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Die Italienerinnen und Italiener stellen die grösste Einwanderer-Gemeinde der Schweiz. Nur Argentinien und Deutschland sind für die südlichen Nachbarn beliebtere Auswandererziele. (Keystone)

Die Italienerinnen und Italiener stellen die grösste Einwanderer-Gemeinde der Schweiz. Nur Argentinien und Deutschland sind für die südlichen Nachbarn beliebtere Auswandererziele.

(Keystone)

Seit einigen Jahren wächst die Zahl der Einwanderer aus Italien in die Schweiz, wo bereits die drittgrösste Auslanditaliener-Gemeinde weltweit wohnt. Viele von ihnen kommen bei Verwandten unter, die schon länger im Nachbarland leben und arbeiten. Auch italienische Institutionen unterstützen ihre Landsleute. 

Padre Luciano Cocco leitet seit gut 10 Jahren die katholische Pfarrgemeinde der Italiener in Genf. Er hat die Entwicklungen immer genau beobachtet: "Die Gemeinschaft der Emigranten der ersten Generation schrumpft seit einiger Zeit. Viele Rentner sind nach Italien zurückgekehrt. Und von den ältesten Mitgliedern unserer Pfarrei sind einige direkt in den Himmel aufgestiegen."

"In den letzten Jahren stellen wir aber eine Zunahme an neuen Immigranten fest. Es sind Junge, die gerade die Universität abgeschlossen haben und in Italien keine Arbeit finden. Zudem kommen Personen mit Familien, die bei internationalen Organisationen arbeiten, am CERN oder bei einem multinationalen Unternehmen der Region", weiss Padre Cocco.

Ein Land von Emigranten

Gemäss dem Melderegister "Aire" für im Ausland lebende Italiener (Anagrafe degli italiani residenti all’estero) lebten 2013 mehr als 4,3 Millionen Italiener ausserhalb der italienischen Staatsgrenzen. Dies entspricht rund 7% der in Italien lebenden Bevölkerung.

Rund 55% der emigrierten Italiener leben in Europa, 40% in Amerika, 3% in Ozeanien, 1% in Afrika und 1% in Asien.

Zwischen 2007 und 2013 haben zirka 620'000 Italiener ihr Land verlassen, das sind doppelt so viele wie in den sieben Jahren zuvor.

53% der Italiener im Ausland stammen aus Süditalien, 32% aus dem Norden und 15% aus dem mittleren Teil Italiens.

Was in Genf passiert, geschieht im ganzen Land. Die Geschichte der italienischen Emigration wiederholt sich in gewisser Weise, aber unter neuen Vorzeichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es einen enorme Auswanderungswelle von Italien in die Schweiz, doch seit 1975 ist die Gemeinschaft der Italiener wieder kleiner geworden. Zumindest bis 2007. Seither hat der Trend erneut gekehrt: Es siedeln wieder mehr Italiener in die Schweiz über, als Italiener aus der Schweiz in ihr Heimatland zurückkehren.

Alle Altersschichten

Doch was sind die Gründe für diese neue Emigration? "Dieses Phänomen ist zum Teil mit der Globalisierung verbunden. Es gibt junge Italiener, die – genauso wie ihre Schweizer Kollegen –, im Ausland studieren oder Berufserfahrungen im Ausland sammeln wollen. Es gibt auch einige qualifizierte Personen, die aus Karrieregründen ins Ausland umziehen. Sie arbeiten als Ingenieure, Informatiker oder Manager in der Forschung oder in multinationalen Firmen", sagt Luisa Deponti vom Studien- und Bildungszentrum für Migrationsfragen in Basel.

"Seit einigen Jahren ist die Migration aber vor allem eine Folge der ökonomisch-finanziellen Krise, unter der Italien besonders stark leidet. Es sind Personen, die keine Arbeit mehr haben oder zu sehr schlechten Bedingungen arbeiten – mit Zeitarbeitsverträgen, die an einzelne Projekte gebunden sind. Es betrifft junge Leute, aber auch 40- oder 50-Jährige, die einfach Mühe haben, einen Job zu finden. Wenn sie eine Familie ernähren müssen und irgendwann auch die Ersparnisse ausgehen, sind sie zur Emigration gezwungen".

Die Migration von Italienern ist zwischen 2007 und 2013 um 92,3% gestiegen. Sie betrifft alle Altersschichten, wie eine im August publizierte Studie des Dachverbands kleiner und mittlerer Unternehmungen in Italien (CNA) deutlich gemacht hat.

Qualifizierte Arbeitskräfte

Luisa Deponti hat eine interessante Feststellung gemacht: "Zuerst kamen vor allem Familien, die früher schon einmal emigriert waren, aber inzwischen wieder nach Italien zurückgekehrt waren. Wegen der Krise haben viele dieser Rückkehrer ihre Arbeitsstelle verloren oder mussten ihren Betrieb – Läden oder kleine Firmen – aufgeben. Ihr erster Gedanke war dann, wieder in die Schweiz zu gehen, wo sie schon einmal gelebt und gearbeitet haben."

Danach kamen Familien, die Verwandte in der Schweiz haben. "Teilweise erwachen Migrationsmuster zu neuem Leben, die wir aus der Vergangenheit kennen", sagt Deponti, die 2012 eine Studie zur neuen Immigration von Italienern in die Schweiz publiziert hat. Erst zuletzt emigrierten auch Italiener, vor allem junge Italiener, die keinerlei Bezug zur Schweiz hatten. "Viele kamen ohne klare Ideen, aber mit Abenteuergeist und der Bereitschaft, irgendeine Arbeit zu machen, auch wenn die Stelle nicht dem Grad des absolvierten Studiums oder der Berufsausbildung entsprach."

Im Vergleich zu den italienischen Emigranten der Nachkriegszeit sind die heutigen Auswanderer in der Regel gut qualifiziert. Sie sind kulturell gebildeter als ihre Vorfahren und können sich leichter integrieren. Doch viele schaffen es nicht, sich alleine zu Recht zu finden. Sie wenden sich an italienische Institutionen, die bereits auf dem Terrain aktiv sind: Vereine, Pfarreien oder Gewerkschaften.

Eine neue Herausforderung

Die jüngsten Entwicklungen machen sich denn auch bei der Abteilung für Berufsbildung des Vereins christlicher Arbeiter Italiens Ente nazionale ALCI istruzione professionale (ENAIP)  bemerkbar. "Seit einigen Jahren stellen wir einen deutlichen Anstieg an Anfragen für Schulausbildungen für Kinder von Emigranten fest, genauso wie bei Sprachkursen für Erwachsene. Wir werden aber auch immer häufiger von Personen kontaktiert, die Italien auf gut Glück verlassen haben. Sie suchen Arbeit und eine Unterkunft. Und sie brauchen Informationen", sagt Luisa Gregis vom ENAIP.

Italiener in der Schweiz

Die erste grosse Welle von italienischen Einwanderern erlebte die Schweiz vor dem Ersten Weltkrieg.

Ihre Hochphase erlebte die Emigration von Italienern in die Schweiz in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg. Zwischen 1945 und 1975 kamen rund 2 Millionen italienische "Fremdarbeiter", später Gastarbeiter genannt, in die Schweiz. Der Grossteil blieb nur wenige Jahre.

Als Folge dieser Migration bilden die Italiener bis heute die grösste Ausländergemeinschaft in der Schweiz. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung lebten 1975 mehr als 570'000 Italiener in der Schweiz.

Ähnlich sieht es bei der gewerkschaftlichen Bildungsinstitution ECAP aus. "Wir erhalten täglich Dutzende von Anfragen, vor allem für einen Job. Wir überlegen jetzt sogar, einen Beratungsdienst einzurichten, der diesen Personen hilft. Denn mittlerweile ist diese Beratung ein Full-Time-Job geworden", sagt Giuliana Tedesco-Manca von ECAP.

Die neue Immigrationswelle stellt für diese beiden Organisationen, die sich um die Integration italienischer Immigranten in der Schweiz verdient gemacht haben, eine grosse Herausforderung dar. Einerseits ist die Nachfrage nach Ausbildungskursen hoch, andererseits hat der italienische Staat seit 2010 die Zuschüsse für diese Organisationen und ganz allgemein für die italienische Kultur im Ausland stark gekürzt. Einige Schulen, Konsulate und weitere italienische Einrichtungen mussten gar ganz schliessen.

Knappe finanzielle Mittel

Auch die Mittelschule (Scuola media) und das Italienisch-sprachige Gymnasium in Basel mussten vor zwei Jahren ihre Tore dicht machen. Die entsprechenden Schulen in Zürich konnten durch ECAP und ENAIP gerettet werden. "Wir haben entschieden, diese Ausbildung zu übernehmen, damit die Kinder der Immigranten weiterhin mit der Kultur und Sprache ihres ursprünglichen Herkunftslandes verbunden sein können", so Giuliana Tedesco-Manca.

Die stellvertretende ECAP-Direktorin findet es allerdings alarmierend, dass ausgerechnet in einem Moment, in dem die Emigration aus Italien wieder zunimmt, die Mittel für italienische Institute im Ausland gekürzt werden. Doch wird sich diese Situation so schnell kaum ändern.

"Ich gehe einfach davon aus, dass Italien schlicht nicht die Mittel hat, um Investitionen für die berufliche und soziale Integration von Italienern im Ausland zu leisten, denn schon im eigenen Land sind die Probleme auf dem Arbeitsmarkt gewaltig", stellt Giuliana Tedeso-Manca fest.


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch

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