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Milizarbeit Die Freiwillige Feuerwehr in der Schweiz hat Nachwuchsprobleme

Zwei Feuerwehrmänner vor einem roten Fahrzeug

Oberleutnant Danny Aubert (links) und Major Jean-Claude Bonvin sind sich einig, dass die Suche nach Nachwuchs für die Freiwillige Feuerwehr in der Schweiz eine grosse Herausforderung darstellt. Für beide ist die Brandbekämpfung eine langjährige Leidenschaft, die sie an junge Menschen weitergeben wollen.

(swissinfo.ch)

Ohne die Milizfeuerwehr befände sich die Schweiz in grossen Schwierigkeiten. Der Schutz vor Feuer, Naturkatastrophen und anderen Ereignissen lastet fast ausschliesslich auf den Schultern von Freiwilligen. Was motiviert diese, ihre Freizeit zu jeder Tages- und Nachtzeit in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen? Wir haben mit zwei Feuerwehrmännern gesprochen.

Wir erreichen die Wache der Freiwilligen Feuerwehr von Cortaillod, eine Gemeinde mit etwa 4700 Einwohnern am Ufer des Neuenburgersees, an einem heissen Sommernachmittag. Zwei Männer inspizieren Fahrzeuge, während Major Jean-Claude Bonvin und Oberleutnant Danny Aubert uns in das Gebäude führen.

Tag der offenen Tür

Die Feuerwehren in der Schweiz sind nach dem gleichen Modell wie die politischen Institutionen organisiert, nämlich als nebenberufliche Milizen. Das Milizsystemexterner Link ist in den letzten Jahren allerdings in die Krise gekommen.

Um die öffentliche Aufmerksamkeit zu bekommen und eine vertiefte Diskussion zu ermöglichen, hat der Schweizerische Gemeindeverbandexterner Link das Jahr 2019 zum Jahr der Milizarbeitexterner Link erklärt.

Der Schweizerische Feuerwehrverbandexterner Link feiert dieses Jahr sein 150-jähriges Bestehen mit zahlreichen Veranstaltungen. Insbesondere findet am 30. und 31. August ein Tag / eine Nacht der offenen Tür in den Feuerwachen statt. Besucher und Besucherinnen sind auch am 30. August von 17:00 bis 23:00 Uhr in Cortaillod willkommen.

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Die Notfallwache von Cortaillod konzentriert sich auf "Basiseinsätze, sprich Feuer und Naturereignisse", erklärt uns der Leiter der Wache, Danny Aubert. Die Wache ist mit etwa zehn Fahrzeugen ausgestattet und verfügt über insgesamt 60 Feuerwehrleute, alle im Miliz-System.

Schnelle und rationale Reaktionen

Freiwillige müssen während ihrer Schicht des Bereitschaftsdienstes (auch Pikettdienst genannt) nicht dauerhaft auf der Wache bleiben. Aber sie müssen sich in einem Umkreis aufhalten, von wo sie die Wache innert vier Minuten erreichen können, sagt der Oberleutnant.

"Dies ist unerlässlich, um die von der Gemeinde verlangten Standards bei der Hilfsfrist einzuhalten: Die Feuerwehrleute von Cortaillod müssen spätestens fünfzehn Minuten nach dem Alarm am Unfallort sein", erklärt der Leiter der "Freiwilligen Feuerwehr" der Region, Jean-Claude Bonvin.

Die Fähigkeit, schnell und rational entscheiden zu können sowie eine optimale körperliche und geistige Verfassung sind Voraussetzung für diese Tätigkeit. Wer sich der Freiwilligen Feuerwehr anschliessen möchte, muss zuerst eine medizinische und körperliche Prüfung bestehen und anschliessend eine praktische und theoretische Grundausbildung absolvieren.

Danach muss jedes Jahr eine Weiterbildung besucht werden. "Es ist wichtig, sich sowohl in der Theorie als auch in der Praxis weiter zu spezialisieren", sagt Aubert.

Keine Rambos

Bereitschaftsdienst, Interventionen, Übungen, theoretische Kurse: Wer bei der Freiwilligen Feuerwehr ist, kann nicht nur dann helfen, wann es gerade passt. Vorbereitung und Disziplin sind in der Tat von grundlegender Bedeutung, um rechtzeitige und wirksame Einsätze zu gewährleisten.

Hitzköpfe werden schnell entfernt, betont Bonvin. "Die Sicherheit hat immer Vorrang: Es darf nicht das Leben einer Person aufs Spiel gesetzt werden. Wir machen alles, um jemanden zu retten, aber wir müssen gemäss Sicherheitsvorschriften handeln, um unnötige Risiken zu vermeiden. Unter den Feuerwehrleuten gibt es keinen Platz für Rambos."

Die Freiwilligen Feuerwehrleute von Cortaillod erhalten 20 Franken pro Stunde Sold, wenn sie im Dienst sind, und das Doppelte im Falle eines Einsatzes. Es ist also nicht das Geld, das sie motiviert, so viel Zeit ihres Privatlebens für diese Tätigkeit zu opfern. Warum tun sie es also?

"Erstens, weil man Menschen gernhat und ihnen helfen will. Ausserdem lernt man viel in verschiedenen Disziplinen, man trifft auf Bereiche ausserhalb des eigenen Berufs. Mit anderen Worten: Der freiwillige Feuerwehrdienst bringt einen guten Wissensstand mit. Man lernt auch, Unfälle zu vermeiden, Probleme zu erkennen. Dies ist auch für das eigene Leben und den eigenen Beruf sehr nützlich. Ein weiterer Anreiz ist sicherlich die Kameradschaft", sagt Aubert.

Die Herausforderung des Generationenwechsels

Die Motivation scheint jedoch bei jungen Menschen nachzulassen. Gemäss Statistiken steigen zwar die Einsätze der Freiwilligen Feuerwehr in der Schweiz, die Zahl der Feuerwehrleute hingegen sinkt.

Grafik
(Kai Reusser / swissinfo.ch)

Obwohl in Cortaillod die Zahl der Freiwilligen mit 50 bis 60 Feuerwehrleuten stabil blieb, sieht Aubert auch hier die grosse Herausforderung im Generationenwechsel. "Viele Feuerwehrleute nähern sich der Altersobergrenze von 60 Jahren und es gibt im Vergleich zu früher weniger junge Interessenten."

Laut Bonvin ist das auf einen Mentalitätswandel und einen veränderten Lebensstil zurückzuführen. "Heute sind junge Menschen viel weniger mit der Gemeinde oder der Region verbunden, in der sie leben. Sie sind sehr mobil, haben ein breites Freizeitangebot und wollen alles machen, mit dauernden Veränderungen."

Dass die freiwilligen Feuerwehrleute immer mehr Ausbildung und Zeit investieren müssen, ist ein weiterer Grund, der junge Menschen abhält, so Aubert. "Die Feuerwehr muss sich kontinuierlich an neue Herausforderungen anpassen, seien es neue technische Mittel, aber auch neue Bedrohungen wie Erdrutsche oder plötzliche Überschwemmungen durch Stürme."

Leidenschaft in der Kindheit wecken

Die Anforderungen sind streng, machen aber laut Bonvin auch die Faszination dieser Tätigkeit aus: "Es gibt nie Routine", sagt er. Der Kommandant und der Oberleutnant hoffen, bei jungen Menschen die Flamme der Leidenschaft für den Feuerwehrdienst wieder zu entfachen.

Die Überzeugungsarbeit beginnt schon in jungen Jahren. In der Cortaillod-Wache beginnt dieses Jahr die Ausbildung der "Jungen Feuerwehrleute", die in anderen Regionen auch "Mini-Feuerwehrmänner" genannt werden. Jugendliche ab 12 Jahren werden Schritt für Schritt – auf spielerische und gesellige, aber auch lehrreiche Weise – an die Arbeit von Feuerwehrleuten herangeführt. Die Idee ist, eine Leidenschaft anzustacheln, so dass die Jugendlichen später, wenn sie 18 Jahre alt sind (das Mindestalter für die Einschreibung), weitermachen wollen.

Helm der Jungen Feuerwehr

Wenn die Flamme der Leidenschaft für die Brandbekämpfung in der Kindheit entfacht wird, besteht eine gute Chance, dass sie im Erwachsenenleben weiter brennt.

(swissinfo.ch)

Feuerwehrfrauen

Derzeit hat Cortaillod 16 "angehende" Feuerwehrleute aus der gesamten Küstenregion. Etwa die Hälfte von ihnen sind Mädchen. Ein Anteil, der die beiden Verantwortlichen nicht überrascht.

Der Anstieg des Frauenanteils ist ein allgemeiner Trend in den letzten zehn Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr in der Schweiz. In Cortaillod liegt der Anteil derzeit knapp 10% über dem nationalen Durchschnitt: Insgesamt liegt der Frauenanteil bei rund 15%, in den jüngeren Altersgruppen bei rund 50%.

Die Schweizer Feuerwehren setzen ihre Hoffnungen auf die Frauen, um die Ränge zu füllen. War die Tätigkeit eines Milizfeuerwehrmannes einst in der Schweiz eine Tradition, die von Vater zu Sohn weitergegeben wurde, so kann sie nun vom Vater an die Tochter weitergegeben werden. Wie es bei Danny Aubert der Fall ist.

Camion di pompieri tra la gente in mezzo a una prateria.

Die Bedeutung der Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr in der Schweiz wurde am 1. August 2019 anlässlich der Feierlichkeiten des Nationalfeiertages auf der Rütliwiese betont. Das Thema war "Ein Engagement für die Gesellschaft: Milizarbeit".

(swissinfo.ch)


(Übertragung aus dem Italienischen: Sibilla Bondolfi)

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