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Nach dem Währungsschock


Starker Franken: Schweizer Unternehmen zurück auf Feld eins




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Die Aufwertung des Frankens bekommt vor allem die Metallindustrie und die Elektrotechnik zu spüren, die 80% der Produktion exportiert. (Keystone)

Die Aufwertung des Frankens bekommt vor allem die Metallindustrie und die Elektrotechnik zu spüren, die 80% der Produktion exportiert.

(Keystone)

Der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank, den Euro-Mindestkurs aufzuheben, hat bei den Unternehmen im Land grosse Unsicherheit ausgelöst. Für viele Betriebe sind ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit, geringere Gewinnmargen und Restrukturierungen die Folge. Dabei bestraft der starke Franken nicht nur die Exportwirtschaft.

Donnerstag, 15. Januar 2015: Dieses Datum wird vielen Schweizer Unternehmungen noch lange in Erinnerung bleiben. Seit Jahren haderten viele Firmen bereits mit dem starken Franken. Doch auf Grund des Nationalbankentscheids wurde der Franken noch härter.

"Wir haben schon erwartet, dass die Nationalbank irgendwann aus dem Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro aussteigt. Aber wir hofften auch, dass sie diesen Ausstieg irgendwie abfedern könnte und dass der Euro vielleicht auf 1,15 Franken oder so etwa fallen würde. Wir haben uns nicht vorgestellt, dass am 15. Januar der Kurs die Parität erreicht und dass jetzt wieder so ein starker Druck auf den Unternehmen lastet", sagt Markus Spoerri, Chef der STS Systemtechnik Schänis, ein auf Schliess-, Befestigungs- und Stanztechnik spezialisiertes Unternehmen.

Der Betrieb im Kanton St.Gallen beschäftigt 74 Mitarbeiter und exportiert fast einen Drittel seiner Produkte nach Europa. Nach dem Nationalbankentscheid ging man über die Bücher, um das Budget für 2015 neu zu erstellen. Markus Spoerri schätzt, dass der Betrieb 10 Prozent seiner Rentabilität einbüsst und neue Opfer erbracht werden müssen.

Am Nullpunkt

"Als der Euro von 1,56 Franken im 2008 bis auf 1,20 Franken im 2011 sank, mussten wir schon weitgehend eingreifen, um diese Kurschwankung wiedergutzumachen. Wir haben optimiert, Kosten reduziert, Prozesse verbessert, bis wir das Gefühl hatten, dass wir wieder Substanz machen könnten. Aber das alles ist jetzt vom Tisch gefegt worden. Ab diesem Donnerstag stehen wir wieder auf dem Punkt Null, und wir müssen von vorne anfangen“, hält Markus Spoerri fest.

Die Schweizer Industrie spürte zuerst die Finanz- und Wirtschaftskrise, welche seit sieben Jahren die europäischen Länder durchschüttelt, konnte sich aber langsam erholen. Im vergangenen Jahr erreichten die Exporte ein Rekordvolumen von 208 Milliarden Franken und übertrafen damit das bisherige Rekordjahr 2008. Das laufende Jahr 2015 wird hingegen extrem schwer werden.

Doch das Erdbeben in der Währungspolitik wird laut Spoerri nicht nur auf die Exportwirtschaft gewaltige Auswirkungen haben: "Es trifft uns nicht nur im Exportgeschäft: Viele ausländische Firmen versuchen, Marktanteile in der Schweiz zu erobern. Unsere Produkte stehen jetzt auch in der Schweiz unter enormem Preisdruck, da diese Firmen auf einen Schlag über einen Preisvorteil von 10 bis 15% verfügen, ohne überhaupt etwas unternommen zu haben."

MEM als Pfeiler der Wirtschaft

Die Folgen des starken Frankens werden insbesondere für die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM) spürbar werden. Das Überleben dieser Branche war seit den 1970er-Jahren schon mehrfach bedroht. Die Wirtschaftskrise und wachsende Konkurrenz aus Asien bodigten in weiten Teilen die Schwerindustrie und Massenproduktion in der Elektro- und Metallindustrie.

Die MEM schaffte es aber nicht nur zu überleben, sondern blieb ein tragender Pfeiler der Schweizerischen Wirtschaft. Sie setzte mit Erfolg auf Spitzentechnologie und Qualitätsprodukte – beispielsweise mit Komponenten für die Automobilindustrie oder der Herstellung von Präzisionswerkzeugen.

Rund 10 Prozent der gesamten aktiven Bevölkerung sind in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie beschäftigt. Innerhalb des Industriesektors entfallen auf die MEM 59 Prozent aller Arbeitskräfte. Der starke Franken kommt nun in einem gerade für kleine und mittlere Unternehmen äusserst heiklen Moment.

Der starke Franken

Die Krise in der Euro-Zone verstärkte 2008 auf den internationalen Märkten die Nachfrage nach Schweizer Franken. In den vergangenen sieben Jahren legte der Franken gegenüber der europäischen Währung um 35 Prozent zu.

Im September 2011 intervenierte die Schweizerische Nationalbank (SNB), um diesen Trend zu stoppen. Sie legte einen Mindestkurs von 1,20 Franken gegenüber dem Euro fest.

Um diesen Euro-Mindestkurs garantieren zu können, musste die SNB ihre Währungsreserven massiv aufstocken. Bis Ende 2014 stiegen diese auf 500 Milliarden Franken an. Dieser Betrag entspricht fast dem Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP).

Auf Druck der Märkte hob die SNB am 15.Januar 2015 den Euro-Mindestkurs auf. Kurzzeitig fiel der Wert eines Euro unter einen Franken. Nachdem er sich zuerst bei der Parität zum Franken eingependelt hatte, hat der Euro in den letzten Tagen wieder zugelegt. Der Umrechnungskurs betrug zuletzt zirka 1,05 Franken pro 1 Euro.

"Die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie exportiert 80 Prozent ihrer Waren, davon 60 Prozent nach Europa. Der neue Umrechnungskurs hat daher praktisch Folgen für die ganze Branche. Dabei operieren wir in unseren Hauptmärkten bereits seit Jahren in einer schwachen Konjunktur. Das gilt insbesondere für den europäischen Markt", betont Ivo Zimmermann, Sprecher des Branchenverbandes Swissmem

Die Perspektiven der Branche sind zudem auch noch aus anderen Gründen düster. Die Umsetzung der im Februar 2014 angenommenen SVP-Masseneinwanderungsinitiative dürfte die Einstellung qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland erschweren. Zudem stellt diese Initiative eine Hypothek für die Zukunft der bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und Europäischen Union dar.

Streit zwischen Sozialpartnern

Der Branchenverband Swissmem, dem rund 1000 Unternehmen angehören, präsentierte aus diesem Grund Ende Januar eine Reihe von Forderungen und Massnahmen, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu schützen. Dazu gehörten Garantien für eine Fortführung der bilateralen Verträge, eine rasche Umsetzung der Unternehmenssteuerreform, die Beteiligung der Schweiz am Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU, über das im Moment verhandelt wird, sowie die Erarbeitung einer Energiestrategie 2050, welche nicht zu einer Verteuerung von Energie führt.

Der starke Franken hat derweil bereits zu Streit zwischen den Sozialpartnern geführt, nachdem Exponenten von Rechtsparteien und Wirtschaftsverbänden nach Massnahmen für mehr Liberalisierung und Deregulierung des Marktes gerufen haben. Dazu gehören auch mögliche Lohnkürzungen.

Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann geriet so unter Druck. Er hat bisher aber erst einer konkreten Massnahme zugestimmt, namentlich der Möglichkeit zur Wiedereinführung von Kurzarbeit. Unternehmen könnten so vorübergehende Engpässe überbrücken, ohne Arbeitskräfte entlassen zu müssen.

Bis anhin scheinen aber nur sehr wenige Unternehmungen solche Kurzarbeit ins Auge zu fassen. Gemäss einer Umfrage der Credit Suisse von Ende Januar wollen 70 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmungen dem starken Franken entgegentreten, indem sie mit ihren Lieferanten über Preisabschläge verhandeln. 16 Prozent wollen die Teuerung auf ihre Kunden überwälzen. 14 Prozent denken hingegen über eine Auslagerung der Produktion oder das Einfrieren von Investitionen und Anstellungen nach.

Unter dem Frankenschock 

"Wir stehen nicht unter einem Nachfrageschock, sondern unter einem Frankenschock. Der Abbau von Personal oder die Einführung von Kurzarbeit stellen für die Mehrheit der Firmen keine Lösung dar, zumindest solange Nachfrage besteht und niemand Aufträge verlieren will", betont Josef Maushart, CEO der Fraisa-Gruppe, die Zerspanungswerkzeuge zur Metallbearbeitung herstellt. "Wenn sich die Parität zwischen Euro und Franken in den nächsten Monaten behaupten sollte, werden wir wohl die Neuanstellungen in der Schweiz aussetzen und unser Personal im Ausland erhöhen, wo bereits die Hälfte unserer Belegschaft tätig ist", präzisiert Maushart.

Die im Kanton Solothurn angesiedelte Fraisa-Gruppe beschäftigt 520 Personen und hat einige Massnahmen in Bezug auf den starken Franken schon seit Jahren antizipiert. So wurden gewisse Produktionslinien ins Ausland verlagert, namentlich nach Deutschland, Italien, Ungarn und in die USA. In der Schweiz verblieben die Abteilungen Innovation und Automatisation. So hat sich die Gruppe schon auf eine weitere Aufwertung des Franken vorbereitet, die im Januar Tatsache geworden ist.

Doch laut Josef Maushart könnten alle diese Anstrengungen nicht ausreichen: "Noch mehr als die Währungsparität ist die unsichere Zukunft des Frankens als Währung belastend. Denn der Kurs hängt immer weniger von den Handelsbeziehungen der Schweiz mit anderen Ländern ab, sondern vielmehr von den Finanzflüssen. Wenn morgen wieder eine Krise in der Euro-Zone ausbricht, wollen alle wieder Franken kaufen. Da man nicht vorhersehen kann, wann die neue Krise kommt, wird es für die Unternehmungen unglaublich schwierig, ihre Produktion in der Schweiz zu planen und zu steuern."


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch

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