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Olympia Kandidatur


Finanzielles Märchen oder Albtraum?


Von Matt Allen


Die Organisation der Winterspiele von St. Moritz von 1948 schloss mit einem Defizit von 174 Franken ab. (RDB)

Die Organisation der Winterspiele von St. Moritz von 1948 schloss mit einem Defizit von 174 Franken ab.

(RDB)

Frühe Schätzungen möglicher Kosten und Erträge für die Durchführung der Olympischen Winterspiele im Kanton Graubünden werden derzeit hinterfragt. Zweifel an der Richtigkeit der Zahlen kommen von verschiedenen Seiten.

Im Vorfeld der kantonalen Volksabstimmung vom 3. März 2013 sind die Meinungen darüber geteilt, ob der Kanton Graubünden für die Ausgabe der Olympischen Winterspiele 2022 kandidieren soll. Optimisten glauben, dass die Spiele wichtige ökonomische Impulse auslösen könnten, während Pessimisten auf der Frage herumreiten, wer den Schaden übernimmt, sollte die Rechnung nicht aufgehen.

Die Geschichte zeigt, dass die Kosten dazu neigen, aus dem Ruder zu laufen, weil der Erfolg solcher Veranstaltungen von einer Reihe unvorhersehbarer Faktoren abhängt, wie zum Beispiel vom Wetter.

Zahlenakrobaten haben versucht, die Schätzungen zu erläutern. Aber die Berechnungen sind in diesem frühen Stadium ausserordentlich komplex und beinhalten einen beachtlichen Anteil Vermutungen.

1,3 Milliarden Steuergelder

Gemäss offiziellen Schätzungen belaufen sich die Kosten für die Kandidatur (60 Mio. Franken), Transport und Infrastruktur für die Spiele (1,5 Mrd.), Sicherheit (250 Mio.) und Durchführung der Spiele (2,46 Mrd.) auf insgesamt rund 4,3 Mrd. Franken.

1,3 Mrd. würden von den Steuerzahlern bezahlt. Für den Rest kämen das Internationale Olympische Komitee (IOC), private Investoren, Billett-Verkäufe, Sponsoring und der Erlös aus dem künftigen Verkauf der temporären Infrastrukturen auf.

Die maximale Wertschöpfung für die Schweizer Wirtschaft (hauptsächlich in Form von Arbeitsplätzen, Einkommen und Steuern) zwischen dem möglichen Zuschlag im Jahr 2015 und der Durchführung von 2022 wurde in einem Bericht des Kandidatur-Komitees für Olympische Winterspiele in Graubünden auf 4 Mrd. Franken geschätzt.

Die Fussball-Europameisterschaft 2008, die in der Schweiz und Österreich ausgetragen wurde, generierte gemäss einer Untersuchung der Hochschule Luzern für die Schweizer Wirtschaft eine Wertschöpfung von 1 Mrd. Franken.

Bei den Olympischen Winterspielen, für die kostspieligere Infrastrukturbauten nötig sind, dürfte die Wertschöpfung ein höheres Ausmass erreichen als die Euro 2008.

Amortisation

Wenn alles gut geht, würde jeder investierte Steuerfranken in die Olympischen Spiele der Schweizer Wirtschaft 3,3 Franken generieren. Das käme einem steuerlichen Impulspaket vor allem zugunsten des Kantons Graubünden gleich, der in den letzten Jahren unter einem erheblichen Tourismuseinbruch zu leiden hatte.

Positive Auswirkungen auf das Schweizer Image insbesondere bei Touristen, technologische Fortschritte und Innovationen, eine verbesserte Infrastruktur wären ein nicht quantifizierbarer ökonomischer Bonus für die Zukunft. Mit diesen Argumenten stellte sich im Januar am WEF in Davos auch Sportminister Ueli Maurer hinter die Befürworter einer Olympia-Kandidatur.

"Grosse Veranstaltungen erzeugen kurzfristig in der Regel weniger Geld, als die Unternehmungen erwarten", sagte er. "Aber langfristig zahlen sie sich immer aus, wenn man sie sorgfältig plant und nicht zu viel Geld investiert."

Soweit so gut – aber die offiziellen Kostenveranschlagungen haben bei einigen Einwohnern Zweifel geweckt. Verbitterte Gegner einer Schweizer Olympia-Kandidatur erinnern an die Olympischen Sommerspiele von 1976 in Montreal, deren Schuldenberg erst nach 30 Jahren abgetragen war, oder an die Athener Ausgabe von 2004, die der griechischen Wirtschaft zusätzlichen Schaden zufügte.

Ein Vergleich mit dem Schreckgespenst aus Russland, wo die Kosten für die Vorbereitungen auf die Winterspiele 2014 die ursprünglichen Schätzungen um das Fünffache übersteigen, würde der Sache nicht gerecht, weil der Austragungsort Sotschi aus dem Boden gestampft werden musste.

Aber eine Studie der Universität von Oxford vom letzten Jahr hat ergeben, dass bei allen Olympischen Spielen seit 1960 das Budget für die Kandidatur im Durchschnitt um 179 Prozent überschritten wurde.

Die Budgets für die Kandidatur sind allerdings seit 2000 im Vergleich zu den tatsächlichen Kosten ausgeglichener geworden, und die Budgetüberschreitungen der Winterspiele sind nur halb so gross wie jene der Sommerspiele. Trotzdem warnt die Oxford-Studie künftige Kandidaten: "Die Daten zeigen, dass Städte oder Nationen mit dem Entscheid für eine Olympia-Kandidatur eines der grösstmöglichen finanziellen Risiken eines Megaprojekts eingehen, die es gibt."

Wer bezahlt was?

Der Bund: 30 Mio. Franken für die Kandidatur, 250 Mio. Fr. für die Sicherheit, 1 Mrd. Defizitgarantie

Kanton Graubünden und dessen Gemeinden: 300 Mio. Fr. (Gegenstand einer Volksabstimmung vom 3. März)

IOC: 560 Mio. Fr.

Private Investitionen in die Infrastruktur: 500 Mio. Fr.

Die Restkosten sollen mit Einnahmen aus den Veranstaltungen gedeckt werden (Sponsoring, Billett-Verkäufe, Verkauf der temporären Infrastrukturprojekte nach den Spielen)

(Quelle: Kandidatur Komitee Graubünden 2022)

"Kleine Risiken"

Jürg Stettler, Ökonom an der Hochschule Luzern und Mitwirkender des Graubünden-Reports 2022, bestätigt, dass die Berechnungen aus einem "nahezu optimalen Szenario" stammen. "Oft war es schwierig zu unterscheiden, ob eine Infrastruktur-Investition bereits geplant war oder ausschliesslich für die Spiele getätigt wird", sagte er gegenüber swissinfo.ch.

Der Bericht listet einige Risiken auf, die bei den Berechnungen auftreten könnten. Dazu gehören ungünstige Wetterverhältnisse, steigende Immobilien und Landpreise, Vertrauensverlust der Bevölkerung, enttäuschende Sponsoring-Einnahmen und überbordende Kosten.

Hippolyt Kempf, der ehemalige Olympia-Sieger in der Nordischen Kombination und Ökonom beim Bundesamt für Sport, sieht keinen Grund, die Alarmglocken zu läuten. "Die Investitionen, welche die Schweiz tätigen müsste, sind im Vergleich zu andern Austragungsorten klein und nicht so riskant", sagt er gegenüber swissinfo.ch. "Ich bin sicher, dass wir nahe an die budgetierten Zahlen herankommen würden."

Geschätzter wirtschaftlicher Nutzen (2015-2022)

Wertschöpfung (Schweiz): 3,84 – 4,11 Mio. Fr.
 
Wertschöpfung (Graubünden): 1,47 – 1,8 Mio. Fr.

Neue Arbeitsplätze (Schweiz): 30'500 – 33'400
 
Neue Arbeitsplätze (Graubünden): 11'900 – 15'100
 
Steuereinnahmen (Schweiz): 400 – 440 Mio. Fr.
 
Steuereinnahmen (Graubünden): 76 – 95 Mio. Fr.
 
Zusätzliche Hotel-Übernachtungen (Schweiz): 1'030'000 – 1'750'000
 
Zusätzliche Hotel-Übernachtungen (Graubünden): 520'000 – 975'000
 
(Quelle: Bericht Januar 2013, zusammengestellt von Rütter & Partner, Eidg. Sporthochschule Magglingen, Hochschule Luzern)


(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch



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