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Palästinenser boykottieren jüdische Siedlungen

Ein palästinensischer Bauer vor der grossen jüdischen Siedlung Har Homa im Süden Jerusalems.

(Keystone)

Der palästinensische Pfarrer Mitri Raheb hat an einer Konferenz in Bern über neue Wege aus der Sackgasse des Nahostkonflikts gesprochen. "Weisse Intifada" heisst der gewaltfreie Widerstand gegen die israelische Besetzung, das "Kairos-Dokument" ist die christliche Basis dafür.

Seit vielen Jahren stehen christliche Palästinenser und mit ihnen der Theologe und Pfarrer Mitri Raheb im Dialog mit Schweizer Christen.

Diese und Schweizer Hilfswerke haben in Bern eine Konferenz durchgeführt, bei der zur Debatte gestellt wurde, wie mit Sanktionen, Boykott und Rückzug von Investitionen die israelische Besatzungspolitik untergraben werden soll. Pfarrer Mitri Raheb nimmt im Gespräch Stellung.

swissinfo.ch: Die palästinensische Bevölkerung hat angefangen, israelische Produkte aus den Siedlungen zu boykottieren. Schneiden Sie sich damit nicht ins eigene Fleisch?

Mitri Raheb: Nein, es ist wichtig, sich zu überlegen, was für Produkte man kauft, nicht nur in Bezug auf Produkte aus jüdischen Siedlungen. Man muss sich auch fragen, welche Produkte schaden der Umwelt, was schadet dem Frieden, was verletzt Menschenrechte.

Jeder Konsument muss dabei Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Von daher ist es konsequent, die Siedlungsprodukte zu boykottieren.

swissinfo.ch: Hinter der Aktion steht einerseits der palästinensische Ministerpräsident Salam Fayyad, andrerseits christliche Palästinenser, die Unterzeichner des "Kairos-Dokuments". Inwiefern ist die Aktion koordiniert?

M.R.: Überhaupt nicht. Aber das Thema liegt in der Luft. Nachdem jahrelange Friedensverhandlungen keinen Fortschritt gebracht haben und auch Gewalt kein Weg ist, suchen alle nach Alternativen. Der gewaltlose Widerstand mit Boykott und Sanktionen ist eine solche Alternative.

swissinfo.ch: Im vergangenen Dezember wurde das "Kairos-Palästina-Dokument" unterzeichnet. Wie ist es dazu gekommen?

M.R.: Eine Gruppe von palästinensischen Theologen, Pfarrern und Laien in Bethlehem hat sich daran gemacht, einen Weg aus der Sackgasse des Konflikts zu suchen, und zwar durch den Glauben.

Es ist ein christliches Glaubensbekenntnis und zugleich ein politischer Forderungskatalog, der alle Glaubensgemeinschaften anspricht.

swissinfo.ch: Inwiefern sind die Schweizer Kirchen an der Entwicklung des Dokuments beteiligt?

M.R.: Es ist ein rein palästinensisches Projekt ohne ausländische Beteiligung. Aber wir stehen seit vielen Jahren mit den Schweizer Kirchen im Dialog.

Vor zwei Jahren hielten wir in Bern eine theologische Konferenz ab. Dabei ging es darum, eine Theologie zu entwickeln, die Gerechtigkeit in Nahen Osten im Blick hat.

Das ist es auch, was wir mit dem Kairos-Dokument anstreben. Wir wollen aus der Theologie, aus dem Glauben, eine Lösung des Konflikts finden.

swissinfo.ch: Mit dem "Kairos-Dokument" beziehen Sie sich auf den Kampf der südafrikanischen Kirchen gegen die Apartheid. Inwiefern ist Israel ein Apartheidstaat?

M.R.: Unsere Situation heute in Israel und den besetzten Gebieten ist schlimmer als die einstige Apartheid in Südafrika. Palästinenser werden systematisch diskriminiert. Es gibt unterschiedliche Rechtssysteme für Israeli und für Palästinenser.

Und es herrscht eine Segregation in dem Sinn, dass etwa gewisse Strassen im Westjordanland nur von Israeli befahren werden dürfen.

swissinfo.ch: Sie sind seit 22 Jahren Pfarrer in Bethlehem und haben dort 1995 ein internationales Begegnungszentrum gegründet, das auch schon von der israelischen Armee beschossen wurde. Wie sieht Ihr Alltag im besetzten Westjordanland heute konkret aus?

M.R.: Unser Alltag wird eingeschränkt von allem, das die Besatzung auszeichnet. Das betrifft besonders die Bewegungsfreiheit. Von Bethlehem nach Ramallah gelangt man nur über Umwege und man muss zwei israelische Checkpoints passieren, das dauert sehr lange.

Dennoch versuchen wir, unsere Arbeit im Zentrum so zu gestalten, dass alles blühen kann. Wir wollen uns nicht zu sehr in die Opferrolle begeben und uns dort bequem einrichten.

swissinfo.ch: Wie schaffen Sie es, trotz all dem Elend, trotz der Rückschläge und der Gewalt nicht zu resignieren?

M.R.: Für mich persönlich hat das mit meinem Glauben zu tun. Glaube und Resignation passen nicht zusammen. Im Gegenteil kann Glaube viel Kreativität freisetzen.

Hoffnung bedeutet für mich das, was wir tun, nicht das, was wir sehen. Was ich sehe, ist nichts Gutes, es ist ein voll entwickeltes Apartheidsystem, ich bin nicht optimistisch.

swissinfo.ch: Seit dem Amtsantritt des US-Präsidenten Barack Obama hat die amerikanische Nahostpolitik einen Kurswechsel erfahren. Was spüren Sie davon?

M.R.: Ich sehe keinen Kurswechsel. Die US-Politik hängt nie nur vom Präsidenten ab, sondern vom Kongress. Diese Leute sind mehr interessiert, wieder gewählt zu werden, als die amerikanischen Werte und Interessen zu verteidigen.

Es fragt sich im Moment, ob die USA an den Punkt gelangen, zu erkennen, dass Israel kein strategischer Partner mehr ist, sondern eine strategische Belastung, von der sie sich abkoppeln sollten. Aber dies wird viele Jahre dauern.

swissinfo.ch: Gibt es Anzeichen dafür?

M.R.: Ja, etwa wenn amerikanische Armeevertreter sagen, dass die US-Politik und Unterstützung für Israel ihre Arbeit im Irak und in Afghanistan behindert. So etwas hätte man vor fünf Jahren nicht gesagt.

Susanne Schanda, swissinfo.ch und InfoSüd

KAIROS

Der Begriff kommt aus der griechischen Mythologie, wo Kairos der Gott der günstigen Gelegenheit und des richtigen Augenblicks ist.

1985 richteten sich die Kirchen mit einer Initiative, die sie Kairos nannten, gegen die Apartheid in Südafrika.

1989 entstand auf der ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung der Kirchen der europäische Kairos-Prozess, der sich für eine gerechte Weltordnung einsetzt.

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MITRI RAHEB

Der christliche Palästinenser Mitri Raheb wurde 1962 in Bethlehem im besetzten Westjordanland geboren.

Studium der evangelischen Theologie in Hermannsburg und Marburg (Deutschland).

Seit 1988 Pfarrer an der evangelisch-lutheranischen Weihnachtskirche in Bethlehem.

1995 gründete Mitri Raheb das Internationale Begegnungszentrum in Bethlehem, das 2002 von der israelischen Armee teilweise zerstört wurde.

1998 Gründung der Dar al-Kalima-Schule in Bethlehem.

2003 Gründung des Dar al-Kalima-Gesundheitszentrums.

Am 11.12.2009 wurde das Kairos-Palästina-Dokument aus Bethlehem veröffentlicht, erarbeitet von christlichen Palästinensern, unterzeichnet vom ökumenischen Rat der Kirchen, der weltweiten Gemeinschaft von 349 Kirchen; ausserdem von zahlreichen muslimischen Organisationen.

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