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Hauptstadt-Region bläst zu ökonomischer Aufholjagd


Von Scott Capper


Der Standort Bern verfügt zwar über politsche Glaubwürdigkeit, aber über wenig wirtschaftliche Anerkennung. (RDB)

Der Standort Bern verfügt zwar über politsche Glaubwürdigkeit, aber über wenig wirtschaftliche Anerkennung.

(RDB)

Bern ist zwar politische Hauptstadt der Schweiz, hängt wirtschaftlich aber weit hinter den Metropol-Regionen Zürich, Genf und Basel zurück. Das will der vor rund einem Jahr gegründete Verein Hauptstadtregion Schweiz ändern.

Auf Beobachter macht Bern oft den Eindruck von Provinzialität, Gemütlichkeit, ja gar Gemächlichkeit.

Dabei ist die Stadt in der Aareschlaufe Sitz von Regierung, Parlament und dem grössten Teil der Bundesverwaltung. Das macht Bern unzweifelhaft zum politischen Nabel der Schweiz. Wirtschaftlich gesehen liegt die Hauptstadtregion aber im Hintertreffen. Dynamisierung der Wirtschaft lautet deshalb das Ziel des Vereins Hauptstadtregion Schweiz, dem fünf Kantone angehören.

Bisher wenig gefruchtet 

Dieses Ansinnen ist jedoch nichts Neues. Vor einigen Jahren waren schon die Promotoren von Espace Mittelland, der auch aus fünf Kantonen besteht, mit dem Vorhaben angetreten, die regionale Wirtschaft zu beleben und das Image Berns im In- wie Ausland aufzuwerten.

2010 folgte die Standortförderung mittels einer Agentur mit dem hochtrabenden Namen Greater Geneva Bern Area. Hier sind sechs Westschweizer Kantone mit an Bord. Den gewünschten Erfolg zeitigte aber bisher keine dieser Initiativen.

Nun soll es also der Verein Hauptstadtregion Schweiz richten, respektive den Raum Bern zu einer Drehscheibe für Politik und Wirtschaft machen.

Federführend sind Stadt und Kanton Bern, beteiligt sind aber auch Städte und Regionen wie La Chaux-de-Fonds, das Drei-Seen-Gebiet sowie das Wallis.

Die Herausforderungen sind riesig: Einerseits gibt es keine Marke "Bern", die sowohl im In- wie im Ausland Profil hätte. Eine Ausnahme ist der Tourismus mit dem Berner Oberland, gruppiert um das Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau. Aber auch hier dominiert nicht Bern als Marke, sondern Regionen wie das Jungfraugebiet, Grindelwald oder Gstaad. Andererseits ist die interne Konkurrenz durch Zürich und Genf schier übermächtig.

Eine Frage des Flughafens? 

Für Daniel Müller-Jentsch von Avenir Suisse, dem Think Tank der Schweizer Wirtschaft, fängt es bereits bei den Bevölkerungszahlen an. "Zürich und Genf haben in den letzten Jahrzehnten mehr Menschen aus dem Ausland angezogen, ihr Bevölkerungswachstum liegt rund 50% über dem Schweizer Durchschnitt. Bern und Basel aber liegen um 50% unter den nationalen Wachstumsraten", sagt der Projektleiter.

"Internationale Konzerne und Einwanderer haben Bern wahrscheinlich weniger auf dem Radar als Zürich oder Genf", so Müller-Jentsch. Den Grund dafür sieht er auch im Fehlen eines internationalen Flughafens, wie ihn die drei Metropolenräume Zürich, Genf und Basel haben. Der Berner Wirtschaft fehle es an Dynamik, weil die Region Bern eher von der Bundesverwaltung bestimmt werde.

Diese These vertritt auch Heike Mayer, Professorin für Wirtschaftsgeographie an der Universität Bern, die im Auftrag des Vereins das Potenzial der Hauptstadtregion Schweiz auslotete.

"Es gibt eine stabile Wirtschaft, weil die Regierung stabile Arbeitsbedingungen in Form von Langzeit-Anstellungen bietet", sagt Mayer. Kleinere und mittlere Betriebe würden zwar einen starken Mix bilden, aber unternehmerisches Denken sei in der Region Bern weniger ausgeprägt als anderswo.

Die Professorin betont aber, dass Bern im Vergleich mit anderen Hauptstädten gut dastehe, auch in ökonomischer Hinsicht. Dennoch: Mit Washington, Ottawa oder etwa Wien, Brüssel und Canberra könne Bern nicht mithalten.

Diese Städte würden zusätzlich zur Hauptstadtfunktion, die eine gewisse Stabilität garantierten, eine Strategie der Diversifizierung und Expansion verfolgen. Im Zentrum dieses Kurses stünden wissensbasierte Unternehmen und Industrien. "Das ermöglicht diesen Städten, Schritte zur Erweiterung ihrer wirtschaftlichen Basis zu tun", sagt Mayer.

Nische besetzen

Ihre Empfehlung an die Auftraggeber lautet, dass Bern sich zu einem Zentrum für Entscheidungs-Findung entwickeln solle. Dies könnte mit einer Stärkung der Rolle Berns als nationaler Debattier- und Verhandlungsort erreicht werden. Dazu müssten Stadt und Region Bern die erforderliche Tagungs- und Kongressinfrastruktur ausbauen.

Daniel Müller-Jentsch von Avenir Suisse sieht für Bern ebenfalls eine Nischenstrategie im Vordergrund. Er betont, dass auch Zürich mit dem Fokus auf den Finanzsektor und Genf als Hauptsitz für internationale Konzerne eine solche verfolgen.

Bern verfüge nicht nur über die Bundesverwaltung, sondern auch über Dienstleistungsunternehmen, deren Aktivitäten einen Mehrwert zur Tätigkeit der Behörden darstellten.

"Es ist wichtig, Stärken wie diese zu fördern, denn eine Konzentration allein auf die Verwaltung wäre gefährlich", ist für Müller-Jentsch klar.

Daneben nennt er die kurzen Distanzen, gepaart mit einem gut ausgebauten öffentlichen Verkehr als weitere Vorteile, die Bern nutzen könne. Denn Zürich und Genf seien zu Opfern ihres eigenen Erfolgs geworden, sagt Müller-Jentsch mit Blick auf die dortigen Wohnungsknappheit und ausgelasteten Transportkapazitäten.

Weil die Schweiz als ein einziger grosser Stadtraum funktioniere, könnte Bern als Stadt in der Mitte in die Bresche springen und sich als Alternative anbieten.

Hauptstadtregion Bern

Dem Verein gehören die fünf Kantone Bern, Freiburg, Neuenburg, Solothurn und Wallis an.

Ferner 12 Städte, darunter Bern, Freiburg, Thun, Solothurn, Biel und La Chaux-de-Fonds sowie regionale und kommunale Organisationen.

Die Städte Neuenburg und Bulle haben Beobachterstatus, ebenso die Region Emmental.

Die Strukturen der Organisation ist bewusst offen gehalten.

"Sport-Hauptstadt" Bern

Bern war in den letzten Jahren Gastgeberin mehrerer grosser Sportanlässe.

2011 fanden die Europameisterschaften im Eiskunstlaufen statt.

2009 richtete Bern die Eishockey-A-Weltmeisterschaft aus.

2008 war Bern Spielort der Fussball-Europameisterschaften. Zehntausende von friedlichen Fans, die meisten aus den Niederlanden, nahmen im Sommer die Bundesstadt während zweier Wochen in Beschlag.

Es war der grösste Sportanlass, der je in der Schweiz stattgefunden hat.

Der Schweizer Cupfinal im Fussball findet dieses Jahr nach längerem Unterbruch wieder in Bern statt, im Stade de Suisse.

1954 schrieb Deutschland mit dem "Wunder von Bern" Fussballgeschichte, mit dem Sieg im Weltmeisterschaftsfinale über Favorit Ungarn. Schauplatz war das legendäre Wankdorf-Stadion.

Bern war auch lange Zeit Etappenziel der Tour de Suisse.


(Übersetzung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch



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