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Neuer Gletschersee weckt Begehrlichkeiten

Das ewige Eis schmilzt - vielleicht werden hier schon bald Touristenboote verkehren.

In der Schweiz schmelzen die Gletscher wie Butter an der Sonne. Auch der Rhonegletscher schwitzt, löst sich zunehmend in Wasser auf.

Am Fuss des Gletschers bildet sich ein See, der laut Experten rasant wachsen wird. Im Wallis ist bereits jetzt von Bootstourismus und Energienutzung die Rede.

"Dieser See ist im Alpenraum einmalig", sagt der Walliser Tourismus-Direktor Urs Zenhäusern gegenüber swissinfo. Die arktische Szenerie, die am Rhonegletscher entstehe, sei ein spezielles Naturschauspiel.

Der Tourismus-Direktor sieht im entstehenden Gletschersee, der direkt an der Furkapassstrasse liegt, ein Potential für den Tourismus.

Er möchte den durchreisenden Automobilisten noch mehr bieten. Einen Bootsbetrieb zum Beispiel. Ein Gletscherbesuch mit dem Schiff also, wie es in Alaska oder Kanada gemacht wird.

Gletscherschwund als Touristenattraktion

Klimawandel und Gletscherschwund als Touristenattraktion? Er freue sich nicht, dass die Gletscher abschmelzten. Doch man müsse versuchen, das beste aus der Situation zu machen.

Auch ein Vulkan sei nicht nur ein positives Naturphänomen, trotzdem bringe er die Menschen zum Staunen. Wie die schmelzenden Gletscher. Diese seien heute noch eine grössere Attraktion als früher. Denn: "Wir könnten die letzten Zeitzeugen sein."

Tückischer See

Dabei dürfe man natürlich mögliche Gefahrenszenarien nicht vergessen, so Zenhäusern. Denn: Gletscherseen sind tückisch: So könnten Geröll und Geschiebe den Abfluss des Sees verstopfen oder Gletscherabbrüche zu Flutwellen führen. Die Fachleute der ETH Zürich beobachten im Rahmen eines Sicherheitskonzepts die Entwicklung am Rhonegletscher.

Das ewige Eis des Rhonegletschers ist massiv zurückgegangen. Der schwitzende Gletscher, der einst bis ins Tal hinunterreichte, hat sich hinter die Geländekante am Furkapass zurückgezogen.

Der See, der sich dahinter bildet, ist momentan noch klein, gleicht eher einem Tümpel. Doch mit der Gletscherschmelze könnte er gemäss Geologen bereits in 10 bis 20 Jahren bis zu 1,6 Kilometer lang, 600 Meter breit und 124 Meter tief sein.

Fachleute der ETH Zürich versuchen nun mit Bohrungen das zukünftige Seevolumen zu bestimmen: Das natürliche Gletscherbecken soll voraussichtlich einmal ganze 22 Millionen Kubikmeter Wasser fassen.

Wasserkraftnutzung nicht ausgeschlossen

Nicht einzig touristische Überlegungen seien angesichts des Naturphänomens anzustellen, die neue Ausgangslage könnte auch eine Nutzung der Wasserkraft unter neue Vorzeichen stellen, schreibt der Walliser Bote.

"Diese Möglichkeit wird diskutiert", sagt Moritz Steiner, Leiter der kantonalen Dienststelle für Energie und Wasserkraft. Konkrete Anfragen von Wasserkraftwerkbetreibern würden aber keine vorliegen. In der Region Obergoms würde jedoch zurzeit eine Gesamtstudie zur Wasserkraftnutzung durchgeführt, in der auch der Rhonegletscher figuriert. Mehr könne er zur Zeit nicht sagen.

Wasserschloss Europas trocknet aus

Rund 60 Prozent des schweizerischen Strombedarfs wird durch Wasserkraft gedeckt. Doch die Kraftwerkbetreiber müssen in Zukunft mit weniger Wasser rechnen. Der Bericht "Klimaänderung und die Schweiz 2050" beleuchtet unter anderem eine Folge des Klimawandels, die der Schweiz bisher kaum bekannt ist: Wasserknappheit. Denn mit dem zunehmenden Verschwinden des ewigen Eises fallen die Wasserspeicher der Alpen weg – das Wasserschloss Europas trocknet aus.

Standorte für den Bau von Wasserkraftwerken sind auch angesichts des Stromengpasses gefragt, wie er insbesondere vom Bundesamt für Energie (BFE) angekündigt wird. Würden sich die Pläne für die Wasserkraftnutzung am Rhonegletscher allerdings konkretisieren, hätte dies Auswirkungen auf ein äusserst sensibles Naturgebiet: Auf dem Gletschervorfeld befindet sich ein Auengebiet von nationaler Bedeutung.

Letzten Tropfen umleiten

"Es ist bedenklich, dass immer neue Projekte für Wasserkraftwerke entstehen, anstatt dass man die alten Anlagen saniert", sagt Christopher Meyer vom Schweizerischen Naturschutzverband Pro Natura gegenüber swissinfo. "Noch der letzte Tropfen Wasser soll in die Turbine umgeleitet werden."

Auch Eva-Maria Kläy von der Oberwalliser Sektion von Pro Natura hat Bedenken. "Fällt das Verbandsbeschwerderecht, dann können wir gegen solche Vorhaben nicht mehr eingreifen." Und wenn die Wirtschaft das Land regiere, bedeute dies für die Landschaft den Untergang.

Tourismus-Direktor Zenhäusern sieht in den "informellen Überlegungen" zum Bau eines Kraftwerks, die auch ihm zu Ohren gekommen sind, indes kein Problem: "Tourismus und Wasserkraft schliessen sich nicht aus", sagt er.

swissinfo, Corinne Buchser

Rhonegletscher

Der Rhonegletscher im Kanton Wallis ist der fünftlängste Gletscher der Schweiz. Der Rhonegletscher, der seit rund 150 Jahren schrumpft, ging allein von 1980 bis 2006 um rund 200 Meter zurück.

Das Gletschervorfeld, der Talboden von Gletsch, ist ein Auengebiet von nationaler Bedeutung.

Hier entspringt die Rhone, die bei Marseille ins Mittelmeer fliesst.

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Gletscher und Klimawandel

Der drastische Gletscherschwund ist ein eindrücklicher Beleg für die Klimaerwärmung.

In der Schweiz gibt es zirka 1800 Gletscher. Der Rückzug der Gletscher beträgt im Mittel 3% pro Jahr. Es wird geschätzt, dass als Folge des Hitzesommers 2003 sogar 8% der alpinen Gletschermasse geschmolzen sind.

Gemäss Experten wird ein Anstieg der mittleren Temperaturen um 3 Grad bis ins Jahr 2100 die Gletschermasse um total 80% zurückgehen lassen. Sollte die Temperatur um 5 Grad steigen, würden die Alpen sogar ganz ohne Gletscher bleiben.

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