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Generation E – Porträts von jungen Auswanderern


"Ich würde gerne sagen können: 'Hier werde ich für immer bleiben'"


Von Daniele Grasso


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Lorena Cruzado verliess Madrid, als die spanische Wirtschaft in voller Blüte stand. Heute lebt und arbeitet sie in der Schweiz, wo sie sich sehr wohl fühlt. Sie ist sich bewusst, dass es ihr besser geht als ihren Freunden, die in Spanien geblieben sind, doch die unsichere Zukunft beschäftigt sie.

Zurückkehren nach Spanien? Lorena Cruzado möchte es nicht ausschliessen, vorausgesetzt, sie würde einen anständigen Lohn erhalten. (zVg)

Zurückkehren nach Spanien? Lorena Cruzado möchte es nicht ausschliessen, vorausgesetzt, sie würde einen anständigen Lohn erhalten.

(zVg)

Der Umzug in die Schweiz war für sie wie eine frische Brise. Lorena Cruzado ist Spanierin und hatte bereits 15 Jahre im Ausland, in Dänemark, gelebt, wo sie studierte und arbeitete, bevor sie 2015 mit ihrem Partner nach Lausanne zog. Obwohl das skandinavische Land als "perfekt" gilt, versichert sie uns, dass sie nicht mehr dorthin zurückkehren möchte.

"Die Schweizer sind überhaupt nicht kühl und verschlossen, wie man in Spanien meint."  

Zuhause in Renens, 15 Minuten Autofahrt von Lausanne entfernt, arbeitet Lorena halbtags als Grafikerin, rund 20 Stunden pro Woche. In ihrem Büro – einem Co-working-Zentrum – "sind praktisch nur Ausländer", sagt sie.

Lorena war überrascht von ihren Schweizer Arbeitskollegen. "Sie sind überhaupt nicht kühl und verschlossen, wie man in Spanien meint. Zumindest hier, im französischen Teil, ist man sehr offen."

Lieber auswandern als arbeitslos sein

Lorena beneidet ihre Freunde, die in Spanien geblieben sind, nicht. Das Land hat die höchste Jugendarbeitslosigkeitsrate in Europa. "Die wenigen, die nach ihrem Studium eine Arbeit in ihrem Bereich gefunden haben, erhalten oft nur eine befristete und schlecht bezahlte Anstellung. Tatsache ist, dass die meisten ausgewandert sind oder in anderen Bereichen arbeiten." Praktisch allen Ausgewanderten "geht es gut", wie sie gesteht.

Als 2007 in Spanien die Wirtschaftskrise ausbrach, war Lorena bereits seit sechs Jahren in Dänemark. Sie gehört also nicht zu jenen 270'000 spanischen Bürgerinnen und Bürgern, die nach vorsichtigen Schätzungen das Land 2008 verlassen haben. Trotzdem hat sie mit diesen Leuten viel gemeinsam: Sie ging weg, als sich ihr die Gelegenheit dazu bot, und seither hat sie den Eindruck, dass der Tag der Rückkehr nie eintreffen wird, wie sie nicht ohne Bitterkeit anmerkt.

"Ich bin 2001 gegangen… und bin immer noch weit weg von Spanien", erzählt sie. Ich habe Madrid verlassen, als sich die spanische Wirtschaft in einer "vorzüglichen" Phase befand. Das Bruttoinlandprodukt stieg in den darauffolgenden sechs Jahren um 20%, und niemand sprach bis 2008 von einer Krise. Warum also weggehen?

Zuerst Erasmus, dann die Liebe

"Angefangen hat alles mit dem Erasmus-Semester in Dänemark". Lorena zog nach Aarhus, nach Kopenhagen die zweitgrösste dänische Stadt, wo es rund um die Stadt nach Plastik aus der chemischen Industrie riecht. Sie schloss ihr Studium der englischen Sprache ab, doch danach schlug sie einen anderen Weg ein. "Ich bin 15 Jahre geblieben, es war alles andere als einfach. Bevor ich eine gute Anstellung hatte, arbeitete ich in der Fabrik oder als Putzfrau in Privathaushalten", erinnert sie sich.

Der Umzug in den Kanton Waadt war eine Verbesserung. Lorena kam zusammen mit ihrem Ehemann, einem Dänen, den sie nach dem Erasmus-Semester kennengelernt hatte. "Es war nicht meine Wahl, in die Schweiz zu kommen. Ich bin meinem Mann gefolgt, der an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) ein Doktorat machen kann".

Lorena fehlt weder Dänemark noch Spanien: "Ich lebe heute in einem einzigartigen Umfeld, ich kann den Zug nehmen und befinde mich in wenigen Minuten in den Bergen."

Zurückgehen, doch nur zu einem anständigen Lohn

Obwohl die Schweiz nicht Mitglied der EU ist, nahm die Spanierin in Dänemark mehr Vorbehalte gegenüber Ausländern wahr. "Manchmal schrien sie mir auf der Strasse hinterher, wenn sie merkten, dass ich nicht dänisch spreche. In der Schweiz habe ich bislang noch nie so etwas erlebt."

Sie spricht nicht Französisch, und wenn sie versucht, sich verständlich zu machen mit dem wenigen, was sie kann, merkt sie, wie die "Schweizer ihr Bemühen schätzen. Man merkt, dass sie es sich gewohnt sind, mit Leuten aus anderen Ländern in Kontakt zu sein".

Nach Spanien reist sie quasi nur noch als Touristin für Ferien und für Besuche bei der Familie. "Wenn man so lange weg ist, verändert sich die Beziehung zu Familie und Freunden total. Einige Beziehungen kühlen ab, man muss sich darum bemühen, neue zu knüpfen. Wenn man im Ausland lebt, lernt man zum Glück, wie man mit andern Leuten in Kontakt kommt, auch wenn man die Sprache nicht beherrscht."

Lorena gibt zu, dass die Preise in der Schweiz erschreckend hoch sind. Wie die meisten Ausländer lebt sie zur Miete und hat nicht vor, sich ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen. Weil sie vielleicht doch daran denkt, früher oder später nach Spanien zurückzukehren? "Dazu müsste sich, mehr als alles andere, die Situation auf dem Arbeitsmarkt verändern. Es bräuchte anständige Löhne. Jedes Mal, wenn ich daran denke, zurückzukehren und mit meinen Freunden in Spanien spreche, deprimiert mich das."

Die Spanierin teilt mit vielen andern Expats eine gewisse Unsicherheit: "Zusätzlich zur Frage ob Rückkehr oder nicht, beschäftigt mich in erster Linie der Umstand, dass ich nicht weiss, wo ich in einigen Jahren sein werde." Unsicherheit und Arbeitsmobilität, Charakteristika der jungen europäischen Arbeitnehmer, machen es für sie schwierig, Wurzeln zu schlagen: "Ich würde gerne sagen können: 'Gut, hier bleibe ich jetzt, von hier gehe ich nicht mehr weg.'"

Daniele Grasso ist ein italienischer Journalist, der nach Madrid auswanderte. Seit 2013 arbeitet er für die spanische Tageszeitung El Confidencial, wo er die Abteilung Datenjournalismus aufbaute und leitet. Er war bei diversen transnationalen journalistischen Recherchen beteiligt, darunter LuxLeaks, SwissLeaks und Panama Papers. 2014 beteiligte er sich am Projekt The migrants files, einem internationalen Datenjournalismus-Projekt über die Migration in Europa. Er gehört zum Team von Generation E, dem ersten Crowdsourcing-Projekt zur europäischen Jugend-Abwanderung. Dieser Artikel wurde realisiert dank gesammelten Daten über die Generation E.

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(Übertragen aus dem Italienischen: Christine Fuhrer)

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