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IOC-Entscheid: Kniefall vor Putin




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Putins Stolz: Obwohl der Erfolg russischer Sportler weitgehend auf staatlich orchestriertem Doping beruht, dürfte Russland auch an den Olympischen Sommerspielen von Rio stark vertreten sein. (Keystone)

Putins Stolz: Obwohl der Erfolg russischer Sportler weitgehend auf staatlich orchestriertem Doping beruht, dürfte Russland auch an den Olympischen Sommerspielen von Rio stark vertreten sein.

(Keystone)

Der Entscheid des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), trotz einer Empfehlung der Welt-Anti-Dopingagentur (Wada) auf einen Ausschluss aller russischen Athleten zu verzichten, sorgt für heftige Kritik in der Schweizer Presse. Das IOC habe sich gedrückt, sorge für Chaos, stifte Verwirrung und Befremdung, heisst es in den Kommentaren.

Wenige Tage vor Beginn der Olympischen Sommerspiele in Brasilien hat das IOC den Entscheid, welche russischen Athleten teilnehmen dürfen, abgeschoben. Die 15-köpfige Führungsriege ist am Wochenende zum Schluss gekommen, die Kompetenz an den jeweiligen Fachverband weiterzureichen. Dort sollen die Athleten nachweisen, dass sie im letzten Jahr von einer unabhängigen Instanz negativ auf verbotene Substanzen getestet worden sind.

Letzte Woche hatte die Welt-Antidoping-Agentur (Wada) vom IOC gefordert, eine Sperre der russischen Athleten zu prüfen. In ihrem Bericht hatte sie festgehalten, dass die Ergebnisse der Untersuchungskommission, welche den Russen staatlich orchestriertes Doping vorwirft, "einen schockierenden und beispiellosen Angriff auf die Integrität des Sports und die Olympischen Spiele" zeigten. Die Experten konnten glaubwürdig zeigen, dass der Erfolg des russischen Sports weitgehend auf staatlich gesteuertem Doping basiert.

Das IOC stellt den Bericht zwar nicht in Frage. Angesichts der aussergewöhnlichen Umstände gelte das Prinzip der Unschuldsvermutung für russische Athleten nicht mehr. Es gebe eine kollektive Verantwortung, welche die Sportler zu tragen hätten, um die Glaubwürdigkeit der Olympischen Spiele zu sichern, erklärt das Komitee. Aber jede Athletin und jeder Athlet müsse die Möglichkeit bekommen, seine Unschuld zu beweisen. Ausgeschlossen werden nach dem Willen des IOC Sportlerinnen und Sportler, die in ihrer Karriere bereits einmal positiv auf Doping getestet worden sind.

SRF-Sendung "Tagesschau" vom 24.07.2016

Das IOC habe in seinem selbstdeklarierten Kampf gegen Doping aus Schwäche einen historischen Moment verpasst, kommentiert die Tribune de Genève. Fast 15 Antidoping-Agenturen, viele nationale und internationale Verbände unterschiedlicher Sportarten hätten den Ausschluss Russlands empfohlen und ein starkes Signal erwartet. Alle hätten sie heute nur das bittere Gefühl, dass ein Entscheid eher aus politischen statt sportlichen Gründen ausgeblieben sei.

Mehrere Westschweizer Zeitungen, darunter l'Express aus Neuenburg und Le Nouvelliste im Wallis, berichten über die Empörung von Jörg Schild, dem Präsidenten von Swiss Olympic.

"Das entscheidende Element in dieser Affäre ist, dass man nicht über Doping des einen oder anderen Athleten in Russland spricht. Es handelt sich um eine orchestrierte Aktion des Staats, der Geheimdienste und des nationalen olympischen Komitees. Ich bin erstaunt, dass die letzte Entscheidung plötzlich nicht mehr beim IOC liegt, sondern bei den Sportverbänden. Ich bin enttäuscht, dass das IOC die Gelegenheit verpasst, seine Führungsrolle unter Beweis zu stellen. Ich bin verärgert, weil das IOC selber nichts unternimmt, obwohl Russland die anderen nationalen olympischen Komitees verraten hat. Das IOC spricht immer von der 'olympischen Familie'. In diesem Fall hat ein Familienmitglied alle anderen verraten, und zwar auf unglaubliche Art. Was ist der Wert der Charta, wenn das IOC jetzt nicht handelt? Es ist eine Ohrfeige für alle olympischen Komitees und alle Sportlerinnen und Sportler."

"Das IOC verliert das letzte Quäntchen Glaubwürdigkeit", titelt die Berner Zeitung. Der Entscheid der IOC-Exekutive sei "grundfalsch". Es sei nämlich bewiesen, so die BZ, dass Russland die Olympischen Winterspiele in Sotschi missbraucht habe: "Erstens wurden Sportler staatlich verordnet gedopt, zweitens, und das wiegt noch schwerer, der Heimvorteil dazu genutzt, positive Dopingproben verschwinden zu lassen." Dass in Rio die Flagge einer Nation wehen werde, "welche die olympischen Werte vor zweieinhalb Jahren mit Füssen getreten hat, ist schlicht unfassbar". Kritiker, die vorausgesagt hätten, dass IOC-Präsident Thomas Bach schon einen Weg finden würde, seinen mächtigen Freund Putin zufriedenzustellen, hätten Recht behalten.

"Lippenbekenntnis"

"Feige und fatal" sei der Entscheid, lautet der Titel eines Kommentars, der im Zürcher Tages-Anzeiger und im Berner Bund erscheint. "Flächendeckendes Doping reicht nicht aus, um von Olympischen Spielen ausgeschlossen zu werden." Dem IOC sei es gelungen, mit seinem Beschluss den von Präsident Bach vorgegebenen Ansatz im Umgang mit Dopern ('Nulltoleranz') als Lippenbekenntnis zu entlarven. "Eine glaubwürdige Anti-Doping-Agenda sähe gegenteilig aus." Das IOC handle feige, weil es die Verantwortung an die jeweiligen Fachverbände delegiere. Das sei fatal: "Ausgerechnet jene Fachverbände, die sich in den vergangenen Jahren von gedopten Russen mehrheitlich im grossen Stil haben vorführen lassen, sollen nun glaubwürdig und innert kürzester Zeit ihren Sport sauber machen. Der IOC-Entscheid ist darum primär für Betrüger eine positive Nachricht, für Anti-Doping-Kämpfer hingegen ein gravierender Rückschlag.

Auch die Basler Zeitung und die Neue Luzerner Zeitung kritisieren in ihrem gemeinsamen Kommentar das IOC und dessen Präsidenten Bach, die das Problem an die internationalen Sportverbände weiter reichen würden. "Das IOC hört auf das offizielle Russland mehr als auf die Wada. Und Wladimir Putin darf sich auf die Schulter klopfen. Sowie denen, die er gern 'unsere Freunde' im IOC nennt, allen voran Thomas Bach."

"Atempause für Russland" kommentiert die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). "Russland atmet auf – und weiss nicht, wie tief es Luft holen darf." Der Entscheid sei in Russland zwar mit grosser Befriedigung aufgenommen worden, doch weil das IOC die Zulassung der Sportler an deren internationale Sportverbände verweise und Nachweise fordere, dass die Athleten nicht von Doping profitierten, bleibe unsicher, wer von ihnen tatsächlich den Weg zu den Wettkämpfen schaffe. Die Zeit bis zum Beginn der Spiele am 5. August sei knapp, so die NZZ.

Was meinen Sie? Ist der Entscheid des IOC richtig, die Rechte der einzelnen Sportler höher zu gewichten als die Glaubwürdigkeit der olympischen Idee?

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