Heile Heidi-Schweiz oder gewollte Verwilderung

Urwald-Reservat Boedmeren im schwyzerischen Muotatal.

(Keystone)

Der Wildnis-Diskurs liegt im Trend. Die genutzten Agrarflächen schrumpfen, Wälder breiten sich aus. In der Schweiz wie im übrigen Europa.

Soll diese neue Wildnis "genutzt" werden, wenn überhaupt? Nicole Bauer von der Eidg. Forschungsanstalt WSL setzt sich mit der Wahrnehmung von Wildnis auseinander.

Unbemerkt von der öffentlichen Diskussion und Meinung breiten sich in der Schweiz die Wälder wieder aus, denn der landwirtschaftlich genutzte Boden schrumpft.

Doch auch der wachsende Wald wird immer weniger bewirtschaftet. Die Debatten um die Natur, seit langem ökologisch dominiert, wird durch den trendigen Wildnis-Diskurs bereichert.

Auch das Interesse um den eingewanderten Bär zeigt, dass grundsätzliche Entscheidungen fällig sind. Hat die Natur auch weiterhin ordentlich auszusehen, wie dies vor allem traditionelle Wanderer lieben, oder sollen ganze Täler verwildern, wie dies im Nationalpark der Fall ist?

Nicole Bauer leitet an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft das Projekt "Befürwortung und Ablehnung von Wildnis". Mit einer Umfrage ermittelte sie dabei die Einstellung der Bevölkerung zu Wildnis und Renaturierungs-Prozessen.

swissinfo: Wie lässt sich das Verhältnis des Schweizers zu seiner Natur beschreiben?

Nicole Bauer: Das Wichtigste ist, dass das Verhältnis eines Menschen zur Natur und jenes zur Wildnis völlig verschieden sein kann. In unserer Umfrage haben wir in vier Typen unterschieden, was das Verhältnis Mensch-Natur betrifft.

Der Natur-Liebhaber - sein Anteil beträgt 31,7% an der Gesamtbevölkerung - ist städtisch, und möchte, dass die Natur sich frei entwickelt. Der Typus Natur-Sympathisant, mit einem Anteil von 18,2%, auch eher urban, findet Naturschutz theoretisch eine gute Sache, ohne sich allzu fest mit der Natur verbunden zu fühlen. Viele Umweltschützer gehören zu diesem Typus.

Der Typus Naturbeeinflusser, 22,8%, auch eher städtisch, findet, der Mensch solle die Natur gestalten und eingreifen. Bei den Tessiner und Romands ist dieser Typus besonders häufig vertreten.

Der vierte Typus schliesslich ist der Naturnutzer mit einem Anteil von 27.3%, auf dem Land aufgewachsen, beruflich und emotionell mit der Natur verbunden. Dieser meint, die Natur müsse bewirtschaftet und das Erscheinungsbild konstant gehalten werden.

swissinfo: Will der Schweizer nun ein ausgeschildertes Wander-Paradies mit sauberen Pfaden oder die totale Wildnis?

N.B.: Kommt ganz auf den Grad der eigenen Betroffenheit an. So sprechen sich die beiden urbanen Typen Natur-Liebhaber und –Sympathisant, zusammen 49,9%, eher für Wildnis und Verwilderung der Landschaft aus. Natur-Beeinflusser und -Nutzer, 50,1%, jedoch sind eher dagegen, weil sie von der Verwilderung selber betroffen wären.

Natur-Nutzer, die auf dem Land leben, haben oft auch Angst vor einer Verwilderung. Sie fürchten Vergandung und Verbrachung sowie die dadurch entstehende Unsicherheit.

swissinfo: Ist diese Furcht, dass die Auswilderung, also der Rückzug aus der Bodenbewirtschaftung, zu Bodenerosion führt, begründet?

N.B.: An den meisten Standorten in der Schweiz ergibt sich spontan eine Wiederbewaldung. Wird eine Wiese nicht mehr genutzt, wachsen zuerst Büsche und dann je nach Besonnung und Standort die entsprechenden Baumarten. Welchen Einfluss dies auf Sicherheit und Erosion ausübt, ist nicht eindeutig. Häufig haben die Wälder aber eine Schutzfunktion.

swissinfo: Was bedeutet denn die Verwilderung für das Landschaftsbild?

N.B.: Aus traditioneller Sicht ist ein verwildertes Landschaftsbild unerwünscht. Da dominiert dann doch diese spezifische heile Heidi-Schweiz. Andererseits ist es zu einem Trend geworden, Wildnis als etwas Gutes zu erachten.

In Europa lässt sich Ähnliches beobachten. In Deutschland überliess man gewisse Gebiete sich selber, damit sie verwildern. In der Schweiz sind echte Verwilderungen nur selten zu finden. Grosse Flächen sind nicht betroffen.

Liesse man grosse Flächen verwildern, würde die Wildnis-Akzeptanz hierzulande wohl schnell sinken. Auch touristisch liegt der Reiz der Wildnis darin, dass sie vorläufig noch so selten zu finden ist.

swissinfo: Die Schweiz ist extrem ungleich besiedelt. Das Wildnis-Potenzial liegt wohl vor allem in den Alpen?

N.B.: Ja, wobei auch dort viele Gebiete genutzt werden. Falls sich dies ändert, entstehen schnell grosse Flächen, die verwildern könnten. Eine weitgehend unberührte Natur, also Wildnis, besteht bereits in den hochalpinen Gebieten.

Aber diese ist in der Wahrnehmung der Bevölkerung nicht so eng mit Wildnis verbunden wie Wälder mit viel herumliegendem Totholz.

swissinfo: Wie sieht die Situation in Deutschland aus?

N.B.: In Deutschland gibt es viele Initiativen von Naturschutz-Verbänden, Wildnis und Verwilderung zu fördern. Zahlreiche Projekte von wilden Wäldern, deren Nutzung aufgegeben wurde, existieren, vergleichbar mit dem Sihlwald bei Zürich.

Kleine Flächen und Gelände werden dabei ausgewildert. Es ist momentan ein Trend, die Natur sich selber zu überlassen.

swissinfo: Und innerhalb der Schweiz, unterscheidet sich die Wildnis-Sichtweise stark?

N.B.: Was unsere Erhebung betrifft, zeigt sich, dass Tessiner und Romands sehr ähnlich denken. So ist beispielsweise der Typus Natur-Beeinflusser im Tessin und in der Romandie besonders verbreitet.

Allerdings scheren die Tessiner in einem Punkt aus: Weder die Romands noch die Deutschschweizer fühlen sich durch Verwilderung in ihren Freizeit-Aktivitäten gestört – die Tessiner jedoch sehr.

Das liegt daran, dass die Tessiner das reale Bild von Verwilderung viel besser kennen, da viele ihrer Täler bereits entvölkert sind.

swissinfo, Interview: Alexander Künzle

Fakten

Die laufende Wildnis-Debatte findet in erster Linie zwischen Politikern, Naturschutz-Verbänden und der betroffenen Bevölkerung statt.
Die Meinung und die Ansprüche der breiten Bevölkerung zu Wildnis und Verwilderung sind unklar.
Dies zu wissen ist aber nötig, um die Landschaft so zu entwickeln, dass diese von der breiten Bevölkerung mitgetragen wird.

In Kürze

1,2 Mio. Hektaren, ca. 30% der Landesoberfläche, ist bewaldet.

73% ist öffentlicher Wald, 27% ist privat.

Ansprüche an Wildnisgebiete:

Nur 22,6% der Antwortenden sind dafür, dem Menschen den Zugang zur Wildnis zu verbieten.

80% finden, Hunde sind an der Leine zu führen.

65% wollen das Entfachen von Feuer verbieten.

59% sind für ein Sportverbot,

52% für ein Wegegebot.



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