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Licht auf Jahrzehnte der Grausamkeit in Guatemala

Dokumente des Grauens aus Guatemala in Bern archiviert.

(swissinfo.ch)

Guatemala schaut auf ein halbes Jahrhundert Grausamkeit zurück. Ein monumentales Polizeiarchiv gibt den Blick auf eine beispiellose Blutspur frei. Die Dokumente des Grauens werden in Bern sicher und digital aufbewahrt.

Im Jahr 1996 beendete Guatemala einen 36 Jahre langen Bürgerkrieg mit einem Friedensvertrag. 250'000 Menschen kamen in diesem Krieg ums Leben oder gelten bis heute als vermisst.

1999 bemängelte die nationale Kommission, welche die Menschenrechtsverbrechen untersuchte, die zivilen und militärischen Behörden des Landes behinderten die Aufklärung der Verbrechen und gäben die relevanten Dokumente nicht heraus.

Das änderte sich schlagartig, als im Juli 2005 Mitarbeiter der guatemaltekischen Menschenrechtsbehörde in einem ehemaligen Munitionsdepot auf ein gigantisches Archiv stiessen, das die Polizeiakten von Guatemala der vergangenen 120 Jahre barg.

In den vergangenen drei Jahren haben 200 nationale und internationale Experten rund 80 Millionen Archivblätter gesichtet, identifiziert, gereinigt, klassiert und geordnet. Aneinandergereiht sind die Dokumente des grössten Polizeiarchivs von Lateinamerika rund 8 Kilometer lang.

Die Schweiz als sichere Datenschützerin

In einem weiteren Schritt galt es, das brisante Archivmaterial zu digitalisieren. Die Schweiz beteiligt sich mit Experten an der elektronischen Sicherung der Dokumente.

Das Eidgenössisch Departement für auswärtige Angelegenheit (EDA) hat die Aufarbeitung des Archivs mit 100'000 US-Dollar unterstützt. "Das EDA wird der guatemaltekischen Menschenrechtsbehörde auch in Zukunft finanziell unter die Arme greifen", erklärt Mô Bleeker, Senior Advisor des EDA für Vergangenheitsarbeit und Gewaltprävention gegenüber swissinfo.ch.

Die guatemaltekische Menschenrechtsbehörde braucht pro Jahr rund 2 Mio. US-Dollar, um die Aufarbeitung und die Digitalisierung des Archivs weiter zu führen.

Krieg ist zu Ende, Straflosigkeit bleibt

Der Bürgerkrieg in Guatemala ist zwar seit 13 Jahren Geschichte, und das Land in Zentralamerika hat einen gewählten zivilen Staatschef und ein Parlament. Doch noch immer morden, entführen und foltern dunkle Mächte unbescholtene Bürger, Studenten, Anwälte und Gewerkschafter. Die Kultur der Straflosigkeit geht weiter.

Die Entdeckung des monumentalen Polizeiarchivs gibt aber den Strafverfolgern ein starkes Instrument in die Hand, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufzuklären. In den vergangenen Monaten hat sich die Gewaltspirale in Guatemala weiter gedreht. Das Polizeiarchiv ist nach Meinung von Menschenrechts-Vertretern gefährdet.

7 Millionen Dokumente in der Schweiz

Vor diesem Hintergrund haben sich die Aufklärungsbehörde für Menschenrechte in Guatemala und das Bundesarchiv in Bern geeinigt, wichtige Teile der digitalisierten Akten in die Schweiz zu schicken.

"Vor ein paar Wochen sind per diplomatischer Post 2,7 Terra-Bites oder mehr als 7 Millionen Dokumente und Beweismittel im Bundesamt eingetroffen. Das entspricht rund einem Drittel des Archivmaterials, das in die Schweiz transferiert wird", erklärt Guido Koller, Direktions-Adjunkt des Bundesarchivs gegenüber swissinfo.ch. "In den kommenden Monaten erwarten wir weitere digitalisierte Akten aus Guatemala."

Wie sicher sind die Akten im Bundesarchiv in Bern? "Das Archiv gehört zu den weltweit führenden digitalen Archiven. Wir bewahren auch staatsrelevante Akten aus der Schweiz sicher auf", beruhigt Guido Koller.

Nicht alle Akten, Beweismaterialien und Dokumente des Polizeiarchivs von Guatemala sind gleich brisant. Die Menschenrechtsbehörde interessiert sich besonders für die Akten ab Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

1954 putschten die Militärs gegen den aus der Schweiz stammenden gewählten Präsidenten Jacobo Árbenz Guzmán. Schwerste Menschrechtsverletzungen waren unter den Diktaturen von Carlos Manuel Arana Osorio (1970-1974), Fernando Romeo Lucas Garcia (1978-1982) und unter der Herrschaft von Efrain Rios Montt (1982-1983) zu verzeichnen.

Kollektives Recht auf Wahrheit

Im soeben veröffentlichten Bericht "Das Recht auf Wissen" drückt der oberste Menschenrechtsanwalt von Guatemala, Sergio Fernando Morales Alvarado, die Hoffnung aus, dass es mit dem jetzt gesicherten Polizeiarchiv gelingen werde, die Kommando-Ketten innerhalb der Streitkräfte und der Polizeiorgane offen zu legen, die obersten Entscheidungsträger zu eruieren und sie zur Verantwortung zu ziehen.

Das Polizeiarchiv von Guatemala hat hohen Symbolcharakter. Der Datenberg sorgt dafür, dass die Geschichte des Grauens nicht im Nebel des Unwissens verschwindet.

"Nicht nur die Hinterbliebenen der Opfer haben ein Recht darauf zu wissen, was mit ihren Angehörigen geschehen ist. Auch die ganze Gesellschaft hat einen kollektiven Anspruch, die Wahrheit zu kennen, damit sich die Greuel des Bürgerkriegs nicht wiederholen", schliesst Sergio Fernando Morales Alvarado in seinem Bericht.

Erwin Dettling, swissinfo.ch

Geschichte des Grauens

Der Bürgerkrieg in Guatemala begann 1960, sechs Jahre nach einem von der CIA gesteuerten Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Jacobo Arbenz.

In den folgenden 36 Jahren kämpften linke Guerilla-Organisationen gegen die Armee. In der Folge wurden zwischen 100'000 und 150'000 Kinder, Frauen und Männer massakriert.

Der Report der offiziellen Wahrheitskommission kam 1999 zum Ergebnis, dass die Gegenaufstands-Taktiken der Regierungsstreitkräfte den Charakter eines Genozids hatten.

Die Behörden in Guatemala haben kaum Anstrengungen unternommen, frühere Militärs vor Gericht zu stellen, denen Menschenrechtsverletzungen und Völkermord während des bewaffneten Konflikts vorgeworfen werden.

Nach dem Ende des Kalten Kriegs begann im Jahre 1991 eine schrittweise Befriedung. Im Dezember 1996 unterzeichneten die Regierung und die Guerilla ein umfassendes Friedensabkommen.

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Land der Straflosigkeit

Gemäss Polizeistatistiken werden in Guatemala jedes Jahr mehrere Tausend Menschen ermordet.

Mit 47 Morden auf 100'000 Einwohner steht Guatemala nach El Salvador und Honduras an dritter Stelle der Mordstatistik in Lateinamerika.

Die Zahl der verurteilten Täter ist sehr klein. Nur etwa 1 Prozent der Morde werden aufgeklärt.

Mit 108 Mordopfern (auf 100'000 Einwohner) gilt die Hauptstadt Guatemala City als gewalttätigster Ort des Doppelkontinents.

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