500 Jahre Reformation
Laden
Artikel von

500 Jahre Reformation

Die Schweiz, die andere Wiege des Protestantismus

Die protestantische Welt feiert 2017 ein halbes Jahrtausend Reformation. Am 31. Oktober 1517 hängte der deutsche Mönch Martin Luther seine berühmten 95 Thesen an die Türe der Kirche von Wittenberg in Sachsen. Darin prangerte er bestimmte Praktiken der damaligen katholischen Kirche an, wie etwa den Ablasshandel.

Diese Streitschrift markierte den Anfang der protestantischen Reformation in Deutschland, eine Bewegung, die sich rasch auf einen grossen Teil Europas ausdehnte, und später auch Nordamerikas.

Doch während Deutschland als das Geburtsland der Reformation gilt, spielte auch die Schweiz eine wichtige Rolle dabei. Tatsächlich gaben die Reformatoren in Zürich und Genf nur wenige Jahre nach Luthers Bruch mit der katholischen Kirche der protestantischen Bewegung neuen Schwung. Der Protestantismus, wie wir ihn heute kennen, ist immer noch stark geprägt von den Ereignissen im 16. Jahrhundert in der Schweiz.

Geschichte der Reformation und des Protestantismus in der Schweiz

Die Schweiz im Zentrum der Reformation

Der Beginn der Reformation wird im Allgemeinen auf den 31.Oktober 1517 datiert, als Martin Luther im deutschen Wittenberg seine 95 Thesen angeschlagen haben soll. Sicher ist: Die kirchliche Erneuerungsbewegung breitete sich rasch in ganz Europa aus. Und die Schweiz wurde zu einem der wichtigsten Zentren der Reformation.

In Wittenberg, jener Stadt, wo alles begann, wacht Luthers Statue über den Marktplatz.

Als der Augustinermönch Martin Luther seine Thesen gegen den Ablass veröffentlichte, war Europa bereits von Erneuerungs- und Reformationskräften gezeichnet. Es gab viele Stimmen, die eine Erneuerung der katholischen Kirche forderten. Die Renaissance und die Erfindung von beweglichen Lettern für den Buchdruck hatten wesentlichen Anteil an der Ausbreitung neuer Ideen. Die Entdeckung neuer Erdteile veränderte die Wahrnehmung der Erde.

Fruchtbarer Boden

Es ist eine Zeit, in der Bauern und aufstrebende Bürgerschichten des Mittelstands mehr Autonomie und mehr Teilhabe an der öffentlichen Sache verlangen. Sowohl auf dem Land wie auch in der Stadt. In der Schweiz, genauso wie in den anderen Teilen Europas, breitet sich der Reformationsgedanke aus.

Zürich und Genf werden zu den beiden Zentren der Schweizer Reformation. In diesen Städten hilft der Reformationsgedanke den weltlichen Amtsträgern, sich gegenüber den jeweiligen Bischöfen zu emanzipieren.

Die Genesis in der Froschauer Bibel, der ersten in Zürich übersetzten und gedruckten Bibel.

Die zentrale Figur der Zürcher Reformation ist der St. Galler Pfarrer Huldrych Zwingli. Er lässt sich 1519 in der Limmatstadt nieder. Innerhalb von wenigen Jahren erneuert er die Kirche von Grund auf. Die katholische Messe wird 1525 in Zürich abgeschafft. Zwingli übersetzt noch vor Luther die Bibel ins Deutsche.

Bruch mit Luther

Die Beziehungen zum deutschen Reformator Martin Luther sind nicht einfach, auch auf persönlicher Ebene. Zwingli hat eine sehr tiefe Beziehung zum humanistischen Erbe; seine Reformation ist radikaler als diejenige Luthers. Der Versuch einer Versöhnung, der 1529 in Marburg stattfindet, scheitert an unterschiedlichen Interpretationen in Bezug auf das Sakrament der Eucharistie.

Der Streit zwischen Luther und Zwingli über die Frage der Sakramente in einer Darstellung des deutschen Malers Gustav König (1847). (akg-images)

Der Bruch mit Luther hat schwerwiegende Folgen für die Reformation in der Schweiz. Der Bezug zu Deutschland geht verloren. Die von Zwingli gegründete reformierte Kirche intensiviert ihre Kontakte zu Genf. Dort ist die Reformation durch Johannes Calvin geprägt.

Die beiden Kirchen einigen sich auf ein Bekenntnis, das 1566 als Confessio helvetica posterior in die Geschichte eingeht. Mit dieser reformierten Bekenntnisschrift wird die Schweiz zum zweiten grossen Zentrum der Reformation, alternativ zur lutherischen Reformation.

"Protestantisches Rom"

Der französische Jurist Johannes Calvin war 1536 nach Genf gekommen. Im Jahr zuvor hatte er in Basel eine der theologisch einflussreichsten Schriften der Reformation publiziert (Institutio christianae religionis). Seine rigorose Umgestaltung der Kirche macht aus Genf in wenigen Jahren eine Speerspitze der weltweiten Reformation. Darum wird Genf häufig "das protestantische Rom" genannt.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts finden viele religiöse Flüchtlinge, Anhänger des reformierten Glaubens aus Frankreich, Italien und anderen Ländern in Genf Unterschlupf. Und der Calvinismus breitet sich schnell über die Grenzen der Stadt hinaus aus. Der von Calvin inspirierte Protestantismus wird in den Niederlanden und in Schottland übernommen; in der deutschen Pfalz wird er sogar zur Staatsreligion.

Jedes Jahr gedenkt die Genfer Bevölkerung an den Fêtes de l'Escalade ihres siegreichen Widerstands gegen die katholischen Truppen des Herzogs von Savoyen.

In Italien schliessen sich die Waldenser, die aus einer häretischen Bewegung im Mittelalter hervorgegangen waren, 1536 dem Protestantismus calvinistischer Prägung an. Auch die französischen Hugenotten folgen der Lehre Calvins. Ende des 17. Jahrhunderts werden sie verfolgt und fliehen aus Frankreich. Sie finden in der Schweiz, in England und in Preussen eine neue Heimat für ihr ihre kommerziellen und unternehmerischen Aktivitäten.

Der Calvinismus spielt auch in der Englischen Revolution des 17. Jahrhunderts eine zentrale Rolle: Auf den englischen Kolonialschiffen werden die in Genf entwickelten religiösen Ideen der calvinistischen Reformation in die Neue Welt gebracht. Auch für die Identitätsstiftung der Vereinigten Staaten von Amerika sind sie von grosser Bedeutung.

Konflikte und Mediationen

Zurück in die Schweiz: Zürich und Genf sind nicht die einzigen Städte, die sich der Reformation anschliessen. Die protestantischen Ideen verbreiten sich im ganzen Gebiet der Eidgenossenschaft. Doch nicht die ganze Schweiz tritt zum neuen Glauben über. Viele Gebiete bleiben katholisch. Manche Regionen – etwa Graubünden – werden gemischt-konfessionell. Schon bald entstehen Religionskonflikte.

Diesen Helm und dieses Schwert soll Zwingli bei seinem Tod an der Schlacht von Kappel getragen haben.

Die so genannten Kappelerkriege zwischen reformierten Orten unter Führung Zürichs und den katholischen Orten der Zentralschweiz sind die ersten Religionskriege in Europa. Während des zweiten Kappelerkriegs stirbt Zwingli im Jahr 1531.

Streit und Unverständnis zwischen den Kontrahenten bleiben über Jahrhunderte bestehen. Doch es gibt auch Beispiele von Konflikten, die auf relativ friedliche Weise beigelegt werden. So trennen sich das katholische Appenzell-Innerrhoden und das reformierte Appenzell-Ausserrhoden im Jahr 1597, ohne dass es zu Blutvergiessen kommt.

Reformation und Schweizer Identität

Trotz einiger Konflikte und Spannungen führt die protestantische Reformation letztendlich dazu, dass sich die Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Landesteilen der Schweiz intensivieren. Der Bruch mit Martin Luther schafft eine Distanz der Deutschschweiz von Deutschland. Der Anschluss von weiten Teilen der französischen Schweiz an die Reformation führt dazu, dass der Abstand zu Frankreich wächst.

Die starken Beziehungen zwischen der reformierten Kirche in der deutsch- und französischsprachigen Schweiz helfen später bei der Integration der Westschweizer Kantone in die Eidgenossenschaft.

Im Übrigen überlagern die gemeinsamen und übergeordneten Interessen der Eidgenossen häufig die religiös-konfessionellen Konflikte, zumal die Konfessionsgrenzen nicht genau mit den sprachlich-politischen Grenzen übereinstimmen. Im Sonderbundskrieg von 1847 verläuft die Front zwischen Liberalen und Konservativen nur teilweise entlang der Konfessionsgrenzen.

Das dem Heiligen Vinzenz von Saragossa geweihte Berner Münster ist seit 1528 ein evangelisches Gotteshaus. Heute ist der Kanton Bern der letzte Kanton, in dem die Protestanten die absolute Bevölkerungsmehrheit stellen.

Zweifellos hat die protestantische Ethik die Schweizer Identität in entscheidender Weise geprägt. Doch als Folge der Säkularisierung und Immigration aus Südeuropa im 20. Jahrhundert hat der Protestantismus in der Schweiz selbst in vielen traditionell reformierten Gegenden an Stellenwert eingebüsst. Einzig im Kanton Bern stellen die Reformierten noch die absolute Mehrheit, in den Kantonen Appenzell-Ausserrhoden und Thurgau bleiben sie die grössten religiösen Gemeinschaften.

Ein Denkmal in Genf im Mittelpunkt der Feierlichkeiten zur Reformation

Seit dem 16. Jahrhundert hat Genf eine ganz besondere Stellung in der protestantischen Welt, natürlich wegen des grossen Reformators Jean Calvin, durch die Aufnahme tausender verfolgter Hugenotten und die geistige und intellektuelle Strahlkraft seiner Hochschule. Anfang des 20. Jahrhunderts gedachte das "protestantische Rom" seiner Geschichte mit einer monumentalen Skulptur.

Der Grundstein zum Bau des internationalen Reformationsdenkmals – auch Mauer der Reformatoren genannt – wurde 1908 gelegt. Wegen Schwierigkeiten während des Ersten Weltkriegs erfolgte die Fertigstellung erst 1917. Finanziert wurde der Bau durch private und öffentliche Gelder, die in der Schweiz und in den grossen protestantischen Ländern gesammelt wurden. Das Denkmal zelebriert die grossen Momente der Reformationsgeschichte.

Bis heute ist das Denkmal – zusammen mit dem berühmten Springbrunnen – das bekannteste Wahrzeichen von Genf.

Internationales Museum der Reformation

Neben der Mauer der Reformatoren beherbergt Genf auch ein Museum, das sich der Geschichte des Protestantismus widmet. Das internationale Museum der Reformation (MIR) spürt der Geschichte nach anhand von Objekten, Büchern, Manuskripten, Bildern und Gravuren.

Das Museum erhielt 2007 vom Europarat den Museumspreis. Seit 1977 wird diese Auszeichnung jedes Jahr an Institutionen vergeben, die einen wichtigen Beitrag leisten, das kulturelle Erbe Europas bekannt zu machen.

Vielfältige religiöse Landschaft der Schweiz

"Der Glaube ist eine Sichtweise der Dinge, die nicht sichtbar sind."

Jean Calvin, protestantischer Theologe

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts markiert die Reformation einen Bruch in der religiösen Landschaft der Schweiz. Sie zerschlägt das Monopol der katholischen Kirche, die das ganze Mittelalter beherrschte. Fortan ist die schweizerische Eidgenossenschaft in katholische und protestantische Regionen aufgeteilt, gemischt-konfessionelle Regionen sind selten.

Während Jahrhunderten bleibt die Situation gleich. Auf Grund des Prinzips "cujus regio, ejus religio" (wessen Gebiet, dessen Religion) ist ein Wechsel der Religionszugehörigkeit in den Kantonen nicht möglich. Zudem sind Bevölkerungsbewegungen in einer noch stark ländlich geprägten Gesellschaft selten.

Doch Mitte des 19. Jahrhunderts setzt eine neue Entwicklung ein. Die Gründung des schweizerischen Bundesstaats (1848) erlaubt nun den Bürgern, sich überall im Land frei niederzulassen. Der industrielle Aufschwung lockt Arbeitskräfte aus den ländlichen, oft katholischen Kantonen in die städtischen, eher industrialisierten und vorwiegend protestantischen Kantone.

Doch erst während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschleunigt sich die Veränderung. Die Säkularisierungsbewegung in der Gesellschaft, wahrnehmbar vor allem im Westen, wie auch die massive Einwanderung vor allem aus Südeuropa verändern die religiöse Landschaft.

Heute ist die Schweiz kein überwiegend protestantisches Land mehr. Die Katholiken sind in der Mehrheit, die nicht-europäischen Religionen werden immer sichtbarer, und der Anteil an Personen, die sich zu keiner Religion bekennen – ein früher undenkbares Phänomen – war noch nie so hoch. Kurz, in Sachen Religion ist unsere Epoche vor allem geprägt durch ihre Diversität.


graphic

graphic

Alle Religionen existieren in der Schweiz nebeneinander

Vom strengsten Katholizismus über den Islam, den Hinduismus und eine Vielzahl von Sekten bis zum enthusiastischsten Evangelismus – die Praktiken in der Schweiz sind sehr vielfältig und das Zusammenleben fast immer friedlich.

Protestantismus als Quelle von Reichtum

Die Reformation als Motor der Wirtschaftsentwicklung?

Bereits im 17. Jahrhundert erschienen die protestantischen Regionen Europas wirtschaftlich erfolgreicher und dynamischer zu sein als die überwiegend katholischen Gegenden. Im Rahmen der Finanzkrise von 2008 sprach man erneut über die grossen ökonomischen Unterschiede zwischen dem protestantischen Norden Europas und dem katholischen Süden des Kontinents. Viele erinnerten sich an Max Webers legendäre Schrift "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". Doch die Realität ist komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheint.

"Der Besucher ist von den schönen und komfortablen Gebäuden am Hauptplatz angetan, während sich in den Gässchen in unmittelbarer Nähe heruntergekommene Häuschen befinden, wo Armut, wenn nicht Elend regiert", schreibt 1862 der Genfer Notar und Alpinist Jean-Louis Binet-Hentsch in einem der ersten Führer über das Puschlav in Graubünden. Um dann anzufügen: "An keinem anderen Ort ist der Unterscheid zwischen protestantischer und katholischer Bevölkerung in gemischt-konfessionellen Gegenden deutlicher zu sehen als hier."

Wirtschaftlicher Unterschied

Diese Beobachtung eines Genfer Reisenden über das abgelegene Bergtal, das seit dem 16. Jahrhundert zwischen einer katholischen Mehrheit und einer protestantischen Minderheit geteilt war, entsprach im Kern Eindrücken, die andere Chronisten und Wissenschaftler seit dem 17. Jahrhundert in Europa machten. Es scheint, als ob die protestantische Reformation in denjenigen Gegenden, in denen sie Fuss gefasst hatte, zu einer wirtschaftlichen Blüte führte.

Auch die Flucht von Protestanten von einer Region des Kontinents zu einer anderen, etwa der französischen Hugenotten in die Schweiz, in die Niederlande und nach Preussen, oder der Reformierten von Locarno nach Zürich oder der Mennoniten nach Nordamerika, brachte immer wirtschaftliche Impulse mit sich.

Dieser Teil der Genfer Mauer der Reformation zeigt die Aufnahme von hugenottischen Flüchtlingen in Preussen.

In der Schweiz sticht die unterschiedliche ökonomische Entwicklung zwischen dem katholischen und protestantischen Teil des Kantons Appenzell in die Augen. Der Kanton wurde 1597 in einen katholischen (Appenzell-Innerrhoden) und protestantischen Teil (Appenzell-Ausserrhoden) geteilt. Während in Innerrhoden die Bevölkerung zwischen 1530 und 1730 nur um 30 Prozent zunahm, wuchs jene in Ausserhoden in dieser Zeit um das sechsfache.

Dank seiner industriellen Entwicklung wurde dieser Teil Appenzells zu einer der dichtest besiedelten Regionen Europas. Das zeigte der Nationalrat und Historiker Jo Lang vor kurzem in einem Artikel auf, der im Tages-Anzeiger erschien.

Die Thesen von Max Weber

Die Diskussionen um die scheinbar höhere Wettbewerbsfähigkeit von protestantischen Regionen kannte auch der Soziologe Max Weber, als er zwischen 1904 und 1905 sein Buch "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" publizierte. Er hatte sich zum Ziel gesetzt herauszufinden, warum sich der moderne Kapitalismus ausgerechnet in Europa entwickelt hatte und nicht in anderen Kontinenten, obwohl auch in diesen technologische Entwicklungen stattfanden, die mit den europäischen durchaus vergleichbar waren.

Weber erkannte in einigen Grundideen des Protestantismus die ethischen Grundlagen, welche die Entwicklung einer kapitalistischen Ökonomie begünstigten. Auf der einen Seite gab es den von Martin Luther geprägten Begriff des "Berufs", den auch andere protestantische Richtungen übernahmen. Demnach handelt es sich bei der Arbeit um etwas Gottgegebenes, was sich auch in der Ähnlichkeit der Wörter "Beruf" und "Berufung" spiegelt.

Dazu kam die "asketische" Sichtweise von Reichtum. Gemäss Johannes Calvin war Reichtum nicht akzeptabel, um für Luxus und weltliche Freuden eingesetzt zu werden, sondern nur, um in ein Unternehmen reinvestiert zu werden.

"Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" ist bis heute das bekannteste Werk des deutschen Soziologen Max Weber (1864-1920).

Die Absicht von Weber war eigentlich nicht, eine eindeutige Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen Reformation und Kapitalismus nachzuweisen, wie Verallgemeinerungen seiner Thesen Glauben machen wollten, sondern eine Analogie zwischen religiösem Denken und "kapitalistischen Geist" herauszuarbeiten. Er selbst räumte ein, dass die Entwicklung eines Wirtschaftssystems immer auf einer komplexen Interaktion verschiedener Faktoren beruhte.

Der Kapitalismus vor der Reformation

Die Thesen des deutschen Soziologen führten (und führen immer noch) zu Diskussionen und regen zu Widerspruch an. So wurde etwa darauf hingewiesen, dass es kapitalistische Wirtschaftssysteme schon vor der Reformation gab, besonders zwischen italienischen und holländischen Handelsleuten. Grosse Bankier- und Kaufmannsfamilien des 16. Jahrhunderts, etwa die Familie Fugger in Deutschland oder die Familie Medici in Italien, waren katholischen Glaubens.

Die prahlerische Zurschaustellung von Reichtum ist in der protestantischen Ethik eigentlich nicht sehr gern gesehen.

Wenn man sich heute auf der europäischen Landkarte umschaut, lässt sich schnell feststellen, dass sich die dynamischsten Wirtschaftsregionen in traditionell katholischen Gebieten befinden: Bayern, Teile von Baden-Württemberg, die Lombardei, Irland oder in der Schweiz die Kantone Zug und Schwyz.

Gemäss einigen Theoretikern liegt der Wettbewerbsvorteil von Regionen protestantischen Glaubens nicht so sehr im ethischen Fundus der Reformierten, als vielmehr generell im höheren Ausbildungsniveau. Die Idee des Priestertums aller Gläubigen führte in Verbindung mit der Notwendigkeit, die Bibel zu kennen und zu lesen, zu einer raschen Alphabetisierung der reformierten Regionen. Dies galt auch für die Frauen. Der Bildungsstand verbesserte sich insgesamt.

Unter den entschiedensten Kritikern von Max Weber findet sich der Schweizer Historiker Herbert Lüthy, Autor eines finanzgeschichtlichen Standardwerks über die protestantischen Banken in Frankreich zwischen 1685 und 1794. Trotz einer gewissen Anerkennung der Thesen Webers blieb Lüthy skeptisch gegenüber den Verallgemeinerungen des Soziologen. Er kritisierte beispielsweise eine unzureichende Quellenlage. Seiner Meinung nach waren die Voraussetzungen für den Wirtschaftskapitalismus schon zwischen dem Spätmittelalter und der Renaissance geschaffen worden.

Die Gegenreformation als Bremse

Gemäss Lüthy war es eher die Gegenreformation, in Verbindung mit dem aufkommenden Absolutismus an den Höfen, welche die Wirtschaftsentwicklung in katholischen Regionen bremste. Die Heterogenität der protestantischen Welt hätte es hingegen erlaubt, dass eine gewisse Dynamik aus den Zeiten des Mittelalters überleben konnte. In dieser Interpretation war die Reformation nicht der Motor der Wirtschaftsentwicklung, sondern eher das geringere Übel.

Das Schloss von Versailles, eigentliches Symbol der Idee des Absolutismus, sah auch die Aufhebung des Ediktes von Nantes, das protestantische Gottesdienste in Frankreich erlaubte.

Zurück zur Schweiz: Tatsächlich betraf die Industrialisierung anfänglich vor allem reformierte Gegenden. Doch ab Mitte des 19. Jahrhunderts verzeichneten auch traditionell katholische Kantone wie Zug oder Solothurn eine rasche Industrialisierung. Impuls- und Kapitalgeber waren in der Regel protestantische Unternehmer, doch entstand eine neue Führungsschicht von Katholiken liberaler Prägung, die für die Umsetzung der Initiativen sorgte.

"Die klerikale Industriefeindlichkeit hätte damals die protestantische Industrialisierung verhindern können, hätte diese nicht auf eine liberal-katholische Rückendeckung zählen können", schreibt Jo Jang über die Industrialisierung im Kanton Zug.

Die kulturellen und politischen Umwälzungen in Folge von Aufklärung und französischer Revolution brachten jedenfalls einen weit grösseren Schub für die Modernisierung der Wirtschaftswelt als die Reformation.

Die Vereinigten Staaten, Eldorado der Evangelikalen

Die Schweizer Brüder

Der Name des Dorfes Schlaate erscheint heute auf keiner Landkarte mehr, obwohl dort vor fast 500 Jahren an einem Wintertag die Vereinigung der Täufer stattfand. Deren schriftlich niedergelegte Bekenntnisse hatten bis heute Auswirkungen auf das religiöse Leben in verschiedenen Regionen Europas und der USA.

Die Bezeichnung Schlaate wird im lokalen Dialekt allerdings immer noch benutzt, wenn vom Dorf Schleitheim die Rede ist, das im Kanton Schaffhausen liegt. Die alten Fachwerk-Häuser verleiten zum Gedanken, dass sich in einem von ihnen die Schweizer Brüder am 24. Februar 1527 um Michael Sattler vereinigt hatten, um die Artikel des Bekenntnisses von Schleitheim zu verabschieden.

Aber die ältesten dieser gut erhaltenen und von gepflegten Gärten umgebenen Behausungen waren erst zwei oder drei Jahrhunderte später gebaut worden. Das einzige, was von dieser denkwürdigen Vereinigung des 16. Jahrhunderts bleibt, ist ein altes gedrucktes Exemplar des Bekenntnisses, das aus der Zeit um 1550 stammt und heute im Museum des Dorfes ausgestellt ist.

Die Schweizer Brüder waren Teil der Täufer-Bewegung, die zwei Jahre zuvor gegründet worden war, als junge radikale Anhänger der Reformation mit Huldrych Zwingli brachen, weil sie ihm Zugeständnisse gegenüber den Behörden vorwarfen und verlangten, den Messen und den Kindstaufen ein Ende zu setzen.

Der Bruch war radikal. Die von Zwingli unterstützte Regierung ergriff Massnahmen, um diese "Täufer" zum Schweigen zu bringen und ihren Praktiken ein Ende zu setzen. Sie schreckte nicht davor zurück, einen der Führer hinzurichten, der sich weigerte, seine Ansichten zu verleugnen.

Die Repression konnte die Bewegung nicht zum Ersticken bringen, im Gegenteil: Wahrscheinlich schürte sie den religiösen Eifer der Anhänger sogar. Laut dem historischen Lexikon der Schweiz halfen die sieben Artikel des Schleitheimer Bekenntnisses, die Schweizer Täufer von den Anhängern anderer radikaler Gruppierungen und den offiziellen Evangelisten zu distanzieren und die "erste freie Kirche" zu gründen. Der Text beinhaltet die Ablehnung der Kindstaufe, das Schwurverbot und die Weigerung, Waffen zu tragen.

Amische errichten in den Vereinigten Staaten gemeinsam eine Scheune (DiscoverLancaster.com / Terry Ross).

Es folgten Jahrhunderte der Verfolgung, des Lebens im Exil, in Europa und gewissen Regionen der Schweiz. Obwohl sich die Bewegung spaltete, wurde ihr Einfluss auf dem ganzen Kontinent wahrgenommen. Sie erreichte die Niederlande, das heutige Polen und mit den Hutterern auch Mähren (heute ein Gebiet Tschechiens). Die Täufer dienten auch den Quäkern im England des 17. Jahrhunderts als Beispiel.

Amerikanischer und religiöser Individualismus

Auch in Nordamerika liessen sich Täufer-Gruppen, inzwischen bekannt unter dem Namen Mennoniten und Amische, nieder. In Pennsylvania trafen sie auf Quäker. Die Provinz stand bis Mitte des 18. Jahrhunderts unter der Führung der Quäker, was erkläre, weshalb sie weder staatlich unterstützte Kirchen noch eine Bürgerwehr gehabt habe, sagt der Täufer-Historiker Steven Nolt. Die Mennoniten hätten die Aufrechterhaltung der Macht der Quäker unterstützt.

Anders als in Europa konnten sich die Bürger Pennsylvanias einbürgern lassen, ohne Eid schwören zu müssen. Sie mussten auch keine Waffen ergreifen, weil der Bundesstaat keine Truppen rekrutierte.

Laut einem anderen Experten ist die wichtigste Hinterlassenschaft der Täufer in Nordamerika die Taufe der Erwachsenen und deren Folgen – in die Kirche zu gehen, ist eine unabhängige und freiwillige Handlung. "Es ist eine Antwort auf den amerikanischen Individualismus und unterstreicht, dass das Individuum Rechte hat. Dieses bestimmt über seine religiöse Zugehörigkeit, sein religiöses und staatsbürgerliches Engagement. Das ist ein wichtiger Gedanke", sagt Donald Kraybill vom Elizabethtown-College in Pennsylvania.

Übertreiben wollen die beiden Historiker allerdings den Einfluss der Täufer in den USA nicht. Sie sind Teil dieses Cocktails von Einwanderer-Gemeinschaften, die dazu beitrugen, diese Nation zu definieren.

In amerikanischen Täuferkreisen wird das Standard- oder Dialekt-Deutsch hauptsächlich durch das Lesen der Bibel vermittelt.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts sprachen rund 80'000 Personen in Pennsylvania Deutsch, was rund einem Drittel der Gesamtbevölkerung entsprach. Die meisten von ihnen waren Lutheraner oder Mitglieder der reformierten Kirche. Weniger als 5% waren Mennoniten oder Amische.

Einige anerkannte Rechte aus der Zeit, als die Quäker die Geschicke der Provinz leiteten, wurden während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs (1776 bis 1783) abgeschafft, aber 1790 wieder in Kraft gesetzt. Während dieser Periode verloren alle Personen, die sich weigerten, den Treueeid zu schwören, ihre politischen Rechte.

Die alte Ordnung

Die Täufer liessen sich im 19. Jahrhundert weiterhin in Nordamerika in Pennsylvania nieder, wo sie auf Mennoniten mit niederländischen und russischen Wurzeln trafen. Wie andere religiöse Gemeinschaften waren sie dort frei, ihre Religion zu praktizieren und zu leben, wie es ihnen gefiel. Der technische Fortschritt und die Einführung des öffentlichen Bildungswesens öffneten allerdings eine Kluft in der Gemeinschaft, von der heute populäre Bilder der Amischen zeugen, die Strohhüte tragen und Einspänner lenken.

"Die einen verlangten, dass den persönlichen religiösen Erfahrungen mehr Gewicht beigemessen werde, und sie forderten eine Spiritualität, die von den Traditionen und populären Brauchtümern weniger unterdrück wurden", sagt Steven Nolt. "Andere hielten an der 'Alten Ordnung' fest, einem traditionsbewussten Leben, das geprägt ist von Konsumskepsis und der hartnäckigen Ablehnung, die Kirche bürokratischen Formen anzupassen."

Die amische Alte Ordnung habe, sagt der Historiker, namentlich ein – wie er es bezeichnet – programmatisches Verständnis der Kirche abgelehnt, das laut ihnen durch die Sonntagsschule, die Missionsgesellschaften und die Hochschulbildung verkörpert wird. Die unterschiedlichen Lebensweisen akzentuierten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusätzlich mit der Verbreitung der Elektrizität, des Telefons und des Automobils.

Die Amischen und Mennoniten sowie andere christliche Bewegungen hätten sich häufig gegen den Staat gestellt, um ihre tiefe pazifistische Überzeugung zu verteidigen. Während des Ersten Weltkriegs war es in den USA nicht möglich, einen alternativen Dienst zu leisten. So seien die Männer dieser Vereinigungen in Ausbildungslager geschickt worden, wo sie militärische Uniformen tragen mussten – auch wenn sie nicht Kampftruppen angehörten, sagt Donald Kraybill. Wer sich weigerte, wurde bestraft.

Freiwillige melden sich 1917 für die US-Armee.

1935 schlossen sich die Kirchen zusammen und schlugen für Wehrdienst-Verweigerer einen alternativen Dienst vor. Sie konnten auch die Bundesregierung überzeugen, einen Schritt in diese Richtung zu machen. "Der Widerstand der Täufer gegen die Wehrpflicht während der beiden Weltkriege hat der pazifistischen Identität in der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts Auftrieb verliehen", sagt Kraybill.

Das Pferd und der Einspänner

Seit dem Zweiten Weltkrieg war das demografische Wachstum der Gemeinschaften der "Alten Ordnung" die eindrücklichste Entwicklung, sowohl in den USA wie in Kanada. Wegen ihres Brauchtums und ihrer traditionellen Kleidung war die Bewegung immer sehr sichtbar.

Die Bevölkerung der "Alten Ordnung" hat sich in den letzten 25 Jahren fast verdreifacht und zählt heute mehr als 300'000 Personen allein in den USA. Amische Gemeinschaften sind weit entfernt von ihren Herkunftsorten in verschiedenen Bundesstaaten zerstreut, Pennsylvania, Ohio und Indiana.

Amische Familie auf dem Weg zum Gottesdienst (tim@timcragg.com).

Eine Durchschnittsfamilie habe sechs Kinder oder mehr. 85% von ihnen blieben in der Gemeinschaft, wenn sie das Erwachsenenalter erreicht hätten, sagt Kraybill. "Diese beiden Komponenten beschleunigen das demografische Wachstum, obwohl sie weder das Evangelium praktizieren noch Bekehrungseifer haben."

Der Experte schätzt, dass der Erfolg dieser Gemeinschaften auf deren Fähigkeit beruhe, mit der Moderne Kompromisse schliessen zu können, wenn diese ihren Bedürfnissen entsprechen, zum Beispiel bei der Nutzung bestimmter Technologien der Informatik, Landwirtschaft oder des Gewerbes. Diese erlaubten es den traditionellen Gruppen, zu prosperieren, ohne dabei ihre typische Identität der "Alten Ordnung" zu verlieren.

Kraybill schätzt die Zahl amischer Manufakturen auf rund 12'000. Deren Produkte sind bekannt für ihre Qualität, ihren Wert und haben "den nostalgischen Charme von Amerika der ersten Zeit". Aber das Band, das die Amischen und die Mennoniten mit ihrer Vergangenheit verbindet, ist nicht Nostalgie, sondern es sind die Grundsätze, welche die Täufer vor einem halben Jahrtausend im Norden der Schweiz schriftlich niedergelegt hatten.

Autoren

Andrea Tognina (Kapitel 1 und 3; Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob) / Dale Bechtel (Kapitel 4; Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler) / Olivier Pauchard / Duc-Quang Nguyen (Grafik)

Fotos

Keystone (wo nicht anders erwähnt)

Produktion

Luca Schüpbach, © 2017 swissinfo.ch