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Kirchners Jahre in der Schweiz Schätze aus Berner Sammlung

Ernst Ludwig Kirchner: Gemälde Bohème Moderne

Ernst Ludwig Kirchner: Bohème Moderne, 1924

(zVg)

20 Jahre lang lebte und arbeitete der deutsche Expressionist Ernst Ludwig Kirchner in Davos. Die hochkarätige Sammlung des Berner Galeristen E.W. Kornfeld aus Kirchners Schweizer Jahren wird nun erstmals in Berlin gezeigt.

"Es gibt doch gar keine blauen Kühe." Die Davoser Primarschüler, die Ernst Ludwig Kirchner im Zeichnen unterrichten sollte, zeigten wenig Verständnis für den expressionistischen Stil ihres Lehrers. Der damals bereits höchst erfolgreiche Künstler kam 1917 mitten im Ersten Weltkrieg nach einem psychischen Zusammenbruch in die Schweiz. Kirchner wollte seinem Leben eine Wende geben. Er blieb bis zu seinem Freitod im Jahr 1938 in Davos.

In der Abgeschiedenheit der Berge fand er neben einer grandiosen Landschaft auch eine heilsame friedliche und geerdete Atmosphäre. Ein grösserer Kontrast zu der aufgeheizten Kriegsstimmung in Berlin war wohl kaum denkbar. Kirchner lebte in seiner neuen Heimat in einfachen Verhältnissen, im ersten Sommer auf der Stafelalp, dann in Frauenkirch, einem Vorort von Davos.

Der Bruch in seiner Biographie diente auch dem Entzug vom Morphium, von dem er seit Jahren abhängig war. Hier schaffte er es, sich von der Sucht zu befreien, knüpfte Verbindungen zu den Einheimischen und kam zur Ruhe. Kirchner stürzte sich in die Arbeit, malte seine Nachbarn und die Alpenlandschaft, schnitzte, fotografierte, zeichnete, schuf Holzschnitte und fertigte Entwürfe für Bildteppiche an.

Drei von ihnen sind bis Ende März neben vielen anderen Exponaten aus der Sammlung E.W. Kornfeld im Berliner Brücke-Museumexterner Link zu sehen. "Der Schweizer Kirchner ist noch zu wenig bekannt und sollte stärker in den Fokus geraten", erklärt die Kuratorin und Direktorin des Museums, Lisa Marei Schmidt. Ihr war es daher ein Anliegen, das Augenmerk auf diese Schaffensperiode des Künstlers zu legen.

Neues Leben – neuer Stil

Bei dem Sammler und Auktionator E.W. Kornfeld stiess sie mit diesem Wunsch auf offene Ohren. Der 95-jährige Berner hat in über sieben Jahrzehnte eine der umfangreichsten Privatsammlungen mit Kirchners Werken aufgebaut, darunter viele aus den Jahren in Davos.

Das Berliner Brücke-Museum zeigt nun erstmals Kornfelds Schätze aus dieser Zeit. Der Sammler kam sogar zur Vernissage angereist. Zuvor hatte ihn Schmidt, seit Oktober 2017 Direktorin des Museums, in der Schweiz aufgesucht und zeigt sich begeistert über die Unterstützung, die ihr Kornfeld zuteilwerden liess.

In Davos änderte sich mit Kirchners Leben auch sein Stil. "Das direkt Erlebte findet Eingang in seine Kunst", sagt die Kuratorin. Farben und Formen werden flächiger. Die Kinder seiner Nachbarn, der Alpaufzug, das Glühen der Berge. All diese Impressionen setzt Kirchner künstlerisch um.

Ernst Ludwig Kirchner: Wildboden im Schnee, Ölbild auf Leinwand

Ernst Ludwig Kirchner: Wildboden im Schnee, 1924, Öl auf Leinwand

(zVg)

Ab 1919 hat er sich erholt und stürzt sich in die Arbeit. Von deren Verkauf bestreitet er seinen Lebensunterhalt, und so trifft es ihn hart, als die Nationalsozialisten 1937 seinen Namen auf die Liste der entarteten Künstler setzen und ihn somit für den deutschen Kunstmarkt als unverkäuflich brandmarken.

Im gleichen Jahr schliesst ihn auch die Preussische Akademie der Künste aus. Kirchner ist von dieser Missachtung schwer getroffen. "Er war eine getriebene Persönlichkeit", sagt Schmidt, und auch höchst eitel. Sein Sammler Kornfeld habe einmal gesagt, er sei eigentlich froh, Kirchner nicht persönlich kennengelernt zu haben, weil dieser so ein Egomane gewesen sei. Wahrscheinlich hätte er ihn nicht gemocht.

"So froh und glücklich, hier zu sein"

Dem Besucher eröffnet sich in Berlin auch ein sehr persönlicher Blick auf den Künstler, denn in Kornfelds Besitz befinden sich auch viele Briefe Kirchners, die an einer Audiostation vorgelesen werden.

"Kirchner hat sich in der Schweiz sehr wohl gefühlt", sagt Schmidt. Davon zeugen eben diese Briefe, in denen er über sein Leben berichtet. Durch die Korrespondenzen blieb er zugleich in Kontakt mit der Kunstwelt und hielt sich im Gespräch. "Ich bin so froh und glücklich, hier zu sein und zu bleiben", schreibt er 1920, und an anderer Stelle: "Hier kann ich wenigstens in den guten Tagen etwas arbeiten und ruhig unter diesen einfachen und guten Menschen sein."

Älterer Mann

Der Berner Galerist E.W. Kornfeld

(zVg)

Hommage an den Sammler

E. W. Kornfeld ist weit mehr ist als ein Sammler, sondern ein profunder Kenner Kirchners. Er taucht tief in dessen Kunst ein, hat sie recherchiert, dokumentiert und akribisch archiviert. Auf vielen Rückseiten von Drucken finden sich persönliche Notizen.

Schmidt zeigt dies an einem Beispiel in der Ausstellung, dem Holzschnitt eines jungen Davoser Mädchens. "Kornfeld hat sie Jahrzehnte später gesucht und gefunden und die Daten dazu hinten auf Kirchners Bild vermerkt", erzählt sie beim Rundgang durch das Brücke-Museum in Berlin-Dahlem.

Dem Sammler Kornfeld ist der erste Raum der Berliner Ausstellung gewidmet. In einem Raum stehen auf Regalen Publikationen aus Kornfelds Verlag, auch jene aus seiner eigenen Feder. "Die Ausstellung ist auch eine Hommage an ihn", sagt die Kuratorin.

In deren Zentrum finden die Kirchner-Sammlung des Brücke-Museums und die Kornfeld-Leihgaben dann auch symbolisch wunderbar zusammen. Drei geschnitzte Kirchner-Stühle aus dessen Haus in Davos befinden sich in Kornfelds Besitz. Der vierte gehört dem Brücke-Museum in Berlin. Nun bilden sie zum ersten Mal wieder wie einst in Kirchners Haus gemeinsam eine Runde.

Kirchner und Kornfeld

Eberhard W. Kornfeld (geboren 1923 in Basel) ist einer der bekanntesten Kunsthändler der Schweiz und stand zeitlebens in Kontakt mit grossen Künstlern wie Picasso, Chagall und Giacometti.

Bereits in den 1940er-Jahren kaufte Kornfeld erste Werke von Kirchner und baute seine Sammlung seither sukzessive aus. "Fast in jedem Monat kommt bis heute ein kleineres Werk dazu", sagt er.

1962 erwarb er Kirchners Wohnhaus und Atelier auf dem "Wildboden", 1981 ebenfalls das "Haus in den Lärchen", in dem der Künstler von 1918 bis 1923 gewohnt hatte. Dieses ist nun sein Zweitwohnsitz und beherbergt viele der angekauften Werke.

Kornfeld veröffentliche 1979 das Standardwerk "Ernst Ludwig Kirchner. Nachzeichnungen seines Lebens".

Anlässlich der Berliner Ausstellung wird zu Ehren von E.W. Kornfeld und seinem Wirken auch ein sogenanntes "Archivheft" in der Brücke-Reihe erscheinen. Es enthält neben Texten von Kornfeld auch bisher unveröffentlichte Texte des Künstlers.

(Quelle: u.a. Brücke-Museum)

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