Nachhaltigkeit
Die grosse Ernüchterung nach Rio
Die Umweltaktivisten fanden in Rio kaum Gehör. (Keystone)
Der UNO-Gipfel Rio+20 hat keinen Durchbruch und wenig Konkretes gebracht: Dies der Tenor in der Schweizer Presse. Umweltverbände sprechen gar von einem "kolossalen Scheitern". Die offizielle Schweiz sieht dennoch einen Schritt in die richtige Richtung.
Vertreter aus 188 Staaten haben am Wochenende ein Papier mit dem Titel "Die Zukunft, die wir wollen" verabschiedet. Dabei kam das Treffen in Rio de Janeiro nicht über einen Minimalkonsens hinaus. Kritische Stimmen sprechen von einem Schlussdokument des kleinsten gemeinsamen Nenners, "praktisch ohne Fortschritt über das hinaus, was bereits beim Erdgipfel in Rio vor 20 Jahren vereinbart wurde".
"Mut- und visionslos seien die Politiker am Gipfel gewesen, der verabschiedete Text sei blutleer, kritisieren regierungsunabhängige Organisationen (NGO).
Die 53-seitige Deklaration enthält Massnahmen für Umweltschutz und Entwicklung sowie ein Bekenntnis zum ökologischen Wirtschaften (Green Economy) und das grundsätzliche Vorhaben, die UNO-Institutionen im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit zu stärken. Die bereits im Vorfeld ausgehandelte Abschlusserklärung war während des dreitägigen Gipfels heftig umstritten gewesen.
Verhaltene Bilanz
Auch die Schweizer Delegation ist mit dem Ergebnis des Gipfels nicht vollständig zufrieden. Dennoch glaubt Umweltministerin Doris Leuthard an den Sinn solcher Konferenzen. "Sie schaffen den nötigen Druck, um Probleme zu lösen", sagte sie gegenüber der Nachrichtenagentur sda.
In Rio de Janeiro seien zahlreiche positive Impulse ausgelöst worden, die in der Öffentlichkeit nicht stark wahrgenommen würden. "Es gibt zudem keine Alternative zu solchen Konferenzen", betonte Leuthard in der brasilianischen Metropole.
Zum Abschlussdokument zog Leuthard eine verhaltene Bilanz. Einer der Kritikpunkte betrifft die Nachhaltigkeitsziele. "Die Schweiz hätte gewollt, dass bereits jetzt definiert wird, auf was sich die Ziele beziehen sollen."
Für Franz Perrez, Schweizer Delegationsleiter in Rio und Chef der Abteilung Internationales im Bundesamt für Umwelt BAFU, ist der Prozess in Richtung Nachhaltigkeit nicht "tot", auch wenn Visionen und Verpflichtungen fehlten. Er ist überzeugt, dass es Verbindlichkeiten geben wird. "Die Frage ist lediglich, ob dies rasch genug passiert."
Niemand ist glücklich
Klar ist, dass der grosse UNO-Gipfel niemanden so richtig glücklich machte, nicht die übernächtigten Delegationen aus 188 Ländern, die vergebens in Zeiten einer nachhaltigen Finanzkrise den Durchbruch zur Rettung von Klima und Umwelt des Planeten suchten. Nicht die Tausenden von Aktivisten, die den Gipfel schon zu dessen Beginn als Totgeburt bezeichneten. Und noch nicht einmal den Leiter der Konferenz, UNO-Untergeneralsekretär Sha Zukang.
"Das ist ein Ergebnis, das niemanden glücklich macht", bilanzierte er. "Mein Job war es, alle gleichermassen unglücklich zu machen." Und der Direktor des Genfer Süd-Zentrums und Mitglied des UNO-Komitees für Entwicklung, Martin Khor meinte: "Wir sind in unseren Erwartungen so tief gesunken, dass die Bekräftigung dessen, was wir vor 20 Jahren gemacht haben, als Erfolg betrachtet wird."
Für den Kommentator des Berner Bund und des Tages-Anzeigers ist das Schlussdokument nicht mehr als eine "Geste der 193 UNO-Staaten". Probleme sehen diese zwei Blätter auch in der Kluft zwischen Nord und Süd, zwischen Industrie- und Schwellenländern:
"Gerne hätten die Industrieländer die gemeinsame Verantwortung für die Erde erweitert und die aufstrebenden Staaten wie China, Indien und Brasilien zu Umweltauflagen verpflichtet, um deren enormes Wachstum in ressourcenschonende Bahnen zu lenken und in der Wirtschaft Kostenwahrheit zu erreichen." Doch diese neuen Weltmächte wollten erst Fortschritte in der reichen Welt sehen, die in ihren Augen alleine für Umweltverschmutzung, Ressourcenknappheit und Armut verantwortlich seien, schreiben Bund und Tagi.
Die zwei Zeitungen bezeichnen es als Missverständnis, dass sich viele Industriestaaten, namentlich die USA, an die Theorie klammerten, dass Wirtschaftswachstum und freie Marktwirtschaft allein die Heilsbringer für den Wohlstand seien. "Den Versuch der Amerikaner, im Abschlusspapier die Wirtschaft über den Umweltschutz zu stellen, kann man nicht anders interpretieren."
Ein weiteres Missverständnis liegt für Bund und Tages-Anzeiger bei den Schwellen- und Entwicklungsstaaten: "Sie gehen davon aus, dass ohne finanziellen Wohlstand keine nachhaltige Entwicklung möglich ist."
Die Kluft zwischen Nord und Süd
"Rio wollte die Welt retten", sagte ein Kommentator am Schweizer Radio. Herausgekommen seien viele vage Absichten, mehr nicht. Schuld daran sei das Blockdenken der Industrie- und Schwellenländer, niemand wollte nachgeben. Die Sonntags-Zeitung schreibt gar von einem "Kreuzzug gegen die Klimaerwärmung", die sich zu einem egoistischen Hickhack der Nationen entwickelt habe.
Auch die Neue Zürcher Zeitung spricht von einer schweren Enttäuschung für all jene, die konkrete Schritte erwartet hatten. Aber: "Es wurden keine neuen Verpflichtungen eingegangen, die helfen würden, Hunger und Armut zu reduzieren, die Treibhausgas-Emissionen zu senken oder den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen."
Doch bei aller Unverbindlichkeit des neuen Dokuments fänden sich darin auch Keime positiver Veränderungen. "Sie müssen nun zum Spriessen gebracht werden. Hervorzuheben sind die globalen Nachhaltigkeitsziele. Um sie zu konkretisieren und umzusetzen, sind in den nächsten Jahren aber deutlich grössere Anstrengungen erforderlich, als sie die Staaten in Rio zeigten", so die NZZ.
Ernüchternd die Bilanz von Rosmarie Bär, alt Nationalrätin und seit dem Erdgipfel 1992 Mitglied der bundesrätlichen Delegation an den Konferenzen der UNO-Kommission für nachhaltige Entwicklung.
Sie schreibt im Migros-Magazin: "Die Industriestaaten haben ihre Verantwortung, die sie in Rio 1992 übernahmen, nicht wahrgenommen. Produktions- und Konsumstil wurden nicht geändert. Der politische Wille zu Veränderungen fehlte. 20 Jahre 'Rio' heisst 20 Jahre kollektives Versagen der Politik."