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Nach der Ibiza-Affäre Auslandschweizerin ruft Österreich zum Gebet für die Politiker auf

Helene Cuenod sieht es als "Einladung an Gott, auf die Politiker zu schauen".

(Florian Feuchtner )

Die Auslandschweizerin Helene Cuenod startete mit der Webseite "Pray for Austria" eine viel diskutierte Gebetsinitiative für österreichische Politiker und Politikerinnen. Über 500 Betende hat sie bereits hinter sich geschart. Doch es gibt an solchen Initiativen auch Kritik.

2002 zog Helene Cuenod (45) von Lausanne nach Wien – anfangs, um in einem kirchlichen Projekt mitzuarbeiten. Jetzt macht sie Schlagzeilen, weil sie zu Gebeten für die Regierung des Landes aufruft. 

Dass ausgerechnet eine Schweizerin das katholische Österreich mit einer Privatinitiative zum Gebet für die Politik vereinen und "frischen Wind ins Land bringen" will, ist erklärungsbedürftig.

"Das sind wohl meine Schweizer Gene, die etwas gleich systematisieren müssen", sagt die Unternehmensberaterin, Schwerpunkt Mitarbeitenden-Entwicklung. swissinfo.ch hat sie zu einer Wiener Melange im dortigen Stadtpark getroffen.

Auslöser: Die Ibiza-Affäre

Der entscheidende Anlass für die private Gebetsinitiative externer Linkwar für die Katholikin die "Unruhe in Österreich" nach der "Ibiza-Affäre", die im Mai zuerst den Vizekanzler und danach die gesamte österreichische Regierung zu Fall brachte.

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Der österreichische Bundespräsident Van der Bellen verteidigte in einer Rede am Höhepunkt der Regierungskrise nach dem inkriminierenden "Ibiza-Video" seine Landsleute öffentlich mit den Worten: "So sind wir nicht, so ist Österreich einfach nicht". Das sieht auch Helene Cuenod so.

Gott soll auf die Politiker schauen

Für sie ist Gebet effektiv, sie betrachtet es als "Einladung an Gott, auf die Politiker zu schauen".
Darum hat sie im "Wissen um die grosse Verantwortung der Politiker und dem Glauben an die Kraft des Gebets" gleich Nägel mit Köpfen gemacht. Es gehöre für sie zu den Pflichten eines Christen für die politischen Verantwortungsträger und ihr Wirken für eine gerechtere Gesellschaft zu beten, sagt sie.

Sie engagiert sich ehrenamtlich und investierte ihr eigenes Geld in die Erstellung ihrer Webseite und in die Online-Betreuung. Spendenaufrufe oder Bankdaten findet man bei "Pray for Austria" nicht.

6000 Besucher täglich

Für die Österreicher ist es offensichtlich kein Problem, dass die Initiative von einer Auslandschweizerin ins Leben gerufen wurde. Der Erfolg hat Helene Cuenod selbst überrascht. Bis zu 6000 Besucher kommen täglich und über 500 Betende haben sich bereits namentlich registriert und damit zum regelmässigen Gebet verpflichtet.

Aus 247 Politikern von allen Parteien – vom Bundespräsidenten und Parteichefs, Nationalratsabgeordneten und dem Bundesrat bis zu den Landeshauptleuten - kann man selbst wählen. Oder ein Zufallsgenerator nimmt den Unschlüssigen die Entscheidung ab. Dann muss nur noch die Häufigkeit (täglich, wöchentlich, monatlich) bestimmt und angeklickt werden. Und schon wird man über die möglichen Gebetsformen informiert.

Die Online-Gebetsplattform ist überkonfessionell und hat von der römisch-katholischen Bischofskonferenz bis zur Evangelischen Allianz breite Unterstützung gefunden.
Als wichtiges Gebetsanliegen wird angeführt, dass "in der politischen Diskussion das Gemeinwohl und die Menschen im Zentrum stehen" und eine "Kultur des wertschätzenden Dialogs und der aufrichtigen Zusammenarbeit unter den Politikern aller Parteien" entsteht.

Ein sauberer Wahlkampf ist auch eines der persönlichen Anliegen von Frau Cuenod. Das mag für viele "weltfremd" und nach "frommem Wunschdenken" klingen. Doch sie ist eben von der Kraft des Gebetes überzeugt, das "positive Energie vom liebenden Gott sendet".

Gebete für Kurz sorgten für Befremden

Ausgerechnet ein Gebet hat jedoch nach Start der Webseite zu massiven Angriffen gegen Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz geführt. Als im Juni in der Wiener Stadthalle beim christlichen Grossevent "Awakening Austria" tausende öffentlich für ihn beteten, entrüstete sich nicht nur die Opposition über eine "unzulässige Vermischung von Politik und Religion". Der ehemalige Regierungspartner FPÖ nannte es "nicht nur peinlich, sondern sehr bedenklich und befremdlich” und eine "Grenzüberschreitung”.

Doch es gab auch viele Stimmen aus dem kirchlichen Umfeld, die dem Ex-Kanzler dafür Lob aussprachen und die Kritik für völlig überzogen fanden.

Spott von Kirchenkritikern

"Pray for Austria" plant zwei Tage vor den Wahlen im September ebenfalls eine ökumenische Veranstaltung, wo Betende sowie Politikerinnen und Politiker im Stephansdom öffentlich aufeinander treffen. Kirchenkritiker hatten die Online-Gebetsplattform schon kurz nach Start mit spöttischen und politischen Botschaften auf der Namensliste attackiert. Proteste im Umfeld einer solchen Veranstaltung wären keine grosse Überraschung.

Ursprünglich war die Initiative "Pray for Austria" nur für die wenigen Monate bis zu den Wahlen geplant. Mittlerweile denkt Helene Cuenod über eine Weiterführung auf unbestimmte Zeit nach. Sie kann sich auch vorstellen, diese Initiative international auszubauen. Dass sie fliessend deutsch, englisch, französisch und spanisch spricht, ist dafür kein Nachteil.

Auf die Frage, ob sie als gebürtige Schweizerin auch in ihrer Heimat solch eine Gebetsplattform aufbauen würde, antwortet sie diplomatisch: "Man muss ja nicht auf eine Krise warten, um für die Regierung eines Landes zu beten. Aber man muss auf den richtigen Zeitpunkt warten". Prayforswitzerland.ch hat sie jedenfalls noch nicht reserviert.

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