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Gleichstellung und Konsum Ob Mann oder Frau: Der Zeitaufwand ist der gleiche

Nicolas Cettou in seinem Coiffeur-Salon

Um die "Pink Tax" zu bekämpfen, hat der Friseur Nicolas Cettou beschlossen, die gleichen Preise für Männer und Frauen zu berechnen.

(swissinfo.ch)

Frauen sind nicht nur schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen, sie müssen für gewisse Güter und Dienstleistungen auch tiefer in die Tasche greifen. Ein Coiffeur in Lausanne hat beschlossen, dieser Ungleichbehandlung ein Ende zu bereiten und Unisex-Preise einzuführen. Über solche Einzelinitiativen hinaus fordert der Westschweizer Konsumentenverband (FRC) eine landesweite Untersuchung zur "Pink Tax".

"Unisex-Preise ab 1. Februar. Es ist an der Zeit, die Gleichstellung auch bei den Preisen zu beachten", kann man am Schaufenster des Lausanner Coiffeursalons Avant-Propos  lesen.

Die Kundschaft erfährt also noch vor Betreten des Salons: Ob Mann oder Frau, hier gelten für gleiche Leistungen gleiche Tarife. "Der Preis richtet sich nach der Haarlänge", präzisiert Coiffeur Nicolas Cettou.

Erläuterung des Unisex-Preismodells

Vor dem Betreten des Salons wird den Kunden das Unisex-Preismodell erklärt.

(swissinfo.ch)

Bisher bezahlten Frauen für einen Kurzhaarschnitt 90 Franken und Männer 59. Heute liegt der genderneutrale Referenzpreis bei 80 Franken. "Bei uns ist die Leistung ein und dieselbe. Wir schneiden bei allen Frisuren mit der Schere und nehmen uns für jede Kundin und jeden Kunden mindestens eine Stunde Zeit. Es gibt also nicht den geringsten Grund, weshalb eine Frau mehr bezahlen sollte als ein Mann", erklärt der Lausanner Figaro.

"Eine Kundin fragte mich, warum ihr Freund, der einige Tage zuvor bei uns gewesen war, 20 Franken weniger bezahlen musste als sie. Erklärungen hatte ich nicht anzubieten."
Nicolas Cettou

Ende des Zitats

Ungleichbehandlung historisch bedingt

Laut Cettou lassen sich Preisdifferenzen zwischen Mann und Frau heutzutage nicht länger rechtfertigen. Dennoch seien Preisunterschiede von 20 bis 30 Franken keine Seltenheit. Die Gründe für die Ungleichbehandlung sieht er in der geschichtlichen Entwicklung.

"Früher beanspruchten die Herrenschnitte tatsächlich weniger Zeit. Die Haarschnitte waren sehr einfach, und geschnitten wurde mit der Tondeuse. Bei den Damen war es so, dass sie sich eher frisieren als das Haar kürzen liessen", sagt er.

Die Carré-Schnitte und Kurzhaarfrisuren für Frauen haben sich seit den "Golden Twenties" ständig weiterentwickelt, so dass der Arbeitsaufwand für einen Kurzhaarschnitt heutzutage unabhängig vom Geschlecht gleich gross ist. "Die Mode hat sich verändert, die Preisgestaltung jedoch nicht", konstatiert der Friseur.

Um gegen diese fragwürdige Praxis ein Zeichen zu setzen, hat Cettou seine Tarife revidiert. Es war eine Diskussion mit einer Kundin, die ihn zum Umdenken bewog: "Sie hat mich gefragt, warum ihr Freund, der einige Tage zuvor bei uns gewesen war, 20 Franken weniger bezahlen musste als sie. Erklärungen hatte ich nicht anzubieten."

Durchzogene Reaktionen

Seither hat der Salon zwar Kunden verloren, dafür aber Kundinnen hinzugewonnen. Nicolas Cettou räumt ein: "Wir haben die Kundschaft Monate im Voraus informiert und unser Vorgehen begründet. Einige Männer haben das trotzdem nicht nachvollziehen können. Sie fanden, ein Haarschnitt bei uns sei zu kostspielig geworden, und sind weggeblieben."

Eine andere Kundenkategorie hingegen war von der neuen Philosophie des Coiffeurs begeistert und bereit, für die Förderung der Gleichstellung mehr auszugeben. Es gibt sogar Neukunden, die den Salon besuchen, weil sie die gute Sache unterstützen wollen.

Drei Gleichstellungs-Projekte

Im Fahrwasser der #MeToo-Bewegung und des Frauenstreiks vom 14. Juni vervielfachen sich in der Schweiz die Initiativen für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Neben dem vorliegenden Beitrag hat swissinfo.ch bereits zwei weitere Aktionen aus anderen Bereichen vorgestellt: Gleichstellung im öffentlichen Raum und Gleichstellung in der Landwirtschaft.

Infobox Ende

Die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts haben die Neuerung natürlich begrüsst. "Einigen Damen ist das Problem erst so richtig bewusst geworden", stellt Cettou fest. Früher machten die Frauen 65% seiner Kundschaft aus, heute sind es gegen 70%. "Wir werden Ende des Jahres sicher nicht mehr Umsatz verzeichnen, doch ich habe den Eindruck, dass wir gegenüber den Vorjahren auch nicht drauflegen werden", schätzt Cettou.

Marine, die sich gerade einen neuen Haarschnitt verpassen lässt, weiss das neue Geschäftsmodell zu schätzen: "Das ist progressiv und auch nötig. Diese Preisunterschiede sind ärgerlich und ungerecht." Als jemand, der im Verkauf tätig ist, kennt sie sich mit solchen Ungleichbehandlungen aus: "Bei Pflegeprodukten für Frauen beispielsweise sind die Gewinnmargen um einiges höher."

Viertelstunden-Tarife?

Das Wagnis des Lausanner Figaros kann sich in der hart umkämpften Branche, deren Dienstleistungen sich nicht immer problemlos miteinander vergleichen lassen, als durchaus riskant erweisen. "Berufskollegen haben mir im Vertrauen gesagt, sie würden es nicht wagen, Unisex-Tarife einzuführen, aus Angst, allzu viele Kunden zu verlieren."

Daneben werden weitere Tarifsysteme getestet. "Ich kenne einen Coiffeur, der Viertelstunden-Preise eingeführt hat", erzählt Cettou. Eine Option, die ihn nicht unbedingt überzeugt, da er sie für eine potenzielle Stressquelle hält – für den Friseur ebenso wie für die Kundinnen und Kunden.

Cettou, der auch an der Berufsschule in Sitten (Kanton VS) unterrichtet, versucht, den Nachwuchs für die Problematik zu sensibilisieren. "Ich werde mich auch weiterhin mit meinen Kolleginnen und Kollegen austauschen, um Lösungen zu finden", versichert er..

Kosmetik- und Körperpflegeprodukte für Frauen

Kosmetik- und Körperpflegeprodukte für Frauen sind oft teurer. 

(© Keystone / Alexandra Wey)

Die magische Formel: "Nicht vergleichbar"

In der Branche herrschen geradezu schreiende Ungleichbehandlungen. Schätzungen des Schweizer Wirtschaftsmagazins "Bilanz" zufolge können die Preisunterschiede bis zu 50% ausmachen.

"Die Dienstleistungen lassen sich allerdings nur schwer vergleichen", betont Robin Eymann, der beim Westschweizer Konsumentenverband für Wirtschaftspolitik zuständig ist. "Nicht vergleichbar" lautet denn auch das Argument der Marketingabteilungen, wenn es darum geht, Preisunterschiede bei bestimmten Artikeln zu rechtfertigen.

Eine jüngst vom Westschweizer Radio und Fernsehen RTS durchgeführte Untersuchung ist zum Schluss gekommen, dass Frauen allein aufgrund ihres Geschlechts pro Monat mit über hundert Franken Mehrkosten rechnen müssen.

Besonders augenfällig ist die "Pink Tax" bei den Pflegeprodukten. "Man stösst beispielsweise auf rosafarbene Rasierer für Frauen, die um einiges mehr kosten als die völlig identische Version für den Mann", bedauert Eymann.

Wenngleich der Konsumentenverband Preiserhebungen durchführen und Sensibilisierungsarbeit leisten kann, hat er doch keine Handhabe, hier einzuschreiten. Er fordert daher eine landesweite Untersuchung zur "Pink Tax", um dem Problem die nötige Beachtung zu verschaffen.

Das Parlament hat indessen ein Postulat des früheren Nationalrats Jean Christophe Schwaab von der Sozialdemokratischen Partei (SP) abgelehnt, mit dem die Landesregierung beauftragt werden sollte, geschlechtsspezifische Preisunterschiede zu untersuchen.

"Auf politischer Ebene ist die Situation etwas festgefahren. Unsere Hoffnung ist, dass nach den Eidgenössischen Wahlen ein vermehrt weibliches und in dieser Angelegenheit sensibleres Parlament aus dem Urnengang hervorgehen wird", sagt Eymann.

Kleine Fortschritte

Wie der Konsumentenverband jedoch feststellt, ist im März dieses Jahres ein Schritt in die richtige Richtung gemacht worden. Die grosse Parlamentskammer hat einer Motion von SP-Nationalrat Jacques-André Maire zugestimmt, die für Damenhygieneartikel einen reduzierten Mehrwertsteuersatz forderte. Tampons, Binden und Slip-Einlagen sollten demnach künftig mit einem Mehrwertsteuersatz von 2,5 und nicht wie zuvor mit 7,7% besteuert werden.

Da diese Produkte nicht als lebensnotwendige Güter betrachtet werden, gilt derzeit noch der höhere Steuersatz, während bei Streumitteln für Tiere oder Schnittblumen der reduzierte Mehrwertsteuersatz zur Anwendung kommt.

Länder wie Australien, Kanada, Irland, Indien, Kenia, der Libanon, Nicaragua, Nigeria und Tansania haben Tampons und Binden ganz von der Mehrwertsteuer befreit. Die Europäische Union wiederum hat ihre Vorschriften gelockert, damit die einzelnen Mitgliedstaaten für solche Produkte einen reduzierten Mehrwertsteuersatz einführen oder sie ganz von der Mehrwertsteuer befreien können.

>> Interview von RTS mit Nicolas Cettou (Franz.):

Cettou (1)


(Übertragung aus dem Französischen: Cornelia Schlegel)

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Warum fehlt die weibliche Kunst in den Schweizer Museen?

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