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Klimaschutz "Schockierend, dass Fliegen nicht besteuert wird"

Ein Flugzeug beim Landen

Darf man angesichts des Klimawandels noch fliegen?

(Keystone)

Angesichts der Bedrohung durch den Klimawandel sollte die Schweiz die Fliegerei besteuern, fordert Florian Egli. Der ETH-Wissenschaftler nimmt derzeit an der UNO-Klimakonferenz in Deutschland teil. Er ist Vizepräsident von foraus, einem jungen Schweizer Thinktank zur Aussenpolitik.

swissinfo: Wo steht die Schweiz im internationalen Vergleich beim Klimaschutz? 

Florian Egli: Die Bilanz ist durchzogen. Einerseits hat sie vor dem Abschluss des Klimaabkommens 2015 in Paris viel Schwung in die Verhandlungen eingebracht. Sie war das erste Land, welches ein nationales Klimaziel einreichte. Gleichzeitig sind Schweizerinnen und Schweizer grosse Klimasünder. Dies auch angesichts der Tatsache, dass sie viele Konsumgüter importieren, die gar nicht in den Treibhausgasstatistiken der Schweiz erscheinen, sondern  in den denjenigen der Herkunftsländer (also zum Beispiel China).

swissinfo:  Schweizerinnen und Schweizer isolieren zwar ihre Gebäude besser und verursachen im Haushalt weniger CO2-Ausstoss. Sie fliegen jedoch immer mehr. Darf man angesichts des sich abzeichnenden Klimawandels überhaupt noch fliegen?

F.E.: Es gibt wichtige Angelegenheiten, die es durchaus rechtfertigen, zu fliegen. Ein Austausch zwischen verschiedenen Regionen der Welt ist wichtig und kann am besten stattfinden, indem man reist oder besser noch einem andern Land wohnt und dort arbeitet. Es gibt einerseits die Geschäftsreisen – in diesem Bereich stagnieren die Flüge, und die Digitalisierung macht es möglich, Meetings abzuhalten ohne zu reisen. Die Freizeitreisen dagegen steigen enorm. Ein Städtetrip für zwei Tage zum Beispiel trägt kaum etwas er zur interkulturellen Verständigung bei. 

Fliegen

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SRF, Sternstunde Philosophie, 22.10.2017: Dürfen wir noch fliegen?

swissinfo: Wie gross ist in der Schweiz der Anteil der durch Flugzeuge ausgestossenen Treibhausgase?

F.E.: Er beträgt rund 15 Prozent, und es handelt sich um die am stärksten steigende Emissionskategorie. 

swissinfo.ch: Vermögen umweltfreundliche Technologien die Emissionen des Flugverkehrs zu senken? 

F.E.: Nein, beim Flugverkehr ist keine Lösung in Sicht, deshalb stellt sich die ethische Frage nach dem Verhalten des Einzelnen sehr stark. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir in den nächsten 20 bis 30 Jahren eine Technologie entwickeln, um CO2-neutral zu fliegen. Easy Jet ist kürzlich eine Kooperation mit einem Startup eingegangen, das elektrische Flugzeuge baut. Dieses konstruierte als Pilotversuch einen Zweisitzer. Der ist noch sehr weit von einer markttauglichen Linienmaschine entfernt. Zudem stellen sich bei elektrisch betriebenen Flugzeugen viele Sicherheitsfragen. 

Florian Egli (28) schreibt an der ETH Zürich eine Dissertation zum Thema Investitionsentscheide und erneuerbare Energien. Der Volkswirtschaftler nimmt als Beobachter auch an der UNO-Klimakonferenz teil, die vom 6. bis 17. November in Bonn stattfindet. An dem Treffen geht es darum, das vor zwei Jahren in Paris abgeschlossene Klimaabkommen in einem Regelwerk zu konkretisieren.

(ZVG)

swissinfo: Wer in der Schweiz ein Ticket für einen internationalen Flug löst, bezahlt weder Kerosin- noch Mehrwertsteuer. 

F.E.: Ein Flugticket sollte genau gleich der Mehrwertsteuer unterliegen wie eine andere Dienstleistung. Ich verstehe auch nicht, weshalb Fluggesellschaften keine Mineralölsteuer bezahlen. Beim Autobenzin beträgt diese über die Hälfte des Preises. Beim Heizöl gibt es eine CO2-Abgabe. Da könnte die Schweiz durchaus in eigener Regie etwas ändern. Angesichts steigender Emissionen ist es absolut schockierend, dass das Fliegen nicht besteuert wird.  

swissinfo: Sollten die Flugemissionen aber nicht auf internationaler Ebene gesenkt werden? 

F.E.: Absolut. Es wäre auch absolut logisch, dass die Emissionen der Flugzeuge und des internationalen Schiffsverkehrs in die Klimaverhandlungen einbezogen werden. Diese werden nämlich bisher in den nationalen Treibhausgasinventaren gar nicht berücksichtigt. 

swissinfo: Gibt es Bestrebungen, dies zu ändern? 

F.E.: Im Augenblick nicht. Auch ein Land wie die Schweiz hat wenig Interesse, diese einzubeziehen, weil dann ihre verbuchten Emissionen stark ansteigen würden. Damit würden die Ziele, zu denen man sich verpflichtete, viel ambitionierter. 

swissinfo: Müsste die Zivilgesellschaft Druck aufsetzen?

F.E.: Ja, es handelt sich um eine Forderung, die immer wieder erhoben wird. Auch von Seiten des aussenpolitischen Think-Tank foraus, dessen Vizepräsident ich bin. 

swissinfo:  Solange der Luftverkehr einen markanten Wettbewerbsvorteil gegenüber Strasse und Schiene geniesst, bleibt also nur der moralische Appell an den Einzelnen, möglichst wenig zu fliegen? 

F.E.: Ja, es bleibt auch der Appell an die Politik, etwas zu unternehmen und beispielsweise das Bahnnetz in Europa zu verbessern. Über 80% der Flüge, die von der Schweiz aus gebucht werden, gehen nach Europa – und fast 40% über eine Distanz von weniger als 800 Kilometern. Dies ist eine Strecke, die gut mit dem Zug bewältigt werden kann. 

swissinfo: Was halten Sie davon, die Flugemissionen durch Projekte in andern Ländern zu kompensieren, wie es etwas Myclimate macht? 

F.E.: Grundsätzlich ist die Kompensation eine gute Sache. Sie funktioniert nach dem Prinzip der geringsten Vermeidungskosten und ist somit in der Theorie effizient. Das Problem ist, dass es eine alte Logik zementiert: nämlich, wir dürfen in den Industrieländern Treibhausgase ausstossen, wenn wir sie in günstigeren Ländern kompensieren. Diese Denkweise müssen wir durchbrechen, wenn wir die Klimaziele erreichen wollen. Die Emissionen müssen überall sinken.

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