Afrika gibt es nicht
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Artikel von

Dominic Nahr

Afrika gibt es nicht




«Afrika gibt es nicht». Dieser Satz steht neben Dominic Nahrs Ausstellungsbildern. Es ist ein Zitat aus den Afrika-Reportagen des Journalisten Georg Brunold – und bezeichnend für Nahrs Arbeit. Sein fotografisches Werk ist nun in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen. Titel der Ausstellung ist denn auch «Blind Spots» - blinde Flecken. 

Die dunklen Flecken sind der Südsudan, Somalia, Mali und die Demokratische Republik Kongo. Vier afrikanische Staaten, die den Bedürfnissen ihrer Bewohner nach Sicherheit und Grundversorgung nicht gerecht werden. Vier Länder, deren Probleme in ihrer Kolonialgeschichte wurzeln oder durch andere äussere Einflüsse mitverursacht wurden. 

Die instabilen Staaten sind bis heute den Interessen und dem Gewinnstreben fremder Mächte ausgesetzt. Interne Konflikte und Bürgerkriege verhindern politische und gesellschaftliche Beständigkeit. Der Schweizer Fotograf Dominic Nahr arbeitet seit Jahren in diesen Ländern. «Blind Spots» zeigt einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben auf dem grossen Kontinent.

Die Ausstellung beschäftigt sich auch mit fotografischen Fragen: Was darf man zeigen? Wie schön darf Schreckliches abgebildet werden? Wie grenzt man sich von Ethno-Klischees ab?

Nahr wurde 1983 im Kanton Appenzell geboren und wuchs in Hongkong auf. Nach Stationen in Toronto, Berlin, Kairo und Nairobi zieht es ihn jetzt wieder zurück in die Schweiz. Wir haben den jungen Fotografen zum Gespräch getroffen – und einiges über seinen Lebensweg und seine Arbeit erfahren. 



Demokratische Republik Kongo, Sake, 2012

Mali, Bamako, 2013

„Ich bin in einem eher behüteten Umfeld gross geworden, mein Vater hatte einen guten Job in Hongkong. Weil meine Schulkameraden Expats waren und immer wieder wegzogen, war ich viel alleine. Ich war ein wenig der Geek der Schule – immer lieber hinter den Kulissen.“


Südsudan, Thonyor, 2015

„Meine Schule organisierte einmal eine Reise nach Laos und ich nahm eine Kamera mit. Zu Hause zeigte ich die Bilder dem Pulitzer-Preisträger Hugh Van Es, einem Freund meines Vaters, der den Vietnamkrieg dokumentiert hatte. Er fragte mich, was ich denn wolle im Leben. Schule wollte ich nicht mehr, und so sagte er: „Ok, du bist jetzt Fotograf.“ Er vermittelte mir ein Praktikum bei der South China Morning Post.“


Mali, Bamako, 2016


Südsudan, Leer, 2015




Somalia, Mogadischu, 2011

„Als Student besuchte ich zum ersten Mal New York. Ich stellte ich mich in eine Telefonzelle und rief bei den Bildredaktionen an. Mit Reportagen aus Ost-Timor und Gaza gewann ich zweimal den College Photographer of the Year (CPOY). Ich wusste, dass ich diese Auszeichnungen als Eintrittskarte in die Bildredaktionen nutzen konnte.“


Sudan, 2015


Mali, Bamako, 2013

„An der Uni hatte ich immer mehr das Gefühl, die Handbremse sei angezogen. Ich kaufte mir ein Ticket nach Wales, wo ein Freund wohnte. Die Fluggesellschaft ging während meines Flugs pleite, mein Rückflugticket verfiel. Ich habe das ein wenig als Zeichen verstanden. So verliess ich die Uni und habe nie mehr zurückgeschaut. Das war 2008. Ich zog weiter nach Berlin.“


Somalia, Mogadischu, 2011


Mali, Segou, 2011




Südsudan, Kok Insel, 2015

„Dort schlug mir der befreundete Fotograf Karim Ben-Khelifa vor, in den Kongo zu fahren, wo der Konflikt wieder ausgebrochen war. Ich war noch nie in Afrika gewesen. Innert dreier Tage befand ich mich sozusagen an der Front. Innert Wochenfrist waren meine Bilder überall: im Stern, Spiegel, Newsweek, auf der Titelseite des Courrier International.“



Demokratische Republik Kongo, Sake, 2012



Demokratische Republik Kongo, Goma, 2009



Südsudan, Lankien, 2015

„Ich habe mich nie gefragt: «Was will ich denn eigentlich?» Da waren einfach Vorbilder, die es mir vormachten und aus ihren Leben erzählten. In Ost-Timor reiste ich mit einem alten Reuters-Kameramann. Man kann sich in diesem Business schnell verlieren, oder sogar untergehen, wenn man alleine ist und niemanden zur Seite hat, der einem ein wenig den Weg zeigt.“


Demokratische Republik Kongo, Kibati, 2008




Sudan, Heglig, 2012

„Ich zog nach Kairo. Ich dachte: Das ist Naher Osten und Afrika gleichzeitig, von dort kannst du in beiden Regionen arbeiten. Doch ich vermisste Ostafrika und ging nach Nairobi. Dort habe ich schon zweimal zu Abschiedspartys eingeladen, bin dann aber trotzdem zurückgegangen. Beim dritten Mal sagte ich es keinem mehr, kehrte aber auch diesmal wieder zurück. Jetzt aber möchte ich hier leben, in der Schweiz. Ich möchte für weniger Kunden, dafür aber intensiver mit diesen zusammenarbeiten.“



Südsudan, Bentiu, 2012



Sudan, Heglig, 2012

„Der beschränkte Kontakt mit Redaktionen via Email, Social Media oder schlechte Telefonverbindungen hat etwas Frustrierendes. Einmal habe ich eine Reportage fürs TIME Magazine über die Hungersnot in Somalia von 2011 gemacht. TIME hat die Geschichte zwar gross aufgemacht – aber ich habe keine Ahnung, wen ich mit meinen Bildern erreichen konnte. Heute würde ich nach Hause kommen und versuchen, ein so wichtiges Thema noch auf anderen Kanälen zu publizieren – als Büchlein oder eben als Ausstellung.“­­­



Mali, Bamako, 2016

„Im Journalismus müssen Bilder einfach sein. Sie bedienen sich aber zwangsläufig auch der Klischees. Beim TIME Magazine spürte ich schnell, was funktioniert und was nicht. Ich wusste: Dieses Bild kommt auf die dritte Seite, es bekommt so und so viel Platz – ich wusste, wie es auszusehen hat. Ich sah nicht mehr mit offenen Augen hin und spielte nicht mehr. Dieses selbstauferlegte Korsett stört mich. Die Ausstellung ist eine neue Erfahrung für mich, das kommt mir so erwachsen vor. Einen Schritt zurück machen, Abstand nehmen von der eigenen Arbeit - das habe ich bisher noch nie gemacht. Die Möglichkeit, mit meiner Fotografie an einem Projekt mit anderen Leuten zusammenarbeiten zu können, sehe ich als einen Schritt vorwärts.“

Mali, Bamako, 2016



Bilder

Dominic Nahr

Text

Auszüge aus einem Gespräch, das Thomas Kern mit Dominic Nahr im Juni 2017 führte.

Produktion


Thomas Kern und Luca Schüpbach, © 2017 swissinfo.ch