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Nachhaltige Kakaoproduktion


Der bittere Nachgeschmack der Schokolade


Von Paula Dupraz-Dobias, Genf


Immer mehr Konsumenten wollen wissen, woher die Schokolade kommt. (swissinfo.ch)

Immer mehr Konsumenten wollen wissen, woher die Schokolade kommt.

(swissinfo.ch)

Einige der grössten Schokolade-Produzenten der Welt haben ihren Sitz in der Schweiz. Im Zuge einer Entwicklung zu mehr Verantwortlichkeit versuchen die Unternehmen, einschliesslich der Detailhändler, ihre Nachhaltigkeitspläne zu vermarkten. Dabei benutzen sie gelegentlich zu optimistische Ausdrücke.

Philippe Pascoët hat einen kleinen Laden in Carouge in der Nähe von Genf. Der Schokoladefabrikant ist bekannt für seine exklusiven Kreationen. Seine Kundschaft werde immer neugieriger zu wissen, woher seine Schokolade komme, sagt er.

Pascoët arbeitet meistens mit hochwertigen Nischensorten, die er von Schweizer Schokoladeproduzenten kauft. "Wenn man von biologischer Schokolade spricht, dann könnte man dieser Schokolade eine Ursprungsbezeichnung [wie bei Weinen, N.d.R.] geben, sagt er und zeigt auf eine wilde bolivianische Sorte aus Bio-Bohnen, die von Hand im Dschungel gepflückt wurden. "Aber für die Schokolade-Produzenten wäre sie zu teuer."

Obwohl die Herkunft und die Sozialverträglichkeit der Produktion auf der Verpackung der Produkte, die Pascoët erhält, nicht deklariert sind, vertraut er auf die Rückverfolgbarkeit von Anfang bis zum Ende.

Einer seiner Lieferanten hatte ihn im letzten Jahr zum ersten Mal eingeladen, Plantagen in Lateinamerika zu besichtigen, um die Produktebeschaffung zu verstehen.

"PR-Effekt"

Gemäss dem Kakao-Barometer, das von Nichtregierungsorganisationen publiziert wird, zu dem auch die Erklärung von Bern gehört, hat die Produktion von zertifizierter Schokolade zwischen 2009 und 2013 deutlich zugenommen, nämlich von 2% auf 16% der gesamten Produktion.

In der Branche, die einen Umsatz von 98,3 Mrd. Dollar erzielt, gibt es heute eine Reihe Kakao-Zertifikate, wie Fair Trade, UTZ und Bio, sowie Selbst-Zertifizierungen vieler Produzenten.

Palmöl

Weil die Preise für Kakaobutter gestiegen sind, setzen Schokoladeproduzenten und Süsswarenhersteller laut dem International Euromonitor immer häufiger Palmöl ein. Dieses billigere Substitut, das in der Industrie auch als Äquivalent des Kakaobutters bezeichnet wird, wird vor allem in Schokoladefüllungen verwendet. In Europa ist die Verwendung reglementiert.

Vor einigen Jahren hat die Umweltorganisation Greenpeace in einer Kampagne den Nahrungsmittel-Multi Nestlé, u.a. Hersteller des Schokoriegels Kit Kat, beschuldigt, für die Palmölproduktion Wälder illegal gerodet und den Lebensraum von bedrohten Pflanzen und Tieren zerstört zu haben.

2004 hat die Nichtregierungsorganisation "Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl" (RSPO), die sich aus Produzenten- und Konsumentenvertretern zusammensetzt, ein Zertifizierungssystem eingeführt. Zertifiziertes Palmöl muss aus Agrarzonen stammen, die schon vorher landwirtschaftlich genutzt wurden. Aber das Problem ist damit nicht gänzlich vom Tisch.

Abgesehen davon, dass Nachhaltigkeitsprogramme die Bedingungen für arme Bauern verbessern und damit die Kakao-Lieferungen gewährleisten, verhelfen sie den Schokolade-Produzenten, angesichts der Bekanntheit von negativen Themen wie Kinderarbeit in der Kakaoproduktion oder wie der Verwendung von Palmöl bei der Schokoladeherstellung, zu einem PR-Effekt, sagt Andreas Von Arx, Analyst bei der Brokerfirma Hervea.  

Kinderarbeit in der Kakaoproduktion

Laut einer Studie der amerikanischen Universität Tulane hat Kinderarbeit in Westafrika, wo rund 70% des Kakaos herkommt, nicht ab-, sondern zugenommen. 2013/2014 hätten in den beiden grössten Produzentenländern Ghana und Elfenbeinküste 2,2 Mio. Kinder in der Kakao-Produktion gearbeitet, heisst es in der Studie.

Obwohl die Anzahl Kinder, die in den Anbaugebieten arbeiteten aber zur Schule gingen, zugenommen habe, übten 96% von ihnen – also 13% mehr als 2008/2009 – weiterhin gefährliche Arbeiten aus, indem sie Buschmesser für die Ernte benützten, schwere Lasten tragen müssten oder toxischen Düngemitteln ausgesetzt seien.

Letzten Monat hat der in Zürich domizilierte, weltweit grösste Schokolade-Produzent Barry Callebaut angekündigt, dass Antoine de Saint-Affrique, eine Führungskraft des Konsumgüter-Konzerns Unilever, ab Oktober dieses Jahres sein neuer CEO sein werde. Das hat Spekulationen ausgelöst, dass sich das Unternehmen stärker auf Nachhaltigkeit fokussieren könnte. Unilever hat sich in den letzten Jahren als führendes Unternehmen in Bezug auf umweltfreundliche Produktion zu positionieren versucht.

Ausserdem wird erwartet, dass nächstes Jahr ein internationaler Standard für nachhaltig produzierten Kakao abgeschlossen sein wird, zwischen dem Europäischen Komitee für Normung und der Internationalen Organisation für Normung.

Selbst-Zertifizierung

Laut Von Arx können die Angaben auf Kakao-Zertifikaten ein wenig unübersichtlich sein, zumal jede Unternehmung ihr eigenes Programm einführt, um den publizistischen Effekt zu optimieren.

Lindt & Sprüngli, zum Beispiel, die im letzten Jahr den US-Süsswarenhersteller Russell Stover übernommen haben, erklärten gegenüber swissinfo.ch, dass das Unternehmen eigene Programme habe, um die Kakaobauern zu unterstützen.

"Wir wollen bis 2020 unser gesamtes Kakaoangebot mit unserem 'Lindt & Sprüngli Farming Program' abdecken, einschliesslich einer unabhängigen Überprüfung der Lieferkette", teilte das Unternehmen mit. "Mit der Einführung einer unabhängigen Überprüfung durch Dritte setzen wir unsere Bemühungen fort, mit konkreten und messbaren Aktivitäten auf der gesamten Versorgungskette das Problem der Kinderarbeit anzugehen."

"Barry Callebaut arbeitet direkt mit den Bauern zusammen, um ein vollständiges Bild von der Herstellung und Lagerung zu haben und die Rückverfolgbarkeit sicherzustellen", sagt Kommunikationschef Jens Rupp. Der Konzern bietet eine Reihe zertifizierter Produkte an, wie Rainforest Alliance, Fairtrade, UTZ zertifiziert und Bio-Kakao, sowie eigene Qualitäts-Programme. Auf ihrer Website schreibt Barry Callebaut, dass das Unternehmen mit Kooperativen in der Elfenbeinküste und Kamerun zusammenarbeite und Feldkurse durchführe, wo die Bauern ausgebildet würden.

Der Schweizer Nahrungsmittel-Konzern Nestlé erklärt, dass das Unternehmen über den "Nestlé Kakao Plan" einkaufe. Im Rahmen dieses Programms würden die Bauern ausgebildet, Schulen gebaut und das Überwachungssystem für Kinderarbeit erweitert.

Die internationalen Süsswaren-Produzenten Hershey, Ferrero und Mars haben sich – im Rahmen von Cocoa Action, einer von der Branche lancierten Initiative – zu einer 100-prozentigen Kakao-Zertifizierung bis 2020 verpflichtet. Aber deren wichtigste Produzenten und Anbieter weisen deutlich niedrigere Zahlen aus.

Der in Zürich domizilierte Schokolade-Riese Barry Callebaut, der Hershey beliefert, erklärt auf seiner Website, dass 13% seines Kakaos aus zertifizierter Herkunft stammten. Auch Ferrero, Nestlé und Mars haben Beschaffungsverträge mit Barry Callebaut.

Lindt & Sprüngli erklärt, der Kakao werde direkt bezogen. Es sei ein Hauptaspekt des Geschäftsmodells, die volle Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette zu haben.

Nestlé hat sich nicht zu einer 100%-nachhaltigen Beschaffung bis 2020 verpflichten lassen. Auf die Frage, wie gross der Anteil der Lieferungen aus nachhaltiger Produktion sei, den das Unternehmen anstrebe, erklärt Nestlé, dass 2015 rund 25% des gesamten Ankaufs über Nestlé Cocoa Plan abgewickelt würden, und, heisst es weiter: "Rund 88% unseres Kakaos war 2014 durch UTZ und gemäss den Normen von Fairtrade zertifiziert."

Das Kakao Barometer warnt, dass eine doppelte Zertifizierung die Zahlen manchmal in Schieflage bringen könne. Während die drei wichtigsten Institute Fairtrade, UTZ Certified und Rainforest Alliance insgesamt 1,4 Mio. Tonnen Kakao, also 30% des globalen Markts, zertifizierten, sei nicht bekannt, wie viel des Kakaos aus Bauern-Kooperativen, den sie kontrollierten, doppelt oder sogar dreifach zertifiziert sei. "Das bedeutet, dass die gleiche Tonne durch mehrere Stellen zertifiziert sein könnte."

Produzenten haben nicht viel zu sagen

Ist das Ziel einer 100-prozentigen Zertifizierung, das von den Süsswarenherstellern angestrebt wird, realistisch, solange einige der grössten Produzenten weit davon entfernt sind? "Die Frage ist nicht, was jetzt geschieht, sondern wie die Situation 2020 oder 2025 sein wird", sagt Analyst Von Arx.

Bemühungen, das Bewusstsein der Konsumenten zu erhöhen ­ wie es vom Kakao-Barometer gemacht wird –, könnten einige Süsswarenhersteller motivieren, die für Nachhaltigkeit noch wenig sensibilisiert sind. Aber die Herausforderungen überwiegen immer noch.

"Es ist wichtig, dass wir den Kunden auf transparente Weise zeigen, was wir tun", sagt der Sprecher von Barry Callebaut. Nicht alle, aber einige Kunden verlangten eine Rückverfolgbarkeit. Und was die Bauern betrifft, haben nicht alle Zugang zum Zertifizierungsprozess.

Laut Sako Warren, Generalsekretär der Internationalen Kakao-Produzentenorganisation, stammen 80 bis 90% der Produktion von kleinen, unabhängigen Bauern in weit entfernten Regionen. Aber "die Käufer und Händler können nur eine Minderheit der Bauern erreichen", die in zertifizierten Kooperativen arbeiten, in denen Nachhaltigkeitsproramme eingeführt seien, sagt er.

Obwohl er die Zertifizierung für notwendig halte, verursache die gängige Methode viele Probleme und Frustrationen für die Bauern. "Es sollte eine bessere Methode geben, um die Programme einzuführen." Kleine Betriebe, auf denen die Sicherstellung der Produktion für eine wachsende globale Nachfrage beruhe, sollten von den verschiedenen Interessenvertretern befragt werden.

Bisher wurde seine Organisation, die alle Kakao-Produzenten – einschliesslich der kleineren Anbauer  vertritt, nicht in die Diskussionen einbezogen, wie man die Lebensbedingungen der Menschen verbessern könnte, die an der Quelle der Angebotskette arbeiten. In Westafrika, wo sich fast 70% der Kakaoproduzenten befinden, sind Armut und Kinderarbeit weit verbreitet.

"Wir sind der Meinung, dass sich die grossen Schokoladeproduzenten und die Regierungen der Produzenten und Konsumentenländer mit den Bauernorganisationen zusammensetzen sollten, um die Probleme gemeinsam zu lösen. 80 bis 90% der Kakaobauern, die für die Produktion von 90% verantwortlich sind, sind von der Debatte ausgeschlossen."


(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler)

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