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Kontroverse


Meinungen zur Atommüll-Entsorgung bleiben geteilt


Von Chantal Britt


Ein Brennstab: aus dem Film "Die Reise zum sichersten Ort der Erde". ()

Ein Brennstab: aus dem Film "Die Reise zum sichersten Ort der Erde".

Der Film hat alle Attribute eines Thrillers: eingängige Bilder, dramatische Musik und faszinierende Charaktere. Aber es ist ein Dokumentarfilm über die Herausforderung einer sicheren Endlagerung von Atommüll in der Schweiz.

Der Film "Die Reise zum sichersten Ort der Erde" von Edgar Hagen wurde kürzlich in Bern vor einem vorwiegend atomenergiekritischen Publikum gezeigt und stiess auf grosse Anerkennung. Das ist nicht schwer zu verstehen, denn er spielt mit Emotionen, Vereinfachungen und skizziert die Schwierigkeiten bei der Suche nach einem geeigneten Atommüll-Endlager.

Ein paar Wochen später wurde in Zürich der Film "Das Versprechen der Pandora " gezeigt. Er kritisiert die Heuchelei der Atomgegner und stellt die Kernkraft als Technologie dar, die in der Lage ist, unseren Planeten vor der globalen Erwärmung zu retten. Der amerikanische Filmemacher Robert Stone erhielt Applaus und Komplimente aus dem der Kernkraft gegenüber positiv gestimmten Publikum.

Sinnbild der Situation

Die beiden Vorführungen sind Sinnbild für die Situation der Schweiz mit ihrer direkten Demokratie: Im Jahr 2002 haben die Wählerinnen und Wähler des Kanton Nidwalden einen Sondier-Stollen für ein Atommüll-Lager auf ihrem Gebiet abgelehnt.

Das Problem ist nicht verschwunden, obwohl Kantone kein Vetorecht bei Endlagerstandorten haben. Die Regierung hat immer noch die unangenehme Aufgabe, einen Endlagerstandort zu finden, der vor allem auch von der lokalen Bevölkerung akzeptiert wird.

Abstimmung frühestens 2023

Die Schweiz plant, die Endlagerung ihrer nuklearen Abfälle in einem Tiefenlager. Das Bundesamt für Energie hat die Gesamtverantwortung im Auswahlprozess für einen geeigneten Standort. Sechs Regionen kommen aufgrund ihrer geologischen Eigenschaften grundsätzlich für ein Tiefenlager in Frage.

Frühestens 2023 wird das Schweizer Stimmvolk an der Urne über einen definitiven Standort für das Endlager abstimmen. "Es hat sich gezeigt, dass für die Suche nach einem Standort eine breite Beteiligung der Bevölkerung notwendig ist", schreibt das Bundesamt für Energie in einem Dokument. "Wir können nicht mehr eine Ankündigungsstrategie verfolgen, sondern müssen einen partizipativen, transparenten und verständlichen Prozess verfolgen."

Plan der Regierung

Das Bundesamt für Energie (BFE) hat die Gesamt-Verantwortung für das dreistufige Auswahlverfahren für ein bis zwei Standorte für geologische Tiefenlager.

2011 hat der Bundesrat sechs mögliche Standorte für ein Tiefenlager festgelegt. Gegenwärtig läuft die zweite Verfahrensetappe. Es geht darum, die Lagerprojekte in den sechs potenziellen Standortregionen zu konkretisieren und die geologischen Standortgebiete miteinander zu vergleichen. Wichtigstes Entscheidungs-Kriterium ist die Sicherheit.

Lektion für Nagra

Das war eine wichtige Lektion für die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra). Deren Sprecherin Jutta Lang sagte, es sei nicht das Ziel "die Leute zu indoktrinieren, sondern es geht darum, ihre Fragen zu beantworten, damit sie sich eine eigene Meinung bilden können. Das Problem ist, dass es bei diesem emotionalen Thema selten eine einfache Antwort auf eine einfache Frage gibt".

Allein im Jahr 2012 hat das Bundesamt für Energie (BFE) 175 Workshops und Diskussionen am runden Tisch zu Vorschlägen der Nagra organisiert. Dazu eingeladen hatte sie regionale Behörden, Interessengruppen und Bewohner der Regionen, die für ein Endlager in Frage kommen.

Seit der Gründung der Nagra im Jahr 1972 hat die Landesregierung 1,2 Milliarden Franken in die Standortsuche investiert. Die Regierung will die Standortsuche vorantreiben, doch die Gegner wollen zuerst alle Sicherheitsfragen beantwortet haben. Das erste Endlager war ursprünglich für 1985 geplant. Heute plant man ein Endlager für das Jahr 2050 oder später.

Die Anfänge

1969 nahm in der Schweiz das erste kommerzielle Kernkraftwerk (Beznau I) den Betrieb auf. 1972 wurde von den Betreibern der Kernkraftwerke (KKW) und dem Bund (verantwortlich für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle aus Medizin, Industrie und Forschung) die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) gegründet.

Die Entsorgung hochradioaktiver Abfälle in der Schweiz war damals noch kein Thema, da mit der Wiederaufarbeitung des verbrauchten Brennstoffes und der Entsorgung der resultierenden Abfälle im Ausland gerechnet wurde.

Mitte der 70er-Jahrewurden die Verträge zwischen den Kernkraftwerkgesellschaften und den Betreibern der Wiederaufarbeitungsanlagen in Frankreich und England neu ausgehandelt; darin behielten sich die ausländischen Vertragspartner die Option vor, die anfallenden hochradioaktiven Abfälle in die Schweiz zurückzusenden.

Seit 1977 steht fest, dass in der Schweiz auch ein Endlager für hochaktive Abfälle bereitgestellt werden muss.

Problem der Nähe

"Den meisten Politikern und auch der Öffentlichkeit ist die Notwendigkeit eines Endlagers klar, aber sie wollen es nicht in ihrer Nähe haben", sagt Charles McCombie, Atommüll-Berater bei MCM Partner. "Die meisten Wissenschafter sind sich einig, dass das gefahrlos möglich ist, aber diese Ansicht wird durch eine aktive Minderheit von Forschern in Frage gestellt."

Bei der Vorführung des Films "Die Reise zum sichersten Ort der Erde" erhoben die Gegner ihre Stimme. Unter ihnen war auch die sozialdemokratische Politikerin Ursula Wyss, die eine Einführung zum Film machte. "Es ist ein riesigesErbe, das wir unseren Kindern und Enkelkindern überlassen", sagte Wyss. "Das Problem übersteigt unsere technischen Möglichkeiten und unsere Verantwortung, und es ist unmöglich zu begreifen."

Reversible Lösungen

An einer Podiumsdiskussion nach der Filmvorführung nahm neben Wyss auch Jürg Buri, Direktor der atomkritischen Schweizerischen Energiestiftung teil: "Niemand weiss genau, was mit den in der Erde vergrabenen Stahlkanistern passieren wird. Deshalb plädieren wir für temporäre, reversible Lösungen anstelle von Scheinlösungen für die Ewigkeit."

Wenig Begeisterung zeigte das Publikum für die Ausführungen von Michael Aebersold, dem Leiter des Entsorgungsprogramms beim Bundesamt für Energie. Aebersold verteidigte die Pläne der Regierung und sagte, Abfälle seien nur dann sicher, wenn sie verschlossen und unzugänglich seien.

Der Unterschied zwischen den beiden Filmanlässen war gross. Für den Film von Stone war die Kernenergie-Lobby eingeladen. Der Film erinnert an die Aufbruchsstimmung der frühen Tage der Kernenergie in der Schweiz, als die Abfallproblematik noch kein Thema war.

Idealisten?

Für Stein ist der Abfall auch heute noch kein Problem. "Abfall ist eines der kleineren Probleme", sagte Stein nach dem Film und erklärte, dass in schnellen Reaktoren sogar Brennstoff rezykliert werden könne. Die Anti-Atom-Aktivisten bezeichnete er als irrationale Idealisten mit wenig Fachwissen.

Die verhärteten Fronten sind auch Ausdruck der Komplexität des Themas Endlagerung von Atomabfällen. "Man kann die Ethik nicht vernachlässigen, und wir brauchen Transparenz", sagte Jürg Schacher, ein Kernphysiker an der Universität Bern. "Wir wollen keine billige, komfortable Lösung, bei welcher der Abfall in Vergessenheit gerät."

Markus Fritschi, Bereichsleiter Lagerprogramm bei der Nagra, sagte, es gebe keinen Plan B für den Fall, dass das Stimmvolk in zehn Jahren den bis dann von der Regierung gewählten Standort für ein Endlager ablehne. "Wenn wir keinen geeigneten Standort finden, müssen wir wieder zurück auf Feld eins und müssen unsere Abfälle weiterhin in Zwischenlagern an der Oberfläche speichern. Das wäre kein gutes Szenario."

Geologische Tiefenlager

Das Kernenergiegesetz verlangt, dass radioaktive Abfälle in geologischen Tiefenlagern entsorgt werden müssen. Das Schweizer Entsorgungskonzept sieht zwei geologische Tiefenlager vor: Ein Lager für hochradioaktive Abfälle (HAA) und ein Lager für schwach- und mittelaktive Abfälle (SMA).

Die Lager werden in mehreren hundert Metern Tiefe in geeigneten Gesteinsschichten liegen. Sie bestehen je nach Art der Abfälle aus Lagerstollen oder Lagerkavernen, einem Pilotlager für die Überwachung eines repräsentativen Teils der Abfälle, einem Felslabor, Infrastrukturanlagen und Zugangstunnel oder Zugangsschächten. Während des Baus und Betriebs sind zusätzliche Bauten an der Erdoberfläche nötig. Dort werden die Abfälle angeliefert und für die Einlagerung vorbereitet.

Im Lager selbst schliesst ein System von gestaffelten technischen Sicherheitsbarrieren die Abfälle ein und stellt den langfristigen Schutz von Mensch und Umwelt sicher. Zu den Sicherheitsbarrieren gehören beispielsweise eine geeignete Verpackung der Abfälle und die Verfüllung der Lagerstollen.

Nach Ablauf der Überwachungsphase werden die Lager und Zugänge verfüllt und versiegelt. Der Verschluss erfolgt schrittweise, unterbrochen durch Beobachtungsphasen.

(Quelle: Nagra)


(Übersetzung aus dem Englischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch



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