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Das erfolgreiche Familienunternehmen in Boston


Die Familie Stohr in ihrem Laden. ()

Die Familie Stohr in ihrem Laden.

Am Anfang stand der Wunsch der Kinder der Familie Stohr nach Brot mit Kruste. Helene Stohr fing an, zu Hause zu backen – heute betreibt die Familie bei Boston einen erfolgreichen Bäckerei- und Cateringbetrieb und setzt dabei ganz auf das Label "Swiss".

"Wir leben sehr gerne hier, sind aber im Herzen Schweizer und das gilt auch für unser Angebot", erklären Helene und Thomas Stohr im Gespräch mit swissinfo.ch in ihrem Laden in einem alten Depot am Bahnhof von Reading.

Die kleine Backstube befindet sich im Keller. Im Geschäft herrscht ein reges Kommen und Gehen, viele Käufer scheinen Stammkunden zu sein, das Gestell hinter der Verkaufstheke leert sich zusehends.

Thomas, ein gelernter Bäcker, und Helene waren vor dem Abenteuer mit Schweizer Backwaren beide im internationalen Gastro- und Hotelgewerbe tätig. Er zuletzt für Mövenpick in Kanada sowie für den Gastromulti Landry's, während Helene nach der Geburt der Söhne Tobias (1991) und Nicolas (1993) eine berufliche Auszeit nahm.

Ihre beruflichen Erfahrungen und Kontakte kamen ihnen beim Aufbau ihres Bäckereibetriebs zu gute. "Das Geschäftsleben in den USA ist unglaublich schnell, man musst hart sein, dran bleiben." Vieles laufe anders als in Europa.

Die Herausforderung sei, herauszufinden, was funktioniert. "Und wenn man es richtig macht, kommt irgendwann auch Geld herein." Nachdem Stohrs ihre Produkte zunächst auf Märkten, an Veranstaltungen, übers Internet und schliesslich in einer nationalen Supermarktkette unter die Leute gebracht hatten, betreiben sie seit einem Jahr auch einen eigenen Laden.

Rot-weisse Kachelwand

Die Wände hinter der Verkaufstheke sind rot-weiss gekachelt. "Das war schon so, als wir das Lokal zum ersten Mal besichtigt haben, der Laden war wie geschaffen für uns", lacht Helene Stohr. Dazu kam die gute Lage direkt am Pendlerbahnhof von Reading.

Ein riesiges Foto von Eiger, Mönch und Jungfrau ziert die Wand gegenüber der Theke. In einer Ecke steht ein Tisch mit drei, vier Stühlen, an dem man auch einen kurzen Halt einlegen und einen Kaffee trinken – oder mittags eine Suppe löffeln oder ein Sandwich verdrücken kann.

Bei der Produktepalette, zu der Brote, Butterzopf, Laugenbrötchen sowie Süssigkeiten wie Berliner und Leckerli gehören, verzichten die "Swissbäkers" bewusst auf eine Vermischung mit amerikanischen Backwaren wie Doughnuts oder Cupcakes.

Botschafter eines Lebensstils

Stohrs verstehen sich als Botschafter für die Schweiz: "Wir verkaufen einen Schweizer Lebensstil, sind wirklich schweizerisch mit unseren Produkten." Eine ihrer Werbebotschaften lautet denn auch: "Besuchen sie die Schweiz, ohne Massachusetts zu verlassen."

In die Region Boston gekommen war die Familie Stohr vor gut 10 Jahren via Toronto (Kanada). Als die in Basel geborenen Kinder 4 und 6 Jahre alt waren, war die Familie über den Atlantik gezogen.

"Ich habe eine Wanderseele und mir war immer klar, dass meine Kinder auch eine zweite Kultur kennen lernen sollten", sagt Helene. "Unsere Auswanderung war keine Flucht, sondern eine Chance, den eigenen Horizont zu erweitern."

Backen für die Schule

Der Anstoss zum Backen kam von Tobias und Nicolas, die Brot mit einer richtige Kruste vermissten. Helene begann daher, zu Hause Brötchen und Brote zu backen.

Danach folgten erste Verkäufe in der deutschen Schule, die Tobias und Nicolas am Wochenende besuchten, an Kolleginnen und Bekannte und langsam weitete sich der Kreis aus. Einen Abnehmer fanden Stohrs auch im Schweizer Wissenschaftskonsulat swissnex, das fürs Catering seiner Veranstaltungen mit der Schweizer Familie zusammenarbeitet.

Im Hobbyraum der Stohrs wurde später eine Backstube eingerichtet. "In den ersten Jahren hatte sie die Berliner in einer Gusseisenpfanne ausgebacken", erinnert sich Tobias, der mittlerweilen auch im Laden aufgetaucht ist.

"Ich genoss es, nach etwa 15 Jahren Auszeit langsam wieder Fuss im Berufsleben zu fassen", blickt Helene auf ihre ersten Jahre als Bäckerin zurück.

"Alle haben mit angepackt"

Einmal einen eigenen Betrieb aufzubauen, war zudem ein Wunsch, den das Paar schon immer mit sich herumgetragen hatte. So kam es, dass Thomas 2006 seine Stelle aufgab, um den Betrieb mit Helene zusammen weiter auszubauen.

"Wir haben hart gearbeitet, die Herausforderung angenommen und uns dazu entschieden, ganz auf die Schweizer Karte zu setzen."Zu zweit sei es letztlich auch etwas einfacher, man könne einander gegenseitig aufmuntern oder anspornen in schwierigen Momenten.

"Alle haben mit angepackt. Manchmal haben die Kinder uns mitten in der Nacht helfen müssen beim Verpacken", erinnert sich Thomas. Beide Söhne arbeiten bis heute im Betrieb mit.

Tobias, der ältere, wird nach der Schule für ein Jahr in der Schweiz arbeiten, im Suvretta House in St. Moritz und im Hotel Bern in der Schweizer Hauptstadt. Sein Bruder Nicolas hat noch ein Jahr Schule vor sich.

Wunsch: grössere Backstube

Bis 2009 arbeiteten Thomas und Helene zu Hause, der Betrieb wuchs, wie auch der Wunsch nach einem eigenen Laden. Zudem stiess die Heim-Backstube an ihre Grenzen, und so suchten Helene und Thomas nach einer Lokalität, die sie in dem alten Depotgebäude am Bahnhof in Reading fanden. Im März 2009 zogen sie dort ein – was sie vor einigen Tagen mit einem Fest feierten.

Und welche Pläne hegen Helene und Thomas für die Zukunft? "Was wir dringend brauchen, ist eine grössere Backstube, damit wir unsere Qualität halten und auf die wachsende Nachfrage reagieren können. Wir stossen mit den derzeitigen Platzverhältnissen an die Grenze."

Rita Emch, swissinfo.ch, Boston

Das Credo

Das Beste aus beiden Welten, den USA und der Schweiz, übernehmen: Das ist das unternehmerische Credo von Helene und Thomas Stohr.

Dazu gehören gute Qualität, Verlässlichkeit, Liebe zum Detail, das Pflegen von Werten, ein rasches Anpassen an neue Umstände.

Grosser Wert wird auf den Service gelegt, den Dienst am Kunden: Das fängt damit an, dass das Angebot ein Gefühl von Wohlsein vermitteln soll, unter dem Motto "Our food makes you feel good".

Dazu gehört auch ein Lächeln, ein paar Worte wechseln mit der Kundschaft. "Das ist unsere Philosophie, wem das nicht passt, der muss sich anderswo eine Arbeit suchen."

Zur Qualität gehört, dass die Produkte keine Zusatzstoffe oder künstlichen Zutaten enthalten, dass nur Butter verwendet wird – und die Produkte wirklich frisch sind, heisst, am Tag gebacken, an dem sie verkauft werden.

Fakten

Ende 2009 lebten knapp 75'000 Schweizer Staatsangehörige in den USA, davon knapp 20'000 im Nordosten des Landes, vor allem in den Grossregionen New York und Boston.

Von den Schweizern und Schweizerinnen in den USA sind rund zwei Drittel Doppelbürger.

Insgesamt 684'974 Schweizer Staatsangehörige, das sind rund 10% der Schweizer Gesamtbevölkerung, lebten Ende 2009 im Ausland.



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