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Pflegekinderwesen


"So etwas wie ein schwieriges Kind gibt es nicht"


Von Clare O'Dea, Eggiwil


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Die Organisation Jugendhilfe Integration stellt den meisten der von ihr platzierten Kindern Schulhilfen zur Verfügung. (jugendhilfe-integration.ch)

Die Organisation Jugendhilfe Integration stellt den meisten der von ihr platzierten Kindern Schulhilfen zur Verfügung.

(jugendhilfe-integration.ch)

Untergebracht in neuen, hellen Räumlichkeiten im emmentalischen Eggiwil bietet das Jugendhilfe-Netzwerk Integration umfassende Dienstleistungen für Pflegekinder an. Dazu gehören eine eigene Tagesschule, psychiatrische Betreuung, Unterstützung der Pflegefamilien und ein Fallmanagement.

Das heute im Kanton Bern und darüber hinaus renommierte Netzwerk arbeitet mit 24 Pflegefamilien zusammen. Es sind Elternpaare, die einem strengen Auswahlprozess unterzogen wurden und eine professionelle Ausbildung durchlaufen mussten. Sie werden vom Netzwerk bei ihren Elternpflichten 365 Tage im Jahr unterstützt.

"Besser als die Aeschlimanns hätte es niemand machen können, auch wenn es zwischendurch einmal Vorfälle gab. Sie hatten eine gutmütige und gerade Linie. Es gab Aufgaben und Grenzen, und sie sagten, was Sache war."

Dies ist ein Auszug aus einem Interview im hauseigenen Magazin von Integration, in dem der heute 20 Jahre alte Rico zurückblickt auf die Zeit, als er als Teenager auf einem Bauernhof bei Pflegeeltern aus dem Netzwerk Integration lebte. Die Kinder, die gegenwärtig in Pflege sind, konnten wegen Komplikationen bei der Einholung ihrer Zustimmung nicht interviewt werden.

Einschneidende Massnahme

"Von einer Pflegefamilie aufgenommen zu werden, ist eine sehr einschneidende Massnahme im Leben eines jeden Kindes, man stellt sie vor komplizierte Situationen", sagt Urs Kaltenrieder, Mitbegründer der Institution, gegenüber swissinfo.ch. So könnten simple Dinge, wie ein Kind mit einer Zahnspange auszustatten, zu verfahrenstechnischen Schwierigkeiten führen.

Wenn ein Kind fremdplatziert wird, sind verschiedene Parteien involviert. Die Pflegeeltern sind zuständig für die täglichen Bedürfnisse des Kindes, sorgen dafür, dass sich das Kind gut und sicher fühlt. Daneben müssen die Besuchsrechte der biologischen Eltern geregelt werden. Die gesetzliche Vormundschaft für das Kind kann bei den Behörden eines Kantons oder einer Gemeinde liegen, während ein anderer Kanton oder eine andere Gemeinde finanzielle Unterstützung für das Kind bereitstellt.

"Die verschiedenen Parteien müssen gut zusammenarbeiten, sonst hat das Kind keine Chance. Bei Integration übernehmen wir die Verantwortung, dass das geschieht", erklärt Kaltenrieder.

Ansprechpartner rund um die Uhr

Jedes Kind, das von Integration ins Netzwerk aufgenommen wird, erhält eine spezielle Kontaktperson zugewiesen. Die Kontaktpersonen sind ausgebildete Sozialarbeiterinnen und -arbeiter, die alle Bedürfnisse der Platzierung koordinieren.

Das Team von Integration kann 24 Stunden am Tag erreicht werden, damit die Pflegefamilie und das Kind im Fall einer Krise immer jemanden haben, auf den sie sich verlassen können. "Das macht die Platzierung viel nachhaltiger", erklärt Marc Baumeler, der Direktor des Jugendhilfe-Netzwerks, gegenüber swissinfo.ch.

Einige der Kinder, die an Integration verwiesen werden, haben im Alter von 10 oder 12 Jahren schon mehrere Umplatzierungen hinter sich. "Das ist die eigentliche Tragik. Man sagt in der Fachwelt, dass das Wichtigste bei einem Kind, das langfristig platziert werden muss, die Beziehungskonstanz ist", sagt Kaltenrieder.  

"Die extremste Situation, die ich erlebt habe, war ein 12 Jahre altes Kind, das schon 10 Platzierungen hinter sich hatte. Mit solchen Kindern wird oft viel Aufwand betrieben, man verschreibt ihnen all diese psychologische Betreuung. Implizit werden die Schwierigkeiten dem Kind zugeschrieben. Dem Kind wird vermittelt: Mit Dir stimmt etwas nicht. Aber so etwas wie ein schwieriges Kind gibt es nicht. Nur ein Kind, das sich in einer schwierigen Situation befindet", sagt Kaltenrieder.

"Wenn wir ein solches Kind in unserem Netzwerk aufnehmen und innerhalb unseres Systems beobachten, können wir bestätigen, dass die Symptome, die sich bei dem Kind zeigen – wie Konzentrationsstörungen, auffälliges Verhalten, Beziehungsprobleme – nichts anderes sind als Reaktionen auf die Erfahrungen und ungünstigen Einflüsse, denen es zuvor in einem zerbrochenen System ausgesetzt war."


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch



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