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Historische Beziehungen


Frankreich und Schweiz feiern 500 Jahre "Ewigen Frieden"


Von Mathieu van Berchem, Paris


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Die Erneuerung des Vertrags zwischen König Ludwig XIV. und den Vertretern der Schweizer Kantone im November 1663: Ein Wandteppich der Gobelin-Manufaktur in der Schweizer Botschaft in Paris. (Mathieu van Berchem)

Die Erneuerung des Vertrags zwischen König Ludwig XIV. und den Vertretern der Schweizer Kantone im November 1663: Ein Wandteppich der Gobelin-Manufaktur in der Schweizer Botschaft in Paris.

(Mathieu van Berchem)

Um den Schock von Marignano zu überwinden, schlossen die Schweiz und Frankreich am 29. November 1516 in Freiburg Frieden. Das Abkommen richtete die Schweiz auf ihren grossen Nachbarn aus und ermöglichte es ihr, eine erstklassige Diplomatie aufzubauen, wie der Historiker Gillaume Poisson im Interview erklärt.

1515 steht für Marignano. Und 1516? Das Datum markiert den Abschluss des "Ewigen Friedens" zwischen der Schweiz und Frankreich. Es ist weniger bekannt, doch die Auswirkungen des damals unterzeichneten Vertrags sind bis heute spürbar.

Um diese Jahrhunderte einer turbulenten Allianz zu feiern, fand am 27. September 2016 im französischen Senat ein von der Schweizer Botschaft in Paris organisiertes Kolloquium statt. "Der Ewige Frieden hat verhindert, dass die Schweiz in zwei Teile zerfiel", sagte Bundesrat Alain Berset zur Eröffnung.

Leseempfehlungen:

18 novembre 1663, Louis XIV et les cantons suisses [Der 18. November 1663, Louis XIV. und die Schweizer Kantone] von Guillaume Poisson, Presse polytechnique et universitaires romandes, Collection le savoir suisse

Suisse et France, Cinq cents ans de Paix perpétuelle 1516-2016 [Die Schweiz und Frankreich, 500 Jahre Ewiger Friede 1516-2016] von Gérard Miège und Alain-Jacques Tornare, Editions Cabédita

Dieser Frieden habe es der Schweiz ermöglicht, sich zu festigen und eine professionelle Armee auf die Beine zu stellen, erklärt der Historiker Guillaume Poisson. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Benjamin Constant der Universität Lausanne.

swissinfo.ch: Erstaunlicherweise führte die vernichtende Niederlage von Marignano ein Jahr später zu einem für die Schweizer Kantone insgesamt ausgesprochen günstigen Friedensvertrag.

Gillaume Poisson: Ja, man kann sagen, dass es ein Friedensvertrag ist, der für die Besiegten ausserordentlich günstig ausfiel. Es handelt sich nicht um ein klassisches Schema mit armen Verlierern, die gezwungen sind, einen schmerzhaften Frieden zu unterzeichnen. König Franz I. erkannte den militärischen Wert der Schweizer und wollte mit ihnen einen dauerhaften Frieden schliessen.

Die Kantone – unter denen gewisse, vor allem die Waldstätten [Uri, Schwyz, Unterwalden], Zürich und Basel, Vorbehalte hatten – verhandelten hartnäckig, und es gelang ihnen, ihre territorialen Eroberungen, vor allem auf der italienischen Seite der Alpen, zu behalten. Zudem wurden wichtige Handelsprivilegien bekräftigt.

Der "Ewige Frieden" ist ein Freundschaftsvertrag, ein gegenseitiger Nichtangriffspakt, schaffte aber keine unverbrüchlichen Bande. Die Kantone blieben frei. Als es 1519 um die Nachfolge im Heiligen Römischen Reich ging, unterstützten sie denn auch nicht die Kandidatur von Franz I., sondern jene von Karl dem Fünften.

swissinfo.ch: 1521 wird ein Allianzvertrag unterzeichnet, der danach mehrmals erneuert wird. Er sieht sowohl eine militärische wie auch eine wirtschaftliche Annäherung zwischen beiden Seiten vor.

G.P.: Der König muss dem Abkommen zufolge die eidgenössischen Soldaten [Ende des 17. Jahrhunderts waren es bis zu 25'000] bezahlen, den Kantonen eine Pension überweisen und die lokalen Rekrutierer entlöhnen, die damit beauftragt sind, Regimenter aufzustellen. Das Abkommen hat eine Klausel, die vorsieht, dass die Soldaten im Fall interner Konflikte in die Schweiz zurückkehren können.

In gewisser Weise finanziert Frankreich damit die Schaffung einer eigentlichen eidgenössischen Berufsarmee. Auf wirtschaftlicher Ebene müssen die Eidgenossen an den Grenzen und auf französischen Märkten zudem keine Zollgebühren mehr entrichten – so etwas wie ein "freier Personen- und Warenverkehr" vor seiner Zeit – und Frankreich verpflichtet sich, den Schweizern Salz zu einem Vorzugstarif zu liefern.

swissinfo.ch: Doch dann "vergisst" Frankreich, den Kantonen die Pensionen auszurichten, Schulden häufen sich an. Zudem zahlt die Schweiz einen hohen menschlichen Tribut. Handelt es sich wirklich um ein ausgewogenes Abkommen?

G.P.: Gewisse Historiker sprechen von einem "Protektorat". Ich würde nicht von einer dominierenden französischen Position sprechen. Ich sehe sie eher als vermittelnd: Der König brauchte die Einheit der 13 Kantone für den Frieden an seiner Ostgrenze und um von den rekrutierten Söldnern zu profitieren. Daher versuchte er, Konflikte innerhalb der Schweiz zu vermeiden, zum Beispiel in den Villmerger Kriegen und im Bauernkrieg.

Aber auch die Schweizer hatten Interesse an dem Abkommen. Der Dienst im Ausland war sehr bedeutend für die Kantone, vor allem für die katholischen, in denen es nur wenig Industrie und Unternehmen gab. Und die protestantischen Kantone bauten zur Entwicklung ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten teilweise auf die Allianz mit Frankreich. Das Abkommen brachte allen etwas.

swissinfo.ch: Nach dem Tod des französischen Königs wurde das Abkommen jeweils erneuert. Wie geschah das?

G.P.: Auffällig ist die aussergewöhnliche Verhandlungsfähigkeit der Schweizer. Es war eine eingespielte Fähigkeit, die auf Erfahrungen aus den oft harten Diskussionen unter den Kantonen in der Tagsatzung zurückging.

Nach dem Tod von Louis XIII. 1651 verhandelte der französische Botschafter Jean de La Barde mit jedem Kanton über die Erneuerung der Allianz. Die wegen interner Spannungen komplizierten Verhandlungen erstreckten sich über ein Jahrzehnt. Was übrigens dem jungen Louis XIV. und seinem Minister Colbert auf die Nerven ging.

Die Schweizer liessen nicht locker. Sie schrieben Berichte, verlangten Anhörungen, zeigten grosse Hartnäckigkeit. 1663 schickten die unterzeichnenden Kantone und deren Verbündete ihre Vertreter nach Paris, insgesamt 200 Personen. Es war die "sehr grosse Botschaftsdelegation", die zahlenmässig grösste in der alten Geschichte der Schweiz.

swissinfo.ch: Wie verstand sich der sehr katholische Louis XIV. mit den eidgenössischen Protestanten?

G.P.: Louis XIV. hatte kein Problem, mit den protestantischen Kantonen zu verhandeln. Er wurde sich mit den Reformierten, die als treu und zuverlässig galten, sogar rascher einig, als mit den Katholiken, die seiner Ansicht nach in Winkelzüge zwischen dem päpstlichen Nuntius und dem spanischen Botschafter verwickelt waren.

swissinfo.ch: Wann ging der "Ewige Frieden" zu Ende?

G.P.: Das Abkommen zum "Ewigen Frieden" musste – anders als die auf eine bestimmten Zeitrahmen ausgelegten Allianzabkommen – nicht erneuert werden und wurde bis heute nie aufgekündigt. Offiziell endete die Allianz zwischen den Kantonen und Frankreich 1792, als ihr französischer Unterzeichner Louis XIV. vor seiner Enthauptung abgesetzt wurde.

Man kann sagen, dass es sich um die am längsten dauernde Allianz zwischen dem Corpus Helveticum (Schweizerische Eidgenossenschaft) und einer fremdem Macht in der Zeit des Ancien Régimes in Frankreich handelte.

swissinfo.ch: Markieren 1515 und 1516 in gewissem Sinne den Anfang der Schweizer Neutralität?

G.P.: Es gibt eine Geschichtsschreibung, welche die Niederlage der Schweizer in Marignano und den Vertrag von 1516 als Anfang der Schweizer Neutralität betrachtet – eine zweifelhafte Interpretation.

Die Schweizer Neutralität ist ein Phänomen, das sich über lange Zeit erstreckt und aus verschiedenen Elementen zusammensetzt, ein Phänomen, in dem sowohl innen- als auch aussenpolitische Motive grossen Raum einnehmen. Nichtsdestotrotz markiert 1515 die letzte Phase der Expansionspolitik der Kantone – und 1516 eine nachhaltige Annäherung an Frankreich.

Von Freiburg bis Freiburg: 500 Jahre Frieden

1515 Am 13. und 14. September stehen sich in der Nähe von Mailand die Truppen des französischen Königs Franz I. und die Soldaten aus den Schweizer Kantonen gegenüber. In der Schlacht verlieren zwischen 5000 und 8000 Mann auf Seite des französischen Königs das Leben sowie 9000 bis 10'000 Schweizer, fast die Hälfte der angeworbenen Kontingente.

1516 Am 29. November wird in Freiburg ein unbefristetes Abkommen über einen "Ewigen Frieden" zwischen den 13 Orten der Eidgenossenschaft und ihren zugewandten Orten (Abt und Stadt St. Gallen, Drei Bünde, Wallis und Stadt Mülhausen) einerseits und Franz I., dem König Frankreichs und Herzog von Mailand, andererseits unterzeichnet.

1521 In Luzern wird schliesslich ein eigentlicher Allianzvertrag zwischen den damaligen Schweizern (Eidgenossen und zugewandte Orte) und Frankreich geschlossen.

1663 Dieses Vertragswerk muss jeweils nach dem Tod des französischen Königs erneuert werden. Nach Verhandlungen, die sich über ein Jahrzehnt erstrecken, unterzeichnen die Schweizer mit dem jungen König Ludwig XIV. in Paris einen erneuerten Vertrag.

1792 Am 10. August sitzt das Regiment der Schweizer Garde in den Tuilerien in der Falle, eingeschlossen von französischen Revolutionären, welche die Monarchie definitiv abschaffen wollen. Etwa 300 Schweizer kommen in der Folge ums Leben, was in der Schweiz Empörung auslöst. Der Tod des Königs bedeutet auch das effektive Ende der Allianz. Das Abkommen über den "Ewigen Frieden" hingegen wurde nie aufgekündigt.

2016 Am 30. November wird das 500-Jahr-Jubiläum des "Ewigen Friedens" in Freiburg gefeiert werden, mit einem Kolloquium und einer Ausstellung im Couvent des Cordeliers (Franziskanerkloster).

Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz


(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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