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Jenische: Bedrohte Minderheit


Schweiz tut sich schwer mit ihren Fahrenden


Von Peter Siegenthaler, Bern Allmend


Nicht überall Willkommen: In Bern wurden die jenischen Fahrenden von der Polizei empfangen. (Keystone)

Nicht überall Willkommen: In Bern wurden die jenischen Fahrenden von der Polizei empfangen.

(Keystone)

Mit Dutzenden Fahrzeugen und Wohnmobilen haben Fahrende im April in der Hauptstadt Bern demonstriert und damit ein grosses Medienecho ausgelöst. Obwohl sie ein Recht darauf haben, stellen ihnen nur wenige Regionen Stand- oder Durchgangsplätze zur Verfügung. Der "attraktivste Ort der Schweiz" zum Beispiel hat schlicht "kein Interesse" daran.

Dass sie einen Schlauch ohne zu fragen am Wasserhahn angeschlossen haben, der zu den Familiengärten gehört, hat ihn gestört. Aber sonst kann Ernst Lehmann nichts Negatives sagen. Der rüstige Rentner unterbricht seine Gartenarbeit immer wieder, um das Geschehen jenseits des Gartenzauns zu beobachten, wo die vielen neuen Nachbarn seit ein paar Tagen ein Stück Wiese der Stadtberner Allmend in Beschlag nehmen.

Abgesehen vom fliessenden Wasser haben die Neuankömmlinge alles mitgebracht, was sie auf der Reise zum Leben benötigen. Ihre modernen Wohnmobile sind auch mit Toiletten ausgerüstet. Die Nummernschilder ihrer Fahrzeuge zeigen, dass sie aus allen Ecken der Schweiz kommen. "Sehen Sie sich um, wir sind so ordentlich wie die Sesshaften. Lauter echte Schweizer, die Steuern zahlen, Militärdienst leisten und die Miete für die Abstellplätze entrichten“, sagt Mike Gerzner.

Der 30-Jährige ist Präsident der "Bewegung Schweizer Reisende“, einer Splittergruppe der Jenischen, die in der Schweiz seit 1998 als nationale Minderheit anerkannt sind. 3000 bis 5000 von ihnen sind Fahrende, die im Sommer ausschliesslich in der Schweiz von Ort zu Ort ziehen und – häufig als Hausierer, Alteisenhändler, Scherenschleifer, Maler oder Spengler – ihr Brot verdienen.

Mike Gerzner

Wir haben die Nase voll von den leeren Versprechungen.

"Das Leben wird immer schwieriger"

Aber seit Jahrzehnten finden sie zu wenig Plätze, auf denen sie sich für ein paar Tage niederlassen könnten, um in der Region ihre Kunden aufzusuchen. "Manchmal versuchen wir, irgendwo auf einer Wiese zu bleiben. Aber das wird auch immer schwieriger, weil die Bauern von den Behörden unter Druck gesetzt werden". Auch das Leben als Hausierer werde immer schwieriger. "Es gibt Gemeinden, welche die Bevölkerung mit Flyern auffordern, den Fahrenden keine Arbeit zu geben", klagt der junge Jenische, dessen Vorfahren auch alle auf der Landstrasse lebten.

2003 anerkannte das Bundesgericht das Recht der Fahrenden "auf angemessene Stand- und Durchgangsplätze" und entschied, "dass diese durch die Raumplanung vorzusehen und zu sichern sind".

Geschehen ist seither wenig. Statt der nötigen rund 80 Durchgangsplätze gibt es höchstens 45. Kaum besser ist die Situation bei den Standplätzen, wo die Fahrenden während den kalten Monaten bleiben könnten. Nur 15 Orte stellen ein Winterquartier zur Verfügung, nötig wären aber mehr als 40.    

Zwischenlösung in Bern und Biel

Die Städte Bern und Biel wollen den Fahrenden je ein Gelände für insgesamt 50 Wohnwagen zur Verfügung stellen, auf dem diese bis August bleiben können.  Damit wollen die beiden Städte dem Kanton Bern etwas Zeit verschaffen, um das Standplatz-Problem mittel- und langfristig zu lösen.   

Der bernische Regierungspräsident stellte in Aussicht, im Kanton Bern mindestens drei bis fünf neue Stand- und Durchgangsplätze für Jenische und ein bis zwei Transitplätze für ausländische Fahrende zu sichern.

Menschenrechtsorganisationen hatten den Polizeieinsatz gegen die Demonstration der Jenischen als "entwürdigend" kritisiert. Die Gesellschaft für bedrohte Völker und Amnesty International bedauerten auch "den fehlenden politischen Willen, (für die Fahrenden, N.d.R.)  eine respektvolle Lösung zu finden".

(Quelle: sda)

Fahrt ins Blaue

Weil sie "die Nase voll haben von den leeren Versprechungen", fuhren die Mitglieder der "Bewegung Schweizer Reisende", mehrere Hundert Frauen, Männer und Kinder jedes Alters, im  April in die Hauptstadt, um dort für ihr Anliegen zu demonstrieren. Die Bewegung grenzt sich ausdrücklich von ausländischen "Zigeunern" ab, weil sie diese für das schlechte Image der Fahrenden verantwortlich macht.

Noch  bevor die Gruppe das Ziel in Bern erreicht hatte, wurde sie von der Polizei abgefangen und auf die Allmend am Stadtrand eskortiert. Weil die grüne Wiese dort aber in den folgenden Tagen als Parkplatz für die Besucher der jährlichen Gewerbeausstellung beansprucht wurde, drohte die Polizei den Fahrenden, den Platz nach Ablauf eines Ultimatums zu räumen. Die Hüter von Recht und Ordnung umstellten zu Dutzenden das Camp und liessen zahlreiche Abschleppfahrzeuge auffahren.

Die Dachorganisation der Fahrenden, die "Radgenossenschaft der Landstrasse", liess sich für die Demonstration nicht einspannen, distanziert sich aber auch nicht davon. "Die Aktion geschah nicht im Einklang mit uns", sagt deren Präsident Daniel Huber. "Wir versuchen, unseren Anliegen auf politischem Weg zum Durchbruch zu verhelfen."

Bisher allerdings mit wenig sichtbarem Erfolg, gibt Huber zu und zeigt Verständnis für den Protest der renitenten Bewegung. "Es gibt ganz klar zu wenig Plätze". Abgesehen von Aargau, Graubünden, zum Teil auch St. Gallen und Zürich hätten die Kantone wenig Konkretes zustande gebracht. "Jetzt ist es halt soweit gekommen, dass die Fahrenden ihr Recht einfordern", sagt Huber.

Begriffserklärung

Zigeuner: Der Begriff gilt seit dem Zweiten Weltkrieg als diskriminierend, weil die Nazis hundertausende Roma als "Zigeuner" ermordeten. Heute bezeichnen sich wieder viele Jenische, Sinti und Roma selbst mit Stolz als Zigeuner.

 

Roma ist der Oberbegriff für alle Angehörigen der verschiedenen Stämme, die Romanes sprechen oder zu den Roma gehören, die ursprünglich in Indien und Persien beheimatet waren. Gemäss Schätzungen gibt es heute 8 bis 10 Millionen Roma.

 

Sinti nennen sich die Nachkommen jener Roma, die im 15. Jahrhundert nach Zentraleuropa ausgewandert sind. Sie leben hauptsächlich in Frankreich, Italien und Deutschland. In Frankreich heissen sie Manouches.

 

Jenische leben hauptsächlich in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Frankreich.   

Die rund 100'000 Personen sprechen eine eigene Sprache. Das Jenische ist ein vom Jiddischen abgeleitetes Idiom, das je nach Region und Familien variiert.

In der Schweiz sind 90% der Fahrenden Jenische. Unter den 30'000 Personen sind die meisten sesshaft geworden. Zwischen 3000 und 5000 sind aber immer noch teilweise fahrend. Sie leben in Familienclans mit bis zu 20 Personen in 6-8 Wohnwagen.

Seit 1998 sind sie durch die Europarats-Konvention für nationale Minderheiten geschützt.
Die helvetischen Jenischen sind Schweizer Staatsangehörige. Ihre Papiere haben sie in jener Gemeinde, in der sie überwintern und wo die Kinder die Schule besuchen. Im Sommer, wenn sie auf Achse sind, müssen die Kinder den Schulstoff unter Kontrolle von Eltern und Privatlehrern erarbeiten.

(Quelle: Bundesamt für Kultur)

Weder Stand- noch Durchgangsplatz

Zu den schwarzen Schafen unter den Schweizer Ständen gehört ausgerechnet der Kanton Schwyz, wo zahlreiche Jenische ihre Wurzeln haben. Peter Reichmuth, Sekretär des Schwyzer Volkswirtschafts-Departements und u.a. "Ansprechperson" für die Anliegen der Fahrenden, ist sich bewusst, dass die Kantone in dieser Angelegenheit seit Jahren in der Pflicht stehen. Dass nichts unternommen wurde, will er aber nicht bestätigen. Davon zeugten schliesslich die umfangreichen Abklärungen der letzten Jahre. Nachdem die Schaffung eines Durchgangsplatzes im Kantonshauptort vom Volk abgelehnt worden war, habe der Regierungsrat Ende 2012 ein Konzept verabschiedet, das die Aufgabenteilung zwischen Kanton und Gemeinden sowie die Finanzierung der Durchgangsplätze regle.

"Wir sind gerade jetzt wieder intensiver am Verhandeln, mit dem Ziel, im Kanton ein bis zwei Durchgangsplätze zu schaffen."  Ein Zwischenergebnis liege bereits vor. "Die Verantwortlichen der Sportbahnen Hoch-Ybrig sind verdankenswerterweise bereit, den Parkplatz bei der Talstation während den Sommermonaten Schweizer Fahrenden zur Verfügung zu stellen, falls dort keine speziellen Veranstaltungen anstehen", weiss Peter Reichmuth zu berichten. 

Bisher hat es im Kanton Schwyz aber keinen einzigen Standplatz für Fahrende und nur einen Durchgangsplatz, nämlich in der Gemeinde Feusisberg.

Beat Flühler, Gemeinderat in Feusisberg

Sie ist an einem Durchgangsplatz nicht interessiert, muss ich ehrlich sagen.

"Riesige Investitionen"

"Dieser Platz kann aber nicht genutzt werden", sagt der zuständige Gemeinderat Beat Flühler. "Derzeit liegen viele Baumstämme darauf, weil im Wald dahinter geholzt wird." Fahrende liessen sich hier seit Jahren nicht mehr blicken. Es habe weder Wasser und Strom noch sanitäre Anlagen. Um den Durchgangsplatz instand zu stellen, "müssten wir riesige Investitionen tätigen", erklärt Vize-Gemeindepräsident Flühler.

Feusisberg hat sich erst kürzlich einen Namen gemacht, weil es in einem Gemeinde-Rating der Zeitschrift "Weltwoche" zum "attraktivsten Ort der Schweiz" ernannt wurde. Diese Topklassierung verdankt die Gemeinde südlich des Zürichsees, wo fast einer von fünf Einwohnern Millionär ist, dem Arbeitsmarkt, der demografischen Entwicklung, der Wohnbautätigkeit, der Sozialstruktur, dem Reichtum und vor allem der niedrigen Steuerbelastung.

Zahlungskräftig sei die Gemeinde schon, bestätigt Flühler, "aber sie ist an einem  Durchgangsplatz nicht interessiert, muss ich ehrlich sagen".

Verfolgung und Schutz

Die Schweiz hatte versucht, die Jenischen sesshaft zu machen. Zwischen 1926 und 1973 wurden mehr als 600 Kinder von einem Hilfswerk der Stiftung Pro Juventute und von Vormundschaftsbehörden den Eltern weggenommen (Operation "Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse").

Der Bund, Fürsorgestellen, Lehrer, Pfarrer und gemeinnützige Einrichtungen unterstützten die Operation.

Viele Kinder der Jenischen wurden Bauernfamilien als sogenannte Verdingkinder zugeteilt, die oft misshandelt wurden.

Auf öffentlichen Druck hin wurde die Operation 1973 eingestellt.

1987 entschuldigte sich der Bundesrat. Eine Stiftung sollte die Zukunft der Fahrenden, ihre Lebensbedingungen und -weise in der Schweiz sichern.

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