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Gegen den radikalen Islamismus


"Alle Imame müssen in der Schweiz ausgebildet werden"




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Die Muslime in der Schweiz sollten keine Parallelgesellschaft bilden, sagt Mustafa Memeti.  (Der Bund)

Die Muslime in der Schweiz sollten keine Parallelgesellschaft bilden, sagt Mustafa Memeti. 

(Der Bund)

Die muslimischen Prediger in der Schweiz ausbilden und eine staatliche Kontrolle der Moscheen im Land durchführen. Das ist das Mittel gegen Radikalisierung, das der Berner Imam Mustafa Memeti fordert. Ein Interview mit einem Mann, der mit dem religiösen Fundamentalismus seit mehreren Jahren auf Kriegsfuss steht.

Die Stimme Mustafa Memetis ist immer noch von den Emotionen gezeichnet, aber seine Äusserungen macht er mit unerschütterlicher Überzeugung. "Ich befürchte, dass sich das Misstrauensklima und die Angst in nächster Zeit weiter verbreiten werden", sagt der Berner Imam mit serbischen Wurzeln, eine Woche nach den Attentaten in Paris.

Memeti wurde kürzlich von der Sonntagszeitung wegen seines "Kampfes für ein friedliches Zusammenleben" der Gemeinschaften  zum "Schweizer des Jahres" gewählt. Er tritt für einen moderaten Islam ein, der sich ohne Konzessionen an die westlichen Werte anpasst.

swissinfo.ch: Sie haben nach den mörderischen Anschlägen in Paris in den Schweizer Medien vehement reagiert. War das für Sie als Muslim wichtig?

Mustafa Memeti: Die Reaktion war unverzichtbar. Das waren barbarische, unmenschliche Taten. Hätte man demgegenüber zögern und die Arme verschränken sollen? Die Muslime müssen sich an vorderster Front empören und dagegen auflehnen. Diese Taten widersprechen sämtlichen Prinzipien, Normen und Regeln unseres Glaubens. Anstatt den Fundamentalismus zu denunzieren, bleiben viele Muslime immer noch still oder verstecken ihre tatsächliche Meinung hinter schönen Worten. Damit muss man aufhören.

swissinfo.ch: Welche Rolle können Imame einnehmen gegenüber den jungen Leuten, die sich vom religiösen Fundamentalismus vereinnahmen lassen?

M.M.: Die Imame spielen eine zentrale Rolle in der Gemeinschaft und bei der Integration der Gläubigen in die Gesellschaft. Deren Stimme muss viel aktueller, progressiver und objektiver werden. Sie können sich nicht damit begnügen zu sagen, dass die Muslime nichts mit den Attentaten zu tun hätten.

Jugendliche mit Schwierigkeiten sind am anfälligsten gegenüber den rückständigen Ideologien. Es ist an uns, positiven Einfluss auf sie zu nehmen, die im Internet und in den sozialen Netzwerken sehr präsente jihadistische Sichtweise ins Leere laufen zu lassen.

Es ist sehr wichtig, dies zu unterstreichen: Wir Muslime, die nach Westeuropa migrierten, waren doch vor allem auch gekommen, um ein besseres Leben zu finden. Wir wollen Frieden, bessere Perspektiven, Möglichkeiten im sozialen und beruflichen Leben. Das sind unsere Prioritäten. Der Imam muss sie weitergeben und in den Vordergrund stellen.   

swissinfo.ch:  Lässt sich dies durch eine Ausbildung der Imame in der Schweiz umsetzen?

M.M.: Unbedingt. Wir dürfen nicht mehr akzeptieren, dass Imame im Ausland ausgebildet und in die Schweiz importiert werden. Alle Imame müssen in der Schweiz ausgebildet werden. Das sollte sich auf dem akademischen Weg abspielen, wie beim Christentum. Dort wären sie mit einer Ausbildung konfrontiert, die auf der Vernunft basiert. Das ist in der heutigen Welt entscheidend.

Es ist unumgänglich, dass die Imame ihre Religion und ihren Glauben im Einvernehmen mit den Werten der Schweiz ausüben, nämlich der Demokratie, der Freiheit und des Rechtsstaates. Diese Werte müssen immer Priorität haben, und zwar ausnahmslos.

Ich habe selber in der Arbeitsgruppe teilgenommen, welche die Gründung eines schweizerischen Zentrums für Islam an der Universität Freiburg (Vgl. rechte Spalte) anstrebt, was einer Premiere in unserem Land gleichkäme.

Umstrittenes Islam-Zentrum

Islam als Universitätsfach ruft Widerstände hervor. Im September 2014 waren mehr als die Hälfte der Freiburger Kantonsparlamentarier skeptisch gegenüber einer Gründung eines Schweizer Zentrums für Islam und Gesellschaft innerhalb der theologischen Fakultät der Universität. Bei der Abstimmung fehlten aber 4 Stimmen für ein qualifiziertes Mehr zur Blockierung des Projekts.

Bis Ende Januar 2015 will die Sektion Freiburg der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) über die Lancierung einer Volksinitiative gegen das Zentrum entscheiden.

Das Zentrum soll Imame Kenntnisse zu Schweizer Politik, Recht und Geschichte vermitteln. "Es ist ganz normal, dass ein solcher Prozess Misstrauen schafft", sagt Hansjörg Schmid, der Leiter des Zentrums, gegenüber swissinfo.ch. "Eine klare und eindeutige Kommunikation ist besonders wichtig, um Vermischungen zu vermeiden."

Ursprünglich war geplant, das Zentrum Ende 2014 zu eröffnen. "Es braucht Zeit, ein Studienprogramm aufzubauen", sagt Schmid. "Doch wir haben am ursprünglichen Projekt nichts geändert. Wir sind überzeugt, dass eine Integration des Islams in die Universität in einem interdisziplinären und kritischen Rahmen ein Vorteil für die Schweiz ist."

swissinfo.ch

swissinfo.ch: Aber in der Bevölkerung gibt es Ängste, dass die "Hassprediger" dadurch Zugang zu den Schweizer Universitäten hätten. Das Freiburger Projekt wird gegenwärtig durch eine mögliche Volksabstimmung in Frage gestellt…

M.M.: Wir verstehen, dass sich in einem demokratischen Land in der Bevölkerung und in der Politik Gegner bilden können. Aber wir fragen sie: 'Wenn Sie nicht einverstanden sind, welche Alternativen schlagen Sie vor? Wo sollten die Imame denn ausgebildet werden? Die Muslime sind eine Realität: Der Islam ist hinter dem Christentum die zweitgrösste Religionsgemeinschaft im Land. Wir wollen keine Konfrontation der Religionen, sondern eine gemeinsame Zukunft aufbauen.

swissinfo.ch: Ihre liberale Sicht wird nicht von allen Imamen in der Schweiz geteilt.   

M.M.: Das ist sehr schwierig abzuschätzen. Genau darin besteht das Problem. Die verschiedenen muslimischen Gemeinschaften in der Schweiz sind schlecht organisiert und sprechen nicht mit einer Stimme. Eine Handvoll Leute können beschliessen, einen Verein zu gründen, eine Moschee zu eröffnen und einen Imam kommen zu lassen. Jeder kann seine Botschaft im Namen des Islams verbreiten. Dieser Mangel an Kontrolle ist eine Gefahr für unsere Demokratie und Freiheit.

In Zukunft sollte kein Imam ohne behördliche Bewilligung predigen dürfen. Verstehen Sie mich richtig: In der Schweiz ist die Religionsfreiheit garantiert, und der Staat kann nicht bestimmen, was jemand glauben soll. Aber für die Sicherheit und Stabilität des Landes haben die Behörden das Recht, sich in die Organisation der religiösen Gemeinschaften einzumischen, die sich auf ihrem Boden befinden. Wir Muslime brauchen dafür die Hilfe der Schweizer.

swissinfo.ch: Dafür braucht es einen langen Atem, nicht wahr?   

M.M.: In der Tat. Die Muslime haben ihre Wurzeln in sehr verschiedenen Ländern und Kontinenten, ganz zu schweigen von den europäischen Konvertiten. Sie haben nicht unbedingt die gleiche Philosophie und Vision vom Islam. Deshalb ist eine hohe Instanz des Islams in der Schweiz nötiger denn je.

swissinfo.ch: Das würde eine offizielle Anerkennung und eine staatliche Finanzierung des Islams bedingen?   

M.M.: Nicht unbedingt. Das wäre vielleicht die zweite oder dritte Etappe. Aber in einer ersten Etappe ginge es nur darum, besser zu wissen, was in den Moscheen geschieht, wer diese verwaltet, welcher Imam dort welchen Islam predigt, usw.

Man muss im öffentlichen Raum auch die moderaten Stimmen des Islams fördern, die für das Zusammenleben eintreten und nicht mit Provokationen operieren. Der Einfluss des Islamischen Zentralrats Schweiz von Nicolas Blancho [eine Organisation, die aus der salafistischen Bewegung entstanden und viel Polemik ausgelöst hat] hat in letzter Zeit zum Glück abgenommen, und wir sind froh darüber.

"Ein besseres Verständnis für die Praxis"

Jelassi Radouan, der Imam von Lugano, gilt als einer der bestausgebildetsten muslimischen Prediger in Europa. Er ist Jurist, Theologe und Kommunikationswissenschaftler. Ein Auszug aus dem Gespräch mit swissinfo.ch:

"Der Kontakt mit einer universitären Institution erlaubt mir ein besseres Verständnis für meine Arbeit in der Praxis. Imame haben in der Regel eine gute religiöse Ausbildung in ihrem Heimatland erhalten, aber sie müssten diese mit Modulen über den Islam und über den Dialog mit der Gesellschaft erweitern.

Die Ausbildung der Imame kommt nicht nur der muslimischen Gemeinschaft zugute, sondern der ganzen Gesellschaft. Der Imam ist eine wichtige Figur, er spielt eine zentrale Rolle punkto Integration der Muslime. Wir leisten enorm viel Arbeit, um zu verhindern, dass die Jungen vom richtigen Weg abkommen, aber diese Arbeit ist weder sichtbar, noch wird sie genügend anerkannt. Die Gemeinden und die Integrationsdelegierten sollten enger mit den Imamen und den muslimischen Institutionen zusammenarbeiten."

swissinfo.ch


(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch

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