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Operation #Exils


"Migranten werden wie Vieh behandelt"




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Warten in Österreich auf den Zug nach Deutschland. Kinder sind wahrscheinlich die Hauptopfer der Flüchtlingstragödie, die gegenwärtig in Europa stattfindet. (Reuters)

Warten in Österreich auf den Zug nach Deutschland. Kinder sind wahrscheinlich die Hauptopfer der Flüchtlingstragödie, die gegenwärtig in Europa stattfindet.

(Reuters)

Nicolae Schiau, Journalist beim Westschweizer Radio und Fernsehen RTS, hat eine Gruppe syrischer Flüchtlinge von der Türkei nach Deutschland begleitet. Eine "Reise der Hoffnung", die unter anderem in Echtzeit auf sozialen Netzwerken erzählt wurde. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz schildert Schiau seine Eindrücke.

"Die Reise ist eine regelrechte Tortur, nicht nur physisch, sondern vor allem seelisch. Die Flüchtlinge haben keinen Zugang zu Informationen, oft wissen sie nicht, wo sie hingehen sollen, oder was mit ihnen geschehen wird", sagt Nicolae Schiau.

Der Journalist hat sechs junge Flüchtlinge zwischen 13 und 24 Jahren ab der türkisch-syrischen Grenze während dreier Wochen begleitet. Über ihre Flucht nach Europa berichtete er in der multimedialen und interaktiven Reportage#Exils, die über Internet, Radio und soziale Netzwerke verbreitet wurde.

swissinfo.ch: Sie folgten mit den Flüchtlingen der so genannten Balkanroute. Wie wird diese Reise organisiert?

Nicolae Schiau: Um von Syrien in die Türkei zu fliehen, mussten sich die Flüchtlinge Schleppern anvertrauen, damit sie die Checkpoints des islamischen Staates umgehen konnten und nicht von türkischen Soldaten erwischt wurden, die an der Grenze patrouillieren.

Einmal in der Türkei, fuhren sie per Bus nach Istanbul, dem Treffpunkt für Migranten und Schlepper. Von dort aus wird die Überquerung des Meeres organisiert. Daraufhin werden sie mit Lastwagen an die Küste gebracht. Die Gummiboote stechen von unbekannten Orten in See, und die Migranten spielen Katz und Maus mit den türkischen Behörden, die in den letzten Wochen die Kontrollen verschärft haben.

Die sechs jungen Leute brauchten drei Tage, um nach Griechenland zu gelangen. Eines Nachts waren sie von den türkischen Behörden mitten auf dem Meer gestoppt worden – zusammen mit hunderten anderen Migranten. Einige wurden verhaftet, aber ihnen gelang die Flucht, sie versteckten sich und versuchten es noch einmal, mit Erfolg.

Die Gummiboote machen eine "Einweg-Reise". Sie werden oft von Migranten aus dem Maghreb gefahren, die sich als Syrer ausgeben, um Asyl zu erhalten. So war es auch im Fall eines Algeriers, den ich auf der Reise getroffen habe. Die echten Schlepper steigen nie in die Gummiboote.

swissinfo.ch: Wie geht es von Griechenland weiter?

N.S.: Griechenland durchquerten sie im Bus, für 35 Euro, dank einem Netzwerk von syrischen Schleppern. Einmal in Mazedonien angekommen, nahmen sie einen Zug in Richtung Serbien. Die Grenze überquerten sie zu Fuss, danach wurden sie in einen Bus geladen, der sie zur Grenze mit Kroatien brachte.

Ab Kroatien geht alles sehr schnell. Die Migranten kommen mit dem Zug an und werden mit einem "guten Tag, danke und auf Wiedersehen" in den nächsten Zug geladen. Das Ziel ist, dass sie nur möglichst kurze Zeit in diesen Transitländern bleiben.

swissinfo.ch: Was kostet eine solche Reise?

N.S.: Sie bezahlten etwa 1000 bis 1500 Euro für die Überquerung des Meeres zwischen der Türkei und Griechenland. Und dann noch 165 Euro für die Reise über Land nach Deutschland. Dazu kommen maximale Ausgaben von 150 Euro für die Mahlzeiten.

Ab Kroatien sind die Bahnfahrten gratis. Es gibt aber Länder wie Mazedonien, die auf den Schultern der Migranten Geld machen wollen. Diesen Sommer kostete die Durchquerung per Zug fünf Euro, heute verlangen sie 35. Und die Züge sind überfüllt!

swissinfo.ch: Unter welchen Bedingungen reisen die Flüchtlinge?

N.S.: Die Busse sind in Ordnung, die Züge aber sind schrecklich. In Mazedonien standen viele Familien während sechs Stunden in einem Zug, der nach Urin stank, und das bei einer Luftfeuchtigkeit von gegen 95%.

Schlimm war der Zug auch in Ungarn. Es war das einzige Mal, dass ich nicht mit den Migranten an Bord gehen konnte, weil die Behörden es nicht erlaubten. Deshalb wartete ich auf sie auf der anderen Seite der kroatisch-ungarischen Grenze. Ich sah sie im Gänsemarsch marschieren, im Schlamm, flankiert von 500 bewaffneten und schreienden Soldaten, die ihre Gesichter hinter Masken versteckten.

Als der Zug in Richtung Österreich voll war, musste der Lokführer diesen um 600 Meter zurückfahren. Erst dann konnten die freiwilligen Helfer ihnen Esswaren abgeben. Doch sie durften nicht mit ihnen sprechen. Sie mussten die Wasserflaschen und Windeln durch die Fenster reinwerfen. Die Migranten werden wie Vieh behandelt.

Auch die Reisebedingungen in Deutschland sind miserabel. In einem Zug für etwa 500 Personen waren wir mindestens 1500. Die Flüchtlinge wussten auch nicht, wohin die Reise ging, und wie lange sie dauern würde. Es ist eine seelische Tortur.

swissinfo.ch: Wie entscheiden die Migranten, wohin sie gehen wollen?

N.S.: Tatsächlich wissen sie das nicht immer. Das hat mich am meisten betroffen gemacht. Sie fragen sich bis zum letzten Moment: Ist Norwegen besser als Deutschland? Oder können wir vielleicht in Österreich bleiben?

Es kursieren Gerüchte über die verschiedenen Länder. Alles geschieht so schnell, dass es für einige nicht leicht ist, sich eine Vorstellung ihres Ziels zu machen. Dauernd zweifeln sie. Nicht so Mousef, ein 13-jähriger Junge, der schon seit dem Beginn seiner Flucht wusste, dass er zu seinem Onkel nach Schweden wollte.

Die anderen haben ihre Idee zehntausend Mal geändert. Schliesslich blieben sie in Deutschland, weil die Behörden ihnen dies vorschlugen und sie die Nase voll hatten, noch weiter zu reisen. Nur wenige hingegen wissen, wo die Schweiz ist. Sie haben überhaupt keine Absicht, hierher zu kommen.

swissinfo.ch: Allein die Reise durch Europa kostet über 1000 Euro. Woher haben die Flüchtlinge das Geld?

N.S.: Die Leute sind oft überrascht, wenn sie die Migranten mit Mobiltelefonen und Geld sehen. Doch man muss sich vorstellen, dass diese Syrer alles verkauft haben, bevor sie losgezogen sind. Sie besitzen nichts mehr!

Unterwegs sagte mir eine Frau: "Wie kannst Du mich so etwas fragen? Ich besass drei Geschäfte, zwei Autos, zwei Häuser, ein Leben, und jetzt bin ich hier mit meinem Baby… Glaubst Du auch nur einen Moment, dass ich hier sein möchte, wenn ich eine andere Wahl hätte?"

swissinfo.ch: Die Reportage #Exils wurde direkt über die sozialen Netzwerke verbreitet. Haben Sie dadurch ein neues Publikum finden können?

N.S.: Die sozialen Netzwerke ermöglichten es mir, sofort zu teilen, was während der Reise passiert ist. Als ich schrieb, "wir überschreiten jetzt die Grenze", war das "hier und jetzt", nicht eine Minute vor- oder nachher. Das ist eine andere Art, eine Reportage wahrzunehmen!

Man darf allerdings nicht vergessen, dass ich jeden Morgen eine Liveschaltung ins Radio machte, für das ich arbeite. Wir sprachen von einer "erweiterten Reportage", weil ich alle verfügbaren Medien nutzte, um die Geschichten der Migranten zu erzählen: Radio, Video, Internet, soziale Netzwerke. Ich habe alles ausschliesslich mit meinem Smartphone und zwei Minikameras aufgenommen. So konnte ich die Realität darstellen wie bei Google Street View, um das Publikum eine "realistischere" Erfahrung machen zu lassen.

swissinfo.ch: Besteht dabei nicht das Risiko, dass das Drama der Migranten zu einer Art Reality-Show wird?

N.S.: Die Herausforderung war eben gerade zu verhindern, dass es eine Reality-Show wird. Ich benutzte die App Periscope [mit der Live-Videos geteilt werden können, A.d.R.] drei Mal, um den Leuten in Echtzeit zu zeigen, was gerade passierte, aber ohne Voyeurismus.

Der rote Faden, die Helden meiner Erzählung, sind die Migranten, es geht nicht um mich. Wir nutzten die sozialen Netzwerke, um ihr Leben zu erzählen, um jenen Menschen ein Gesicht zu geben, die oft nur auf Zahlen reduziert werden.

swissinfo.ch: Was hat Sie während dieser dreiwöchigen Reise am meisten überrascht?

N.S.: Der Lebenswille dieser Menschen, ihre Liebe für ihr eigenes Land. Sie sind nicht Touristen, die durch Europa reisen, sondern Menschen, die keine andere Wahl haben. Man sollte nie müde werden, das zu wiederholen.

Und dann dieser seelische Schmerz. Es ist nicht einfach… Viele Kinder müssen selber entscheiden, was sie tun und wohin sie gehen wollen. Wir denken, dass sie sich vorher alles überlegt haben, dass sie uns "überschwemmen", doch es sind Menschen voller Angst, die Informationen und immer wieder etwas Zuversicht brauchen.

Die Reise von Nicolae Schiau (Franz.)


(Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch

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