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Ai Weiwei ist in Genf nur virtuelles Jury-Mitglied


Von Alain Arnaud, Beijing


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Ai Weiwei am 6. März 2013 in seinem Atelier. ()

Ai Weiwei am 6. März 2013 in seinem Atelier.

Der chinesische Künstler Ai Weiwei, im Westen ein Star und im eigenen Land in Ungnade gefallen, präsidiert die Jury des Genfer Menschenrechts-Filmfestivals aus der Ferne. In einem Interview mit swissinfo.ch bekräftigt er in Beijing, nur sein Verschwinden könnte ihn zum Verstummen bringen.

In seiner 11. Ausgabe legt das Genfer Menschenrechts-Filmfestival (Festival du film et forum international sur les droits humains, FIFDH) einen Fokus auf Kunstschaffende, die "an vorderster Front stehen im Kampf gegen autokratische Regimes, gegen Verschleierungstaktiken und Ungerechtigkeiten", wie Festival-Direktor Léo Kaneman erklärte.

Der Abend des 7. März ist aktuellen Formen des Protestes in China gewidmet, darunter jenen Ai Weiweis, der die FIFDH-Jury aus der Ferne präsidiert, da er China nicht verlassen darf.

swissinfo.ch: Dank dem Internet können Sie die Jury des Genfer Menschenrechts-Festivals trotz des Verbotes, China zu verlassen, präsidieren. Hat man Ihnen gesagt, wieso Sie noch immer an einer Ausreise aus China gehindert werden?

Ai Weiwei: Das FIFDH-Festival in Genf hat mir die Ehre erwiesen, mich als Mitglied der Jury einzuladen. Zu den Grundrechten jedes Bürgers gehören auch die Reisefreiheit und das Recht, frei zu kommunizieren.

Meine Rechte sind heute eingeschränkt. Weder von der Polizei, noch von der Regierung habe ich je eine klare Erklärung erhalten, weder damals, als ich verhaftet wurde, stigmatisiert wurde oder heute, da ich in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt werde. Man hat mir nie klar gesagt, warum.

Aber all diese Hindernisse haben einen grossen Einfluss auf mein persönliches Leben und auf mein Schaffen, und das hat mich dazu gezwungen, neue Wege zu finden.

swissinfo.ch: Welches Gefühl löst dieses Reiseverbot bei Ihnen aus?

A.W.: Hätte ich nach Genf gehen können, wäre die direkte Kommunikation mit den anderen Jury-Mitgliedern und mit den Organisatoren all dieser mit Menschenrechts-Fragen verbundenen Aktivitäten ohne Zweifel eine Quelle grosser Inspiration für mich gewesen.

Die Freiheit eines Künstlers derart einzugrenzen zielt darauf ab, seinen Einfluss zu unterdrücken und die Kommunikation zwischen Künstler und Gesellschaft zu verunmöglichen. Gleichzeitig ist es aber, aus einem positiveren Blickwinkel her betrachtet, ein neuartiges Dilemma, das mich ermutigt, neue Wege und eine neue Sprache zu finden, um die Hindernisse zu überwinden.

Ai Weiwei, der Regimekritiker

Der 1957 geborene Ai Weiwei – Sohn eines grossen, unter Mao verbannten Dichters – ist sicher der provozierendste, aber auch der bekannteste zeitgenössische chinesische Künstler.

Seine Werke werden in der ganzen Welt ausgestellt, nicht zuletzt in der Schweiz, wo Ai Weiwei enge Beziehungen hat zum ehemaligen Schweizer Botschafter und Sammler Uli Sigg.

Von 2005 bis 2008 entwarf Ai Weiwei zusammen mit den Schweizer Architekten Herzog und De Meuron das "Vogelnest", das berühmte Stadion für die Olympischen Spiele in Beijing. Kurz vor der Eröffnung distanzierte er sich dann von den Spielen und rief zu deren Boykott auf.

Im gleichen Jahr lancierte Weiwei eine Internet-Kampagne, in der er das Schweigen der Regierung im Zusammenhang mit dem Erdbeben von Sichuan und den Zehntausenden von Toten an den Pranger stellte.

Seine Empörung galt vor allem den so genannten "Tofu-Schulen", die wie Kartenhäuser zusammengesackt waren. Er warf die Frage auf, wie viel von dem zum Bau der Schulen gedachten Geld stattdessen in den Taschen korrupter Beamter gelandet war.

Aufgrund seiner regimekritischen Aktionen bekam Weiwei die staatliche Repression in den letzten Jahren immer mehr zu spüren: Schläge, Verhaftungen, Verurteilungen, Hausarrest. Je mehr er bei den Behörden in Ungnade fiel, umso mehr wuchs sein internationaler Ruf.

Ai Weiwei gehört nicht nur zu den gesuchtesten zeitgenössischen Künstlern, er ist auch zum Symbol des Widerstands des chinesischen Volkes gegen die Staatsmacht geworden, die immer mehr unter Kritik gerät.

swissinfo.ch: Der chinesische Premierminister Wen Jiabao hat eben erst vor dem Parlament erklärt, China sollte seine Bemühungen zur Kulturförderung verstärken. Glauben Sie daran?

A.W.: Ich habe die Rede von Premierminister Wen nicht mitverfolgt, da diese schönen leeren Worte mich enorm ermüden. Ich glaube, dass sie uns seit 60 Jahren dieselben Lügen erzählen, sie wiederholen sich unaufhörlich, ohne auch nur die geringste Verlegenheit.

Die ganze Kulturpolitik der Partei ist eine Verneinung der Kultur, sie stellt sich gegen die Menschheit. Sie schränkt die Meinungsfreiheit der Bürger fundamental ein. Weil die Jungen heute nicht die Freiheit haben, ihre Meinung zu äussern, sich zu informieren, haben sie auch keine Leidenschaft und keine Fantasie.

Wie könnten sie in einer solchen Gesellschaft kreative Kräfte erzeugen und entfalten? Lügen! Das sind Lügen, und das wissen auch alle genau.

Oder dann erzeugen sie eine infame Kreativität. Heute produziert China, was es als "bemerkenswerte Errungenschaften" bezeichnet, denen Kreativität und Fantasie der Nation geopfert werden. Wir leben in einer modernen Sklavenhaltergesellschaft, die von Macht und Reichtum träumt, und dabei jegliche Idee einer spirituellen Zivilisation verleugnet.

swissinfo.ch: Der neue starke Mann in China – Xi Jinping – legte doch eine ziemlich sichtbare Bereitschaft zum Wandel an den Tag. Real oder nur vorgetäuscht?

A.W.: Jeder rationale Beobachter Chinas wird rasch zum Schluss kommen, dass unter diesem Regime alle vermeintlichen Reformen unmöglich bleiben werden, weil der tatsächliche Wille zum Wandel fehlt.

Egal, wer an die Macht kommt, es wird immer so sein, weil die Führungskräfte immer Produkte des Systems sind und nichts unternehmen werden, das den grundlegenden Prinzipien oder der Ethik dieses Systems zuwiderläuft.

Daher wird jegliche Hoffnung auch wie eine Seifenblase zerplatzen.

swissinfo.ch: Es gibt Stimmen, die argumentieren, dass die Kommunistische Partei Chinas ohne wesentliche politische Reformen in den kommenden fünf Jahren zusammenbrechen könnte.

A.W.: Keine Partei, kein Regime, das die grundlegenden Werte der Menschen mit Füssen tritt, sollte existieren. Sie sollten nicht innerhalb von fünf Jahren sondern rascher verschwinden. Doch die Lage in China überrascht regelmässig alle.

Wenn ein Regime keine legitime Macht hat, wenn das Land und seine Bürger den Preis dafür zahlen, dass das Regime sich an der Macht hält, wie kann ein Land sich da erneuern? Das ist eine sehr beunruhigende Frage. Es ist wahr, wir sehen kein Verfallsdatum. Aber wir haben ständig das Gefühl, dass es [der Zusammenbruch der Partei, NdR] jeden Moment passieren könnte. Das ist es, da stehen wir heute.

swissinfo.ch: Als Sie das Olympische Stadion in Beijing entwarfen, wurden Sie in China bewundert und gefeiert. Danach wurde ihre Stimme immer kritischer, provokativer und die Probleme begannen. Fürchten Sie nicht um Ihre Sicherheit?

A.W.: Als Architekt stand ich nie unter irgendwelchem Schutz. Es waren die Schweizer Architekten Herzog und De Meuron, die mich eingeladen hatten, mit Ihnen an der Gestaltung des Vogelnests [Olympia-Stadion in Beijing, NdR] zu arbeiten. China lädt nie eine bestimmte Person zur Mitarbeit an staatlichen Projekten ein.

Zudem habe ich nie bewusst zur Provokation gegriffen. Ich begnüge mich damit, einfache Fragen zu stellen. Wenn ich zum Beispiel meine Katze verliere, werde ich fragen, wo meine Katze hingegangen ist.

Dasselbe gilt, wenn beim Erdbeben [in Sichuan 2008, NdR] derart viele Menschen umgekommen sind. Ich habe gefragt, was mit all den toten Kindern geschehen ist, warum ihre Schulen eingestürzt sind, wieso diese derart schlecht gebaut waren. Ich denke, alle sollten sich Fragen stellen. Es nicht zu tun, heisst eine Katastrophe zu riskieren.

Zur Frage, ob ich noch mehr Probleme haben werde, kann ich alle beruhigen: Nein! Denn meine Schwierigkeiten sind schon schwer genug zu ertragen. Ich denke, das Schlimmste, das mir passieren könnte, wäre, wenn ich verschwinde. Aber es wäre ein kleineres Übel, weil ich auf dieser irdischen Welt nie wirklich existiert habe. Es ist nur ein Zufall, dass ich mich in diesem Moment hier befinde.


(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch), swissinfo.ch



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