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Mit der Sektflasche beim Brandenburger Tor

Markus Eglin lebt seit 1978 in Berlin.

(swissinfo.ch)

Von seiner Wohnung aus konnte der Berner Markus Eglin die Berliner-Mauer sehen. Ging nachts der Alarm los, wusste er nie, ob ein Flüchtling die Sirene ausgelöst hatte oder ein Kaninchen. Eglin schilderte swissinfo.ch seine Erinnerungen an die Zeit der Wende:

1989 hat mich meine Mutter in Westberlin besucht. Es war Frühling, und wir sind mit dem Auto zur Mauer beim Brandenburger Tor gefahren. Eines Tages, habe ich zu ihr gesagt, wird die Mauer einstürzen, und wir werden alle durch dieses Tor spazieren können.

Zu dem Zeitpunkt kursierten Gerüchte, dass die DDR die Reisebestimmungen für ihre Bürger lockern würde. Nie im Traum habe ich allerdings gedacht, dass die Mauer so bald fallen würde. Wir wurden alle - West- und Ostberliner - komplett überrascht, als es in der Nacht vom 9. November hiess, sämtliche Grenzübergänge seien offen.

Am nächsten Morgen, als ich zur Arbeit fahren wollte, waren die Strassen in die Stadt hinein verstopft mit knatternden und stinkenden Trabis. Die kamen alle vom Grenzübergang Schönefeld und wollten zum Ku'damm. In den folgenden Tagen befand sich Berlin im Ausnahmezustand, es herrschte ein faszinierendes Chaos.

Tagesausflug nach Ostberlin

Nach Berlin bin ich 1978 gekommen. Der Liebe wegen, die allerdings nicht gehalten hat. Weil meine Ausbildung zum Betriebsökonom in Deutschland nicht anerkannt wurde, habe ich erstmal das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt, danach Betriebswirtschaft studiert und bald auch Arbeit gefunden – und zwar bei den Alliierten.

Bis zur Wende ging es mir jobmässig sehr gut. Ich war bei den Amis so etwas wie der Chefadministrator der Air Force und verantwortete den Zahlungsverkehr. Ob Toilettenpapier, Büromaterial oder Flugzeuge, – alle Bestellungen gingen über meinen Schreibtisch.

Wenn ich am Wochenende Zeit hatte, habe ich mich gerne ins Café Kranzler am Ku'damm gesetzt. Da konnte man wunderbar am Fenster sitzen und Leute gucken. Westberlin war in den 80er-Jahren eine Insel, in der es sich gut leben liess. Besucher aus der Schweiz haben immer gestaunt, wie gross Westberlin war, die Nord-Süd-Ausdehnung betrug über 30 Kilometer. Das ist ja so viel wie von Bern nach Thun, sagten sie ungläubig.

Manchmal bin ich mit dem Besuch nach Ostberlin rüber. Ausländer mussten sich am Grenzübertritt Checkpoint Charlie ein Tagesvisum besorgen und 25 Westmark zum Kurs von 1:1 umtauschen, obwohl der offizielle Kurs 1:5 war. 25 Ostmark, so viel Geld konnte man in der DDR an einem Tag praktisch nicht ausgeben – was beabsichtigt war, weil man das Geld nicht zurück in den Westen nehmen durfte.

Meistens sind wir mit der Strassenbahn zum Palast der Republik gefahren, haben dort gegessen, danach weiter zum Alexanderplatz, um im Centrum-Warenhaus ein wenig einzukaufen, und zum Schluss ging's noch ins Pergamonmuseum.

Abenteuer Transitstrecke

Ich habe viele Jahre in Kreuzberg ganz nahe an der Mauer gewohnt. Zwei- bis dreimal in der Woche ging nachts der Alarm los. Warum wusste ich nicht. Es konnte ein Flüchtling sein, der die Sirene ausgelöst hatte, oder nur ein Kaninchen, das gegen den Drahtzaun gehoppelt war.

Tagsüber habe ich mir keine Gedanken um die Mauer gemacht, sie war einfach da. Als Schweizer habe ich zum Glück auch nicht unter den Grenzschikanen der DDR gelitten, da war man mit dem roten Pass privilegiert.

Natürlich musste man viel Zeit einkalkulieren, wenn man Westberlin in Richtung Schweiz verlassen wollte. Um vier Uhr früh war Tagwacht, erste Station der Kontrollpunkt Dreilinden, wo die Transitautobahn nach Westdeutschland begann. 167 Kilometer holperte man auf Betonplatten der ehemaligen Reichsautobahn bis Helmstedt, dem grössten Übergang an der innerdeutschen Grenze.

Wehe dem, der schneller fuhr als die erlaubten 100 km/h. Oft lauerte irgendwo die Volkspolizei, um saftige Bussgelder in DM zu kassieren. Es war für Westler auch streng verboten, von der Transitstrecke abzufahren. Unterwegs tanken allerdings war erlaubt und auch beliebt, denn das Benzin war billiger, als im Westen.

Gewinner der Wende

Durchs Brandenburger Tor bin ich an Sylvester 1989 spaziert. Morgens um zwei habe ich eine Sektflasche mit einem Ostberliner Ehepaar geteilt. Der Kontakt zu den beiden besteht bis heute. Im folgenden Jahr habe ich auch meine Frau kennen gelernt, eine Ostberlinerin.

Was mein Privatleben betrifft, bin ich eindeutig ein Gewinner der Wende. Beruflich folgten nach dem Mauerfall schwierige Jahre. Anfang der 90er-Jahre zogen die Allierten ab, ich verlor meine Stelle und war längere Zeit arbeitslos. Heute habe ich mich jobmässig wieder aufgerappelt, ich arbeite Teilzeit und habe noch zwei Jahre bis zur Rente. Wer weiss, vielleicht ziehe ich mit meiner Frau zurück in die Schweiz.

swissinfo.ch, aufgezeichnet von Paola Carega, Berlin

Wiedervereinigung

Am 2. Mai 1989 durchtrennen die Aussenminister Österreichs und Ungarns den Grenzzaun zwischen den beiden Ländern.

Am 19. August findet in Sopron an der ungarisch-österreichischen Grenze ein "paneuropäisches Frühstück" statt. In dessen Anschluss flüchten mehrere Hundert DDR-Bürger über die Grenze nach Österreich, ohne dass die ungarischen Grenzsoldaten eingriffen.

Immer mehr DDR-Bürger besetzen die Botschaften der BRD in der Tschechoslowakei, Polen und Ungarn, wo sie die Ausreise nach Westdeutschland verlangen.

Ende September befinden sich über 4000 DDR-Bürger auf dem Gelände der BRD-Botschaft in Prag. Sie konnten mit 17 Zügen nach Westdeutschland ausreisen.

Am 3. November öffnet die Tschechoslowakei die Grenzen für DDR-Bürger.

Am 9. November fällt die Berliner Mauer.

Am 3. Oktober 1990 tritt die DDR der BRD bei, 41 Jahre nach der Teilung ist Deutschland wieder vereint.

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Todesfälle

Die DDR-Führung hat die Umstände der Todesfälle an der Mauer systematisch verschleiert. Deshalb sind die Angaben zu den Todeszahlen an der Mauer widersprüchlich.

Zwischen dem 13. August 1961 und dem 9. November 1989 kamen an der Berliner Mauer mindestens 136 DDR-Bürger ums Leben. Die meisten wurden von DDR-Grenzsoldaten erschossen.

Weitere Flüchtlinge liessen innerhalb der Sperranlagen ("Grenzstreifen") oder im Landesinnern der DDR das Leben.

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(ChrisO, Wikimedia commons)

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