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Gotthard-Strassentunnel ist sicherer geworden

Beim Tunnelbrand vor 10 Jahren verloren 11 Menschen ihr Leben.

(Keystone)

10 Jahre sind seit dem tragischen Brandunfall mit 11 Toten im Gotthard-Strassentunnel vergangen. Dank diversen Massnahmen punkto Vorschriften, Infrastruktur und Brandschutzausbildung gehört der Tunnel heute zu den sichersten in Europa.

24. Oktober 2001, 9.39 Uhr: Genau ein Kilometer nach der Einfahrt in den Tunnel  bei Airolo kommt ein belgischer Lastwagen ins Schleudern. Er touchiert die Tunnelwand und gerät auf die Gegenfahrbahn.

Obwohl der entgegenkommende italienische Chauffeur mit seinem Lastwagen auszuweichen versucht, kommt es zu einer Streifkollision. "Der Lastwagen fuhr einfach auf mich zu", erzählte Bruno Saba, der Chauffeur des italienischen Lastwagens, kurz nach dem Unfall.

Saba gelang es, sich selbst sowie rund zwanzig Automobilisten südlich der Unfallstelle in Sicherheit zu bringen. Er dachte unmittelbar an die Gefahr durch das auslaufende Diesel sowie an das Brandrisiko wegen der geladenen Pneus.

Tatsächlich kam es schnell zu einem "Inferno", wie die Presse damals schrieb. Das Flammenmeer breitete sich in Windeseile im Tunnelinneren Richtung Norden aus und erreicht Temperaturen von bis zu 1200 Grad. Im  Grossbrand starben 11 Menschen. Es handelte sich um einen der schlimmsten Strassenunfälle in der Schweiz und Europa.

"Ein Unfall kann auch heute noch passieren, auch mit noch mehr Toten", hält Marco Grassi vom Kontrollzentrum des Gotthard-Strassentunnels fest. In der einspurigen Röhre, in welcher der Verkehr in beide Richtungen fliesst, lässt sich das Risiko eines Unfalls nichts gänzlich ausschliessen.

Denn es bedarf der vollen Konzentration, einen 17 Kilometer langen Tunnel mit 80 km/h zu durchfahren.  "Im Falle eines Unfalls wie vor 10 Jahren würde die Bilanz aber heute weniger tragisch ausfallen als damals", betont Grassi.

Picknick im Tunnel

Wir befinden uns im Kontrollzentrum des Tunnels in Göschenen, nur wenige Meter vom Nordportal entfernt. Auf einem Dutzend Bildschirmen wird hier genau verfolgt, was im Inneren des Tunnels passiert.

Täglich fahren durchschnittlich 17‘000 Fahrzeuge durch den Tunnel. Und  immer wieder sind indisziplinierte Autofahrer zu beobachten. "Manche Autofahrer überholen sogar, andere wenden  im Tunnel", hält Marco Grassi fest, der hier seit 30 Jahren arbeitet. "Einmal habe ich sogar eine Familie gesehen, die in einer Nothaltebucht  gepicknickt hat."

Obwohl immer noch solche unverantwortliche Verhaltensweisen zu beobachten sind, ist die Zahl der Unfälle im Tunnel stark zurückgegangen. Von 40 Unfällen pro Jahr, die vor 2001 im Durchschnitt zu beklagen waren,  ist die Zahl gemäss dem Bundesamt für Strassen (Astra) im Jahr 2010 auf 10 zurückgegangen. Kein Unfall hatte tödliche Folgen.

Der Gotthard gehöre heute zu den sichersten Strassentunnels in Europa, meint Alberto Tinner, der  als Chauffeur für eine Tessiner Speditionsfirma unterwegs ist. "Ich bin sicherlich schon 1000 Mal durchgefahren, und es gab nie  Probleme."

Laut Astra-Sprecher Antonello Laveglio konnte die Sicherheit im Tunnel insbesondere durch die Einführung des so genannten "Tropfenzählersystems" erhöht werde. Mit diesem System wurde die maximale Zahl  an LKW-Durchfahrten auf 150 pro Stunde festgelegt.

Zudem werden die Lastwagen mit einem Ampelsystem in regelmässigen Abständen durch den Tunnel geschleust. "Ausserdem wurden die Beleuchtung und die Markierung verbessert. Auch die Fluchtweg-Signalisierung ist heute viel besser sichtbar", so Laveglio.

Tunneltechnik verbessert

Um uns selbst ein Bild von den erfolgten Verbesserungen zu machen,  fahren wir in den Sicherheitsstollen ein, der parallel zum eigentlichen Gotthard-Strassentunnel verläuft. Er ist nur drei Meter breit und erinnert an eine Höhle. "Airolo 16 km" lesen wir auf einem Schild. Das ist das Südportal.

Im zentralen Lüftungsraum führt  uns ein kleines "Gruselkabinett"  aus Rohren, Leitungen und geschmolzenem Metall vor Augen, was bei einem Brand passieren kann. Flammen und insbesondere der Rauch sind die Hauptgefahren in einem Tunnel. Bei dem Unglück von 2001 starben denn auch die meisten Personen an Rauchvergiftungen.

Um solchen Auswirkungen vorzubeugen, wurde das Ventilationssystem total überholt. Die Lüftungsklappen  sind heute wesentlich grösser und können im Brandfall gesteuert werden. "Wenn wir diese Klappen in der Nähe des Brandherds öffnen und in einiger Entfernung schliessen, ist der Absaugeffekt wesentlich höher", sagt Marco Grassi.

Seit 2010 führt das Astra vor dem Südportal in Airolo zudem einen Pilotversuch mit einem Thermoportal durch. Dieses Portal kann überhitzte Bauteile an Fahrzeugen feststellen und so verhindern, dass Fahrzeuge, die ein Brandrisiko darstellen könnten, in den Tunnel einfahren. Da die Brandlast eines Lastwagens mehr als zehn Mal höher ist als diejenige eines Personenwagens, konzentriert sich diese Kontrolle auf LKW.

In drei Minuten bereit

Neben diesen infrastrukturellen Massnahmen wurde auch an der Professionalität der Einsatzkräfte gearbeitet, die im Brandfall intervenieren. Seit 2008 werden die Feuerwehrleute, die am Nord- und Südportal des Tunnels stationiert sind, speziell ausgebildet. Sie verfügen zudem über technisch einzigartiges Löschmaterial.

"In drei Minuten sind wir bereit und in 15 Minuten im Tunnel", sagt Philipp Muhelm, einer von acht Feuerwehrleuten in Göschenen. Die Feuerwehr kommt nicht nur  bei Unfällen oder Bränden zum Einsatz, sondern auch im Fall einer Fahrzeugpanne.

Zwei moderne Löschwagen erlauben es heute, sehr nahe an einen  Unglücksort heranzufahren. Dank einer Sprinkleranlage können diese Fahrzeuge auch hohe Temperaturen überstehen. Und es gibt einen weiteren Vorteil. "Früher mussten wir unsere Atemschutzgeräte und Sauerstoffflaschen ausserhalb des Fahrzeugs anziehen. Jetzt können wir es im Inneren machen", hält  Muhelm fest.

  

Die ganze Anlagetechnik wurde wesentlich verbessert und die Einsatzzeiten verkürzt. Doch ein Unfallrisiko ist nach wie vor gegeben. Marco Grassi meint: "Ganz entscheidend für die Sicherheit ist das verantwortungsvolle Verhalten der Fahrzeuglenker. Mein Rat ist: Abstand halten und ständig die Situation vor und hinter dem Fahrzeug  im Auge behalten."

Sicherheit im Tunnel

In Folge des Unfalls und Brandunglücks im Gotthard-Strassentunnel vom 24. Oktober 2001 wurden die Vorschriften für die Sicherheit in Strassentunnels überarbeitet und verschärft.

Eine Erhebung des Bundesamts für Strassen (Astra) vom Jahr 2009 zeigte auf, dass 126 von 220 Tunnels im Nationalstrassennetz nicht vollständig den neuen Vorschriften entsprechen.

Die entscheidenden Schwachpunkte: Lüftung, Fluchtwege, Signalisierung der Sicherheitseinrichtungen und Energieversorgung.

Die Kosten einer Sanierung aller 126 Tunnels, die bis 2020 angestrebt wird, belaufen sich auf schätzungsweise 1,2 Mrd. Franken.

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Gotthard-Tunnel in Zahlen

Die Aushubarbeiten für den Gotthard-Strassentunnel begannen 1970.

Eröffnung: 5. September 1980

Baukosten: 686 Mio. Franken

Länge: 16,9 Kilometer (einer der längsten Strassentunnels der Welt)

Fahrraumbreite: 7,80 Meter

Lichte Höhe: 4,50 Meter

Fluchtwege: Alle 250 Meter Schutzräume als Verbindung zwischen dem Haupttunnel und dem Sicherheitsstollen.

Beleuchtung: 14‘000 Leuchtstoffröhren

Lüftung:  23 Ventilatoren, Lüftungsklappen alle 90 Meter

Videoüberwachung: 86 Kameras

Energieaufwand pro Jahr: Rund  14,5 Mio. Kilowattstunden

Verkehrsvolumen: 3 Mio. Fahrzeuge (1980), mehr als 6,2 Mio. Fahrzeuge (2010), davon 945‘000 Camions.

(Quelle: Astra)

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(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch


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