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Flughafen Berlin Brandenburg Von der Realsatire überholt

Noch nicht ganz fertig: Der Flughafen BER in Schönefeld.

(Keystone)

Es sollte eine Satire über den Flughafen Berlin-Brandenburg werden. Doch dann geriet das Bauprojekt selbst zur Satire – und das Buch des Schweizer Autors Helmut Uwer zur Utopie. Kürzlich erschien es im Berliner Eulenspiegel-Verlag. Termingerecht.

Es wird als das entscheidende Infrastrukturprojekt für die Zukunftsfähigkeit der Hauptstadtregion beschrieben, das Berlin noch dazu zu einer bedeutenden Ost-West-Drehscheibe des Kontinents macht, auch als Herzstück der Luft- und Raumfahrtregion Berlin-Brandenburg. Die Rede ist vom Flughafen Berlin Brandenburg, kurz BER.

Wer die Ausführungen auf der Website des BER liest, ahnt: Hier weiss jemand, was Metropolen brauchen. Nicht etwa kleine, popelige Provinzflughäfen wie Tegel und Schönefeld. Nein, ein internationaler Verkehrsknotenpunkt muss her.

Das Areal so gross wie 2000 Fussballfelder, ein Terminal mit sechs Geschossen, zwei parallel angelegte Start- und Landebahnen, die unabhängig voneinander genutzt werden können. Dazu zehn Kilometer Gepäckbänder, die stündlich bis zu 16'000 Koffer sortieren, und 27 Millionen Passagiere pro Jahr.

Ein Airport der Superlative, benannt nach niemand geringerem als Willy Brandt, ehemaliger deutscher Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger. "Mit der Eröffnung des neuen Flughafens ist die Vision erfüllt, die Willy Brandt von der Überwindung der politischen und ökonomischen Gegensätze in Europa sowie einem Leben in Freiheit gehabt hat", heisst es dazu auf der Website. Na, dann kann ja jetzt eigentlich nichts mehr schiefgehen, in Europa und im Leben.

(Lena Langbein)

Zu kurze Rolltreppen und falsche Linden

Die Sache hat nur einen Haken. Genauer gesagt: 20'000 Haken. So viele Mängel nämlich umfasst die Liste, die der seit einigen Monaten amtierende Technik-Chef Horst Amann erstellen liess. Sein Vorgänger musste das (Flug-)Feld räumen, nachdem die Eröffnung des Flughafens zum wiederholten Mal wegen technischer Probleme und Planungsfehlern verschoben wurde.

Die Probleme reichen von einer defekten Rauchgasanlage über zu kurze Rolltreppen bis hin zu falsch gepflanzten Bäumen. Knapp 500 gut angewachsene, gesunde Linden konnten inzwischen wieder gefällt und durch Bäume einer anderen Lindensorte ersetzt werden. Wann die übrigen Mängel behoben sind, ist offen.

Offen bleibt damit auch, wann der Flughafen eröffnet wird. Frühestens 2014, vielleicht auch erst 2015. 4,3 Milliarden Euro wird das Bauvorhaben dann gekostet haben, geplant waren 1,7 Milliarden. Das Projekt gleicht einer Satire.

Das Projekt

Der Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg ist seit 1996 geplant, die Arbeiten begannen 2006. Als Eröffnungstermin war ursprünglich 2011 vorgesehen, dann der 3. Juni 2012. Wegen Mängeln an der Brandschutzanlage musste auch dieser Termin abgesagt werden – vier Wochen vor der geplanten Eröffnung.

Seither werden immer neue Bau- und Planungsfehler bekannt. Der Chef der Flughafengesellschaft trat zurück. Auch Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) musste seinen Platz als Aufsichtsrats-Vorsitzender räumen. Sein Nachfolger ist Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD).

Um die Hauptlast des Berliner Flugverkehrs weiter zu tragen, soll der alte Flughafen Tegel nun für 50 Millionen Euro modernisiert werden. Die Fluggesellschaft Airberlin hat die Flughafenbetreiber verklagt, weil ihr durch die Verzögerungen Millionenschäden entstehen.

Ein neuer Eröffnungstermin für den Flughafen kann erst gefunden werden, wenn ein detaillierter Bericht über alle noch zu behebenden Mängel vorliegt. Das ist frühestens im Sommer 2013 der Fall.

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Von der Satire zur Utopie

Dabei hatte der Schweizer Helmut Uwer die erste Satire über den Flughafen schreiben wollen. Uwer lebt in Blankenfelde, südlich von Berlin, mitten in der Einflugschneise. Rechts und links von seinem Grundstück verlaufen die beiden Start- und Landebahnen, die unabhängig voneinander genutzt werden können.

Seit Jahren engagiert er sich in Bürgerinitiativen gegen den Bau des Flughafens. Und weil er ein Mensch ist, der gern lacht und der vor allem findet, dass die Menschen generell mehr lachen sollten, kam ihm eines Tages die Idee zur Flughafensatire.

Damals ging Uwer noch davon aus, dass BER im Juni 2012 eröffnet würde. "Nun hat mich die Realsatire überholt", sagt er. "Und mein Buch ist eine Utopie geworden. Bei mir eröffnet der Flughafen nämlich am Ende."

Protest auf 20 Quadratmetern

In Uwers Buch "20 Quadratmeter Startbahn oder wie ich den Flughafen verhinderte" geht es um die Familie Ungerath, die ein Grundstück erbt, das mitten auf der Startbahn des geplanten Flughafens liegt. Wie Uwer sind die Ungeraths Flughafengegner. Und auch eine Familie, die ein Stück Grund auf dem Flughafenareal geerbt hatte, hat es in Blankenfelde wirklich gegeben. "Ansonsten ist aber alles fiktiv", sagt Uwer.

Die Ungeraths beschliessen, ihr Grundstück für den Protest gegen den Flughafen zu nutzen und beginnen einen Kleinkrieg gegen die Flughafenbehörden. Einen Sommer lang verbringen sie mit ihren drei Kindern jeden Sonntag auf der Startbahn und sinnen darüber nach, wie sie den Flughafen am besten verhindern.

Sie füllen zum Beispiel märkischen Sand in Tüten, um ihn zu verkaufen und ihren Protest so auszuweiten. Um bei den Sandgrabungen schneller voranzukommen, überlegen sie, die Tunnelbohrmaschine vom Gotthard-Tunnel als Secondhand-Schnäppchen zu kaufen. Die wird in der Schweiz schliesslich nicht mehr gebraucht. Eine weitere Idee der Ungeraths ist, eine Steueroase aus ihren 20 Quadratmetern Startbahn zu machen.

Buch und Autor

Helmut Uwer, Jahrgang 1953, lebt als Journalist und Autor in Blankenfelde bei Berlin.

Er ist unter anderem Deutschland-Korrespondent für die Salzburger Nachrichten und das Luxemburger Wort.

Sein Buch "20 Quadratmeter Startbahn oder wie ich den Flughafen verhinderte" ist Mitte Februar im Eulenspiegel-Verlag erschienen.

Der Publizist hat in der Schweiz gelebt und für schweizerische Zeitungen geschrieben.

Er ist mit einer Schweizerin verheiratet und hat seit mehreren Jahren einen Schweizer Pass.

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In der Schweiz wäre das nicht passiert

Und à propos: "In der Schweiz hätte man zu einem solchen Bauvorhaben eine Volksabstimmung gemacht", sagt Uwer. "Aber Deutschland kann mit Volksentscheiden nicht umgehen. Hier fehlt das Bewusstsein dafür, dass man Volkes Meinung respektieren muss." Das sei schade, denn wenn man zunächst das Volk befrage, sei hinterher eben auch Ruhe.

Das Debakel um den Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg und die damit einhergehende Verschwendung von Steuergeldern hätte freilich auch ein Volksentscheid nicht unbedingt verhindert.

Zumindest für sich persönlich kann Uwer dem auch eine positive Seite abgewinnen. "Unser Jüngster ist in zwei Jahren mit der Schule fertig. Bis dahin wollten wir mindestens in unserem Haus bleiben", sagt er. "So gesehen ist die verspätete Eröffnung für uns optimal."

Ob seine Frau und er umziehen, wenn der Flughafen einmal eröffnet ist, weiss Uwer heute noch nicht. "Vielleicht sind wir bis dahin schwerhörig und der Fluglärm ist uns egal. Wir stellen dann einfach unser Hörgerät leise."

swissinfo.ch

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