Aus Calgary ins Emmental

Greyerzer statt gegrilltes Käse-Sandwich


Als Andie Pilot als junge Erwachsene in die Schweiz zog, begann sie, die Küche des Landes zu erforschen und schrieb ein Kochbuch. Dies half der Doppelbürgerin, sich an einem Ort zu Hause zu fühlen, der ihr zugleich fremd wie auch vertraut war.

Die heute 34 Jahre alte Andie Pilot war noch ein Kind, als sie bei einer Freundin zum ersten Mal ein gegrilltes Käse-Sandwich versuchte. Getreu der nordamerikanischen Tradition bestand es aus einer Scheibe Cheddar-Käse und zwei Scheiben "Wonder Bread" (weisses Toast-Brot). Zuhause bat sie später ihre Mutter, ihr ein gegrilltes Käse-Sandwich zu machen.

"Meine Mutter griff zu ihrem Roggenbrot, tauchte die Scheiben in Weisswein und belegte diese mit etwas Greyerzer", erinnert sich Pilot. Statt ob dieser von der Schweiz inspirierten Version des Sandwichs die Nase zu rümpfen, sagt Pilot, sei ihr bewusst geworden, dass es noch eine "ganz andere Welt des Essens" gibt.

Im Verlauf des Erwachsenwerdens erforschte Pilot weitere europäische Rezepte, was ihr dabei half, sich schliesslich für eine Ausbildung als Konditorin zu entscheiden. Später entschloss sie sich, ihre Schweizer Staatsbürgerschaft zu nutzen, um aus Kanada in die Schweiz zu ziehen und zu versuchen, hier in einer Bäckerei eine Stelle zu finden.

Im Land ihrer Vorfahren begann sie dann, alle möglichen interessanten Rezepte zu finden. Dies brachte sie auf die Idee, dass sie einen Ort brauchte, um all die Rezepte im Auge zu behalten und sie mit ihren Freundinnen und Freunden in Kanada teilen zu können, die sie immer wieder fragten, wie man Gerichte wie Fondue oder Weihnachts-Guetzli (Plätzchen) zubereite. Das war der Anfang ihres Blogs Helvetic Kitchen.

Heute findet man dort Dutzende von Rezepten, illustriert mit attraktiven Fotos: Vom sehr traditionellen Schweizer "Birchermüesli" bis hin zu Pilots eigenen Kreationen mit typischen Schweizer Zutaten wie ein Toblerone-Mousse oder ein Ovomaltine-Eiscrème-Sandwich.


Eine nicht ausländische Fremde

Während ihrer Kindheit hatte Pilot die Sommerferien regelmässig in der Schweiz verbracht, bei der Familie ihrer Mutter in der Ostschweiz. Sie kannte daher Aspekte des Lebens in der Schweiz gut, zum Beispiel, wie man mit dem Zug unterwegs ist, oder was man in welchen Läden kaufen kann.

Aber sie wuchs auf, ohne eine der Landessprachen zu sprechen, und sagt, sie habe sich während diesen regelmässigen Besuchen meist wie eine "Touristin gefühlt". Die ersten Monate, die sie später in der Schweiz lebte, waren denn auch eine oft herausfordernde Erfahrung.

Photo: Andie Pilot


"Es gab Zeiten, die mir Angst machten, vor allem als es darum ging, eine Stelle zu suchen und eine gewisse Sicherheit zu finden", erinnert sie sich.

Als Konditorin zu arbeiten, stellte sich als zu schwierig heraus, da die Bäckereien zunächst nur bereit waren, ihre eine Lehrstelle oder ein Praktikum anzubieten. Damit hätte sie ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können.

So begann Pilot, Englisch zu unterrichten und ihre Liebe fürs Kochen und Essen mit ihren Schülerinnen und Schülern zu teilen, indem sie das Thema zu Diskussionen in der Klasse nutzte.

"Essen war ein grossartiges Thema, denn die meisten Leute haben eine wirklich starke Meinung, wenn es ums Essen geht. Und alle wollen ihre Familienrezepte teilen", sagt sie. Rückblickend denkt sie, dass dieses gemeinsame Konversationsthema ihr half, sich in der Schweiz zu Hause zu fühlen, auch wenn es ihr zunächst schwerfiel, Deutsch zu lernen und das Selbstvertrauen aufzubringen, es auch zu sprechen.

"Hätte mir damals jemand gesagt, ich sollte mir keine Sorgen machen, sollte mich nicht scheuen, auch mal Fehler zu machen, wäre das ein guter Rat gewesen", sagt sie.

Die Schweiz zum "Probieren"

Als Pilot in die Schweiz zog, hatte sie ursprünglich geplant, ein Jahr zu bleiben. Doch nun hat sie sich langfristig niedergelassen und lebt mit ihrem Schweizer Ehemann und einer einjährigen Tochter in den Hügeln des Emmentals.

Vor Kurzem ist ihre Mutter, die in den 1960er-Jahren nach Kanada ausgewandert war, ebenfalls in der Nähe eingezogen und durchlebt gerade die Phase der Wiedereingliederung in ihre Heimat.


Als ihre Rezeptsammlung grösser wurde, entschied sich die Bloggerin, diese in Form eines Kochbuchs aus dem virtuellen in den physischen Raum zu bringen. Sie wandte sich an verschiedene Verleger und wählte ihre Lieblingsrezepte für das Kochbuch aus, versehen mit Kurzgeschichten zu jedem Rezept und kleinen Illustrationen, die sie selber machte. Im Dezember 2017 erschien schliesslich die Kochbuchversion von Helvetic Kitchen.

Pilot lernt das Land, das nun ihr Heimatland ist, weiterhin durch dessen Essen vertieft kennen. Sie unternimmt regelmässig kulinarisch inspirierte Ausflüge in verschiedene Regionen der Schweiz, um mehrere Versionen eines Rezepts zu probieren, bevor sie dieses für ihren Blog perfektioniert. Sie lässt sich auch von alten regionalen Kochbüchern und von zeitgenössischeren Varianten wie "Betty Bossy" inspirieren.

"Manchmal hat es meine Familie satt, immer wieder das gleiche Gericht oder Dessert zu essen", sagt sie über die vielen Male, die sie etwas kocht, bevor sie entscheidet, ob sie das Rezept dazu veröffentlicht.

Kulinarische Geschichte

Genauso wichtig wie das Perfektionieren jedes Rezeptes sind die Geschichten, die dahinter stecken. Einige stammen aus der Gegenwart, etwa wie Pilot zum Rezept der Mutter einer Schweizer Ski-Legende für die Walliser Spezialität "Cholera" kam, einen gedeckten Kuchen mit Kartoffeln, Zwiebeln, Lauch, Käse und Äpfeln. Andere Geschichten sind historisch, wie jene des Glarner Schabzigers, der auf ein Kloster im 9. Jahrhundert zurückgeht.


Die Frage nach einem typisch kanadischen Gericht lässt sie etwas nachdenken (Poutine, Ahornsirup?). Das Essen im Land, in dem sie aufgewachsen ist, sagt sie, komme von einer "grossartigen Mischung von Menschen, die nach Kanada eingewandert sind und Restaurants eröffnet haben".

In der Schweiz hingegen gebe es diese zahlreichen, tief verwurzelten kulinarischen Traditionen, die Hand in Hand mit den vielen Kulturen einhergingen, die man innerhalb des Landes finde.

"Es gibt auf so kompaktem Raum all diese kleinen Inseln mit ihren unterschiedlichen Traditionen und Sprachen", sagt Pilot über ihre Wahlheimat. "Die Vorstellung, dass all diese Orte es schaffen, auf so kleinem Raum harmonisch zusammenzuleben, ist wirklich wunderbar."

Zigerhörali (Käsemakronen aus dem Kanton Glarus)

Zutaten:


400 g Makronen

Etwa 4 Esslöffel Butter

1 Esslöffel Mehl

500 ml Milch

100 g Schabziger-Käse, gerieben

250 g Greyerzer- oder anderer Hartkäse, gerieben

Muskatnuss

Salz

Pfeffer

3 Esslöffel Paniermehl

Butterflocken zur Garnierung

Zubereitung:


1. Ofen auf 200 °C vorheizen.

2. Grosse Gratin-Schale (ca. 2,5 l) mit Butter bestreichen.

3. Salzwasser in grosser Pfanne zum Kochen bringen, Makronen beigeben. Je nach Kochzeit gemäss Packungshinweis vom Herd nehmen und in ein Abtropfsieb geben.

4. Die leere Pfanne auf mittlerer Hitze wieder auf den Herd stellen. Butter beigeben, sobald diese Blasen bildet, Käse beigeben. Rühren, bis alles cremig und gleichmässig ist. Mit Muskatnuss, Salz und Pfeffer abschmecken.

5. Makronen wieder in die Pfanne geben und alles gut durchmischen.

6. Makronen in die gebutterte Gratin-Schale geben. Mit Paniermehl und Butterflocken bestreuen.

7. Etwa 10-15 Minuten backen, oder bis das Paniermehl knusprig und leicht gebräunt ist.

 

Mit Apfelmus und gebratenen Zwiebeln servieren.

Für ca. 4 Personen