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Jodler müssen nicht unbedingt einheimisch sein

Karin Niederberger nach ihrer Wahl zur Zentralpräsidenten des Jodlerverbandes, 2009. Sie trägt eine Schanfigger Festtagstracht.

(Keystone)

Am Samstag feiert der Eidgenössische Jodlerverband sein 100- Jahr-Jubiläum. Karin Niederberger, die erste Zentralpräsidentin des Verbands, wehrt sich gegen ein klischiertes Bild der Volkskultur.

"Für mich bedeutet das Jodeln ein Stück Heimat", sagt Karin Niederberger, die Zentralpräsidentin des Eidgenössischen Jodlerverbandes. Sie ist die erste Frau, die den Verband leitet. Einen grossen Unterschied zu der Arbeit, die ein Mann machen würde, sieht sie nicht. "Die Volkskultur ist unsere eigene, ursprüngliche Kultur. Es ist wichtig, die eigene Kultur zu erhalten und weiterzugeben. Es geht um die Verwurzelung, Identität, um den Austausch und die Erholung, um Fröhlichkeit und ums Zusammensein."

Die Ziele des Eidgenössischen Jodlerverbands sind laut seinen Statuten die Erhaltung, Pflege und Förderung des schweizerischen Brauchtums wie Jodeln, Alphornblasen und Fahnenschwingen. Der Verband ist politisch und konfessionell neutral.

Die Klischees

Rund um die Volkskultur gibt es viele Klischees. Wer sich nicht damit befasse, halte Jodeln rasch für konservative Folklore. Die Zentralpräsidentin ist der Meinung, dass die meisten Klischees nicht zutreffen.

Niederberger lässt nicht gelten, dass das Thema der Jodellieder nur die heile Alpenwelt sei: "Natürlich handeln die meisten Jodellieder von der Bergwelt, von Blumen, Kinderaugen und Sonnenschein." Das hänge damit zusammen, dass viele Komponisten halt aus Dörfern stammten und das ausdrückten, was sie fühlten. "Aber es gibt und es hat auch schon früher Texte gegeben, die eher von den schwierigen Seiten des Lebens gehandelt haben." Es gebe sogar ein Jodellied über so genannte "Füdlibürger".

Jodlerklubs gehörten nicht nur politisch konservativ eingestellte Menschen an. "Man kann gar keine Aussage darüber machen, wo die Jodlerinnen und Jodler politisch stehen. Bei uns gibt es alle möglichen Meinungen." Jodlerklubs seien offen für alle Leute, die sich interessierten. "Man muss nicht unbedingt einheimisch sein. Denn Fahnenschwingen, Alphornblasen und Jodeln kann man lernen."

Volkstümmlicher Schlager in den Charts

Das Nebeneinander von Volkskultur und moderner Welt sei kein Problem, sagt die Zentralpräsidentin. Berührungsängste mit dem volkstümlichen Schlager, der die Volkskultur in den letzten Jahren in die Schweizer Charts bringt, hat der Jodlerverband nicht.

Unter volkstümlichem Schlager versteht man kommerziell vermarktete, mit rhythmischen Elementen wie Schlagzeug oder Bass unterlegte Musik, die inhaltlich ähnliche Themen behandelt wie die Volksmusik und auch Jodel-Elemente enthalten kann und folkloristische Anleihen macht.

Formationen wie Oesch's die Dritten oder Francine Jordi, die mit ihren Alben Verkaufszahlen wie Popstars erreichen und Gold- und Platinstatus – jedenfalls in der Schweiz- erzielen, sprächen ein anderes Publikum an, hält Niederberger fest: "Es ist doch schön, wenn unsere Musik bekannter wird. Alles, was Volksmusik in Kreise von Leuten bringt, die sie sonst nicht hören, ist gut. Wieso sollte der Verband etwas dagegen haben?", fragt sie.

Der Jodlerverband hat allerdings klare Vorgaben, was an Festen und anderen Darbietungen erlaubt ist: "Wenn es um musikalische Darbietungen im Rahmen des Jodlerverbands geht, dann haben wir schon unsere Bedingungen. Aber wir können doch unseren Mitgliedern nicht vorschreiben, was sie in ihrer Freizeit tun dürfen. "Kultur entwickle sich, die Volkskultur eben auch.

Für einen Auftritt im Rahmen des Jodlerverbandes oder an einem Jodlerfest sind Trachten vorgeschrieben. Auch für die Art der Lieder existieren genauen Vorschriften.

Jodlerfeste sind Grossanlässe

360'000 Besucherinnen und Besucher wurden am letzten Jodlerfest in Luzern gezählt, aktiv teilgenommen haben 12'000 Personen. Das war ein Besucherrekord. Dass die Feste immer grösser und immer kommerzieller werden, glaubt die Zentralpräsidentin nicht. "Nach Luzern sind so viele Leute gekommen, weil die Stadt zentral in der Innerschweiz liegt. Ich glaube nicht, dass das nächste noch grösser wird."

"Wir Jodlerinnen und Jodler sind ein friedliches Volk. Bei einem dreitätigen Anlass wie am letzten Jodlerfest musste nicht ein einziges Mal die Polizei kommen." Darauf ist die Bündnerin stolz.

Nicht, dass man in den Jodlerklubs immer der gleichen Meinung sei oder dass an den Festen kein Alkohol getrunken werde, sagt Niederberger. Der soziale Umgang untereinander sei jedoch anders als in andern Vereinen oder Gruppen: "Wir haben eine andere Streitkultur. Sobald jemand merkt, dass sich etwas Ungutes entwickeln könnte, greift ein Kamerad ein."

Keine Nachwuchssorgen

Um den Nachwuchs mache sich der Jodlerverband keine Sorgen, sagt Karin Niederberger. "In den Städten haben wir wenig Nachwuchs, aber auf dem Land nimmt es stetig zu." Aber in den letzten 100 Jahren des Jodlerverbandes habe sich diesbezüglich etwas verändert.

"Früher wurde bereits zu Hause in den Familien gesungen und die Volkskultur gepflegt." Wenn schon die Eltern in einem Chor oder in einer Trachtengruppe gewesen seien, sei es ganz normal gewesen, dass die Kinder irgendwann auch beigetreten seien. Das sei heute nicht mehr so. Häufig würden die Kinder nur noch in der Schule singen. "Man muss sie überzeugen, bei uns mitzumachen."

Eveline Kobler, swissinfo.ch

Der Jodlerverband in Zahlen

Heute hat der Jodlerverband rund 21'000 Mitglieder. Zum Jodlerverband gehören auch die Fahnenschwinger und die Alphornbläser.

Fünf grosse Unterverbände sind unter dem Dach des Eidgenössischen Jodlerverbandes vereint.

1910, als der heutige Jodlerverband gegründet wurde, hatte er noch kein Vermögen, es wurde auch noch kein Jahresabschluss erstellt. Anhand der detaillierten Auflistung im Jubiläumsbuch "Lebendiges Schweizer Brauchtum" zeigt sich das Wachstums des Verbandes: 1982 überschritt der Aufwand erstmals die 100'000 Franken-Grenze.

2008 betrug der Aufwand schon fast 297 525 Franken, der Ertrag belief sich auf 293 958 Franken.

Die Wahl des Zentralpräsidenten erfolgt durch die Delegiertenversammlung, diejenige des
Generalsekretärs durch den Zentralvorstand. Die Amtsdauer beträgt je drei Jahre. Der übrige Vorstand konstituiert sich selbst. Er erlässt ein Geschäftsreglement mit Pflichtenheften.

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