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Mobilität


Rettet neue Bahnstrecke Genf vor Verkehrschaos?




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Amtliche Vertreter aus Frankreich und der Schweiz feiern den Durchbruch zwischen zwei Tunnelabschnitten im Osten Genfs. (Keystone)

Amtliche Vertreter aus Frankreich und der Schweiz feiern den Durchbruch zwischen zwei Tunnelabschnitten im Osten Genfs.

(Keystone)

In den Stosszeiten sorgen Hunderttausende Autos aus dem benachbarten Frankreich und dem Kanton Waadt in den Strassen Genfs regelmässig für ein Verkehrschaos. Doch vielleicht ist Licht am Ende des Tunnels in Sicht: CEVA/Léman-Express, eine neue, grenzüberschreitende Bahnstrecke, nähert sich der Fertigstellung.

"Es ist ein Albtraum", erklärte Vincent Le Breton. Jeden Tag fährt der französische Kellner zur Arbeit im Zentrum Genfs, aus der 35 Kilometer entfernten Stadt Thonon in Frankreich. Manchmal kann diese Fahrt auf den verstopften Strassen im Süden des Genfersees bis zu 1,5 Stunden dauern.

"Ich arbeite nun seit einem Jahr hier. Vorher habe ich in der Bretagne gelebt. Aber ich habe nie so etwas gesehen. Überall hat es Staus."

Die zweitgrösste Schweizer Stadt ist ein geschäftiger Knotenpunkt zwischen Frankreich und den Alpen. Knapp eine Million Menschen leben in der Stadt und der umliegenden Region, oft als Greater Geneva bezeichnet.

Aufgrund der hohen Löhne und des Lebensstandards wurde die Region zum Opfer ihres eigenen Erfolgs und zieht weiter konstant einen Strom von Leuten an, die hier leben und arbeiten wollen. Bis 2030 soll die Region Prognosen zufolge um mindestens 200'000 Menschen wachsen.

Die Verkehrsprobleme sind chronisch. Jeden Tag kommen 550'000 Leute aus der Waadt sowie aus dem grenznahen Frankreich nach Genf, die meisten in Privatautos. Schätzungen gehen davon aus, dass diese Zahl bis 2020 auf 694'000 ansteigen wird.

Auf amtlicher Seite wird eingeräumt, dass die verstopften Strassen in der Stadt praktisch ihren Sättigungspunkt erreicht haben, vor allem während den Stosszeiten. Das Management der Ströme von Autos, Trams, Velofahrern und Fussgängern im dicht besiedelten Zentrum, wo sich die meisten Arbeitsplätze befinden, sei wie "Präzisionsuhrmacherei", sagen Behördenvertreter. Ein Verkehrsunfall oder ein Wasserrohrbruch, wie 2012 geschehen, kann das Zentrum lahmlegen.

Doch nun könnte eine Transport-Revolution vor der Tür stehen.

Das zukünftige CEVA/Léman Express-Netzwerk. (CEVA/Leman Express)

Das zukünftige CEVA/Léman Express-Netzwerk.

(CEVA/Leman Express)

Ende letzten Monats schüttelten sich Vertreter der Schweiz und Frankreichs tief im Untergrund in der Nähe des Grenzübergangs Moillesulaz im Südosten Genfs die Hände und lächelten für Medien in die Kameras. Die Feier markierte der Durchbruch zwischen zwei Tunnelabschnitten – einer kommt von Genf her, der andere aus dem französischen Annemasse – und eine wichtige Etappe beim Bau der neuen, grenzüberquerenden Bahnlinie CEVA (kurz für Cornavin-Eaux-Vives-Annemasse) zwischen den beiden Städten.

"Dies ist ein historischer Moment für Genf und die Region", erklärte der Genfer Verkehrsminister Luc Barthassat. "Es passiert nicht jeden Tag, dass wir einen Tunnel zwischen zwei Ländern bauen."

Rückgrat

Die Bauarbeiten für das CEVA-Projekt begannen 2011. Heute sind 60% der Arbeiten abgeschlossen, 2019 soll der Betrieb aufgenommen werden.

Mit der neuen Bahnstrecke wird eine lückenlose Verbindung zwischen dem Genfer Hauptbahnhof Cornavin und Annemasse in Frankreich geschaffen. Reguläre Regionalzüge werden für die 16 Kilometer lange Strecke 20 Minuten brauchen; in den Stosszeiten soll alle zehn Minuten ein Zug fahren.

CEVA wird aber viel mehr sein, denn die Strecke ist ein Bestandteil eines umfassenderen lokalen Eisenbahn-Entwicklungsplans in der Schweiz und in Frankreich, das Projekt trägt den Namen Léman Express (siehe Infobox).

Der zukünftige Bahnhof Lancy-Pont Rouge in Genf. (© CEVA, Crédits : CEVA et Groupe 13.76, O. Zimmermann et L. Fascini)

Der zukünftige Bahnhof Lancy-Pont Rouge in Genf.

(© CEVA, Crédits : CEVA et Groupe 13.76, O. Zimmermann et L. Fascini)

Beim historischen Treffen letzten Monat versuchten amtliche Vertreter aus Frankreich und der Schweiz sich gegenseitig mit Lob für das neue System zu übertrumpfen.

"CEVA wird die Art, wie wir uns in der Zukunft bewegen werden, verändern – es ist eine wahre Revolution in Bezug auf die Mobilität", erklärte Christian Dupessey, der Bürgermeister von Annemasse.

50'000 Passagiere

Offizielle Vertreter sagen, wenn das System einmal operationell sei, würden 240'000 Menschen weniger als 500 Meter von einem Bahnhof entfernt leben. Sie schätzen, dass pro Tag rund 50'000 Menschen einen der 40 Léman Express-Züge nutzen werden, die kreuz und quer auf dem Netzwerk unterwegs sein werden.

Philippe Gauderon, Leiter Infrastruktur bei der Schweizerischen Bundesbahn (SBB), erklärte, die Leute hingen an ihren Autos, weil diese "oft die besten Transportmittel sind, die zur Verfügung stehen".

"Doch wann immer man ein regionales S-Bahnsystem schafft, wie in Basel oder Zürich, kommt es plötzlich zu einem Wandel beim Anteil der Transportmittel, und dann nutzen die meisten Leute den öffentlichen Verkehr. Es gibt keinen Grund, wieso dies in Genf anders sein sollte", sagte er gegenüber swissinfo.ch.

Auch Vincent Kaufmann, Mobilitätsexperte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL), denkt, dass CEVA sich positiv auf den Lokalverkehr auswirken wird.

"Die Verbindung wird einen qualitativ hochwertigen Service anbieten, der mit der S-Bahn in Zürich vergleichbar sein wird", sagte Kaufmann. "Nachbarschaften werden enger zueinander rücken und es wird sehr gute Zugverbindungen nach Evian und in die Region des Arve-Tals [südostwärts nach St Gervais-les-Bains] geben. Die Verbindung nach Annecy wird allerdings eher mittelmässig sein."

Mobilität 2030

Das CEVA/Léman Express-Netzwerk ist Teil einer grösseren kantonalen Verkehrsstrategie, bekannt unter dem Namen "Mobilität 2030". Sie wurde 2013 angenommen und umfasst Massnahmen wie die Verlängerung von Tramstrecken nach Frankreich, Park-and-Ride-Einrichtungen, Velowege, eine breitere Autobahn rund um Genf und eine Traverse über den See.

Im Juni 2016 hiessen die Genfer Stimmberechtigten in einer lokalen Abstimmung den Vorschlag für eine Verbindung über den See gut – entweder eine Brücke oder einen Tunnel, die Initiative hatte weder ein konkretes Projekt noch ein Budget beinhaltet. Der Kanton will mit dem Projekt vorwärts machen, obschon dieses beim Chef des Bundesamts für Strassen jüngst nur auf eine lauwarme Reaktion gestossen war.

Barbara*, die als Sicherheitswachfrau in Genf arbeitet, aber in Annecy lebt, sagte, sie werde wahrscheinlich den Léman Express nutzen, auch wenn dies ihren Arbeitsweg nicht verkürzen werde.

"Die Leute werden ihre Gewohnheiten ändern. Ich bin aus Strassburg, und als das Tram eingeführt wurde, gab es viel Gestöhn, aber heute nutzen alle Leute in der Stadt viel eher das Tram als ihre Autos", sagte sie.

Beharren

Es werde seine Zeit brauchen, sagte Damien Cataldi, Mobilitäts-Analyst im Genfer Verkehrsdepartement. Er sagte, auf Seite der Autobesitzer werde es anfänglich ein "Beharren" geben, das wahrscheinlich vier, fünf Jahre andauern werde, doch schliesslich würden mehr und mehr Leute auf den öffentlichen Verkehr umsteigen.

Sein Dienst prognostiziert, dass der Prozentsatz der Leute, welche die Grenzen nach Genf mit öffentlichen Transportmitteln überqueren, von 12% (Anteil 2011) auf 18% (2020) ansteigen werde, wenn das regionale Netzwerk in Betrieb ist.

Kaufmann glaubt jedoch, dass die Behörden in Frankreich und in der Schweiz die möglichen Auswirkungen von CEVA unterschätzt haben, und dass sie sich zu stark auf Verzögerungen, Opposition und Kosten konzentrieren.

"Meine Voraussage ist, dass die lokalen französischen Behörden der hohen Nachfrage nicht gewachsen sein werden. Es wird viel Druck von den Nutzern geben, das Nahverkehrsangebot weiter zu verbessern, wenn CEVA den Betrieb einmal aufgenommen hat", fügte er hinzu.

*Name der Redaktion bekannt

CEVA/Léman Express

1881 unterzeichneten Frankreich und die Schweiz ein Abkommen zum Bau einer Zugverbindung zwischen Annemasse und Genf. Wegen Fehlstarts und politischen Meinungsverschiedenheiten wurde das Projekt jedoch nie umgesetzt.

In den 1990er-Jahren wurde der Plan im Rahmen eines Projekts unter dem Namen CEVA (Abkürzung von Cornavin-Eaux-Vives-Annemasse) wieder aufgegriffen. Auf Schweizer Seite begannen die Bauarbeiten schliesslich im November 2011, nachdem Gerichte in der Schweiz letzte Einsprachen von unzufriedenen Anwohnern abgewiesen hatten, die sich wegen der Auswirkungen des Projekts auf ihre Häuser dagegen gewehrt hatten. Bisher sind 60% der Arbeiten für CEVA abgeschlossen. Mit der vollständigen Fertigstellung wird für Dezember 2019 gerechnet.

Zwischen dem Genfer Hauptbahnhof Cornavin und der Stadt Annemasse in Frankreich wird eine schnelle Regionalstrecke gebaut (20 Minuten). Doch das ganze Projekt umfasst weit mehr, CEVA ist Bestandteil eines grösseren regionalen Entwicklungsprojekts für den Zugverkehr: Unter dem Namen Léman Express wird diese S-Bahn ein Streckennetz von 220 Kilometern und 45 Haltestellen umfassen; ein Nahverkehrsangebot für mehr als eine Million Menschen in den Schweizer Kantonen Genf und Waadt sowie in der Region Auvergnes/ Rhône-Alpes in Frankreich.

Das Budget für die Schweizer Seite des Projekts, das sich über 14 Kilometer erstreckt und zu dem zwei Tunnels, fünf neue Bahnhöfe und zwei Brücken gehören, beträgt 1,567 Milliarden Franken. Der Kanton Genf kommt für 44% der Kosten auf, die Eidgenossenschaft für den Rest.

Die Arbeiten auf französischer Seite kosten 234 Millionen Euro. Für die Kosten kommen der französische Staat, die Regionen und lokale Körperschaften auf. Zum Projekt gehören unter anderem die Modernisierung des Bahnhofs in Annemasse sowie der Ausbau der Zugverbindung nach Evian, auf der Südseite des Genfersees.

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(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch

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