologische Pass im Radsport und in der Leichtathletik längst zum Alltag gehört. 

swissinfo.ch: Hinkt der Fussball also anderen Sportarten bei der Dopingkontroller hinterher?

M.S.: Natürlich. Wir wissen, dass es in der Leichtathletik und vor allem im Radsport grosse Doping-Probleme gab und gibt. Das betrifft insbesondere EPO. Der beste Ansatz, um dieses Problem anzugehen, war das Erstellen eines biologischen Passes. Im Fussball ist das Doping-Risiko nicht gleich Null, aber es ist geringer als in den anderer Sportarten.

Es ist auch eine Frage der Dimension. Im Radsport gibt es rund 800 Profis. Im Fussball kommen wir allein bei der WM schon auf diese Zahl.  Um im Fussball flächendeckend den biologischen Pass wie beim Radsport oder in der Leichtathletik einzuführen, bräuchte es eine gigantische Organisationsmaschinerie. Ich erinnere daran, dass auch andere Sportarten wie Eishockey oder Tennis den biologischen Pass nicht kennen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass meiner Meinung nach die Anti-Doping-Politik im Fussball in Anbetracht der Dimensionen und Risiken dieses Sports adäquat ist.


(Übersetzung: Gerhard Lob), swissinfo.ch



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