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Katastrophe als Geburtshelferin der Schweiz

Die Solidarität der Schweizer Bevölkerung für die Opfer der Überschwemmungs-Katastrophe in Gondo, Kanton Wallis, im Oktober 2000 war gross.

(Keystone)

Die Bewältigung von Naturkatastrophen kann eine Nation zusammenhalten, sagt der Berner Umwelthistoriker Christian Pfister.

Im Gespräch mit swissinfo erklärt er, die Schweiz habe von dieser Erfahrung profitiert.

swissinfo: Hat sich die Welt verändert nach der Tsunami-Katastrophe in Südasien?

Christian Pfister: Die Tsunami-Katastrophe trägt in zweierlei Hinsicht globalen Charakter. Erstmals sind Länder in zwei Kontinenten betroffen, über die zahlreichen Touristen in Thailand ausserdem Länder Europas und Nordamerikas. In der Schweiz hat keine Katastrophe seit dem Bergsturz von Goldau (1806) so viele Opfer gekostet.

Im Weiteren hat die erste globale Naturkatastrophe die erste weltumspannende Hilfsaktion ins Leben gerufen. Viele Staaten, auch Entwicklungsländer, sind unter Führung der UNO in einen Spendenwettbewerb eingetreten, und die Flugzeugträger der US Marine werden für einmal nicht als Plattformen des Todes, sondern als Stützpunkte für die Verteilung von Hilfsgütern eingesetzt.

Freilich dienen solche Aktionen immer auch der nationalen Selbstdarstellung. Aber allein die Tatsache, dass sich die Weltgemeinschaft unter dem Schock der Geschehnisse erstmals zu einer gemeinsamen Hilfsaktion zusammengerauft hat, ist als positives Signal zu werten.

swissinfo: In der Schweiz wurde noch nie so schnell so viel Geld für die Opfer einer Katastrophe gesammelt wie für jene in Südasien. Ist da ein neues Solidaritätsgefühl entstanden?

C.P.: In der Tat stellt das Sammelergebnis der Glückskette einen Meilenstein dar. Zwar sind Beträge in der Grössenordnung von mehr als hundert Millionen Franken geldwertbereinigt im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach zusammengetragen worden – doch stets nur für die Opfer von Katastrophen in der Schweiz, noch nie für Menschen ausserhalb der Landesgrenzen, geschweige denn für solche ausserhalb Europas.

Ob diese überraschende und überwältigende Hilfsbereitschaft für Menschen in anderen Kontinenten als Eintagsfliege oder erster Schritt auf dem Wege zu einer globalen Solidarität zu betrachten ist, wird die Zukunft weisen.

swissinfo: In der Schweiz gab es immer wieder Katastrophen wie Bergstürze und Überschwemmungen. Wie ist man in der Vergangenheit damit umgegangen?

C.P.: Der Bergsturz von Goldau (1806), der fast 500 Opfer kostete, wurde zur Geburtsstunde der ersten gesamtschweizerischen Spendensammlung. Der Landammann der Schweiz, Andreas Merian, der als eine Art Staatschef wirkte, stellte die Katastrophe als Chance dar, durch die Förderung des gemeinen Wohls die nationale Solidarität zu stärken. Damit wendete er das Unglück ins Positive.

In den 1830-er Jahren, als sich Liberale und Konservative feindselig gegenüber standen, lancierte die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft 1834 und 1839 eine gesamtschweizerische Hilfsaktion für die Opfer von Überschwemmungs-Katastrophen im Alpenraum.

Beim Brand von Glarus (1861), dem 500 Häuser zum Opfer fielen, wurde die nationale Erregung von der Presse angefacht. Die Zeitungsredaktionen richteten eigene Spendenkonten ein und berichteten nach Art der heutigen Glückskette laufend über den Eingang der Spenden und über den Stand der Sammlung.

Die Schäden der alpinen Hochwasserkatastrophe vom Herbst 1868 betrugen rund 1,4 Milliarden Franken heutigen Wertes. Der Bundesrat erkannte die Wichtigkeit symbolischer Politik. Bundespräsident Dubs reiste in betroffene Gebiete, um den Geschädigten vor Ort seine Anteilnahme zu zeigen. Ausserdem rief der Bundesrat die Delegierten der Kantone zu einer Geberkonferenz zusammen, um die Hilfsaktionen zu koordinieren.

swissinfo: Die Politik der Symbole nach Umweltkatastrophen habe im 19. Jahrhundert das Schweizer Nationalbewusstsein gefördert und die konfliktreiche Entstehung der Eidgenossenschaft überdeckt, sagen Sie. Können Sie das genauer erläutern?

C.P.: Im Falle der Schweiz haben Hilfsaktionen für die Opfer von Naturkatastrophen im 19. Jahrhundert wesentlich dazu beigetragen, ein schweizerisches Nationalgefühl zu schaffen. In solchen Situationen begannen sich die Menschen auf einmal nicht mehr primär als Berner oder Zürcher, sondern als Schweizer zu betrachten.

Katastrophen wurden genutzt, um die Bevölkerung für die Sache der gemeinsamen Nation zu mobilisieren. Die Solidarität zwischen armen und reichen Landesteilen wurde dabei als Markenzeichen der schweizerischen Identität propagiert.

Als Gradmesser des Engagements kann die erstaunliche Zahlungsbereitschaft für die Sache der Nation gelten: Nach dem Brand von Glarus (1861) und den alpinen Hochwassern von 1868 trugen die Schweizer im In-und Ausland je über 300 Millionen heutige Franken zusammen, mehr als doppelt so viel wie für die Tsunami-Opfer. Die Spendengelder flossen in die Peripherien wo sie den Unterschichten zu Gute kamen.

Diese finanzielle Solidarität wirkte als Kitt zwischen Bevölkerungsgruppen und Landesteilen. Sie trug dazu bei, benachteiligten Regionen und Schichten den Nutzen des neuen Bundesstaates vor Augen zu führen. Dass diese Spendenaktionen den nationalen Zusammenhalt förderten, wurde von der Presse schon damals klar erkannt.

swissinfo: Gibt es Erkenntnisse über das Verhalten der Auslandschweizer bei Naturkatastrophen?

C.P.: Die Auslandschweizer waren im 19. Jahrhundert über Verwandte und Bekannte eng mit ihrem Herkunftsland verbunden. Die meisten hatten ihre Heimat im Zuge der beiden grossen Auswanderungswellen in den frühen 1850-er und 1880-er Jahren verlassen. Sie nahmen regen Anteil an den Geschehnissen zu Hause.

Aus Anlass von Naturkatastrophen wurden die Schweizerkolonien gezielt angeschrieben und um Spenden gebeten. Sie steuerten stets einen namhaften Anteil an die Spendengelder bei. Nach dem Brand von Glarus 1861 gründeten die Einwohner von Neu Glarus in den USA beispielsweise ein Hilfskomitee und trugen binnen zweier Tage 600'000 heutige Franken zusammen.

swissinfo: Zahlreiche international tätige Schweizer und ausländische Konzerne haben viel gespendet für die Tsunami-Opfer. Ist das nicht eine Alibi-Übung? Die Wirtschaft zieht Profite aus der weltweiten Vernetzung. Um die globale Schadensbeseitigung müssen sich die Staaten kümmern.

C.P.: Die Katastrophe ist ein Werk von Naturkräften. Die Natur hat sich selber auf die Agenda gesetzt. Menschliches Fehlhandeln kann dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Betroffen waren hauptsächlich Küsten, die ausserhalb der häufig von Tsunamis heimgesuchten Gebiete liegen. Viele Unternehmen haben sich grosszügig gezeigt. Das ist nicht selbstverständlich und verdient eher Anerkennung als Kritik.

swissinfo-Interview: Jean-Michel Berthoud

Fakten

Christian Pfister, Stephanie Summermatter (Hrsg.): "Katastrophen und ihre Bewältigung. Perspektiven und Positionen". Bern 2004, Verlag Paul Haupt.

Christian Pfister (Hrsg.). "Am Tag danach. Zur Bewältigung von Naturkatastrophen in der Schweiz 1500-2000". Bern 2002, Verlag Paul Haupt.

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In Kürze

Christian Pfister ist Professor für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte (WSU) am Historischen Institut der Universität Bern und Mitglied des Nationalen Forschungsschwerpunkts Klima (NCCR Climate).

In seiner Forschung beschäftigt er sich unter anderem mit der Frage, wie Naturkatastrophen in den vergangenen fünf Jahrhunderten wahrgenommen und gedeutet wurden.

Der Berner Umwelthistoriker kommt zum Schluss, dass die Politik der Symbole nach Umweltkatastrophen im 19. Jahrhundert das Schweizer Nationalbewusstsein gefördert und die konfliktreiche Entstehung der Eidgenossenschaft überdeckt hat.

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