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Grenzgänger aus Hochsavoyen "Schweizer buhlen nicht um Jobs in der Hotellerie"

Der Lohn ist nicht die einzige Motivation für Stéphane Garnier, täglich den Genfersee zu überqueren, um in der Schweiz arbeiten zu gehen.

(swissinfo.ch)

Stéphane Garnier ist verantwortlich für die Kostenkontrolle im Hotel Beau-Rivage Palace in Lausanne. Jeden Tag fährt er mit dem Schiff vom französischen Evian zur Arbeit in die Waadtländer Hauptstadt. Ein Transportmittel, das er gegen nichts auf der Welt eintauschen möchte. Ein Porträt.

Wer sind die Grenzbewohner in der Schweiz?

swissinfo.ch trifft diese Menschen, die jeden Tag die Grenze überschreiten, um in verschiedenen Teilen der Schweiz zu arbeiten. In 15 Jahren hat sich die Zahl der Grenzgänger von 160'000 auf fast 320'000 verdoppelt. Wir widmen ihnen eine Reihe von Portraits, um ihre Motivationen, ihre Herausforderungen und ihr Verhältnis zur Schweiz besser zu verstehen.

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Sind die Kursschiffe der Schifffahrtsgesellschaft CGNexterner Link, welche die Strecke Evian-Lausanne und Thonon-Lausanne zurücklegen, ein Beschäftigungsbarometer in der Westschweiz? Stéphane Garnier, der in der an Evian-les-Bains angrenzenden Seegemeinde Publier lebt, stellt jedenfalls fest, dass sich die Zusammensetzung der Grenzgänger verändert hat, denen er seit fünfzehn Jahren täglich auf den CGN-Schiffen begegnet.

"Ich begegne dort immer mehr Bauingenieuren und Informatikern. Früher arbeitete die Mehrheit der Passagiere in Dienstleistungsbetrieben wie Hotels, Spitälern und Kliniken, Lebensmittelgeschäften oder Coiffeursalons", sagt er.

Im Kanton Waadt arbeiteten 2016 rund 29'000 Grenzgängerinnen und Grenzgänger (6,5% der Erwerbsbevölkerung), eine Zahl, die sich seit 2000 verdreifacht hat. Viele von ihnen machen die Reise mit dem Schiff. Aber man muss früh aufstehen: Die erste Überfahrt startet um 5 Uhr 40.

Am Genfersee haben die Grenzbewohner die Touristen ersetzt

Im Evian-Kasino

"Ich habe 2002 im Beau-Rivage Palace angefangen", erinnert sich Stéphane Garnier, 45, verantwortlich für die Kostenkontrolle des Palace und dessen Nebengebäude. Sein Vater war Koch, Metzger und Fleischer und hatte seine Lehre in den 1960er-Jahren in Genf abgeschlossen.

Stéphane Garnier hatte als junger Mann eine Hotelfachschule in Hochsavoyen absolviert. Im Alter von 17 Jahren ging er nach England, um in einem Restaurant als Angestellter zu arbeiten. Für den Militärdienst musste er zurück nach Frankreich, wo er danach als Barmann auf einer Hubschrauberbasis im französischen Departement Var angeheuert wurde.

Mit 20 Jahren ging er als "Chef de Service" ins Casino d'Evian (1 Michelin-Stern). Nach fünf Jahren verschlug es ihn nach Paris in die Brasserie des Eifelturms, wo täglich 800 bis 1000 Gäste bedient werden.

Während der Fussball-Weltmeisterschaft von 1998 war er im Le Nôtre auf den Champs-Elysées tätig, wo er im Stade de France auf der VIP-Loge des Accor-Konzerns zum Rechten schaute. Er behält diese Zeit, als Frankreich im Finalspiel Brasilien bezwang, in bester Erinnerung. Schliesslich krönt er sein Curriculum vitae mit einer Stelle bei den Gebrüdern Philippe und Christian Conticini. Der eine ist Koch, der andere ein bekannter Konditor.

Nach einem Aufenthalt bei La Table d'Anvers in Paris (1 Michelin-Stern) kehrt er nach Hause zurück: "Ich vermisste Savoyen." 2000 wurde er von Martial Braendle an der Auberge de Vouvry im Kanton Wallis eingestellt (ebenfalls 1 Michelin-Stern).

Das war seine erste Stelle in der Schweiz und als Grenzgänger. "Braendle war ein Schüler von Freddy Girardet, und weil wir sonntags geöffnet hatten, kamen oft Philippe Rochat und Denis Martin vorbei, um nach dem Radfahren bei uns zu essen."

Im Oktober 2002 wurde er im Beau-Rivage Palaceexterner Link von Direktor Christian Marich als Chef des Zimmerservices eingestellt. Das Restaurant biete jeden Luxus, sagt Garnier, der dort Mahlzeiten zu jeder Tages- und Nachtzeit serviert.

2003 verwandelt sich das Beau-Rivage in eine Festung, um unter höchsten Sicherheitsmassnahmen die G8 von Evian, die auf 20 Länder erweitert wurde, zu empfangen. Staatschefs aus China, Indien, Südamerika und Afrika werden unter Bewachung bewirtet. Auf dem Genfersee darf kein Schiff verkehren, ausser diejenigen, die Delegationen zwischen Evian und Lausanne befördern.

Der damalige Bundespräsident Pascal Couchepin begrüsst den König von Saudi-Arabien. Französische Marinetaucher kontrollieren den Lausanner Hafen von Ouchy. Ein aussergewöhnliches Ereignis für alle Mitarbeitenden. Das Team, das sich um die für die Delegationen reservierten Suiten kümmert, muss gut eingespielt sein. 

Rechnungsprüfer

2004 schlägt ihm der Leiter der Kostenkontrolle vor, an seiner Seite zu arbeiten. Inzwischen hat er an der Universität Genf ein Diplom für Managementkontrolle erworben, das ihm dienlich sein wird. "Ich bin ein ziemlich kantiger Mensch, und dieser Job passt zu mir", sagt er.

Die neue Ausrichtung des Jobs hat Vorteile, insbesondere die regelmässige Arbeitszeit mit freien Wochenenden und Abenden fürs Privatleben. "Ich war damals 32 und hatte seit dem 17. Lebensjahr gearbeitet. Es war eine neue Herausforderung."

Nach 6 Jahren wird er verantwortlich für die Kontrolle der Kosten, nicht nur des Beau-Rivage, sondern auch des Hôtel d'Angleterre & Résidence, des Palafitte in Neuenburg und des Château d'Ouchy, das gleichzeitig wie das Palace Lausanne von der Sandoz-Familienstiftung erworben wurde.

"Die Schweizer und Savoyer Fahnen sind sich ähnlich, genau wie unsere Vergangenheit, was in den Geschichtsbüchern ein bisschen vergessen geht…"

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Für Pendler mit Büro-Arbeitszeiten sind die Fahrpläne der CGN einfacher. "Ich nehme morgens das Schiff um 7 Uhr und abends jenes um 18 Uhr 40. Ich würde diese Art des Reisens gegen nichts auf der Welt eintauschen. Die Überfahrt dauert 35 Minuten. Die Schiffe sind zum Bersten voll. Wer sich setzen will, muss 10 Minuten vor der Abfahrtszeit dort sein. Die Besucherzahl hat sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt." 

Fast nur Vorteile

Stéphane Garnier hat nie daran gedacht, auf Waadtländer Boden zu leben. "Meine Tochter ist zehn Jahre alt und folgt dem französischen Programm. Ich hänge sehr an meinen savoyardischen Wurzeln. Unsere Schweizer und Savoyer Fahnen sind sich ähnlich, genau wie unsere Vergangenheit, was in den Geschichtsbüchern ein bisschen vergessen geht...."

Auch in Bezug aufs Portemonnaie stellt sich die Frage nicht. Leben in Frankreich und Arbeiten in der Schweiz bietet viele Vorteile, trotz des Abonnements der CGN und der mit dem Zustrom von Grenzgängern gestiegenen Lebenshaltungskosten. "Wir haben zwar die teuersten Supermärkte in Frankreich und Mietpreise, die nicht weit von jenen in Paris entfernt sind. Aber es ist immer noch billiger als in Lausanne oder Genf."

Auf die Frage, ob ihm die Schweizer manchmal zu verstehen geben, dass sie Opfer der Grenzgänger seien, reagiert Garnier mit einem Lächeln: "Zumindest nicht in der Hotellerie, wo die Schweizer nicht um Stellen buhlen."

Der Einkommensunterschied verringert sich: Ein Gehalt von 4000 Franken ist immer weniger attraktiv. Steuern werden von Frankreich gemäss Steuererklärung erhoben, und die Krankenversicherung zieht 8%, demnächst sogar 12%. "Aber es geht nicht nur ums Geld", sagt Garnier. "In einem aussergewöhnlichen Umfeld zu arbeiten, ist unbezahlbar."


(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)

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