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Zurückhaltende Schweiz nach der Gründung Italiens


Von Daniele Mariani



Agrigent im letzten Dezember: Feierlichkeiten zum 150. Jahrestag der Vereinigung von Italien. (Keystone)

Agrigent im letzten Dezember: Feierlichkeiten zum 150. Jahrestag der Vereinigung von Italien.

(Keystone)

In der Schweiz verfolgte man mit viel Interesse und Sympathie die Ereignisse, die zur Einheit Italiens führten. Bei der Anerkennung Italiens ging die Schweizer Regierung indes behutsam vor. Der Historiker Sacha Zala erläutert die Hintergründe.

Nach der Ausrufung des  Königreichs Italien am 17.März 1861 gehörte die Schweiz  zusammen mit Grossbritannien und den USA zu den ersten Ländern, die von Italien um offizielle Anerkennung gebeten wurden.  Bern reagierte auf die Anfrage sehr zögerlich, sagt der Historiker Sacha Zala.

swissinfo.ch: Am 17. März 1861 wurde das Königreich Italien ausgerufen. Wie reagierte die Schweiz damals?

Sacha Zala: Mit grosser Vorsicht. Als Turin die Nachricht der Gründung des neuen Königreichs nach Bern sandte, meinte der Bundesrat in seiner Antwort, dass er von der neuen Situation Kenntnis genommen habe und unterstrich zugleich die “alten“ guten Beziehungen.

In der Antwort an die italienischen Behörden wird eine Anerkennung des neuen Staates vermieden, der juristisch "nur" als Vergrösserung des Königreichs von Sardinien gesehen wird. Es stimmt, dass in Turin die Depesche aus Bern wie eine Anerkennung verstanden wurde, doch die von der Schweizer Regierung verwendete Formulierung ist absichtlich sehr zweideutig.  

swissinfo.ch: Wie erklärt sich diese Vorsicht?

Das Königreich Italien schuf eine neue Situation. Eine unmittelbare Anerkennung des neuen Staates hätte den Abbruch aller Beziehungen mit den Vorgängerstaaten bedeutet, deren Existenzberechtigung  durch den Wiener Kongress gegeben war.

Der Bundesrat wollte den Abbruch dieser Beziehungen nicht riskieren, zumindest bis zu einer definitiven Klärung der Situation.

Man sollte auch nicht vergessen, dass die heutigen Grenzen Italiens erst nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegt wurden. 1861 war der Status von Venetien, das an die Schweiz angrenzt, noch ungeklärt, genauso wie die Frage des Vatikanstaats.

Es ist somit verständlich, dass die Schweiz behutsam vorging und die Reaktionen anderer europäischer Staaten abwartete.

swissinfo.ch: Gab es auch Grenzstreitigkeiten zwischen der Schweiz und Italien?

Es gab einige kleinere Fälle, vorab im Puschlav und im Tessin. Im Übrigen ging es in den ersten Abkommen, welche zwischen der Schweiz und dem Königreich Italien unterzeichnet wurden, um Fragen zu den Landesgrenzen.

Das Hauptproblem der Schweiz im Jahr 1861 war aber ein anderes: Das Vertrauen in Italien war gering und die Grenzziehung gerade erst erfolgt. Die Abspaltung des Veltlins von Graubünden im Jahr 1797 war nur zwei Generationen alt.

Im eidgenössischen Unterbewusstsein ist das Tessin zu dieser Zeit eine ehemalige Landvogtei. Und mit der Ausbreitung eines Nationalbewusstseins in der zweiten Hälfe des 19.Jahrhunderts, das auf der Einheit von Sprache und Kultur beruht, gab es zweifellos ein Potenzial, die Grenzziehung zu überdenken.

Auf Seiten der Italiener sagte der Piemontese und italienische Staatsmann Camillo Cavour 1861, dass man einen Anschluss des Tessins  an Italien erwägen könne, wenn die Schweiz eines Tages Vorarlberg und Tirol zugesprochen bekäme.

Im Übrigen sind die 1848 während  des Norditalien-Kriegs erbauten  Bollwerke südlich von Bellinzona und das Fort Airolo am St.Gotthard aus der Zeit zwischen 1885 und 1890 in erster Linie anti-österreichische Befestigungen und erst in zweiter Linie anti-italienisch.

swissinfo.ch: Bern schaute somit mit gewisser Sorge in Richtung Süden?

Zweifellos. Die Beziehungen zwischen dem Tessin und der Eidgenossenschaft waren bereits seit 1848 kritisch. Bern verdächtigte den Kanton im Süden, die Aktivitäten von italienischen Revolutionären zu tolerieren, vielleicht sogar zu fördern. 

Aus diesem Grund zwang die Bundesversammlung im November 1848 die italienischen Flüchtlinge im Tessin zu einer Übersiedelung in die deutsche Schweiz.

  

Die Tessiner Kantonsregierung wehrte sich  in einem Brief an den Bundesrat vom April 1853 (in diesem Jahr schloss Österreich die Grenzen und vertrieb rund 6000 Tessiner aus dem Königreich Lombardisch-Venetien; Anm.d.Red.)  vehement gegen den Vorwurf, eine Brutstätte von Revolutionären zu sein. Im gleichen Brief kommen aber die starke Loyalität mit Bern zum Ausdruck und das starke Schweizerische Zugehörigkeitsgefühl.

Trotz aller Schwierigkeiten, mit denen der Kanton Tessin zu kämpfen hatte,  anerkennt er die Kompetenz des Bundesrat auf höchster politischer Ebene.

swissinfo.ch: Bereits kurz nach der Einheit Italiens wird der Schmuggel zu einem ständigen Reibungspunkt zwischen den beiden Nachbarländern. Welche Position vertrat die Eidgenossenschaft?

Das Phänomen des Schmuggels löste  in der Tat einige Irritationen auf italienischer Seite aus. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die Aussagen von Cavour aus dem Jahr 1861 während eines Treffens mit einem Schweizer Gesandten in Turin.

Der italienische Regierungschef äussert sich polemisch in Bezug auf die Schweizer Schmuggler. Im gleichen Moment sicherte er zu, dass Italien keine Retorsionsmassnahmen gegen die Schweiz ergreifen werde. Die Schweiz reagierte mit einer Bestimmtheit, die sie bis heute auszeichnet.

Sie betonte, dass es keine internationalen Verpflichtungen gebe, welche einen Staat zur Regulierung seiner Exporte verpflichte. Aus helvetischer  Sicht stellten diese grenzüberschreitenden Geschäfte nichts Illegales dar. Es handle sich demnach schlicht um Exporte.

swissinfo.ch: Viele italienische Flüchtlinge fanden in der Schweiz Aufnahme. Und die Schweiz beobachtete die Entwicklungen in Italien daher mit gewissem Wohlwollen.

Die Schweiz war das einzige europäische Land, in dem die Revolution von 1848 Wurzeln fasste. Es gab daher in den Nachbarländern starke Vorbehalte, auch ideologischer Art, gegen all die Personen, die in die Schweiz geflüchtet waren.

Die Flüchtlingsfrage erzeugte andererseits einen enormen Druck auf die Schweiz, der man Gleichgültigkeit  vorwarf. Obwohl der Bundesrat versuchte, die Interessen im Gleichgewicht zu halten, sorgte die Flüchtlingsfrage über ein halbes Jahrhundert für Spannungen.

1902 kam es aus diesem Grund  sogar zum vorübergehenden Unterbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Italien.

Schliesslich sollte man auch den religiösen Hintergrund nicht vergessen. Das Tessin und Puschlav waren noch Teil der Diözesen von Como und Mailand. In der Schweiz waren insbesondere die Liberalen froh, wenn der Kirchenstaat geschwächt werden konnte und somit die Kontrolle über die hiesigen Gebiete verlor, die sich bald von den italienischen Diözesen trennen sollten. In diesem Sinne half die Einheit Italiens, die Einheit der Schweiz "zu perfektionieren".

Die Gesamtheit all dieser Entwicklungen hat mit Sicherheit dazu geführt, dass die Wurzeln der Schweiz als Land gestärkt wurden. Die Krise und die Druckversuche von aussen haben zweifellos dazu beigetragen, dass sich damals eine Schweizer Identität gefestigt  hat.

Sacha Zala

Sacha Zala, geb. 1968, Dr. phil., studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Staatsrecht an der Universität Bern und an der University of North Carolina at Chapel Hill.

Er ist Historiker und Direktor der Forschungsgruppe der Diplomatischen Dokumente der Schweiz,  ein Forschungsunternehmen der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW).

Diplomatischer Dokumente der Schweiz

Hinter dem Namen der Diplomatischen Dokumente der Schweiz (DDS) steht ein Projekt zur Edition zentraler Dokumente zur schweizerischen Aussenpolitik.

Den Herausgebern geht es darum, der Forschung und Praxis die amtlichen Quellen in gedruckter und digitalisierter Form zur Verfügung zu stellen, die nötig sind für die Rekonstruktion und das Verständnis der aussenpolitischen Geschichte der Schweiz.

Die Selektion und Edition der relevanten Dokumente erfolgt durch eine aus verschiedenen Schweizer Universitäten gebildete Forschungsgruppe, welche auch die Redaktion des wissenschaftlichen Apparates besorgt.

Als Aktenedition in gedruckter Form existiert bereits eine erste Serie von 15 Bänden (Bde. 1–15 zur Zeitperiode 1848–1945), die zwischen 1979 und 1997 herausgegeben worden ist.

Im Rahmen der zweiten Serie zur Ära des schweizerischen Aussenministers Max Petitpierre (1945–1961) sind sechs Bände (Bde. 16–21) erschienen.


Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob, swissinfo.ch



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