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Parlamentarier macht Sprung über den Röstigraben

FDP-Nationalrat Ruedi Noser hat die Sprachbarriere überwunden.

(Keystone)

In der Schweiz gibt es vier offizielle Landessprachen. Auch wenn viele Schweizer mehr als eine Landessprache fliessend sprechen, gibt es Sprachgräben, sogar im Parlament. FDP-Nationalrat Ruedi Noser über die Gründe seines Jahresaufenthaltes in der Romandie.

Der Deutschschweizer Ruedi Noser, der für die Freisinnig-Demokratische Partei (FDP) in der grossen Kammer des Schweizer Parlamentes sitzt, hat in der Nähe von Zürich ein eigenes Technologie-Unternehmen und entwickelt Erfolgsstrategien,

Im vergangenen Jahr fällte Noser einen folgenschweren Entscheid: Er zog mit seiner Frau und seinen vier Kindern nach Versoix bei Genf, um dort richtig Französisch zu lernen. In der Schule hatte er immer Mühe gehabt mit Französisch – zum Teil weil er Legastheniker war, so Noser.

Der einjährige Aufenthalt in der französischsprachigen Schweiz war eine wertvolle Erfahrung, nicht nur wegen der Sprache, betont Noser.

swissinfo.ch: Warum entschieden Sie sich, für ein Jahr in der Nähe von Genf zu wohnen?

Ruedi Noser: Es gab drei Gründe dafür. Der erste: Ich wollte wirklich richtig Französisch lernen.

Zweitens wollte ich meinen Kindern im Alter zwischen 6 und 11 Jahren die Möglichkeit geben, mehr oder weniger bilingue, zweisprachig, zu sein.

Und drittens: Wenn man in der Schweizer Politik wirklich die ganze Schweiz verstehen will – ein Drittel spricht Französisch - , dann muss man seine Kolleginnen und Kollegen auf Französisch verstehen. Viele von ihnen sprechen nicht wirklich Deutsch.

swissinfo.ch: Sind Sie zufrieden mit Ihrem Experiment?

R.N.: Ja. Während den ersten sechs Monaten ging ich zur Schule und lernte viel. Aber um ehrlich zu sein, jetzt habe ich etwas genug von der Schule, es ist Zeit, damit aufzuhören. Ich bin entschieden kein Experte im Lernen von Sprachen. Andere Leute lernen viel schneller.

swissinfo.ch: Haben Sie französischsprachige Zeitungen gelesen, bevor Sie nach Versoix gingen?

R.N.: Die ehrliche Antwort ist nein.

swissinfo.ch: Und lesen Sie sie jetzt?

R.N.: Ja.

swissinfo.ch: Haben Sie jetzt eine bessere Beziehung zu Ihren Parlamentskollegen aus der Romandie?

R.N.: Ja, ganz sicher. Wenn man das tut, was ich getan habe, zeigt man ihnen Respekt. Sie sehen, dass man eine grosse Anstrengung unternimmt, um ihre Sprache richtig zu lernen. Dafür zeigen sie ihrerseits Respekt.

swissinfo.ch: Glauben Sie, dass viele Politiker von dem, was Sie getan haben, profitieren würden, auch wenn diese die französische Sprache nie richtig beherrschen werden?

R.N.: Ja. Wenn Sie mein Beispiel nehmen, ich bin nicht perfekt in der Sprache, aber ich verstehe die Kultur viel besser. Das ist der wichtige Teil, nicht die Sprache selbst.

In Paris Französisch zu lernen, ist das Eine, aber nach Genf zu gehen und dort Kontakt mit den einheimischen Leuten aufzunehmen, die Kinder in die lokale Schule zu schicken, um zu sehen, wie das Schulsystem dort funktioniert, ist etwas anderes.

swissinfo.ch: Was haben Sie speziell gelernt?

R.N.: Die Westschweizer verfolgen die Politik in Frankreich und bringen einige Ideen von Paris in die Schweiz – natürlich auf schweizerische Art. Sie sind kritisch gegenüber den Pariser Politikern, aber es existiert ein frankophoner Einfluss.

Ein Beispiel ist das Ausbildungssystem. Die meisten jungen Leute wollen die Matura machen, eine Lehre kommt erst an zweiter Stelle. Ich glaube, in der Deutschschweiz gibt es keine klare Hierarchie zwischen den beiden.

Früher sah ich im französischsprachigen System eine Reihe von Nachteilen, heute, weil meine Kinder in diesem System sind, sehe ich auch Vorteile.

Ich glaube, das Schulsystem in Genf ist viel effizienter. Meine Kinder zum Beispiel müssen jeden Freitag ein Diktat machen. In den Deutschschweizer Schulen gibt lediglich alle drei Monate ein Diktat.

Das System zum Erlernen der lokalen Sprache ist viel effizienter. Man nimmt es viel ernster. In der deutschsprachigen Schweiz spielt man mit der Sprache; wir verwenden problemlos englische Wörter. Aber in der der Romandie herrschen strikte Regeln zum Gebrauch der Wörter.

swissinfo.ch: Gibt es praktische Probleme bei einem Wegzug in einen anderen Landesteil?

R.N.: Ich nahm Urlaub in meinem Betrieb. Aber natürlich konnte ich einige Geschäfte nicht einfach an Mitarbeiter delegieren. Dazu musste ich jeweils nach Zürich zurück.

swissinfo.ch: Würden Sie Ihre Erfahrung anderen empfehlen?

R.N.: Ich muss ganz ehrlich sein: Es ist sehr teuer, dies zusammen mit der ganzen Familie zu tun. Man braucht eine zweites Haus.

Für mich, der seit 20 Jahren ohne Unterbruch im eigenen Geschäft arbeitet, ist dies möglich. Aber finanziell ist es nicht für jedermann machbar.

swissinfo.ch: Gibt es eine Alternative? Es war eine Tradition, dass Deutschschweizer ein so genanntes Welschlandjahr absolvierten.

R.N.: Das muss man vor 30 machen, bevor man sich niederlässt. Das ist für meine Kinder der Fall. Sie sprechen jetzt perfekt Französisch und haben mein Problem nicht.

Es ist sehr wichtig, während der Schulzeit ein Austauschjahr zu machen. Meine Kinder haben jetzt viele französischsprachige Freunde. Und ich bin sicher, dass viele dieser Freundschaften überleben werden.

Julia Slater, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Englischen: Jean-Michel Berthoud)

Ruedi Noser

Ruedi Noser ist 1961 in Glarus geboren. Er ist verheiratet und hat vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne im Alter zwischen 6 und 11 Jahren.

Die Familie lebt seit Juli 2009 in Versoix, einem Dorf in der Nähe von Genf.

Noser ist Mitglied der Freisinnig-Demokratischen Partei (FDP) und seit 2004 Mitglied des Nationalrats, der grossen Kammer des Schweizer Parlamentes.

Von 2003 bis 2009 war er FDP-Vizepräsident.

Er ist Ingenieur und seit 1996 Alleinbesitzer des Unternehmens Noser Group, das auf Telekommunikation und Informatik spezialisiert ist. Noser Group hat Standorte in der Schweiz, Deutschland sowie Kanada.

Die Noser Grouphatte 2008 420 Vollzeitstellen.

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Antonio Hodgers

Ruedi Noser ist nicht das einzige Mitglied des Schweizer Parlamentes, das seine Sprachkenntnisse durch den Umzug in einen anderen Landesteil erweitern will.

Antonio Hodgers, Vertreter der Grünen Partei in Genf, ist für ein Jahr von Genf nach Bern ungezogen, um dort sowohl Hoch- wie auch Schweizerdeutsch, also Mundart, zu lernen.

Hodgers wurde von Deutschschweizern kritisiert, als er gegenüber einer Zeitung sagte, der verbreitete Gebrauch des Schweizerdeutsch im öffentlichen Leben sei ein "reales Problem für den nationalen Zusammenhalt des Landes".

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Sprachen in der Schweiz

Die Schweiz hat vier offiizielle Landessprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch.

Fast zwei Drittel der Bevölkerung sprechen Deutsch.

Die Alltagssprache Schweizerdeutsch, wobei es zahlreiche Dialekte gibt, unterscheidet sich stark vom Hochdeutsch, das als Schriftsprache verwendet wird.

20% der Bevölkerung sprechen Französisch, 6,5% Italienisch und 0,5% Rätoromanisch.

Wenn Schweizer aus verschiedenen Sprachregionen zum Beispiel an Geschäftstreffen zusammenkommen, sprechen sie oft ihre eigene Sprache, oder alle sprechen Englisch.

Im Nationalrat, der grossen Parlamentskammer, wird eine Simultanübersetzung in Deutsch, Französisch und Italienisch angeboten.

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