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Interview mit dem CEO Lonza will Wirkstoff für Covid-19- Impfung von Moderna produzieren

Lonza

Lonza geht davon aus, dass die ersten kommerziellen Mengen der Inhaltsstoffe für den Moderna-Impfstoff bis Ende Dezember verfügbar sein werden.

(Keystone / Dominic Steinmann)

Das Schweizer Unternehmen Lonza hat einen bedeutenden Vertrag mit dem US-Biotech-Unternehmen Moderna Therapeutics unterzeichnet, um bei der Herstellung eines vielversprechenden Impfstoffs gegen Covid-19 unter Verwendung der neuen mRNA-Technologie mitzuwirken. Laut CEO von Lonza, Albert Baehny, kann sich die Firma der Herausforderung stellen, Hunderte Millionen Dosen zu produzieren, und zwar ab diesem Jahr, wenn sich die Versuche weiterhin als erfolgreich erweisen würden.

Am Montag veröffentlichte Modern Therapeutics die Ergebnisse der Phase-Eins-Studien ihres mRNA-Impfstoffs – des ersten dieser Art – am Menschen. Sie geben Baehny Anlass, optimistisch, wenn auch vorsichtig, zu sein.

"Die Ergebnisse sind ausgezeichnet. Wir verstehen die Technologie und den Herstellungsprozess. Wir hoffen nun, dass die Phasen zwei und drei gut verlaufen", sagt er.

Die Studiendatenexterner Link waren – angesichts der wenigen Teilnehmenden – begrenzt, und einige Impfstoffexperten, die von der Gesundheits-Nachrichtenplattform STATnews interviewt wurden, sagen, dass es auf der Grundlage der verfügbaren Informationen schwierig sei zu beurteilen, wie erfolgversprechend die Ergebnisse seien. Aber der Impfstoff habe eine gewisse Immunantwort hervorgerufen.

Der studierte Biologe Albert M. Baehny ist seit 2018 Präsident des Verwaltungsrats der Lonza. Baehny übernahm die Funktion des CEO ad interim, nachdem der ehemalige Lonza-CEO Marc Funk das Unternehmen Ende 2019 verlassen hatte.

(Lonza)

Das sind gute Nachrichten sowohl für Moderna als auch für Lonza. Das traditionsreiche Schweizer Pharma- und Chemieunternehmen hat einen Zehnjahres-Vertragexterner Link mit der US-Biotech-Firma unterzeichnet, um bei der Herstellung der neuen mRNA-Impfstofftechnologie mitzuwirken. Lonza spielt für die wesentlich kleinere US-Firma eine entscheidende Rolle bei der Antwort auf die Frage, wie genügend Impfstoff hergestellt werden kann, um die weltweite Nachfrage zu decken, wenn sich die Therapie als wirksam erweist.

Lonza-Präsident und ad interim CEO Baehny sprach mit swissinfo.chssinfo.ch darüber, was der Vertrag mit Moderna bedeutet und was es braucht, um den Impfstoff zu den Massen zu bringen.

swissinfo.ch: Was bringt Lonza in die Zusammenarbeit mit Moderna ein?

Albert Baehny (AB): Wir bringen drei Dinge mit, die wichtig sind: Erstens eine breite Palette von Herstellungsverfahren. Zweitens haben wir Erfahrung darin, Laborprozesse auf kommerzielle Prozesse im industriellen Massstab zu übertragen. Und drittens bieten wir Moderna Zugang zu Produktionsanlagen an vielen verschiedenen Standorten.

Es ist wichtig, klarzustellen, dass wir die pharmazeutischen Wirkstoffe (API) für den Impfstoff herstellen werden, aber nicht den endgültigen Impfstoff, wie einige berichtet haben.

Wenn wir den Wirkstoff produziert haben, wird dieser an ein anderes Unternehmen gehen, das die Abfüllung und Fertigstellung übernimmt, d.h. dieses Unternehmen wird den endgültigen Impfstoff in Fläschchen abfüllen.

swissinfo.ch: Welches Unternehmen wird den endgültigen Impfstoff herstellen?

AB: Das bleibt vertraulich.

swissinfo.ch: Wie bereiten Sie Ihre Produktionsanlagen für die Wirkstoffe vor?

AB: Wir sind dabei, den Laborprozess von Moderna in einen industriellen Prozess umzuwandeln. Dies geschieht in Portsmouth, New Hampshire in den USA, dem ersten Standort, an dem wir die Wirkstoffe herstellen werden.

Parallel dazu starten wir auch eine Fertigungslinie in Visp [Kanton Wallis, N.d.R.] in der Schweiz.

swissinfo.ch: Wie sieht Ihr Zeitplan aus?

AB: Von der Anlage in Portsmouth erwarten wir bis Juli eine kleine Charge für den klinischen Gebrauch. Die erste Charge kommerzieller Mengen wird Ende Dezember verfügbar sein.

Wir gehen davon aus, dass wir bis Februar 2021 die ersten Dosen aus der Anlage in Visp produzieren können.

swissinfo.ch: Es gab viele Fragen darüber, wer die ersten Dosen des Impfstoffs erhalten wird. Wer besitzt letztlich den Impfstoff und kann entscheiden?

AB: Wir besitzen den Impfstoff nicht. Moderna besitzt das geistige Eigentum, und wir besitzen die Technologie zur Herstellung des API. Es gibt auch eine ganze Lieferkette.

Was ist ein mRNA-Impfstoff?

Die mRNA – für Messenger-RNA oder Boten-RNA – kann für Impfstoffe und für Gentherapien gegen eine Reihe von Krankheiten eingesetzt werden: Viren-Infektionen, Krebs, Malaria, autoimmune, degenerative und genetische Krankheiten. Die mRNA-Technologie gilt als sehr sicher im Vergleich zu anderen Impfstoffen.

Anders als bei herkömmlichen Impfstoffen werden keine Bestandteile des Erregers gespritzt, sondern kopierte Teile des Gencodes, die mRNA. Diese kopierten Teile kodieren das Antigen bei einer Impfung: ein Eiweiss, das vom Körper hergestellt wird und zu einer schützenden Immunantwort des Geimpften führt. Die mRNA wird danach völlig zerstört.

Am 12. Mai erteilte die US Food and Drug Administration dem Impfstoffkandidaten Covid-19 von Moderna, der auf der mRNA-Technologie basiert, den Fast-Track-Status. Nach der Phase 1-Studie hat das Unternehmen grünes Licht für die Phase 2 erhalten.

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swissinfo.ch: Wie viele Dosen kann Lonza herstellen?

AB: Wir gehen davon aus, dass es viele Fertigungslinien geben wird. Wir schätzen, dass eine Linie in der Lage sein wird, 50-100 Millionen Dosen pro Jahr zu produzieren, aber das hängt von der endgültigen Dosierung ab, die wir erst am Ende der klinischen Studien der Phase drei kennen werden. 

In der Anlage in Visp könnten bis zu drei Produktionslinien parallel laufen, was bedeuten würde, dass dort 100-300 Millionen Dosen hergestellt werden könnten.

swissinfo.ch: Was unterscheidet das Verfahren zur Herstellung von mRNA-Impfstoffen von traditionellen Impfstoffen?

AB: Wenn sich der Impfstoff als wirksam erweist, wird es das erste Mal sein, dass ein Impfstoff auf der mRNA-Technologie basiert. Diese Technologie lässt sich einfacher und schneller produzieren und entwickeln als andere Technologien zur Herstellung von Impfstoffen, wie z.B. die Verwendung toter Viren oder Bakterien.

Ausserdem ist die Produktion billiger, weil der Herstellungs-Fussabdruck kleiner ist als in einer biologischen Anlage. Deshalb bewegt sich der Wettlauf um einen Impfstoff gegen Covid-19 in Richtung mRNA.

swissinfo.ch: Was sind die grössten Herausforderungen bei der Herstellung eines solchen Impfstoffs? Gibt es spezifische Sicherheitsbedenken?

AB: Der Herstellungsprozess ist sicher. Die Sicherheitsfrage besteht eigentlich eher in der Beschleunigung von Genehmigungsverfahren etc., weil es notwendig ist, der Gesellschaft und uns zu helfen, wieder ein normales Leben zu führen. Die Zulassungsbehörden werden den Impfstoff genehmigen, wenn der Nutzen die Risiken überwiegt.

++  Schweizer Impfstoffzulassung: so schnell wie möglich, so langsam wie nötig

Die grösste Herausforderung für Lonza ist der Zugang zu den Fertigungs-Teilen für die Anlagen. Es ist wie bei den Teilen eines Autos. Wir kaufen die Fertigungsteile extern ein, daher ist der Zugang zu ihnen von wesentlicher Bedeutung. Sie kommen von überall her.

Wir brauchen auch Menschen, die in den Anlagen arbeiten. Sobald wir eine Anlage in Betrieb genommen haben, brauchen wir weitere 60-70 Personen, um diese zu betreiben.

Visp

Der Lonza-Standort in der Stadt Visp im Kanton Wallis. Visp ist der Gründungsort des Unternehmens und ein wichtiger Produktionsstandort für pharmazeutische Wirkstoffe.

(Lonza)

swissinfo.ch: Wie viel wird der Impfstoff kosten?

AB: Wir investieren rund 60-70 Millionen Franken, um 50-100 Millionen Dosen herzustellen. Den Preis für die endgültige Dosis kennen wir nicht.

swissinfo.ch: Was bedeutet dieser Deal für Lonza als Unternehmen?

AB: Es ist motivierend für das gesamte Unternehmen, der Gesellschaft zu dienen. Wir tragen eine ethische und moralische Verantwortung und wir investieren, ohne zu wissen, ob es funktionieren wird. Der Zweck besteht in erster Linie darin, Leben zu retten. Das ist wichtiger als der kommerzielle Erfolg, der danach kommt.

swissinfo.ch: Ist das nicht ein riskantes Unterfangen?

AB: Selbst wenn der Impfstoff nicht funktioniert, haben wir noch zehn Jahre Zusammenarbeit mit Moderna, um andere mRNA-Medikamente auf den Markt zu bringen. Es gibt wirklich keine Risiken. Bei einem Zehn-Jahres-Vertrag können wir nur profitieren, weil wir dadurch Zugang zu mRNA erhalten, einer neuen Technologie. Wenn es nicht funktioniert, wird es andere Möglichkeiten geben.

swissinfo.ch: Wie wichtig ist die Schweizer Innovation bei der Entwicklung des Impfstoffs?

AB: Es ist Schweizer Technologie und Know-how, das nach Nordamerika und vielleicht Singapur transferiert wird. Für uns spielt die Innovationsfähigkeit der Schweiz eine wichtige Rolle in diesem Transformationsprozess. Die Teams sind hoch motiviert, weil sie merken, dass sie ein Stück Geschichte schreiben.

Lonza: Geschichte und Geschäftstätigkeit

1897 als Stromerzeuger und später als Düngemittelhersteller gegründet, arbeitet Lonza heute als Auftragshersteller für viele grosse Pharmaunternehmen. Sie betreibt Produktionsstätten auf der ganzen Welt, unter anderem im Kanton Wallis (Südschweiz), wo sie gegründet wurde. Ihre Hauptsitze befinden sich in Basel und in Morristown, New Jersey, USA.

Das Unternehmen hat mehr als 15'500 Mitarbeitende und betreibt 120 Standorte und Büros in mehr als 35 verschiedenen Ländern.

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manufacturing

Wenn sich der mRNA-Impfstoff als wirksam erweist, wird er in der Schweiz in der neuen Anlage des Unternehmens hergestellt, die voraussichtlich Anfang 2021 in Betrieb gehen wird.

(Lonza)



(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler)

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