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Leben als Expat


Sind Schweizer für Expats wirklich so "harte Nüsse"?


Von Simon Bradley



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Fühlen sich daheim: Mitglieder des Geneva Runners Club nehmen am traditionellen Winterschwimmen Coupe de Noël teil. (zVg)

Fühlen sich daheim: Mitglieder des Geneva Runners Club nehmen am traditionellen Winterschwimmen Coupe de Noël teil.

(zVg)

Ist die Schweiz ein schwieriges Pflaster, um Leute kennenzulernen, Freundschaften zu schliessen und sich einzuleben? Bei einer aktuellen Umfrage unter Expats in 39 Destinationen weltweit kam das Sozialleben in der Schweiz schlecht weg, was dem Land in diesem Bereich den letzten Platz einbrachte. Machen die Schweizer ihren ausländischen Mitbewohnern das Leben hier wirklich derart schwer?

Es ist ein kalter Winterabend im Zentrum der Stadt Genf. Etwa 30 Personen, die meisten in leuchtend bunter Laufkleidung, schwatzen – meist in Englisch – miteinander und halten sich vor ihrem wöchentlichen Lauf warm.

Helen Gmür erhebt ihre Stimme und heisst alle willkommen, neue Läuferinnen und Läufer ebenso wie jene, die regelmässig mitmachen. "Nur zur Erinnerung, nächsten Sonntag findet das Neujahrsschwimmen statt. Super, toll!", fährt sie weiter.

Gmür hatte 2008 den Geneva Runners Club gegründet. Heute hat der Verein 370 Mitglieder, darunter "einige der besten Läufer in der Stadt", die schon eindrückliche Resultate erzielt hätten, erklärt sie stolz.

Der Club sei auch in anderen Bereichen ein voller Erfolg, so helfe er Neuankömmlingen, Freundschaften zu schliessen und sich rasch zu Hause zu fühlen. Etwa 70% der Mitglieder seien Expats, sagt Gmür, viele seien jung und alleinstehend und meist aus beruflichen Gründen in die französischsprachige Stadt gezogen.

Gmür, die aus dem Toggenburg im Kanton St. Gallen stammt, erklärt, sie habe den "Überblick darüber verloren", wie vielen Leuten der Club schon geholfen habe, sich zu integrieren. "Aber mir wird warm ums Herz, wenn ich sehe, welche wunderbaren Freundschaften hier schon entstanden sind... Und es gab auch bereits zehn Hochzeiten von Leuten, die sich hier kennen gelernt haben, sowie einige Babies."

Am Ziel angekommen – dem Pub im Clubhaus – scheinen praktisch alle Läuferinnen und Läufer zu strahlen. Viele erklären, die eng verbundene Gruppe habe positive Auswirkungen gehabt auf ihr Sozialleben und ihre Integration, auch wenn sie sich vor allem auf Expats konzentriere.

Chris, ein Kanadier, der seit 20 Jahren in Genf ist, sagt, der Club habe sein Leben verändert. "Ich hatte ausserhalb des Zentrums gearbeitet und pendelte. Als ich nach Genf zurückkam, um hier zu leben, hatte ich kein Sozialleben, aber durch den Club lernte ich viele Leute kennen und kam ausser dem Laufen zu einer Menge verschiedenster Dinge."

Trotz solchen scheinbaren Erfolgsgeschichten gilt die Schweiz als schwieriges Pflaster, wenn es um die Integration von Arbeitskräften geht, die aus dem Ausland hierher kommen.

Zumindest war dies die Wahrnehmung einer Mehrheit von Expats in der Schweiz, die 2015 für die jährliche Umfrage "Expat Explorer" der britischen Bank HSBC befragt wurden.

Die Schweiz landete auf Platz 10 von 39 Destinationen weltweit, was Leben und Arbeit insgesamt angeht. Was die Löhne betrifft, kam die Schweiz in die vordersten Ränge – 29% der befragten Expats hatten Jahressaläre von mehr als 200'000 Franken, womit die Schweiz nach Hongkong auf dem zweiten Platz landete.

Doch obschon das kleine Alpenland bei Aspekten wie Lebensqualität, Sicherheit und Gesundheit gut abschnitt, landete es in der Kategorie "Freunde machen" nur auf dem zweitletzten, dem 38. Rang. Auch bei der Integration (35. Platz) und der Kultur (34. Platz) schnitt die Schweiz in der Umfrage schlecht ab.

"Nur 35% der Expats fanden es einfach, in dem Land Freundschaften zu schliessen, und 43% fanden es einfach, sich in der lokalen Bevölkerung und Kultur zu integrieren (verglichen mit 61% der Expats weltweit)", hiess es in dem Bericht zur Umfrage.

In kleineren Orten und Dörfern, abseits von den hellen Lichtern der Städte, finden es gewisse Leute einfacher, Freundschaften zu schliessen, die über den Expat-Kreis oder das eigene Arbeitsumfeld hinausgehen, vor allem, wenn sie kleinere Kinder haben. Aber auch das ist nicht nur einfach, wie der Kanadier Ryan Peters* herausfand.

Seit 12 Jahren lebt er mit seiner Familie in der Nähe von Siders im Kanton Wallis in einem kleinen, deutschsprachigen Dorf. Dass er ein lokales Restaurant besitzt und in zwei lokalen Chören singt, half ihm, in der Region mehr Leute kennen zu lernen.

"Ich denke, die Schweiz ist eigentlich ein ziemlich einfacher Ort, um Leute zu treffen. Flüchtige Freundschaften lassen sich recht einfach schliessen, aber der nächste Schritt ist ziemlich gross", sagt Peters. "Es dauert hier länger, gute, enge Freundschaften aufzubauen, das ist so."

Chris sagt, er habe dank Freiwilligenarbeit in Genf Freundschaften mit Einheimischen geschlossen. Aber er beharrt darauf, dass Schweizer gewissermassen eine eingeschworene Gemeinschaft seien: "Nach der Schule leisten sie ihren Armeedienst und tendieren dazu, die gleichen Freunde und die gleiche Stelle zu behalten."

"Ein Land von Zombies"

Eine Mehrheit der swissinfo-Leser, die auf Facebook auf eine Online-Frage zu der HSBC-Umfrage reagierten, schien den Resultaten der Umfrage zuzustimmen. Einige äusserten sich sehr kritisch über das Sozialleben in der Schweiz.

"Die Schweiz ist ein Land von Zombies. Ich habe im Verlauf eines Wochenendes in meinem Heimatland mehr Sozialkontakte als in sechs Monaten in der Schweiz. Ja, so schlimm ist es hier", schrieb Jonathan Almeida, ein Portugiese, der in Zürich arbeitet, in einem Post.

"Dieses Jahr haben wir in unserem [Arbeits]-Team ein Mädchen aus den USA, die ein einjähriges Ausbildungsprogramm macht. Sie fragte mich wörtlich: 'Ist es möglich, hier ohne glocals.com oder meetup.ch [lokale Online-Gemeinschaften] natürlich Freundschaften zu schliessen?'."

Andere hingegen stimmten mit dem Resultat der Umfrage überhaupt nicht überein. Lisa Nordcross zog jüngst nach Düsseldorf in Deutschland, nachdem sie fünf Jahre in Zürich, und davor als Expat in Atlanta, in den USA, gelebt hatte.

"Von den drei Städten fand ich Zürich die einfachste, um mir ein Sozialleben aufzubauen. Ich schloss viele Freundschaften mit Leuten, die ähnlich gelagerte Stellen hatten wie ich, und gemeinsame Interessen (vor allem was Sport angeht – Skifahren, Velofahren etc.). Ich bin mit den Resultaten dieser Studie also gar nicht einverstanden!", sagte sie.

Vivienne McAlister-Geertz, die aus Nordirland stammt, erklärte, Expats sollten den Schweizern nicht die Schuld anlasten, dass diese sie nicht mit offenen Armen empfangen würden.

Und fragte: "Wenn Sie in ihrem Heimatland wären, wo sie aufgewachsen sind und Ihren eigenen Freundeskreis hätten, würden Sie losrennen, um einen Fremden zu umarmen?" Sie selber zog jüngst mit ihrem Ehemann in ein Dorf im Kanton Aargau – und ist begeistert.

Die Umgangssprache sprechen

In vielen Facebook-Kommentaren wurde betont, wie wichtig es sei, proaktiv zu sein, und nicht in der Expat-Blase zu verharren.

Man müsse selber etwas beitragen, sich bemühen, auf die Leute zugehen. "Niemand wird an Ihre Türe klopfen. Das ist das Schöne an einer derart diskreten, unaufdringlichen Gesellschaft", sagte Stephanie.

Die meisten Leute scheinen sich einig, dass der Schlüssel zu einer erfolgreichen Integration in der Schweiz das Erlernen der lokalen Sprache ist. Ryan sagt, er verstehe zwar Deutsch, manchmal könnten aber die lokalen Deutschschweizer Dialekte zum Problem werden.

"Jedes Tal hat seinen eigenen Dialekt, und manchmal ist es hart, die Leute überhaupt zu verstehen. Wenn man sich darum bemüht, zieht das die Leute zunächst an, aber wenn es zu einem Missverständnis kommt, kann das Freundschaften auch behindern", sagt er.

Zudem gebe es abgesehen von der Sprache gewisse Formalitäten, wenn es darum gehe, Freundschaften zu schliessen, sagt Ryan. "In Kanada kann man auch bei flüchtigen Freunden oder Bekannten unangemeldet an der Türe klopfen und wird hereingebeten. Hier muss man zuerst eingeladen worden sein."

Robert Stanley*, ein Brite, der seit 14 Jahren in der Nähe des Thunersees im Kanton Bern lebt, stimmt zu und sagt: "Bei uns zu Hause geht man mit jemandem etwas trinken, damit man sich kennen lernen kann. Hier muss man die Leute zuerst kennen, bevor man etwas trinken geht. Die Schweiz ist in dem Sinne sehr traditionell."

Er fügt hinzu: "Die Schweizer sind harte Nüsse, aber wenn man die Nuss einmal geknackt hat, können sie sehr loyal sein."

*Name der Redaktion bekannt


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)

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