Donnerstag 23.05.2013  
 
 
 

Zaghafte Wirtschaftsbeziehungen

Libyen ist für Schweizer Firmen kaum interessant

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Politik
Eine Frau lebt mit ihrer Familie in ihrem fast komplett zerstörten Haus in Sirte.Legende:

Eine Frau lebt mit ihrer Familie in ihrem fast komplett zerstörten Haus in Sirte. (Reuters)

Von Matthew Allen, swissinfo.ch
06. Juli 2012 - 11:00

Acht Monate nach dem Tod von Diktator Muammar Gaddafi und dem Zusammenbruch seines Regimes haben Schweizer Firmen wenig Lust auf ein Engagement im Land. Einige wollen ihre Interessen nicht offenlegen, andere fürchten die instabile Sicherheitslage.

Die Verlockungen von lukrativen Verträgen zum Wiederaufbau der kriegsgeschädigten libyschen Infrastruktur und die Präsenz von Handelsvertretungen anderer Länder reichen nicht, damit Führungskräfte von Schweizer Firmen zu einer Erkundungsreise ins Land aufbrechen.
 
Zu tief sitzt vielen wohl noch der Schock, den die Verhaftung von zwei ABB-Ingenieuren in Libyen 2008 in der Schweiz ausgelöst hatte.
 
Französische, italienische, britische und sogar dänische Handelsmissionen hingegen sind bereits seit Monaten aktiv im Land, um sich künftige Geschäftsmöglichkeiten zu sichern. Auch die USA wollen ein Stück vom wirtschaftlichen Kuchen abschneiden.
 
Jene Länder, die letztes Jahr während des Bürgerkriegs an der Spitze der UNO-Militärhilfe an die Rebellen gestanden hatten, scheinen im "neuen" Libyen wirtschaftlich zuvorderst mitzumischen.
 
Demgegenüber berichteten deutsche Zeitungen, deutsche Unternehmen seien eher kühl empfangen worden seien. Deutschland hatte sich in den Abstimmungen der UNO zum Militäreinsatz der Stimme enthalten.

Schweizer warten ab

Schweizer Firmen zögern noch, im Rennen um libysche Verträge mitzumachen. Die Baufirma Implenia und der Zementproduzent Holcim erklärten gegenüber swissinfo.ch, sie hätten nicht vor, in Libyen Geschäfte zu machen.
 
Auch das Kompetenzzentrum zur Förderung der Schweizer Aussenwirtschaft (Osec) rät Firmen dazu, abzuwarten, wie sich die Dinge vor Ort entwickelten. Man habe nur wenige Anfragen zum Handel mit Libyen erhalten, heisst es auf Anfrage.
 
Der schweizerisch-schwedische Technologie-Konzern ABB hat gute Gründe, sich in Libyen zu engagieren – aber auch, Libyen fernzubleiben. Während Jahren war der Konzern im Land präsent gewesen, fand sich aber 2008 plötzlich am falschen Ende eines langen diplomatischen Streits zwischen der Schweiz und Libyen.

Die Rache des Beleidigten

Damals waren zwei seiner Angestellten von den libyschen Behörden wegen Vergehen gegen die Visumsvorschriften verhaftet worden – ein klarer Racheakt, weil Gaddafi-Sohn Hannibal in Genf im Juli 2008 wegen mutmasslicher Misshandlung von Hausangestellten verhaftet worden war – und Bilder von ihm den Weg in die Presse gefunden hatten.
 
Einer der beiden Ingenieure, der schweizerisch-tunesische Doppelbürger Rachid Hamdani, konnte das Land im Februar 2010 verlassen. Der Schweizer Max Göldi musste noch vier Monate länger im Gefängnis ausharren, bis er im Juni des gleichen Jahres die Heimreise antreten durfte.
 
Zusätzlich zur Inhaftierung der beiden Angestellten veranlasste Libyen die Schliessung von Büros weiterer Schweizer Unternehmen im Land, zog Gelder von Schweizer Banken ab, schränkte Öllieferungen in die Schweiz massiv ein, reduzierte die Flüge der Airline Swiss und verhängte Ende 2008 ein Handelsembargo.
 
Die Schweizer Exporte nach Libyen nahmen in der Folge ab: von 282 Mio. Franken im Jahr 2008 auf 98 Mio. Franken im Jahr 2011. Noch dramatischer war es bei den Importen aus Libyen: sie fielen von 3,3 Mrd. Franken 2008 auf 485 Mio. Franken 2011.
 
Dass die Importe praktisch versiegten, liegt fast ausschliesslich am von Libyen verhängten Ölexport-Verbot und den Schweizer Massnahmen, um den Nachschub an Erdöl von anderswo sicherzustellen.
 
Nach dem Fall des Gaddafi-Regimes hob die Übergangsregierung das Handelsembargo im Januar 2012 auf.

Unsichere Situation

Für die ABB, die zuvor die Energie-Infrastruktur des Landes modernisiert hatte, sind die Gründe, sich wieder im Land zu engagieren, offensichtlich. Nach dem Bürgerkrieg gibt es enorm viel zu Reparieren.
 
Doch die politische Situation und die Sicherheitslage sind noch weit von der Normalität entfernt. Immer noch kämpfen einige Clans darum, das Machtvakuum zu füllen, das der abgesetzte Diktator hinterlassen hat. Die ersten freien Parlamentswahlen waren ursprünglich für Mitte Juni vorgesehen, mussten aber auf den 7. Juli verschoben werden.
 
Der Konzern will deshalb schrittweise wieder in Libyen Fuss fassen: "ABB fängt langsam wieder damit an, in Libyen tätig zu werden", erklärt Sprecher Antonio Ligi gegenüber swissinfo.ch. "Doch unser Engagement ist noch gering, und wir beobachten die Sicherheitslage ganz genau."
 
Die Schweizer Geschäftsbeziehungen mit Libyen dürften in nächster Zeit noch im bisher geringen Umfang weitergeführt werden. Im Moment macht einzig der Energiesektor einen wesentlichen Anteil aus.
 
Libyen hat in der Schweiz Einiges gutzumachen, um sein Image wieder zu verbessern. Während es 2008 noch bei weitem der grösste Öllieferant der Schweiz war, liegt es heute hinter Kasachstan und Aserbaidschan auf Platz drei.
 
Zudem hat der libysche Ölkonzern Tamoil Probleme mit seiner Ölraffinerie in Collombey, die ins Visier der Walliser Kantonsbehörden geraten ist. Der Kanton verlangte Anfang dieses Jahres wesentliche Nachbesserungen, damit die Raffinerie heutigen Umweltstandards entspricht.
 
Tamoil hat versprochen, Millionen dafür einzusetzen. Doch die Inspektoren haben sich bereits für diesen Herbst und den nächsten Sommer angekündigt. Sollten diese mit den ergriffenen Massnahmen nicht zufrieden sein, könnte der Kanton die Raffinerie schliessen lassen.

Matthew Allen, swissinfo.ch
(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

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