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Neo-Nationalrätin der CVP Luzern


Andrea Gmür: eingemittet zwischen sozial und liberal


Von Gaby Ochsenbein, Luzern


Andrea Gmür ist mit Politik gross geworden. Ihr Vater sass in der kleinen Parlamentskammer, sie ist neu im Nationalrat, der grossen Kammer. (swissinfo.ch)

Andrea Gmür ist mit Politik gross geworden. Ihr Vater sass in der kleinen Parlamentskammer, sie ist neu im Nationalrat, der grossen Kammer.

(swissinfo.ch)

Die Politik wurde Andrea Gmür quasi in die Wiege gelegt. Ihr erstes politisches Amt übernahm die 51-jährige Neo-Nationalrätin der CVP Luzern aber erst vor neun Jahren. Auf nationaler Ebene will sich die ehemalige Gymnasiallehrerin und vierfache Mutter für ein umfassendes Bildungssystem, eine nachhaltige Steuerpolitik und einen gesunden Sozialstaat einsetzen. 

"Die erste Session im Parlament war anstrengend, gleichzeitig aber spannend und intensiv, man lernt viele interessante Leute kennen. Ich empfinde es als ein Privileg und als grosse Verantwortung, die nationale Politik als Volksvertreterin mitzugestalten", sagt Andrea Gmür.

Andrea Gmür

Geboren am 17. Juli 1964 im Toggenburg, Kanton St. Gallen. In Freiburg studierte sie Anglistik und Romanistik und war mehrere Jahre als Gymnasiallehrerin tätig.

Seit 2007 amtet sie als Geschäftsführerin der Stiftung Josi J. Meier in Luzern. 2007 wurde sie für die CVP ins Luzerner Kantonsparlament gewählt. Seit 2014 ist sie Präsidentin der CVP Stadt Luzern. Seit 2014 ist sie auch Mitglied der Arbeitsgruppe Familienpolitik auf nationaler Ebene.

2015 wurde sie in den Nationalrat gewählt. Sie ist dort Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK).

Andrea Gmür ist verheiratet und hat vier Kinder. Sie lebt mit ihrer Familie in der Stadt Luzern.

Die Tochter von Jakob Schönenberger, CVP-Ständerat von 1979-91 aus dem Kanton St. Gallen, hat schon als klein einiges über Politik mitbekommen. "Mein Vater, der auch Gemeindeammann in Kirchberg SG war, hat mich sicher geprägt. Diskutiert haben wir zu Hause aber nicht unbedingt viel über Politik, da er häufig weg war und am Wochenende seine Dossiers für Bern vorbereiten musste. Zudem war er als Anwalt tätig." Auch empfand Gmür Politik damals nicht nur als positiv. "Ich erlebte auch all die negativen Reaktionen und Ungerechtigkeiten gegenüber meinem Vater. So war es mir oft am liebsten, wenn ich rund um die politischen Fragen in Ruhe gelassen wurde."

Christliche Werte als Wegweiser

Sensibel gegenüber Ungerechtigkeiten sei sie schon immer gewesen, erklärt sie im Gespräch mit swissinfo.ch. So etwa, als sie als Gymnasiastin während eines Ferienjobs in einem Migros-Betrieb realisierte, dass sie 1.10 Franken weniger verdiente als eine männliche Aushilfe, "der die gleiche Arbeit verrichtete wie ich. Ich wehrte mich – mit Erfolg. Diese Erfahrung hat mich geprägt."

Gleichberechtigung, gleiche Rechte für alle, Nächstenliebe und Solidarität: das sind abendländische, christliche Werte, die Andrea Gmür wichtig sind. So war für sie denn auch klar, dass sie in der Christlichdemokratischen Volkspartei politisieren würde. "Gefühlsmässig war mir die CVP am nächsten, auch wenn ich ein gewisses Alter erreichen musste, um das zu merken." Der Einstieg in die Politik erfolgte 2007, als sie auf Anhieb ins Luzerner Kantonsparlament gewählt wurde. "Dort hat es mir dann den Ärmel reingenommen."

Gmür ist eine CVP-Politikerin, die das C im Parteinamen ernst nimmt: Sie geht regelmässig in die Kirche ("wenn auch nicht jeden Sonntag") und diskutiert gerne über Kirche, Gott und die Welt, zum Beispiel mit ihrem Schwager Felix Gmür, dem Bischof von Basel. Zudem setzt sie sich als Geschäftsführerin der Stiftung Josi J. Meier für die berufliche und soziale Integration von Menschen in Not ein. "Wem es nicht gut geht, dem soll geholfen werden. Wenn aber jemand nur vom System profitieren will, dann sage ich stopp."

Neu im Parlament

Die Tochter von Christoph Blocher, ein kommunistischer Gemeindepräsident, der Chef der Weltwoche, eine junge Grüne: swissinfo.ch publiziert eine Auswahl von Porträts neuer Abgeordneter, die bei den Wahlen vom 18. Oktober 2015 ins Parlament gewählt wurden.

Entdecken Sie diese neuen Gesichter unter der Bundeshauskuppel, seien es Vertreterinnen oder Vertreter von Regierungsparteien oder kleiner Gruppierungen.

Mit Kritik leben

Auf Kantonsebene wurde ihr von linker Seite auch schon vorgeworfen, sie sei eher liberal als sozial und keine würdige Nachfolgerin der 2006 verstorbenen Josi Meier, legendäre CVP-Politikerin, Anwältin, Frauenrechtlerin und eine der ersten Frauen im Parlament der 1970er-Jahre. "Ich bin schon für vieles kritisiert worden", sagt sie, die sich nicht scheut, auch bei der Bildung, "einem Rohstoff, zu dem wir Sorge tragen müssen", genau hinzuschauen und "wenn zumutbar" den Sparstift anzusetzen - was nicht von allen goutiert wird.

Zwar hat die politische Späteinsteigerin grossen Respekt für die "grande Dame" Josi Meier, deren bescheidene Lebensweise, ihren Einsatz für Bedürftige und für die Rechte der Frauen. "Mein politisches Vorbild ist aber mein Vater, der mir nur schon familiär bedingt viel näher stand und steht. Ihn und seine Politik habe ich hautnah miterlebt. Ich empfand ihn immer als gradlinig. Er stand zu seiner Meinung, auch wenn er ins Gewitter kam."

Grenzen setzen

Auch beim Thema Asyl und Migration argumentiert Gmür als typische Mitte-Politikerin: "Verfolgten muss man helfen. Es geht aber nicht, dass wir alle, die kommen, bei uns behalten." Schliesslich müssten die Leute auch ins System, den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft integriert werden. "Wir müssen Grenzen setzen, bevor wir an unsere Grenzen kommen." Wichtig sei in dem Zusammenhang gegenüber der Bevölkerung klar zu kommunizieren, wer, warum und wie lange bei uns bleiben könne - damit kein Ausländerhass entstehe - ob medial oder von gewissen Parteien geschürt, betont sie.

Mit "gewissen Parteien" meint sie die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP), deren Durchsetzungsinitiative um die Ausschaffung krimineller Ausländer, die Ende Februar zu Abstimmung kommt, sie klar ablehnt. "Niemand will straffällige Leute hier, auch ich nicht. Gegen die Initiative zu argumentieren und der Bevölkerung zu erklären, dass diese Initiative den Rechtsstaat und das Prinzip der Verhältnismässigkeit verletzt, ist jedoch schwierig."

"Wir müssen über die Bücher"

Sorgen bereitet der Mittepolitikerin und CVP-Präsidentin der Stadt Luzern derzeit die Zukunft ihrer Partei, die bei den nationalen Wahlen "im Laufe der Aufsplitterung der Mitte" im Kanton über 3% an die SVP und SP verloren hat und im traditionell katholischen Luzern nicht mehr stärkste Partei ist. "Wir müssen einheitlicher auftreten, unser Profil schärfen. Die Erwartungen an den neuen Parteipräsidenten sind dementsprechend hoch."

Ihr eigenes Profil umreisst Gmür mit dem Einsatz "für eine soziale Marktwirtschaft, ein umfassendes Bildungssystem und eine intakte Umwelt". Wenn immer möglich fährt sie mit dem Velo, geht zu Fuss oder benutzt den ÖV. "Ich bin aber nicht sektiererisch unterwegs und nehme auch das Auto", betont die sportliche St. Gallerin, die gerne Tennis spielt, Ski fährt oder Joggen geht, "was leider aus Zeitmangel im Moment alles etwas zu kurz kommt".

Nicht zu kurz kommen solle wegen ihrem neuen politischen Amt die Familie. Optimal sei der Haushalt noch nicht organisiert, sie suche nach mehr Mithilfe von aussen, sagt die Mutter von einer Tochter und drei Söhnen im Alter zwischen 15 und 22. Aber auch die Jungen müssten Hand bieten. "Dass die Buben die Waschmaschine bedienen und kochen können, gehört zur Grundausbildung – auch wenn sie ab und zu deswegen Machosprüche liegen lassen."

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