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Auswandern ist für viele die einzige Möglichkeit




Trotz guter Ausbildung: Viele Emigranten aus Portugal und Spanien müssen sich als Tellerwäscher oder Reinigungskraft verdingen. (Keystone)

Trotz guter Ausbildung: Viele Emigranten aus Portugal und Spanien müssen sich als Tellerwäscher oder Reinigungskraft verdingen.

(Keystone)

Die Krise veranlasst viele Spanier und Portugiesen, ihr Land zu verlassen. Doch der Traum vom schöneren Leben kann zum Alptraum werden, wie die Erzählungen von Emigranten zeigen. Viele haben keine Arbeit gefunden und nicht einmal ein Dach über dem Kopf.

 "Ich brauchte einige Zeit, um mich zu entscheiden. Doch dann ging alles ganz schnell. Von einem Tag auf den anderen sagte ich mir, jetzt reicht es. Ich setzte mich ins Auto und fuhr in die Schweiz. Gemeinsam mit meinem Partner fuhren wir direkt nach Zermatt. Wir hatten keinen Arbeitsvertrag, keine Übernachtungsmöglichkeit. Aber wir dachten, wir fänden in einem Hotel Arbeit. Das war ein wenig naiv…"

"Arbeit gab es nämlich keine. Und die günstigste Unterkunft kostete 60 Franken pro Nacht. Das ist für uns Spanier fast unerschwinglich. Als ich am Tag nach unserer Ankunft in ein Fast-Food-Restaurant ging, weinte ich angesichts der hohen Preise. Zwei Wochen haben wir durchgehalten, bevor wir  zu einer Freundin nach Bern gingen. Und hier sind wir geblieben."

Die 39-jährige Spanierin, nennen wir sie Angela*, hat eine Tochter, welche die Universität besucht, und ein wenig Geld auf der Bank.  Eine strahlende Frau, die in jeder Erfahrung das Positive sucht. In einem Kaffeehaus von Bern erzählt sie ihre Geschichte: "Es gibt viele Leute, die aus Verzweiflung emigrieren, weil ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Das war bei mir nicht der Fall. Ich hatte auch eine Arbeit, nicht sehr gut bezahlt, aber immerhin ein sicherer Job."

Warum wollte sie dann ihr Land verlassen? "In Spanien konnte ich mir einfach keine Zukunft mehr vorstellen", sagt Angela. Die soziale und wirtschaftliche Krise breite sich wie ein Krebsgeschwür in der Gesellschaft aus. Ich wollte in ein Land ziehen mit einer echten Demokratie und würdigen Arbeitsbedingungen. Egal um welchen Preis. Jetzt arbeite ich als Kellnerin in einem spanischen Restaurant."

11‘000 Portugiesen eingewandert

Angela ist kein Einzelfall. Menschen aus Südeuropa suchen ihr Glück zu Tausenden im Ausland.  Einige sind Richtung Norden, nach Deutschland, England und Holland emigriert, andere entschieden sich für Lateinamerika oder für die ehemaligen portugiesischen Kolonien in Afrika.

Auch die Schweiz ist ein bevorzugtes Ziel  der Emigration geworden.  Ende 2011 lebten 224‘171 Portugiesen in der Schweiz, 11'000 mehr als ein Jahr zuvor. Die Gemeinschaft der Spanier stieg auf 66'011 an (plus 1848).

José Raimundo Insua, Sekretär des Rats der Spanier in Basel-Bern (CRE), teilt die neuen Einwanderer aus seinem Land in drei Kategorien:  

"Junge Leute mit einer sehr guten Ausbildung; Personen, die schon mal in der Schweiz waren oder hier über Kontakte verfügen; und solche, die einfach blind in die Schweiz kommen und  vollkommen stereotype Vorstellungen von diesem Land haben."

In prekären Verhältnissen

Die Statistiken zeigen nur eine Seite der Wirklichkeit. "Es kommen Leute ohne einen Arbeitsvertrag in die Schweiz. Daher melden sie sich auch nicht bei den Behörden an. Sie bleiben als Touristen für die ersten drei Monate, schlafen häufig bei Freunden, in Notunterkünften oder sogar in ihrem Auto.

Die Situation ist wirklich dramatisch", sagt Antonio Da Cunha, Präsident des Dachverbands der Portugiesen-Vereinigungen in der Schweiz und Professor für Geographie an der Universität Lausanne.

Dies trifft auch für Laura* und Alexander* zu, die in Portugal  aufgewachsen sind. "Letztes Jahr ist unsere Fabrik, in der wir arbeiteten, Konkurs gegangen. Wir hatten kein Einkommen mehr, aber eine Hypothek zu bezahlen. Viele Freunde erzählten uns von der Schweiz, wo es leicht sei, Arbeit zu finden  und viele unserer Landsleute lebten. Man müsse sich nur anpassen", erzählen sie.

Innert weniger Tage haben die beiden ihre Sachen gepackt und sind mit dem Auto in die Schweiz gefahren. "Freitagabends kamen wir in Bern an. Es war im Juli und es war warm. Wir wussten nicht, wo wir schlafen konnten und blieben daher nachts im Auto. Erst nach drei Tagen fanden wir Unterschlupf bei Bekannten", erzählt Laura.

Während einige Firmen sogar Unterkünfte für Saisonarbeiter anbieten, kann die Situation für Leute ohne Bezugspunkt äusserst problematisch werden. "Wir mussten auch schon Personen in Notschlafstellen der Stadt schicken. Doch dort gibt es nur wenige Plätze, und normalerweise sind diese für Randständige vorgesehen, nicht für Emigranten aus Europa", sagt Sonia Lopez, Sozialarbeiterin bei der spanischen Mission in Bern.

"Auswandern ist ein wenig wie sterben"

Nach dem Wirtschaftsboom Anfang dieses Jahrhunderts sind Spanien und Portugal in eine tiefe Krise gerutscht. Die Arbeitslosenraten sind in die Höhe geschnellt und erreichen 22,9 beziehungsweise 14 Prozent. In Spanien ist jeder zweite Jugendliche ohne Arbeit. Und erstmals seit 1990 hat die Zahl der Auswanderer jene der Einwanderer/Rückkehrer überstiegen.

In Portugal ist die Situation nicht besser. Der Mindestlohn beträgt 500 Franken, aber es ist angesichts der explodierenden Preise praktisch unmöglich, von diesem Salär zu leben. Die Emigration stellt häufig die einzige Alternative dar.

"Mit meinen Freunden sprechen wir nur über diese Themen: Krise, Arbeitslosigkeit, Vetternwirtschaft, Enttäuschung…", erzählt Giovanna*. "Alle wollen weg gehen, weil Spanien den jungen Menschen keine Zukunft mehr bietet."

Giovanna ist 25 Jahre alt, Erzieherin, und nur zu Besuch in der Schweiz. Wir treffen sie im Zentrum Asturian in Bern. "Mein Freund lebt schon sieben Jahre hier. Ich bin gekommen, um ihn zu besuchen, aber auch um Arbeit in einem Kindergarten zu suchen. Seit einiger Zeit denke ich darüber nach, mein Land zu verlassen, aber ohne Deutschkenntnisse ist es schwierig."

Giovanna weiss, wovon sie spricht. Vor einigen Jahren war sie in die Schweiz gekommen und hatte in einer Reinigungsfirma gearbeitet. "Ich machte dies aus Verzweiflung und aus Liebe. Aber es war nicht einfach. Am Abend war ich kaputt und traurig. Ich hatte das Gefühl, meine Eltern zu enttäuschen, die ein Leben lang gespart haben, um mir eine Ausbildung finanzieren zu können. Daher kehrte ich nach Spanien zurück, um meine Zukunft in die Hand zu nehmen. Und dies tue ich nun."

"Zu emigrieren ist ein wenig wie zu sterben", sagt die junge Frau . Aber wenn das eigene Land keine Perspektive mehr biete, müsse man diese Möglichkeit eben in Betracht ziehen.  

*richtiger Namen der Redaktion bekannt    

Junge Arbeitslose

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schlug  Ende Oktober 2011 Alarm,  "weil eine ganze Generation von jungen Menschen in entwickelten Ländern ein Trauma erlebt, als gefährliche Kombination aus Arbeitslosigkeit, Nichtstun und prekären Lebensverhältnissen".

Im letzten Bericht wird ein weltweiter Rückgang der Jugendarbeitslosigkeit (15-24 Jahre) gemeldet: von 75,8 Millionen im Jahr 2009 auf 75,1 Millionen im Jahr 2010 (-12,7 Prozent).

Für 2012 wird ein erneuter Rückgang von 12,6 % auf 74,6 Millionen vorausgesagt.

Gemäss ILO spiegeln dieses Zahlen aber nicht die Wahrheit.

Millionen von Jugendlichen, insbesondere in europäischen Ländern, hätten sich de facto aus dem Arbeitsmarkt zurückgezogen oder befänden sich in temporären Kurzausbildungen.

Innerhalb Europas ist Spanien von der Jugendarbeitslosigkeit am stärksten betroffen (2010: 41,6 %), gefolgt von Griechenland (32,9%), Italien (27,8%), Grossbritannien (19,1%) und Deutschland (9,7%).

In der Schweiz sind gemäss ILO nur 7,2%  der Jungen ohne Arbeit.

Zuwanderung gestiegen

Gemäss dem neusten "Monitor Zuwanderung" des Bundesamts für Migration lebten Ende 2011 insgesamt 1'772'279 Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz. Die Mehrheit kommt aus EU-EFTA-Staaten.

Insgesamt sind 142‘471 Personen eingewandert (2010: 134‘171), während  64‘038 die Schweiz verliessen (2010: 65‘523).

Die Mehrheit der Einwanderer kommt aus Deutschland (+12‘601), gefolgt von Portugiesen (11‘018), Kosovaren (8923), Franzosen (4370) und Eritreern (2575).

Die Abwanderung geht insbesondere auf Personen aus Serbien (-10‘386), Bosnien-Herzegowina (-1011), Sri Lanka (-941) und die Türkei (-452) zurück.


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch



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