Aus Taipei nach Olten

"Der Geruch von Essen im Treppenhaus ist der Grund, wieso ich hier lebe"


Liyah Huiling Jenni war eine Globetrotterin, bevor sie sich mit ihrer Familie in einer kleinen Schweizer Gemeinde niederliess. Heute ist sie in der Stadt Olten ein Begriff und kocht und serviert Speisen aus Asien und ihrer Heimat Taiwan. Ohne die Schweiz wäre es nie so weit gekommen.

Vom Balkon ihrer Wohnung aus kann sie den Spielplatz sehen, auf dem ihre Kinder früher spielten. Aber heute, wo ihre Tochter und ihr Sohn die Mittelschule besuchen, wird Liyahs Balkon für andere Zwecke genutzt.

Einerseits stehen hier Pflanzen, wie man sie in vielen Schweizer Wohnungen sieht, aber auch etwas Merkwürdiges: ein grosser runder Einmachtopf aus Ton. Wenn es Herbst wird, ist sein Inhalt immer eine Überraschung. Manchmal ist es koreanisches Kimchi. Der Topf kann aber auch voller weich gekochter Tee-Eier sein, einem typischen Gericht aus Taiwan.

Liyah kam in einer der am dünnsten besiedelten Regionen der Insel Taiwan zur Welt, wo zwischenmenschliche Beziehungen im Zentrum des täglichen Lebens stehen. Zu ihren Kindheitserinnerungen gehören die Schule des Vaters, der Lebensmittelladen der Mutter, das Füttern von Schweinen, die Reisernte und die echte Freundschaft unter Nachbarn, die ihr Essen miteinander teilten.

Im Herbst 1998 war Liyah Huiling noch eine "einfache Angestellte" in Taipeh, die nicht kochte.


Im Alter von 13 Jahren verliess Liyah ihren Geburtsort, um in anderen Städten die Mittelschule und letztlich die Universität in Taipei zu besuchen. Als sie immer weiter weg von ihrem Heimatort reiste, mit ihrem Ehemann schliesslich in die USA, nach Malaysia und Bahrain zog, verlor sie auch die Gelegenheit, ihre Kochkünste zu vertiefen – es gab immer irgendwo gutes asiatisches Essen.

Ohne die Schweiz wäre Liyahs gastronomisches Talent vielleicht unentdeckt geblieben.

"Die Schweiz hat mich Kochen gelehrt"

2006 kehrte die Familie zurück in die Heimatstadt ihres Ehemanns, nach Olten, eine Stadt in der deutschsprachigen Schweiz zwischen Bern und Zürich.

"Plötzlich stellte ich fest, dass es hier keinen guten Platz zum Essen gab. Der Geschmack des Essens in asiatischen Restaurants in der Schweiz schien mir nicht zu bekommen. Und die Preise sind ziemlich hoch."


Anfänglich litt Liyahs Verdauungssystem in der Schweiz, wurde aber durch den Geruch aus den Nachbarküchen angeregt.

"Der Grund, wieso ich mich entschieden habe, in dieser Wohnung zu leben, war der angenehme Geruch von Essen", sagt sie. "Als ich zum ersten Mal hierherkam, lag der Duft indischer Küche im Treppenhaus, und mir wurde ganz warm ums Herz."

Insgesamt leben sechs Familien in dem Haus – Inder, Rumänen, Italiener und einige Schweizer, darunter eine ältere Frau, die über ihr wohnt.

"Manchmal gebe ich ihr etwas von meiner selbstgemachten Konfitüre, und sie ist immer sehr erfreut darüber. Aber sie lädt mich nie zu einer Tasse Tee zu sich ein", sagt Liyah. "Vielleicht sind die Schweizer so: freundlich, aber halt etwas distanziert. Ich muss mich einfach daran gewöhnen und versuchen, es zu verstehen."

Anders verhält es sich mit ihren indischen Nachbarinnen, alles Mütter, die oft mit ihren Kindern vorbeikommen.


"Dank ihnen fühlte ich mich nie allein, als ich hierherzog."

Liyah lernte zu kochen, um "in der Schweiz zu überleben", wie sie sagt. Heute liegt im Treppenhaus, wo es früher vor allem nach Curry roch, auch der Duft von chinesischem Essen in der Luft.

Amala, die auf dem gleichen Stockwerk gegenüber wohnt, hat sich verliebt in die Küche ihrer Nachbarin aus Taiwan. Am liebsten mag sie deren Ramen-Nudeln.

Oltens Sushiköchin

Aber nicht nur Freundinnen und Nachbarn können Liyahs Essen geniessen. Vor fünf Jahren bekam sie eine Teilzeitstelle in einem asiatischen Take-Out-Restaurant in der Nähe des lokalen Kinos, wo sie täglich mehrere Dutzend Portionen Chow Mein (unter Rühren gebratene Nudeln) und gebratenen Reis kochte. Aufgrund dieser Erfahrung merkte, sie, dass sie für mehr Leute kochen konnte.

Sie wagte sich auch an ein neues Gericht: Sushi. Nachdem sie online Videos konsultiert hatte, um für ihre Kinder Sushi zu machen, begann sie es auch für das Restaurant zu tun, in dem sie arbeitete, als dieses seine Speisekarte erweiterte.

Die Zubereitung von Sushi sei kein Geheimnis, sagt sie. "Man muss einfach den Sushi-Reis gut kochen, und der Fisch muss frisch sein."

In der Schweiz gilt Sushi noch immer als exotisch. Liyah macht ihr Sushi noch etwas einzigartiger, indem sie die Algen in die Form von Augen, Nasen und Mündern schneidet und so auf die Lachsfilets legt. Eine Sushi-Kugel wird zu einem Halloween-Kürbis, oder sie macht einen Schneemann, indem sie zwei Reiskugeln zusammensetzt und diese mit Halstüchern und Gesichtern verziert.

Bald einmal erschloss sich Liyah mit ihrem Sushi einen grösseren Markt als nur das Fast-Food-Restaurant und belieferte auch Fischläden in der Altstadt. Auch die Besitzer einer Bäckerei und einer Cafeteria in einer Gasse in der Nähe lieben ihre Sushi. Häufig beliefert Liyah auch andere Läden und Restaurants.

Sie träumt davon, den Schweizern auch Spezialitäten aus ihrer Heimat Taiwan zu verkaufen. Sie denkt aber, dass sie eine Geschäftspartnerin mit den gleichen Ideen und Interessen braucht, damit die Idee Erfolg haben kann. "Vielleicht treffe ich einmal die richtige Person", sagt sie.


Geschäft, Ruhm und Freundschaft

Kulinarische Fähigkeiten sind in der asiatischen Kultur ein wichtiger Bestandteil des sozialen Netzwerks, eine Idee, die Liyah in die Schweiz mitgebracht hat. Obschon sie noch kein eigenes Geschäft gegründet hat, machte sie sich durch ihren Essens-Lieferdienst in den vergangenen Jahren in der Stadt einen Namen, wurde gar zur Berühmtheit, wie einer ihrer Kunden sagt.

"Einmal hatte ich Freunde zum Essen zu mir eingeladen, und einer meiner Freunde erkannt Liyahs Sushi sofort", sagt er.

"Für die Party in diesem Jahr bestellte ich Ramen-Nudeln. Den Preis von drei Franken pro Portion findet man nirgendwo sonst in der Schweiz. Liyah sagt immer etwas wie 'Ich bin froh, dass ich helfen konnte', was mich denken lässt, dass sie gar kein Geschäft macht", so der zufriedene Kunde.

Als Antwort darauf lächelt Liyah und sagt, sie koche einfach zum Spass.

"Wir sind Freunde, und wenn sie mein Essen mögen, dann koche ich einfach! Normalerweise stelle ich nur die Zutaten und ein wenig Arbeit in Rechnung."


Suche nach Identität

Im vergangenen Jahr gab Liyah ihr Sushi-Fachwissen als Kochlehrerin an der Migros-Klubschule weiter. Neben dem Unterricht gehörte zu jeder Lektion auch eine Stunde Degustation und Plaudern, was ihr half, ihre Schülerinnen und Schüler und die lokale Kultur besser zu verstehen.

"Ich geniesse es wirklich. Ich fühle, dass die Verbindung zwischen mir und den Schülern tiefer wird. Und ich weiss mehr darüber, was die Leute in der Schweiz denken und woran sie interessiert sind", erklärt Liyah. "Und wenn ich mich konzentriere, kann ich sogar Schweizerdeutsch verstehen."

Nachdem sie ein Jahrzehnt mit ihrem Schweizer Ehemann im Land gelebt hatte, wurde Lyiah mittlerweile vor längerer Zeit auch Schweizer Bürgerin.

"Aber einmal sagte meine Tochter zu mir 'Du bist nicht Schweizerin. Du bist Chinesin!' Ich denke, sie hat Recht. Ich kann nie durch und durch eine Schweizer Frau werden. Ich bin eine chinesisch-taiwanesische Frau."

Ihr Verständnis von Familie und Freundschaft sei eher chinesisch geprägt, aber ihre Gewohnheiten, wie Pünktlichkeit und Freundlichkeit am Telefon etwa, seien eher schweizerisch.

Sie denkt noch etwas nach und kommt zum Schluss: "Mein Zuhause, meine Familie und meine Wurzeln sind hier, in der Schweiz. Genauer gesagt, ich denke, ich bin eine chinesisch-schweizerische Frau."

Three Cup Chicken


Zutaten:


4 Hühnerschenkel ohne Knochen

240 ml Sojasauce

240 ml Reiswein

240 ml Sesamöl

240 ml Wasser

Thai-Basilikum

Pilze

Frühlingszwiebel

Knoblauchzehe

Ingwer

Chili

1 Teelöffel brauner Zucker

1/2 Teelöffel Salz

Zubereitung:


1. Sesamöl in Wok-Pfanne erhitzen.

2. Fleisch im Öl goldbraun braten.

3. Währenddessen Ingwer, Knoblauch und Chili in dünne Streifen schneiden.

4. Fleisch aus der Pfanne nehmen und Ingwer in den Wok geben.

5. Ingwer knusprig braten.

6. Währenddessen die Hühnerschenkel in je 6 kleinere Stücke schneiden.

7. Fleisch, Pilze, Sojasauce, Reiswein, Knoblauch, Zucker und Salz in den Wok geben.

8. 240 ml Wasser dazugeben und während 10-15 Minuten kochen lassen, bis die Sauce eingedickt ist.

9. Thai-Basilikum, Frühlingszwiebel und Chili dazugeben und während 20 Sekunden kochen lassen.

10. Vom Feuer nehmen und mit Reis servieren.