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Gletscherschmelze


Glaziologie im Dienst der Opfer des Klimawandels




Dieses friedliche Bild eines verschneiten peruanischen Berggipfels über dem Gletschersee Laguna 513 ist trügerisch. Der Absturz von Eisblöcken kann riesige Flutwellen verursachen, die bewohnte Gegenden bedrohen. Dank Schweizer Hilfe konnte ein Frühwarn-System installiert werden. (Nadine Salzmann)

Dieses friedliche Bild eines verschneiten peruanischen Berggipfels über dem Gletschersee Laguna 513 ist trügerisch. Der Absturz von Eisblöcken kann riesige Flutwellen verursachen, die bewohnte Gegenden bedrohen. Dank Schweizer Hilfe konnte ein Frühwarn-System installiert werden.

(Nadine Salzmann)

Die Folgen der schmelzenden Gletscher können für Menschen, die in den Tälern der Anden und des Himalayas leben, dramatisch sein. Um die Veränderungen zu analysieren und die Risiken vorauszusehen, haben Indien und Peru angewandte Kurse in Glaziologie eingeführt – mit Unterstützung aus der Schweiz.

"Das Ziel unserer Arbeit ist nicht nur, die Gletscher auszumessen und ihre Entwicklung zu beobachten. Es geht zuallererst darum, Wissen zu vermitteln, um Schäden zu vermindern, unter denen Millionen von Menschen leiden, die von den Wasserreserven abhängig sind. Auch geht es darum, Strategien zu entwickeln, um gegenüber dem Klimawandel gewappnet zu sein, der bereits zu ihrem Alltag gehört", sagt Nadine Salzmann. Die 39-jährige Wasser-Expertin der Universitäten Zürich und Freiburg reist etwa drei Mal jährlich nach Indien und Peru, um dort lokale Spezialisten auszubilden.

Die Forscherin ist mitverantwortlich für das Schweizer Konsortium wissenschaftlicher Einrichtungen, das helvetisches Wissen in diese beiden Länder bringt. Denn trotz des Vorkommens von Gletschergebieten klaffen in dortigen Studien über die Entwicklung dieser Wasserreservoirs angesichts der Klimaerwärmung grosse Lücken.

Zudem sei wenig bekannt über die sozialen Auswirkungen, die diese Veränderungen mittel- und längerfristig bringen würden, analysiert die Expertin. "Selbstverständlich lernen auch wir aus dieser Zusammenarbeit", unterstreicht sie.

Peru, das 71% aller tropischen Gletscher besitzt – ausgezeichnete Indikatoren für die Entwicklung des Klimas –, und Indien, das im Norden durch das Himalaya-Gebirge begrenzt ist und dessen Gletscher für eine halbe Milliarde Menschen lebenswichtig sind, möchten diese Wissenslücken stopfen.

Ein Fehler am Anfang

Das mutmassliche Verschwinden der Himalaya-Gletscher bis zum Jahr 2035 – eine irrtümliche Annahme, die 2007 in den 4. Sachstandsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) hineingerutscht war – war gleichzeitig ein Fehler und gab einen Impuls: "Es brachte Indien dazu, das Dossier in die Hand zu nehmen und die Zusammenarbeit mit der Schweiz zu suchen", sagt Salzmann.

"In Folge dieses Berichts begann Indien, massiv in die Glaziologie-Forschung zu investieren, doch dem Land fehlte es an qualifiziertem Personal", sagt Anil Kulkarni, Geologe am Zentrum für Klimawandel des Indian Institute of Science in Bangalore.

"Viele junge Forschende sind nicht genügend ausgebildet, um Feldmissionen durchzuführen. Diesen Mangel gilt es zu beheben." Studien des Instituts zeigen eine Verminderung der Gletscher im Himalaya um 13% während der letzten 40 Jahre.

Schweizer Kooperation und Klimawandel

Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) hat 2009 das Netzwerk "Klimawandel und Umwelt" ins Leben gerufen. Es zielt darauf ab, die Folgen der globalen Erwärmung auch durch die Verringerung der Armut zu mildern.

Die Projekte konzentrieren sich auf die Anden, Indien und China (wo ebenfalls ein Frühwarn-System eingerichtet wurde). Sie konzentrieren sich besonders auf Bereiche, in denen die Schweiz über wichtige Kenntnisse verfügt, wie Glaziologie, Wasserbewirtschaftung, Gefahrenprävention und Energieeinsparungen.

Das Programm zum Aufbau von Wissen im Bereich der Glaziologie am Himalaya begann 2013. Die Ausbildungskurse wurden gemeinsam auf die Beine gestellt von der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und dem indischen Departement für Wissenschaft und Technologie (DST).

"Von der Führungsrolle der Schweiz betreffend Monitoring und Modellrechnungen bei den Himalaya-Gletschern erhoffen wir uns, dass diese wissenschaftliche Zusammenarbeit uns helfen wird, das Verständnis für den Einfluss des Klimawandels auf die Wasserversorgungs-Sicherheit des Subkontinents zu verbessern", kommentiert Kulkarni. Er koordiniert das Schulungsprogramm für Gletscher-Experten gemeinsam mit dem Geografen Markus Stoffel von der Universität Genf.

Schweiz an der Spitze

Indien verfüge über ein enormes Potenzial, schätzt Nadine Salzmann. "Das Land ist ausgezeichnet in den Bereichen Mathematik und Physik, doch es will dieses Wissen mit Hilfe von integriertem Denken im Feld anwenden; und in diesem Bereich verfügen wir über grosse Erfahrung, die wir den Indern weitergeben können. Unser Team besteht nicht allein aus Glaziologen. Wir sind eine interdisziplinäre Gruppe, bei der Ethnologen, Soziologen, Hydrologen und andere Experten mitarbeiten."

Die Schweiz ist auch an der Entwicklung internationaler Messnetze beteiligt, um den Klimawandel zu überwachen. Ein Bereich, in dem das Verhalten der Gletscher ein wichtiges Element ist.

Der internationale Ruf der Schweizer Gletscherforschung basiert namentlich auf dessen frühen Anfängen. Bereits 1893 wurde ein erstes wissenschaftliches Berechnungsmodell erarbeitet. Und die Schweizer Forschung war massgeblich an der Koordination der ersten systematischen Messungen in der Welt beteiligt.

Es ist daher kein Zufall, dass sich der Sitz des in über 30 Ländern aktiven Welt-Gletscher-Beobachtungsdienstes (World Glacier Monitoring Service, WGMS) in Zürich befindet. Es ist auch in der Schweiz, wo sich die am längsten ohne Unterbrechung durchgeführte Gletscherbeobachtung befindet: Auf dem Claridenfirn im Kanton Glarus werden seit 100 Jahren Messungen durchgeführt.

Nadine Salzmann an einem Kurs über angewandte Glaziologie mit indischen Wissenschaftlern. (Nadine Salzmann)

Nadine Salzmann an einem Kurs über angewandte Glaziologie mit indischen Wissenschaftlern.

(Nadine Salzmann)

Am Limit in den Anden

Auf der anderen Seite der Erde, in den südamerikanischen Anden, haben die Gletscher in den letzten 40 Jahren bereits 42% ihrer Oberfläche verloren. Und verschiedene Experten schätzen, dass in den nächsten Jahrzehnten zusätzliche 30% verloren gehen.

Auch dort erarbeitet die Schweiz seit 2011 gemeinsam lokale technische Kapazitäten, um diesen beschleunigten Rückgang der Gletscher zu messen. Dies in einer Region, wo der Klimawandel bereits einschneidende Veränderungen im Leben der Bauern auf dem Altiplano verursacht.

"Hier in der Region von Cusco, wo ich mich gegenwärtig befinde, leben die Menschen dauerhaft auf einer Meereshöhe von über 4000 Metern. Für ihren Lebensunterhalt sind sie auf Niederschläge angewiesen, und während den Dürreperioden nutzen sie das Wasser der Gletscherseen", sagt der Agro-Ingenieur Nilton Montoya.

"Aus diesem Grund müssen wir wissen, wie und wie schnell die Gletscher verschwinden werden. Das würde uns sehr helfen, Lösungen für ein soziales Problem zu finden, das Peru in Zukunft heimsuchen wird. Dank der Zusammenarbeit mit der Schweiz sind wir gewarnt."

Lima-Konferenz

In der peruanischen Hauptstadt Lima wird vom 1. bis 12. Dezember 2014 die 20. Klimakonferenz stattfinden. Sie gilt als entscheidende Etappe im Vorfeld des nächsten jährlichen Treffens im Dezember 2015 in Paris, an der die Staaten aufgefordert werden sollen, eine globale Vereinbarung über die Verringerung von Emissionen ab 2020 zu genehmigen.

In Lima, unterstreicht das Bundesamt für Umwelt (Bafu) in einer Mitteilung, werde sich die Schweiz für "namhafte Fortschritte" bei der Erarbeitung des Abkommens von 2015 einsetzen.

"Nach Ansicht der Schweiz müssen alle Staaten entsprechend ihrer Verantwortung und ihren Kapazitäten in das Abkommen eingebunden werden. Dabei sind die Bedürfnisse der am wenigsten entwickelten Länder zu berücksichtigen."

In der peruanischen Hauptstadt wird auch die Frage der Finanzierung der Klimapolitik in Entwicklungsländern und die Schaffung eines Grünen Fonds für das Klima erörtert, bei dem die Schweiz bis zu 100 Mio. US-Dollar beisteuern könnte.

Die Schweiz werde ihr Reduktionsziel für 2030 im Frühjahr 2015 vorstellen, so das Bafu. Die Klima-Allianz, der verschiedene Schweizer Umwelt-Organisationen angehören, verlangt eine Reduktion von 60% gegenüber dem Emissions-Ausstoss von 1990.

Der Dozent an der Universidad Nacional de San Antonio Abad del Cusco (UNSAAC) arbeitet zusammen mit den Nachdiplom-Kursen in Glaziologie, Klimawandel und Risikomanagement von Naturkatastrophen im Hochgebirge, welche die Deza gemeinsam mit drei peruanischen Universitäten im Rahmen des Gletscher-Projekts ins Leben gerufen hat.

"Die Schweiz hat die Samen gepflanzt, die jetzt keimen. Die Schweizer Wissenschaftler haben uns dort, wo wir Schwächen hatten, sehr geholfen. Sie haben uns beigebracht, anzuwenden, was wir im Feld gelernt hatten, wissenschaftlich vorzugehen, Studien zu realisieren und uns mit anderen Wissenschaftlern zu vernetzen", erklärt Montoya.

In der Bergkette Cordillera Vilcanota wurden die ersten Massnahmen der Region umgesetzt. "Wir haben 2010 angefangen, und heute haben peruanische Techniker übernommen", sagt Nadine Salzmann. "Wir hoffen, dass diese Arbeit nachhaltig ist und dazu beiträgt, in den öffentlichen Universitäten eine Forschungskultur zu etablieren."

Erstes Frühwarn-System in Peru

Die Inbetriebnahme des ersten Frühwarn-Systems im Bergsee Laguna 513 in der Weissen Kordillere ist ein Beispiel für die breite Palette an schweizerisch-peruanischen Allianzprojekten angesichts des Klimawandels.

Das Herunterfallen enormer Eisblöcke vom Berg Hualcán führte in diesem Bergsee zu Flutwellen, die schlimme Auswirkungen auf die Bevölkerung des Städtchens Carhuaz hatten. Nach einem solchen Bergsturz aus Eis, der 2010 im etwa einen Kilometer langen Bergsee zu einer 28 Meter hohen Flutwelle führte, zeigte sich, dass eine Überwachung unentbehrlich ist.

"Mit dem System von Sensoren, Regenmessern und Videokameras erhält die Gemeinde Informationen in Echtzeit", erklärt Salzmann. "Und für den Fall einer Gefahr haben wir einen Evakuationsplan geschaffen, mit Sicherheitszonen und einem Koordinationssystem zwischen den verschiedenen Akteuren."

Die Schweiz hat ein massgebliches technisches Wissen entwickelt, um solche Systeme in ihren alpinen Zonen einzusetzen, und dieses hat sie nun an Peru weitergegeben.

"Damit können wir zeigen, dass man angesichts der täglichen Risiken des Klimawandels wirklich konkrete Antworten geben kann. Und das mit einem Multiplikator-Effekt", sagt Jean-Gabriel Duss, Deza-Direktor in Peru.


(Übertragen aus dem Französischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch

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