Monte Verità "Hier darf sich jeder ungezwungen geben"

Nach langjährigen Restaurationsarbeiten ist das Museum Casa Anatta auf dem Monte Verità wieder zugänglich. Die legendäre Ausstellung des Kurators Harald Szeemann über die Aussteiger und Lebensreformer, die diesen Hügel in ganz Europa bekannt machten, erstrahlt originalgetreu, aber in neuem Glanz.

Runde der Vegetarier, Monte Verità, undatierte Aufnahme. 

Runde der Vegetarier, Monte Verità, undatierte Aufnahme. 

(Fotografo ignoto-Monte Verità)

Ein Mekka für Revolutionäre, Aussteiger und Utopisten aller Art: Das war der „Berg der Wahrheit“ über Ascona zu Beginn des 20.Jahrhunderts. Anfänglich handelte sich um eine kleine Kolonie von Vegetariern und Theosophen, Einwanderer aus Nordeuropa, welche eine Gegenwelt zur patriarchalisch-bürgerlich-kapitalistischen-industriellen Gesellschaft aufbauen wollten

Sie predigten das Leben in der Natur und die freie Liebe. Der Ruf des „Monte Verità“ – eigentlich hiess der Hügel Monte Monescia – verbreitete sich in ganz Europa und zog viele Neugierige und Besucher an, darunter auch Hermann Hesse. „Hier darf sich jeder ungezwungen geben, wie er wirklich ist“, hiess es in einem Prospekt von 1905.

Im Luftpark und Gemüsegarten arbeitete man nackt.

(Keystone)

​​​​​​​Besonderen Wert legte man in der „vegetabilen Kooperative“ auf Luft- und Sonnenbäder. Im Luftpark und Gemüsegarten arbeitete man nackt. Und natürlich mussten auch die Wohnhäuser naturnah sein, etwa die Lichtlufthütten, von denen heute noch zwei existieren. Bei der einheimischen Bevölkerung – Ascona war damals ein armes Fischerdorf – wunderte man sich indes über diese Paradiesvögel aus dem Norden.

Später war der Monte Verità ein Ort für Avantgarde-Künstler wie Alexej Jawlensky, Paul Klee oder Marianne Werefkin. Der bedeutende Kunstsammler und Mäzen Eduard von der Heydt, zugleich ein umstrittener Banker mit Wurzeln im deutschen Wuppertal, übernahm schliesslich 1926 den Berg der Wahrheit und liess ein Hotel von Emil Fahrenkamp im Bauhaus-Stil erstellen. Es steht heute noch.

Die Brüste der Wahrheit

Dass wir über die Geschichte des Monte Verità und seiner vielen Bewohner/Besucher gut Bescheid wissen, verdankt sich insbesondere dem Berner Ausstellungsmacher Harald „Harry“ Szeemann, der das Tessin zu seiner Wahlheimat gemacht hatte. „Er war wie besessen von dieser Geschichte, sammelte alles, was er finden konnte – das war für ihn eine Herzensangelegenheit“, sagt Ingeborg Lüscher, Witwe des 2005 verstorbenen Ausstellungsmachers.

Die Originalausstellung mit Hunderten von Objekten ist so jetzt so zu sehen, wie sie vor 40 Jahren konzipiert wurde.

Die Originalausstellung mit Hunderten von Objekten ist so jetzt so zu sehen, wie sie vor 40 Jahren konzipiert wurde.

(Urheberrecht: Gerhard Lob, swissinfo.ch)

Tatsächlich vereinigte Szeemann Photos, Gemälde, Objekte und Dokumente in der Ausstellung „Monte Verità Ascona – die Brüste der Wahrheit“, die 1978 in der Casa Anatta auf dem Monte Verità eröffnete und danach in Zürich, Berlin, Wien und München zu sehen war. Die Casa Anatta ist das 1904 erstellte Wohnhaus der Kolonie-Gründer Henri Oedenkoven und Ida Hofmann. Bis heute ist diese Casa Anatta in gewisser Weise die Seele des Monte Verità geblieben.

Harald Szeemann Die Ausstellung als Kunstform

Harald Szeemann, geboren 1933, entstammte einer österreichisch-ungarischen Familie, die sich Anfang des 20.Jahrhunderte in Bern niedergelassen hatte.

Allerdings war der Zustand dieses mittlerweile unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes ab dem Jahr 2000 erbärmlich. Es regnete durchs Dach – Wasser tropfte auf Exponate. Selbst die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ prangerte die unhaltbaren Zustände an. 2009 wurde die Casa Anatta dann geschlossen. Die Ausstellung wanderte in die Katakomben des Kantonsarchivs.

 Originalgetreu restauriert

Wegen Geldmangels musste die nötigte Restauration der Casa Anatta wiederholt aufgeschoben werden. Und es kam auch zu gewissen Streitereien zwischen den Erben Szeemanns und der Stiftung Monte Verità. Dabei ging es etwa um die Forderung der Erben, dass die Ausstellung originalgetreu wieder aufgebaut wird – sozusagen als Vermächtnis an Szeemann, der – abgesehen vom kleinen Clownmuseum Dimitri – keine bleibende Ausstellung hinterlassen hat.

Acht Jahre brauchte es, bis es soweit war. Dank öffentlicher Geldgeber und privater Spender kamen die nötigen 2,5 Millionen Franken zusammen. „Es hat lange gedauert, aber jetzt sind wir sehr glücklich“, sagt Lorenzo Sognonini, Direktor der Stiftung Monte Verità. Das Museum sei nicht nur ein historisches Vermächtnis: „Es geht ja um Menschen, die ihre Träume und Utopien gelebt haben, die auf der Sinnsuche waren – das ist letztlich ein stets aktuelles Thema für alle Menschen.“

Bis heute ist diese Casa Anatta die Seele des Monte Verità geblieben: Szeemann-Ausstellung in der Casa Anatta.

Bis heute ist diese Casa Anatta die Seele des Monte Verità geblieben: Szeemann-Ausstellung in der Casa Anatta.

(Gerhard Lob)

Die Originalausstellung mit Hunderten von Objekten ist so jetzt so zu sehen, wie sie vor 40 Jahren konzipiert wurde. Das mutet teilweise etwas altbacken an. Einen Kontrapunkt setzen da zwei neue Räume, die sich multimedial der Figur Harald Szeemanns annähern. So wird die Gesamtausstellung intelligent in einen historischen Kontext eingebettet.

Auf der Suche nach neuer Dynamik

Der Monte Verità ging übrigens 1964 nach dem Tod von der Heydts aufgrund einer testamentarischen Verfügung in den Besitz des Kantons Tessin über. Im Testament hatte Baron von der Heydt ausdrücklich geschrieben, „dass der Monte Verità für künstlerische und kulturelle Aktivitäten von internationaler Ausstrahlung genutzt werden muss.“

Wie man diesem Willen gerecht werden kann, ist bis heute letztlich nicht geklärt. Der Monte Verità untersteht heute einer Stiftung, die vom kantonalen Erziehungsdirektor präsidiert wird. Einen wichtigen Anteil hat dabei aber auch die ETH Zürich, die dort das Centro Stefano Franscini, ein Seminarzentrum für wissenschaftliche Veranstaltungen, betreibt. 

Tanzschule Rudolf von Laban auf dem Monte Verità.

Für die einheimische Bevölkerung gibt es ein allgemeinen Kultur- und Rahmenprogramm, das allerdings mit sehr wenigen finanziellen Mitteln auskommen muss. Der Museumskomplex, der neben der Casa Anatta auch andere Gebäude des Monte Verità umfasst, ist vor allem bei Touristen beliebt.

Für den Tessiner Kulturminister Manuele Bertoli ist mit der Restauration der Casa Anatta nun ein wichtiger Schritt erreicht. Gleichwohl bleibt viel Arbeit. „Die Ausstellung ist etwas Statisches, wir müssen aber mehr Dynamik auf den Monte Verità bringen – das bleibt die grosse Herausforderung“, so Bertoli.


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