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Pflichtvorräte Wie die Schweiz im Krisenfall überlebt

Derzeit halten fünfzehn Unternehmen, darunter La Semeuse in La Chaux-de-Fonds, obligatorische Kaffeereserven.

(Stefan-meyer.ch - Switzerland)

Die wirtschaftliche Versorgung ist ein fester Bestandteil der Schweizer Geschichte. Lebensmittel, Medikamente und Öl werden noch immer in grossen Mengen gelagert, um mögliche Engpässe zu bewältigen. Das Wichtigste in Fragen und Antworten.

Warum sind die Pflichtlager des Bundes aktuell im Gespräch?

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Mitte April hat der Bundesrat (Landesregierung) angekündigtexterner Link, die Lagerpflicht beim Kaffee für Krisenzeiten aufheben zu wollen, weil Kaffee nicht lebenswichtig sei. Diese Nachricht blieb nicht unbemerkt. Sogar die BBC berichtete darüberexterner Link.

Die wirtschaftliche Landesversorgung kam nach einer Überprüfung der Pflichtlagerhaltung von Kaffee zum Schluss, dass Kaffee "nach den heute massgebenden Kriterien nicht lebenswichtig ist". Kaffee enthalte fast keine Kalorien und leiste daher aus ernährungsphysiologischer Sicht keinen Beitrag zur Ernährungssicherung.

Die derzeit vom Bund gelagerten 15'000 Tonnen Roh- und Röstkaffee können somit bei definitiver Genehmigung des Projekts verkauft werden.

Was umfassen die Vorräte?

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Seife, Schrauben, Schmiermittel, Kakao oder sogar Tabak: In der Vergangenheit baute die Schweiz Vorräte für alle Arten von Produkten auf. Aber die Politik des Bundes hat sich im Laufe der Zeit den sich wandelnden Bedrohungen angepasst.

Seit der jüngsten Revision des Bundesgesetzes über die wirtschaftliche Landesversorgung (LVG)externer Link von 2016 konzentriert sich die Pflichtlagerungexterner Link auf Grundnahrungsmittel wie Zucker, Öl und Getreide, sowie auf Energiequellen (Benzin und Heizöl) und Medikamente (Antibiotika und Impfstoffe). Alle diese Waren müssen den normalen Bedarf im Krisenfall für drei bis sechs Monate decken.

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Wie werden die Vorräte gebildet?

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Dass das Versorgungssystem des Bundes im Ausland auf grosses Interesse stösst, liegt vor allem an der Art und Weise, wie es organisiert ist. Die Verantwortung liegt weitgehend bei der Privatwirtschaft, nicht bei den Behörden. So ist beispielsweise ein Importeur von Benzin gesetzlich verpflichtet, einen Teil des importierten Benzins für Notfälle einzulagern. Dadurch wird vermieden, dass grosse Reserven an einem einzigen Ort aufgebaut werden müssen.

Im Gegenzug finanziert der Bund die Lagerkosten der Unternehmen über einen Garantiefonds, der von der Genossenschaft Réservesuisseexterner Link verwaltet wird. Die Kosten für die Verwaltung dieser Pflichtlager betragen 14 Franken pro Einwohner und Jahr.

Wann kam das Bedürfnis nach solchen Pflichtvorräten für Notzeiten auf?

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Die Schweiz ist ein kleines Land ohne Zugang zum Meer und daher stark auf Importe angewiesen. Schon im Mittelalterexterner Link ergriffen lokale Behörden Massnahmen, um die Versorgung mit lebenswichtigen Nahrungsmitteln im Fall einer schwerwiegenden Verknappung sicherzustellen. Aber bis zum Ersten Weltkrieg sah die Bundesverfassung keine konkreten Massnahmen der Schweiz für den Fall einer Versorgungskrise vor.

Die ungenügenden Vorbereitungen stürzten die Schweiz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs ins Chaos. Das bewog den Bund dazu, ein Bundesamt für Ernährung zu gründen, das für alle Beschaffungsaufgaben zuständig war.

Beim Zweiten Weltkrieg war die Schweiz deutlich besser vorbereitet. Sie nutzte alle Mittel der Kriegswirtschaft, insbesondere den berühmten Plan Wahlen (Anbauschlacht)externer Link. Dieser wurde 1940 eingeführt, um die landwirtschaftliche Produktion durch die Nutzung leerer Flächen zu steigern.

Ab 1955 konzentrierte sich das neue Bundesgesetz ausdrücklich auf die der Privatwirtschaft auferlegten Pflichtreserven.

Haben Pflichtreserven im Jahr 2019 noch eine Existenzberechtigung?

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Weil die Kriegsgefahr in Europa fast verschwunden ist, konzentriert sich die Beschaffungspolitik der Schweiz nun stärker auf Marktstörungen und die Stabilität des Wirtschaftsstandorts. Aus Kostengründen haben Unternehmen tendenziell immer niedrigere Lagerbestände. Technische und logistische Probleme oder schlechte Ernten in den Herkunftsländern können jedoch jederzeit die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln beeinträchtigen.

Letzten Herbst mussten beispielsweise die Vorräte von Mineralölen, Dünge- und Futtermitteln angebrochen werden, weil Handelsschiffe auf dem ausgetrockneten Rhein schlecht vorankamen. 2017 musste die Schweiz auf ihre Medikamentenvorräte zurückgreifen, um eine weltweite Verknappung eines Antibiotikums zu bewältigen, das für die Bekämpfung von Infektionen in Spitälern als entscheidend angesehen wird.

Wie werden Bürgerinnen und Bürger miteinbezogen?

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Der Bund empfiehlt jedem Haushaltexterner Link, einen Vorrat an Getränken und Nahrung für den Katastrophenfall anzulegen. Dieser sollte für sieben Tage reichen. Gegenstände des täglichen Bedarfs wie ein Radio, Kerzen, Streichhölzer oder Toilettenpapier sollten ebenfalls vorrätig sein.

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(Kai Reusser / swissinfo.ch)

Gemäss einer im vergangenen Jahr vom Bund durchgeführten Umfrage verfügt jedoch ein Drittel der Schweizer Bevölkerung nicht über einen ausreichenden Notvorrat. Die Umfrage zeigt auch, dass Schweizer und Schweizerinnen keine Angst vor Lebensmittelknappheit haben.

Auf die Frage, warum sie Vorräte anlegen, nennen Schweizer und Schweizerinnen die Angst vor einer Krise erst als Letztes. Wichtigere Gründe sind: nicht jeden Tag einkaufen zu müssen, Grosseinkäufe zur Nutzung von Aktionen und Vorräte für den Fall unerwarteter Besuche.


(Übertragung aus dem Französischen: Sibilla Bondolfi)

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