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Schwierige Entscheidung


Wenn Frauen über Abtreibung sprechen


Von Clare O'Dea


In der Schweiz haben Frauen bis zur 12. Woche die freie Wahl, ob sie das Kind behalten oder die Schwangerschaft abbrechen wollen. ()

In der Schweiz haben Frauen bis zur 12. Woche die freie Wahl, ob sie das Kind behalten oder die Schwangerschaft abbrechen wollen.

In der Schweiz entscheiden sich pro Jahr rund 10'000 Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch. In den meisten Fällen sind es psychosoziale Gründe, die zu diesem schweren Entscheid führen. Zwei Frauen berichten über ihre Erfahrungen.

Simona Isler war 18, als sie schwanger wurde, Doris Agazzi 31. Beide entschieden sich für einen Abbruch der Schwangerschaft, hatten aber später Kinder.

Mit dem Aufkommen der Abtreigungspille verlagerte sich die Abtreibung von einem klinischen Eingriff zu einer medikamenten-basierten Erfahrung. In der Schweiz geschehen drei Viertel aller Aborte bis zur achten Schwangerschaftswoche. Das ist die Grenze, bis zu welcher Frauen die Abtreibungspille einnehmen dürfen.

Im letzten Jahr geschahen rund zwei Drittel oder 66% der Abtreibungen mit dieser Pille. 2004 waren es mit 49% knapp die Hälfte gewesen.

Auch Simona Isler hatte zur Pille gegriffen. "Ich ging mit 18 Jahren für ein Austauschjahr nach Südafrika und kam schwanger zurück. Die damalige Beziehung war eigentlich schon auseinander gebrochen, als ich merkte, dass ich schwanger war. Ich erzählte es meinen Eltern und einer guten Freundin", berichtet Simona Isler.

Ihre Eltern hätten sie in jedem Fall unterstützt, es hätte weder Druck gegeben, das Kind zu behalten, noch es abzutreiben.

"Vom Zeitpunkt, wo ich die Schwangerschaft bemerkte, bis zum Entscheid war die schwierigste Zeit. Ich habe sehr viel darüber nachgedacht, aber am Ende war es ein Bauchentscheid, dass ich das Kind nicht wollte."

Erleichterung

"Es gab viele vernünftige Gründe, zu jener Zeit nicht Mutter zu werden, aber sie waren nicht ausschlaggebend. Eine Frau entscheidet sich trotz guter Begleitumstände für einen Abbruch, eine andere will das Kind, obwohl die Situation eher schlecht ist", sagt Simona Isler.

Bei ihr ging es nicht um die finanzielle Frage, die Auswirkungen auf ihre Ausbildung oder ihren künftigen Status als alleinerziehende Mutter. Es sei für sie einfach der falsche Zeitpunkt gewesen, Mutter zu werden.

"Als ich im Spital die Pillen nahm, war das ein Moment der Erleichterung. Der schwierigste Teil lag nun hinter mir. Ich hatte Blutungen, und der Abort geschah noch im Spital." Es habe aber keine Komplikationen gegeben, und sie habe auch keine allzu schlimmen Schmerzen gehabt. Sie schätzte sehr, dass sie vom Spitalpersonal nicht verurteilt worden war. Speziell erinnert sich Simona Isler an eine Pflegerin, die sie sehr nett behandelt habe.

Mit ihrer Entscheidung kann sie gut leben. Wenn sie eine Freundin trifft, die ebenfalls im Austauschjahr schwanger geworden war, das Kind aber behalten hatte, kommen bei ihr keine schlechten Gefühle auf. "Dies vielleicht deshalb, weil ich weder in die eine noch die andere Richtung gedrängt worden war, sondern alleine entscheiden konnte", vermutet sie.

Sie möchte ihren Kindern später einmal von ihrer ersten, abgebrochenen Schwangerschaft erzählen. "Das sollte kein Tabu sein", findet Simona Isler.

Solidarität

Doris Agazzi sprach im Jahr 2002 öffentlich über ihre Abtreibung, als sie im Vorfeld der  Abstimmung für die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruches am Schweizer Fernsehen auftrat.

"Ich halte es für wichtig zu sagen, dass man auch als bekennende Christin für die Abtreibung sein kann. Es ist eine Frage der Solidarität. Ich finde die Vorstellung schlimm, dass eine Frau gezwungen ist, ein Kind zu haben, das sie nicht will", sagt Doris Agazzi.

Mitglieder ihrer Kirchgemeinde, in der sie damals aktiv gewesen war, hätten sie zu ihrem Mut beglückwünscht, selbst wenn sie die Haltung Agazzis nicht geteilt hätten, berichtet die Frau. "Ich wurde nach meinem Bekenntnis nicht anders behandelt als vorher, ich wurde weder angegriffen noch ausgeschlossen."

Es gab aber auch feindliche Reaktionen. Nur kamen sie von anderswo. "Ich erhielt einige üble Briefe und Mails, die von Menschen stammten, die ihre Meinung nie ändern werden. Das ist mir egal, denn sie haben das Recht, dagegen zu sein."

Ihre Abtreibung liegt rund 30 Jahre zurück. "Sie fand in Genf statt, wo das Gesetz ziemlich liberal ausgelegt wurde. Nach der Bestätigung der Schwangerschaft durch einen Gynäkologen musste ich zu einer Psychiaterin, die ein Gutachten erstellte."

Der Bericht über eine andere Person 

Am Schluss musste Doris Agazzi den Bericht unterschreiben. Sie las, dass sie depressiv und psychologisch verletzbar sei. "Das stimmte aber nicht mit meinem Geisteszustand überein, und ich beschwerte mich. Die Psychiaterin sagte mir aber, dass ich unterschreiben müsse, wenn ich die Zustimmung zur Abtreibung erhalten wolle." Die Unterschrift unter jenen Bericht ist für Doris Agazzi die schlimmste Erinnerung an die damalige Erfahrung.

Weil ihr Partner damals für zwei Monate durch China reiste, konnte sie ihn nicht erreichen. "Ich war zu 99% überzeugt, dass er ebenfalls gegen die Schwangerschaft gewesen wäre. Wir hatten eine unverbindliche Beziehung und lebten nicht zusammen. Um aber die damaligen gesetzlichen Fristen einzuhalten, hatte ich keine Zeit, seine Rückkehr abzuwarten." 

Doris Agazzi konnte mit Freundinnen über ihre Situation sprechen. Sie hatte sich nie geschämt und wollte ihre Erfahrung auch nie als Geheimnis hüten. Vielmehr ging sie davon aus, dass viele andere Frauen genauso dächten. "Aber sie konnten nicht darüber sprechen, aus Angst, von ihrem Umfeld geschnitten zu werden. Es ist keine einfache Entscheidung. Zu einem Leben Ja oder Nein zu sagen, gehört zu den wichtigsten Entscheiden im Leben."

Der Weg zur Liberalisierung

Die Schweiz war 1937 eines der ersten Länder Europas mit einem Abtreibungsgesetz. Dieses verbot Abtreibungen 

Ausnahme war, wenn die Gesundheit der Frau durch die Schwangerschaft gefährdet war.

In den 1970er- und 1980er-Jahren scheiterten an der Urne drei Versuche für eine Liberalisierung.

Erst die Abstimmung 2002 brachte mit der so genannten Fristenlösung die Legalisierung.

Bis dahin verfügten die Kantone aber über einigen Spielraum bei der Auslegung des Bundesgesetzes.

Argumente für eine Abtreibung waren in einigen Kantonen beispielsweise eine mögliche Gefährdung der mentalen Gesundheit der Frau oder das Risiko, dass sie als Mutter von der staatlichen Fürsorge abhängig würde.

Laut damaligen UNO-Berichten hatten die Kantone mit liberaler Auslegung zu den fortschrittlichsten Regionen Westeuropas gehört. Aufgrund der offenen Haltung seien sogar Frauen aus dem Ausland in liberale Kantone gereist, um den Eingriff vornehmen zu lassen.


(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch



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