"Zukunft der jungen Schweizer liegt in Europa"


"Verblüffend gute Diskussionen": EU-Botschafter Michael Reiterers Lob an die Schweizer Schüler.

"Verblüffend gute Diskussionen": EU-Botschafter Michael Reiterers Lob an die Schweizer Schüler.

(Keystone)

Er ist als Botschafter der EU Gast in der Schweiz: Michael Reiterer. An der Europatag-Feier im Berner Gymnasium Kirchenfeld war der österreichische Diplomat für einmal Gastgeber, seine Gäste Politiker und Diplomaten – und die Schüler.

"Die Schulen haben die wichtige Funktion, offene Bürger Europas zu schaffen", sagte EU-Botschafter Michael Reiterer an der Feier zum 60. Jahrestag der Erklärung Robert Schumans.

Der damalige französische Aussenminister hatte 1950 die Montanunion angestossen. Die ein Jahr später gegründete Wirtschaftsgemeinschaft zwischen Deutschland, Frankreich und weiteren Staaten war Vorläuferin der heutigen Europäischen Union (EU).

Die Idee Schumans eines Europa als friedlicher Raum fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sei revolutionär gewesen, so Reiterer. "Heute ist sie es nicht mehr, Europa hat viele Konkurrenten, aber keine Feinde."

Schulzimmer-Diplomatie

In den letzten Tagen und Wochen besuchte der Diplomat mit seinen Kollegen von der EU-Botschaft in Bern zum diesjährigen Europatag rund 50 Schulen in 18 Schweizer Kantonen.

"Mein Anliegen war es, Schüler und Schülerinnen dazu zu bringen, sich in einer qualifizierten Weise mit Europa, ich sage bewusst Europa, zu beschäftigen", erläutert Reiterer gegenüber swissinfo.ch.

Die Schweiz liege in Europa, und die Europäische Union sei wichtig in Europa, wobei dieses grösser sei als die EU. "Die Jugendlichen von heute werden ihre Zukunft in diesem Europa aufbauen müssen." Deswegen sei es aus staatsbürgerlicher Sicht wichtig, sich damit in offener Art und Weise auseinanderzusetzen.

Jugend als Hoffnung

Mit den Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Kirchenfeld, aber auch mit denjenigen an anderen Schulen in der Schweiz, habe er "interessante und verblüffend gute Diskussionen" führen können, ist der Diplomat des Lobes voll.

In der mehrheitlich EU-skeptischen Schweiz hat es Reiterer auf seiner Mission nicht immer leicht. Wie beurteilt er die Einstellung der Schülerinnen und Schüler?

"Die Jugendlichen sind offener, sie gehen auf das Problem zu, hören sich Argumente an und beginnen dann, untereinander zu diskutieren. Und das ist ja eigentlich das Wichtige."

Differenzierte Sicht

Reiterer denkt dabei wohl an Schüler wie Adrian Baur und Nicolas Hubacher. Die beiden Primaner am Gymer Kirchenfeld geben sich im Gespräch EU-freundlich. Aber ein Beitritt der Schweiz ist für sie momentan keine realistische Option.

"Gemäss Umfragen ist eine Mehrheit dagegen, trotzdem ist die Beitrittsfrage wichtig, weil dies in Zukunft einen grossen Einfluss auf die Schweiz haben wird", ist Adrian Baur überzeugt. Mit einem Beitritt würde die Schweiz nicht nur dazugehören, sie hätte es auch viel einfacher, gegen aussen aufzutreten.

Auch Nicolas Hubacher sieht Vorteile. In der Libyen-Krise hätte Brüssel der Schweiz mehr unter die Arme gegriffen. "Der Euro dagegen polarisiert und wäre ein Nachteil", sagt er in Anspielung auf die Griechenland-Krise.

Wäre die Schweiz EU-Mitglied, müsste auch sie sich am Rettungspaket beteiligen. Damit hätte Hubacher "kein Problem".

Für Adrian Baur ist die gegenwärtige Euro-Krise "die erste grosse EU-Krise und als solche eine Test-Situation, um zu prüfen, ob sie künftig weiter so funktionieren kann".

Garant für Frieden und Sicherheit

Auch die Beurteilung der Erfolgsbilanz fällt bei den beiden differenziert aus. Die EU sei nicht nur dafür verantwortlich, dass es in Europa keine Kriege mehr gegeben habe, sondern sei auch Absicherung für die Zukunft, dass die Chance sehr klein sei, dass es noch einmal dazu kommen könnte.

Baur und Hubacher sehen zwei Gründe, die Bewegung in die Beitrittsdiskussion bringen könnten: Einerseits, wenn Brüssel einmal genug von der "Ego-Position" der Schweiz haben könnte. Andererseits könnten politische oder wirtschaftliche Krisen die Schweiz weiter in die Enge treiben.

"Das Image der Schweiz hat unter der Libyen-Krise und dem Druck auf das Bankgeheimnis gelitten, und es stellt sich die Frage, wie lange das so noch funktionieren kann", so Baur.

Und Kollege Hubacher ergänzt: "Wenn es keine weiteren schlimmen Krisen gibt, könnte das Inseldasein der Schweiz noch lange dauern. Im Falle einer Krise könnte es damit aber schnell vorbei sein."

Auch Andrea Schlatter und Moritz Bondeli, ebenfalls vom Gymnasium Kirchenfeld, haben sich aus Anlass des Europatags Gedanken über die Schweiz gemacht. "Der Bund ist seit dem 15. Jahrhundert weitgehend stabil. Aber was machen wir in der Schweiz, wenn die nächste Flutwelle kommt?", fragte Bondeli.

"Es herrscht die Furcht vor Europa, dass die Schweiz bei einem Beitritt nur noch Transitraum zwischen Basel und Lugano wäre", sagt Andrea Schlatter. Als Rezept gegen solche Ängste empfiehlt sie eine offene Information aller. "Bis die Schweiz in der EU ist, sind wir zwei vielleicht schon im Bundesrat", schloss die Schülerin maliziös.

Renat Künzi, Gymnasium Kirchenfeld, swissinfo.ch

Ehrengast Micheline Calmy-Rey

Die Bundesrätin war Ehrengast an der Feier im Gymnasium Kirchenfeld.

Die Schweiz feiere den Europatag jeweils mit, "aus Respekt gegenüber dem friedlichen und weitgehend geeinten Europa", sagte sie.

Die Werte eines geeinten Europas, die Schuman 1950 vorgestellt hatte, seien auch für die Schweiz "fundamental".

Sie erinnerte an den Status Europas der wichtigster Handelsparntner der Schweiz (60% Exporte/80% Importe).

Als jüngsten Verhandlungserfolg präsentierte sie den Schülern das neue Bilaterale Bildungsabkommen, das im Februar 2010 unterzeichnet wurde.

Die neue Finanzmarktregulation Brüssels stelle für die Schweiz aber neue Hindernisse auf.

Als problematisch bezüglich der Rechtssouveränität erwähnte sie die Anpassungen an die EU-Rechtsentwicklung, welche die Schweiz gemäss dem Willen Brüssels vornehmen soll.

Europa-Erklärung 1950

Am 9. Mai 1950 hatte der damalige französische Aussenminister seinen auf einer Idee von Jean Monnet aufbauenden Europa-Plan vorgestellt.

Dieser sah vor, zwischen Frankreich, Deutschland und weiteren europäischen Staaten eine Produktionsgemeinschaft für Kohle und Stahl unter gemeinsamer
Verwaltung zu schaffen.

Die 1951 gegründete Montanunion war die Vorläuferin der der Europäischen Union.



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