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Für das Berner Gymnasium Neufeld hat der Besuch am Internationalen Filmfestival Freiburg Tradition. Und so hiess es auch dieses Jahr für 150 Schülerinnen und Schüler: Raus aus dem Klassenzimmer und ab in den Kinosaal. Gezeigt wurde ein Film aus Peru.

"Ich habe nicht ganz alles verstanden, vielleicht 90%. Es wurde sehr schnell gesprochen und mit einem anderen Akzent, als ich ihn von Argentinien her gewohnt bin", sagt Leonie Marti. Die Geschichte habe sie jedoch begriffen, so die 18-Jährige, die ein Jahr als Austauschschülerin in Patagonien, im Süden Lateinamerikas, verbracht hatte.

Leonie sass zusammen mit 150 weiteren Schülerinnen und Schülern ihres Gymnasiums im Kinosaal, in Begleitung ihrer Spanischlehrer Enrique Ros und Antonio Moreno. Seit Jahren gehört der Besuch am Filmfestival zum Unterricht, ist quasi Tradition geworden.

"Ich verstehe diesen Festivalbesuch als Erziehungsauftrag. Es geht um eine Horizonterweiterung auf verschiedenen Ebenen. Die Filme hier behandeln Themen, die in einer Ästhetik gehalten sind, der die Schüler sonst nicht ausgesetzt sind oder sich nicht aussetzen können oder wollen. Ich hoffe, dass etwas hängen bleibt", betont Ros.

Universelle Themen

Der 1985 gedrehte Film "La ciudad y los perros" (Die Stadt und die Hunde) von Francisco Lombardi, einem der grössten peruanischen Filmemacher, basiert auf dem gleichnamigen Roman von Mario Vargas Llosa, einem lateinamerikanischen Romancier von Weltruhm.

Der Film erzählt vom Leben in einer Militärschule in der Hauptstadt Lima. Es geht um Moral und Disziplin in einer streng hierarchisch geprägten Institution und Gesellschaft.

Das Zusammenleben einer Gruppe junger Männer, der Alltag zwischen Rivalitäten, Macht und Gewalt, aber auch Freundschaft, Zivilcourage und Loyalität, wird aus der Sicht des jungen Kadetten Fernandez beschrieben. Der Protagonist, im Film auch "Dichter" genannt, wird infolge von Konflikten innerhalb der Gruppe von moralischen Zweifeln geplagt und durchläuft in dieser düsteren Geschichte einen Lernprozess, der zum Nachdenken anregt.

Der Film zeige zwar Gewalt, aber nicht um der Gewalt willen, sagt Enrique Ros. "Die Mechanismen, die zu dieser Gewalt führen, werden dargelegt und auch kritisiert. Die Problematik wird herausgearbeitet und weder schwarz-weiss noch vereinfacht aufgezeigt."

Noch immer aktuell

Von der Thematik her eigne sich diese Literaturverfilmung auf jeden Fall für die Schule, erklärt die 27-jährige Studentin und angehende Spanischlehrerin Petra Zaugg gegenüber swissinfo. "Auch wenn der Film schon älteren Datums ist, die Themen Freundschaft, Loyalität und Disloyalität bleiben aktuell."

Zudem seien Lateinamerika und hier Peru im Speziellen Bestandteil des Lernstoffes im Spanischunterricht. Petra Zaugg findet es toll, dass neben dem Unterricht mit Büchern und Grammatik auch einmal das Medium Kino zum Zug kommt – und die Gymnasiasten aus dem Klassenzimmer kommen.

Der Film sei älter als sie selber, meint Leonie. "Die Leute schreiben noch auf Schreibmaschinen und telefonieren mit altmodischen Telefonapparaten. Von der Thematik her ist er aber zeitlos und hat noch immer Gültigkeit."

Laut Moreno werden die jungen Zuschauer durch diesen peruanischen Film angeregt, über Werte nachzudenken, die ihnen wichtig sind. "Wie funktioniert diese Militärakademie? Was ist anders als in unserer Schule?" Einblick in andere Kulturen bedeute auch, die eigene Kultur besser kennen zu lernen und zu analysieren.

Der 18-jährigen Schülerin Leonie ist wichtig, dass nach dem Besuch in Freiburg in der Klasse über den Film diskutiert wird, Fragen geklärt und Eindrücke geschildert werden können. Dem pflichtet ihr Lehrer bei. Vor- und Nachbereitung sowie Diskussion und Einbettung der Geschichte in die Zusammenhänge seien zwingend, betont Ros.

Die Welt in Freiburg

Das Freiburger Festival arbeitet seit den frühen 1990er-Jahren eng mit Schulen zusammen. Man wolle mit den Filmen das junge Publikum im Medienbereich sensibilisieren, erklärt Franziska Burkhardt, die administrative Leiterin des Festivals. Es gehe weniger um Horizonterweiterung als um ästhetische Bildung.

"Wir zeigen Filme, die man sonst weder im Kino, noch am TV oder auf DVD zu sehen bekommt, verschiedene Genres mit unterschiedlicher künstlerischer Ausrichtung, Filme, welche die Lebensrealitäten von Millionen Menschen erzählen."

Die Welt sei globalisiert, ebenso die Schulen und auch die Filme. "Schauen Sie sich doch die heutigen Klassen an: Die Schüler kommen aus allen Teilen der Welt und sehen bereits über den Tellerrand hinaus, die Horizonterweiterung hat stattgefunden."

Auch Leonie hat bereits über den Tellerrand hinausgeschaut. Einmal mehr während der Vorführung des peruanischen Films. Und auch wenn sie ihn interessant fand, für einen Samstagabend sei das nichts. "Die Geschichte ist zu deprimierend."

swissinfo, Gaby Ochsenbein, Freiburg

23. Festivalausgabe

In Freiburg sind insgesamt 80 Langspiel- und Dokumentarfilme zu sehen.

Um den grossen Preis, den "Regard d'Or", bewerben sich 14 Filme aus 13 Ländern Asiens, Südamerikas und Afrikas.

Weitere Höhepunkte des Festivals sind die Panoramen "Out of Bollywood", ein Gegenpol zum kommerziellen Bollywood, sowie "Nollywood", das dem nigerianischen Filmschaffen gewidmet ist.

Zudem bringt der brasilianische Filmkritiker José Carlos 12 Filme nach Freiburg, die sich mit dem Leben in den Favelas auseinandersetzen.

Ehrengast des Festivals ist der peruanische Regisseur Francisco Lombardi, der in Freiburg 10 seiner Filme zeigt.

Das FIFF und die Schulen

8850 Schülerinnen und Schüler sind für die 23. Ausgabe angemeldet, das ist rund ein Drittel der erwarteten 26'000 Besucher.

Es kommen Schüler von der 1. Klasse bis zur Hochschulstufe, aus den Kantonen Freiburg, Bern, Basel, aber auch aus Frankreich.

Das Festival stellt den Schulen Begleithilfen zur Verfügung, organisisert Diskussionsrunden und Begegnungen mit Regisseuren.

Das Festival bietet den Schulen vergünstigte Eintritte, der Kanton Freiburg bezahlt die Differenz. Allerdings ist der Plafond bereits überschritten, so dass die Schulvorstellungen quersubventioniert werden.

Wenn nicht weitere Mittel gefunden werden, müssen Schülervorstellungen auf 7000 Tickets beschränkt werden.



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